Ein gutes Glas Wein ist geeignet, den Verstand zu erwecken

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Dieses Zitat wird Altkanzler Dr. Konrad Adenauer zugeschrieben. Welcher Wein es war, den unser erster PM, David Ben-Gurion mit dem Besuch aus Bonn im Jahr 1966 trank, ist nicht überliefert. Der «Alte aus Rhöndorf»und der Visionär in der Wüste hatten beide einen hellen Verstand, mit oder ohne Wein. Sie waren, ebenso wie später Golda Meir, Shimon Peres und Franz-Josef Strauss, Wegbereiter der neuen israelisch-deutschen Beziehung. Wein wurde bei all diesen historischen Treffen getrunken. Vielleicht war es sogar manchmal Wein aus Zichron Ya’acov, vielleicht auch aus meiner Heimatstadt Wittlich. Auf diesem Bild ist es ein Carmel Wein.

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Ben Gurion und Adenauer in Sde Boker am 9. Mai 1966

Wein und Deutschland, na gut, das muss gar nicht hinterfragt werden. Deutschland ist ein Weinland. Auf 102.000 Hektar Rebland in 13 Weinanbaugebieten werden jährlich etwa 10 Millionen Hektoliter Wein produziert. Bis zu 98% davon sind Qualitätsweine.

Wein braucht ganz bestimmte Voraussetzungen, um die Trauben optimal reifen zu lassen. Auf der nördlichen Halbkugel zwischen dem 30. und 51. Grad, sowie dem 30. bis 40. südlicher Breite. Dass die Klimaänderung auch den Weinanbau beeinflusst, zeigt ein kleines Gebiet auf der schwedischen Insel Gotland. Hier auf dem 57. Breitengrad baut seit 1995 ein ehemaliger Verleger erfolgreich Wein an. Einige Tausend Liter Rot- und Weisswein produziert das Weingut. Technisch seit 2001 durch ein Unternehmen aus Wittlich, Clemens Weinbautechnik, unterstützt. Lauri Pappinen wartete vier Jahre, liess den Rebstöcken Zeit, sich im Boden fest zu verankern und sich an das Klima zu gewöhnen, bis er die ersten Trauben las. Im Süden Schwedens haben sich mittlerweile weitere Weingüter etabliert, die pro Jahr etwa 18.000 Liter produzieren.

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Lauri Pappinen

Lauri Pappinen weiss es nicht, aber damit, dass er die Rebstöcke in Ruhe reifen liess, hat er eine der unabdinglichen Voraussetzungen erfüllt, wenn es darum geht, koscheren Wein zu produzieren.

Die in Israel nicht koscher ausgebauten Weine decken einen verschwindend geringen Marktanteil ab, einerseits weil kaum Bedarf da ist, aber auch, weil alle Lebens- und Genussmittel die in den gewerblichen Verkauf kommen, koscher sein müssen. Klar, es gibt auch Geschäfte, auch Weinbauern, die kein Koscher Zertifikat haben.

Koscherer Wein kann grundsätzlich aus allen Rebsorten gekeltert werden. Auch sind alle Geschmacksrichtungen von trocken, über halbsüss bis zum süssen Dessertwein möglich. In den späten 70er Jahren, bei meinem ersten Besuch in Israel gab es nur zwei Varianten: knacksüssen Rotwein oder essigsauren Weisswein. Nachdem aber Wein sowieso nur zu den Feiertagen und am Schabbat getrunken wurde, war das nicht weiter schlimm.

Alle Geräte im Zusammenhang mit der Weinproduktion, also Tanks, Fässer und Silos und Flaschen von der Lese bis zum Abfüllen müssen unter Aufsicht eines Rabbiners geprüft werden. Die Flaschen dürfen nur einmal verwendet werden. Mischkulturen auf den Feldern sind verboten. Alle sieben Jahre, im sogenannten Schmitta Jahr (das nächste beginnt im September 2021) soll der Boden ruhen und sich erholen dürfen. Das bedeutet, dass die Weinstöcke nicht geschnitten, gebunden und gedüngt werden und am Stock gewachsene Trauben nicht geerntet werden dürfen. Diese halachische Vorschrift gilt für die gesamte Landwirtschaft in Israel.

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Mordechai, der „Koscher Supervisor“ der Carmel Winery

Zur Beschleunigung des Reifeprozesses dürfen keine Enzyme oder Bakterien zugefügt werden, nur die auf den Traubenschalen lebenden Bakterien setzen den Gärungsprozess in Gang. Geklärt werden darf nur mit Bentonit. Fischgelatine, Hausenblasen oder Eiweiss darf nicht verwendet werden. Alles in allem ist der Keltervorgang wesentlich aufwendiger, als bei nicht koscheren Weinen. Dass ein «Koscher Supervisor», der Maschgiach, den Prozess stets begleitet, ist klar, wenn man die strikten Regelungen der Halacha anerkennt. Dass aber auch das Öffnen und Ausschenken von Wein nur jüdischen, männlichen Kellern zugestanden wird, sorgt in Restaurants und bei Banketten oft für eine schwierige Mitarbeiterplanung.

Archäologische Funde beweisen, dass zu biblischen Zeiten der Weinanbau in Israel durchaus florierte. Zwischen 3300 und 1750 BCE fand ein reger Handel mit Wein zwischen Kreta und dem damaligen Gebiet von Kanaan statt. Mit dem Aufkommen des Islams fand er sein vorläufiges Ende.

Carmel Winery istder grösste Weinproduzent in Israel. Gegründet wurde das Qualitätsunternehmen im Jahr 1882 von Edmund Baron de Rothschild in Zichron Ya’acov. Die Geschichte geht also zurück in die Zeit der Osmanen und des britischen Mandates 66 Jahre vor der Staatsgründung im Jahr 1948. Keine einzige Ernte wurde ausgelassen.

Von den Dörfern, die mit Hilfe vom Baron und seiner grosszügigen finanziellen Unterstützung gegründet wurden, waren 1882 zunächst Rishon Le Zion und später im Jahr Zammarin, das heutige Zichron Ya’acov. Die ersten Siedler kamen aus Rumänien und hatten kein Glück. Die Ebene im Tal zwischen dem Carmel Gebirge und dem Meer war sumpfig und moskitoverseucht. Die meisten Kinder, aber auch zahlreiche Erwachsene fielen der Malaria zum Opfer. Um die Ebene zu entwässern und damit die Moskitopopulationen weitgehend zu eliminieren, liess Baron de Rothschild Eukalyptusbäume importieren und pflanzen. Nach wie vor gehört Zichron Ya’acov zu einem der Orte, die in jedem Sommer von Schwärmen von Stechmücken heimgesucht werden. Es sind keine Moskitoschwärme mehr, sondern Stechmücken, die in den Fischteichen rund um den Kibbutz Micha’el heimisch sind.

Baron de Rothschild, ein Unterstützer des zionistischen Projektes in Palästina und Eigentümer des weltberühmten Château Lafite in Bordeaux, liess im Jahr 1882 das Klima und die Bodenbeschaffenheit in Israel im Hinblick auf möglichen Weinanbau untersuchen. Seine Önologen erkannten die klimatischen Ähnlichkeiten zwischen Bordeaux und einigen Regionen Israels. Nachdem auch die Böden für den Weinanbau gut geeignet schienen, übergab er im Jahr 1889 insgesamt 25.000 ha Agrarland mit den darauf befindlichen Siedlungen an die Jewish Colonization Association und liess die ersten Weingärten anlegen. Im Jahr 1924 gründete er die Palestine Jewish Colonization Association. In deren Namen erwarb er insgesamt 50.000 Km2 und gründete dort nach und nach weitere, oft nach seinen Familienangehörigen benannten Siedlungen.

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Die erste Weinhandlung in Rishon le Zion

Nachdem die ersten Weingärten bereits um 1882 angelegt worden waren, erfolgte die Eröffnung des ersten Weingutes in Rishon le Zion. Die erste Ernte fand im Jahr 1890 statt. Im darauffolgenden Jahr wurde der zweite Standort in Zammarin eröffnet. Dort fand die erste Weinlese im Jahr 1892 statt. Dies war die Geburtsstunde des gewerblichen Weinanbaus in unserem Städtchen.

Doch nicht nur die Weinbauern, auch alle anderen Einwohner konnten von diesem neuen und für damalige Zeiten bereits sehr modernen Betrieb profitieren. Er verfügte über einem eigenen Brunnen, dessen Wasser zusätzlich eine grosse Mühle betrieb, in der Mehl produziert wurde. Das Wasser wurde vom Brunnen mit einer ausgetüftelten dampfbetriebenen Pumpe in die Produktionsstätten geleitet. Schon nach der ersten Lese sorgte eine Eismaschine dafür, dass der Traubensaft während der Fermentierungsphase gekühlt wurde. Ab der zweiten Lesezeit sorgte ein Leistungssystem dafür, dass auch die grossen Holzfässer in den insgesamt sechs Kellern in einem der Weinproduktion angemessenen Raumklima standen. In der Folge wurde das nicht benötigte Wasser in einen zentral im Ort stehenden Brunnen gepumpt, sodass auch dort den Einwohnern immer frisches Wasser zur Verfügung stand.

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Der Benjamin Brunnen in Zichron Ya’acov

Heute steht die Fassade als nationales Landschaftsdenkmal auf der Hauptstrasse von Zichron Ya’acov. Noch vorhandene Teile des Aquäduktes belegen, dass diese 1891 gebaute Anlage die erste ihrer Art war. Die erste mittels Dampfenergie betrieben Bewässerungsanlage Israels.

Doch das war noch nicht alles, neue Technologien fanden schnell Einlass. Das erste dokumentierte Telefon erleichterte die Kommunikation zwischen den Verwaltungs- und Produktionsräumen. Ein Stromgenerator elektrifizierte die Produktionsräume und Keller. Unmittelbar neben der Wasserpumpe und dem Wasserspeicher, sorgte er während der gesamten Produktionszeit für eine angenehme, helle Arbeitsumgebung.

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Edmond Baron de Rothschild und seine Frau Adelaide Baronesse de Rothschild in Palästina

Zwischen 1887 und 1925 besuchte Baron de Rotschild insgesamt fünfmal Palästina. Besonders verbunden blieb er während seines Lebens einer «seiner» Pionierstädte, Zichron Yaa’acov, wie er den Ort ab seinem ersten Besuch nannte. Bei seinem letzten Besuch legte er den Grundstein für die von ihm gewünschte Grabstätte auf den Ausläufern des Carmel Gebirges.

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Der Parkeingang in Zichron Ya’acov mit dem Wappenschild der Familie Rothschild

Sein Sohn James de Rothschild erfüllte den Wunsch seines 1934 verstorbenen Vaters. 1954 wurde der wunderschöne «Park HaNadiv»(Park des Wohltäters) eröffnet. In der Mitte des Parks befindet sich das Mausoleum, in dem Edmond Baron und dessen Frau Adelaide Baroness de Rotschild mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt wurden. Zuvor waren beide auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise beigesetzt.

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Die Niederlassung in New York

 

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Preisliste der Niederlassung in Wien, angeboten wurden 1/1 und 1/2 Flaschen Weiss- und Rotwein, sowie Cognac in 1/1, 1/2 und 1/4 Flaschen.

Ab dem Jahr 1896 begann «Carmel Mizrahi» mit dem Export seiner schnell bekannt gewordenen Weine. Niederlassungen gab es in Warschau, Odessa, Hamburg, New York, Berlin, Wien und London. Ein zweiter Zweig des Unternehmens «Carmel Oriental» unterhielt Handelsagenturen unter anderem in Yaffa, Jerusalem, Haifa, Beirut, Damaskus, Kairo, Alexandria und Port Said.

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Abtransport der Fässer in Yaffo

Der Zweite Weltkrieg brachte den europäischen Weinmarkt zum Straucheln. Doch es gab nach wie vor Nachfrage nach gutem Wein, sodass sich «Carmel Mizrahi»zu einer globalen Führungsmarke entwickelte.

2004 erhielt das Unternehmen seinen nun endgültigen Namen «Carmel Winery». Seit 1957 befandsich das Unternehmen im Eigentum der israelischen «Winegrowers Association», bis es im Jahr 2013 von «Kedma Capital» 

Im Jahr 2015 endete eine lange Geschichte. Die ursprüngliche Produktionsstätte in Rishon le Zion wurde geschlossen. Was nicht bedeutet, dass damit die Produktion endete. Vor die Frage gestellt, ob man die in die Jahre gekommene Infrastruktur und Technik komplett erneuern, oder ob man nicht an einen zentraleren Betriebsort übersiedeln solle, war die Antwort einfach. Mit einer Investition von 90 Millionen Schekel entstand eine hochmoderne, leistungsstarke Anlage in Tabor, inmitten eines weiteren klassischen Weingebietes.

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Der junge Mann in der Mitte des Bildes mit den aufgerollten Hosen ist der erste PM von Israel, David Ben Gurion im Jahr 1907

Die Carmel Winery nennt drei prominente Namen, die, und damit schliesst sich der Kreis wieder, in jungen Jahren dort arbeiteten. David Ben Gurion arbeitete in der Produktion, Levi Eshkol in der Buchhaltung und Ehud Olmert, der im benachbarten Binjamina aufgewachsen ist, fand dort während der Schulferien einen interessanten Ferienjob. Alle drei waren später Premier Minister von Israel.

Bilder von einst….

….. und von jetzt

© Bilder: Mit freundlicher Bewilligung von Carmel Winery http://www.carmelwines.co.il Screenshots und entnommen dem Buch „120 Harvests – Carmel Winery“

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

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Antisemitismus in Deutschland – eine Erwiderung

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Shimon Nebrat ist in seiner, ich möchte es fast schon Schmähschrift gegen die deutsche Regierung nennen, weit über das Ziel hinaus geschossen.

Die von ihm zitierte Textstelle «…Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann…» ist Teil der im Jahr 2016 verabschiedeten Arbeitsdefinition der «International Holocaust Allianz» (IHA) und lautet im Volltext: «Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen.Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.»

Wie sensibel und ganz und gar nicht selbstverständlich der Umgang mit Juden und Israel ist, zeigt sich hier darin, dass das Papier als Arbeitsdefinition und nicht einfach als Definition bezeichnet wird.

Genau hierin liegt eine Problematik von NGOs, Linken und Rechten und nicht genauer zu fassenden Antisemiten (zu denen auch durchaus selbsthassende Juden gerechnet werden müssen!). Jedem halbwegs klar denkenden Menschen wird klar sein, dass die Aussage «Juden beherrschen die Medienwelt»antisemitisch ist. Aber was ist mit der Aussage «Die israelische Regierung müsste es doch besser wissen, und trotzdem verhält sie sich den Palästinensern gegenüber wie die Nationalsozialisten sich gegenüber den Juden verhalten haben.»  Diese Aussage wird oft auf Zustimmung treffen, vor allem bei Menschen, die mit Juden und/oder Israel als Staat ein Problem haben.  Also ist das nicht antisemitisch? Doch, für Juden und Israelis ist das sogar eine besonders schlimme Form des Antisemitismus. Um hier die Bewertung durch Dritte, aber auch durch Polizei und Gerichte einfacher zu machen, steht im Arbeitspapier «Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden…»Hingegen wird die Aussage, dass die Armutsrate der Bevölkerung in Israel die höchste innerhalb der OECD ist nicht antisemitisch (und noch dazu eine furchtbare Erkenntnis)

Grundlage dieser Arbeitsdefinition ist ein Papier, dass anlässlich des Stockholm Forums im Jahr 2000 als «Stockholm Erklärung» der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und das demonstrative Beispiele aufführt.

Der «Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus» hat in der Folge einen umfangreichen Bericht zum Thema «Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklung» veröffentlicht. Logistisch und finanziell wird der Arbeitskreis vom BM für Inneres unterstützt, arbeitet aber unabhängig und selbstständig.

Hätte sich Shimon Nebrat die Mühe gemacht, etwas genauer nachzulesen, bevor er behauptet,  die Politiker hätten «…den Antisemitismus mit einem Federstrich von sich gewiesen, ihn als ein menschliches Gefühl abgetan und auf regierungskritische politische Bevölkerungsgruppen abgewälzt.» Das Gegenteil ist passiert, man hat versucht, möglichst breit aufgestellt und über alle Parteien hinweg in nationalen und internationalen Gremien eine gemeinsame Sprache zu finden. Und das ist recht gut gelungen, wenngleich auch in der Anwendbarkeit und Umsetzung etwas blauäugig.

«Es ist wissenschaftlich erforscht und für jeden gebildeten Menschen klar nachvollziehbar, dass die vor 3300 Jahren entstandene und seitdem kontinuierlich fortbestehende feindselige Ablehnung des Judentums, bekannt als Antisemitismus, keine Wahrnehmung und kein Gefühl von Einzelpersonen ist, sondern eine Ideologie. Diese Ideologie ist uralt und hat das Ziel, das Judentum zu vernichtenSpätestens jetzt wird es klar, dass Shimon Nebrat ein in seiner eigenen Gedankenwelt verhafteter ist, die er sich selbst zusammenfantasiert und versucht, als richtig und politisch korrekt zu vertreten. Und von der er glaubt, dass sie eine berechtigte Kritik an der deutschen Politik darstellt.

Zu dieser Zeit lag die Versklavung in Ägypten bereits hinter unserem Volk, wir hatten die Thora und die Gesetze erhalten und waren dabei, uns von einem lockeren Stammesverband zu einem vereinten Königreich zu wandeln. Und warum sollte es uns dabei anderes ergehen, als allen Stämmen, die versuchten, Land für sich zu sichern? Jeder schaut auf sich und seinen Vorteil, aber Antisemitismus?

586 BCE wurde der erste Tempel durch die Babylonier und nach dessen Wiederaufbau im Jahr 70 CE der zweite Tempel durch die Römer zerstört.  Gewalttaten gegen das Volk Israel, ja, unbestreitbar, aber Antisemitismus?

Erst mit der Ausbreitung des Christentums begann die Ausformung des systematischen Antisemitismus. Juden = Christusmörder, Juden glauben nicht an Jesus als Messias, sind also blind und verstockt. 381 CE wurden die ersten antijüdischen Gesetze erlassen, die aus Juden eine zwar geduldete, aber diskriminierte Minderheit machten. In Rom, in Frankreich, in ganz Europa. Der klassische Antisemitismus war geboren. Und er bekam viele Gesichter.

Aber Antisemitismus deshalb gleich als Staatsideologie bezeichnen? Allein den Begriff auf ein demokratisches Land wie Deutschland anzuwenden zeigt die politische Ignoranz des Schreibers. Marx und Engels entknebelten dem Begriff aus den Zwängen von Napoleon. «Ideen und Weltbilder, die sich nicht an Evidenz und guten Argumenten orientieren, sondern die darauf abzielen, Machtverhältnisse zu stabilisieren oder zu ändern.» Was für Naturwissenschaften heute gilt, gilt aber noch lange nicht für Gesellschaftswissenschaften, da hatte Marx leider unrecht.

Wenn ein Staat heute von jedem Bürger verlangt, seiner Ideologie zu folgen, so kann er nicht demokratisch sein. Deutschland ist aber ein durch und durch demokratischer Staat.

Ja, es gibt antisemitische Strömungen. In Deutschland und weltweit.  Aber der Antisemitismus hat uns weder zu «Ersatzjuden» noch zu «Hofjuden» gemacht. Wir sind nach wie vor jüdische Europäer oder europäische Juden, wir sind stolz darauf und verstecken uns nicht.
Wir sind sicher, dass die Mechanismen der Aufklärung und der Bildung, der Weitergabe unserer Geschichte ausreichen, um das Judentum in Deutschland und in Europa lebendig zu erhalten

 

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

 

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Fliegen – ein ewiger Traum der Menschen

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© Villa Albani, Rom

 

Iakaros und sein Vater Daidalos wagten die Flucht aus ihrem Gefängnis auf Kreta, indem sie das Wagnis des Fliegens auf sich nahmen. Die wächsernen Flügel bargen zwei Gefahren in sich: Flogen sie zu hoch, schmolz das Wachs in der Sonne, flogen sie zu tief, hätte das Wasser des Meeres sie herabgezogen. Daidalos warnte seinen Sohn, beides zu vermeiden. Nach gut 200 Km zog es Ikaros zur Sonne. Seine Flügel schmolzen und er stürzte ab. Daidalos beerdigte seinen Sohn auf einer Insel, die er Ikara nannte.

 

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© Wiki Common

 

Leonardo da Vinci zeichnete verschiedene Modelle von Flugzeugen und Helikoptern, die aber nicht flugtauglich waren. Dennoch bestechen die Entwürfe durch ihre technische Kreativität.

 

Der «Schneider von Ulm», Albrecht Ludwig Berblinger, entwickelte um 1810 einen Vorläufer des heutigen Gleitfliegers. Leider machte ihm das Wetter und damit die Thermik bei seinem ersten öffentlichen Flugversuch einen Strich durch die Rechnung. Statt über die Donau zu schweben, stürzte er unmittelbar nach dem Start in die Fluten.

Sir Georges Cayley veröffentlichte 1852 als erster den Plan eines Starrflügelflugzeuges, dessen Flugfähigkeit mit Ballast getestet wurde.

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© Wiki Common

Das erste Foto eines Flugzeuges zeigt das von Jean Marie le Bris 1868 vorgestellte Gleitflugzeug, welches von zwei Pferden gezogen eine Flugweite von 200 m erreichte.

Otto Lilienthal, der erste Pionier der modernen Luftfahrt erprobte ab 1891 verschiedene Gleitflugzeuge mit einer maximalen Flugstrecke von 250 m.  Seine genaue Beobachtung des Vogelfluges, Erkenntnisse über die Thermik mit Vortrieb und Auftrieb führten zur Konstruktion eines, dem Windkanal ähnlichen Gerätes. Für sein in Serienproduktion hergestelltes Flugzeug fand er immerhin neun Käufer.

Den Brüdern Wilbur und Orville Wright gelang nach intensivem Studium der Aufzeichnungen von Lilienthal und deren Verbesserung die Konstruktion eines Motorflugzeuges. Am 17. Dezember 1903 begann die Geschichte der modernen Motorflugfahrt mit dem Jungfernflug des Kitty Hawk Flyers I. An dem Tag gelang der erste eigenständige, von einem Menschen gesteuerte Flug. 1905 gelang es erstmals, an den Startpunkt zurückzukehren, also einen Kreisflug zu absolvieren.

Bereits im 1. Weltkrieg wurden Fluggeräte zu militärischen Zwecken eingesetzt. Heute sind sie aus keinem Verteidigungsapparat mehr wegzudenken.

Von diesem Zeitpunkt an war es auch nur mehr ein kleiner Schritt zur kommerziellen, zivilen Luftfahrt. Am 15. Juni 1919 gelang die erste non-stop Atlantiküberquerung, die allerding mit einer wetterbedingten Bruchlandung endete. Am 20. Mai 1927 absolvierte Charles Lindbergh den ersten Transatlantikflug im Alleingang und löste damit einen Boom für die Gründung von zivilen Luftfahrtgesellschaften aus.

Am 16. November 1909 gründete Ferdinand Graf von Zeppelin die weltweit erste Luftfahrtgesellschaft in Frankfurt am Main. Heute kann fast jeder noch so entferne Winkel der Erde bequem im Flugzeug erreicht werden.

Neue Berufe, sowohl im zivilen als auch im militärischen Umfeld wurden notwendig. Und immer noch sind es junge Menschen, die den Traum vom Fliegen träumen, wenn sie sich für einen solchen entscheiden.

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Die froschgebackene EL AL flight attendant © Ynetnews

Merach Kara ist eine von ihnen. Geboren im Drusen-Städtchen Daliyat al-Karmel zwischen Haifa und Zichron Ya’acov, war es der grosse Traum, flight-attendant zu werden. Für ein junges Mädchen, aufgewachsen innerhalb der immer noch recht engen drusischen Gesellschaft schien dieser Traum unerfüllbar zu sein.

Immer wieder kam ihr die Szene in den Kopf, wie sie als vier Jahre altes Kind ihrem Vater während ihres ersten Fluges mit Blick auf die Stewardess sagte:«Eines Tages will ich so werden wie sie!»

Merach hatte das Glück, dass ihre Familie fortschrittlich denkt. So hat sie nach der Matura zunächst freiwillig in Jahr Zivildienst absolviert. Als Drusin ist sie vom regulären Militärdienst ausgenommen. Anschliessend immatrikulierte sie an der Universität, um dort Computerwissenschaften zu studieren.  Ohne grosse Begeisterung. Sie bewarb sich um einen Ausbildungsplatz bei der EL AL. Zunächst versuchte sie beides miteinander zu verbinden, sah dann aber ein, dass dieser Plan scheitern musste… und beendete ihr Studium.

Ihre Familie unterstützte sie bei ihren Plänen, was nicht einfach war in einer Gesellschaft, in der Frauen noch nicht einmal alleine fliegen dürfen. «Merach ist sehr zielorientiert und ich liebe ihren Sturkopf. Ich bin stolz, dass sie EL AL als Arbeitgeber ausgesucht hat. Das ist ein Teil von Israel. Ich bin sicher, sie kann dort alles erreichen, was sie will.»

Als Drusin spricht sie fliessend Hebräisch und Arabisch. «Ich hätte nie gedacht, dass ich je Arabisch sprechen würde, aber es macht Vieles an Bord einfacher.»

Merach sieht sich als Türöffner für drusische Frauen und möchte ihnen Mut machen, ihre Wege auch ausserhalb der drusischen Kultur zu finden und ihr trotzdem verbunden zu bleiben.

Zwei andere Geschichten.

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Sein Lieblingshobby – freestyle climbing © Ynetnews

G, sein Name bleibt aus Sicherheitsgründen geheim, erhält in diesen Tagen sein Brevet als erster drusischer Kampfpilot. G liebt Herausforderungen. Deshalb hat er sich für die Ausbildung als Helikopterpilot entschieden, die weitaus niedriger fliegen, als Kampfjets.

Geboren und aufgewachsen in Galiläa durfte er die Unterstützung des ganzen Dorfes und der Familie erfahren, als seine Zukunftspläne bekannt wurden. Während der gesamten Ausbildung erzählte G nicht viel über das Programm, das er durchlief. Erst in den letzten Wochen liess er seine Familie und Freunde daran teilhaben und genoss die Zustimmung und Unterstützung, die er im ganzen Dorf spüren durfte.

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In voller Montur © Ynetnews

Major A, einer der drusischen Flugnavigatoren wollte eigentlich Froschmann bei der Marine Eliteeinheit Shayetet 13 werden, wurde aber dort nicht akzeptiert.  Am Technion Haifa begann er das Studium als Student der IDF. Er wurde er zu einer Bewerbung bei der Flug Akademie eingeladen und entschied sich, seine Ausbildung dort fortzusetzen. Im Zuge der Ausbildung wurde ihm klar, dass sein Weg nicht der des Piloten, sondern des Navigators sein würde. Und so wurde er einer der vier drusischen Flugnavigatoren, die heute in der IAF arbeiten.

Sie alle sind Drusen, stolze Israelis, Menschen, die obwohl sie nicht jüdisch sind, dem Staat Israel gegenüber loyal sind.

Menschen, die die noch regierenden Politiker mit der Verabschiedung des «Jewish Nation State Law» so brüskiert haben. Menschen, die, obwohl sie dem Staat Israel gegenüber immer treu und loyal waren, auf einmal Menschen zweiter Klasse sein sollen.

Die erste Aufgabe einer neuen Regierung muss es sein, dieses Gesetz nicht nur auszuradieren, sondern nachhaltig aus allen Dokumenten und Dateien zu löschen. Die Drusen haben sich über Jahrzehnte das Recht erworben,  vollwertige Bürger Israels zu sein.

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Totes Meer – Yam HaMelach ים המלח– der tiefste Punkt der Erde

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Dieser Binnensee, 428 m unter dem Meeresspiegel gelegen, mit einem Salzgehalt von etwa 33%, liegt zwischen Israel im Westen und Jordanien im Osten. Gespeist wird er durch den im Norden liegenden Jordan.

 

Die Oslo Verträge regeln unter anderem die Versorgung von Jordanien, Judäa und Samaria mit Süsswasser. Die dazu notwendige Ableitung von Wasser aus dem Kinneret, dem grössten Süsswasserspeicher Israels, regenarme Jahre und ein durch grosse Hitze bedingter hoher Verdunstungsgrad, tragen seit Jahren dazu bei, dass der Wasserstand unaufhaltsam sinkt.

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Grau: Ehemals grösste Ausdehnung des Lake Lisan. Bau: Heutige Ausdehnung vom Toten Meer, © screenshot:  www.frontiersin.org

Sedimente des Lake Lisan finden sich  überall im Negev

 

Entstanden ist der Binnensee, welcher keinen Abfluss hat, durch das Auseinanderbrechen der Afrikanischen und Arabischen Platte vor etwa 18 Millionen Jahren. Durch das Auseinanderbrechen entstand der Jordangraben, der sich anschliessend mit Regenwasser und Flutwellen füllte und eine grosse Seenlandschaft bildete, die von der südlichen Negev Wüste bis zum Kinneret reichte. Während der letzten Eiszeit kam es zu einem deutlichen Klimawandel. Stärkere Regenfälle und ein vermehrter Zufluss in die Seenlandschaft des Jordangrabens liessen den Meeresspiegel ansteigen. Im Vergleich zu heute lag er damals etwa 260m höher. Der nördliche, grössere Teil ist wesentlich tiefer, als der südliche, viel flachere Teil. Die Teilung verläuft in etwa auf der Höhe der Felsenfestung Massada, wo sich die Halbinsel Lisam von Jordanien her in den See schiebt.

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Das NASA Bild zeigt die drastische Veränderung während der letzten 30 Jahre. Ein Bokek liegt etwa in der Hälfte des südlichen Sektors. © screenshot NASA

Durch die rigorose Ableitung von zufliessendem Wasser aus dem Jordan und die hohe Verdunstung verliert der nördliche Teil pro Jahr etwa einen Meter an Höhe. Um dem südlichen Teil, der künstlich in einzelne Becken unterteilt wurde ein ähnliches Schicksal zu ersparen, wird ihm über einen schmalen Kanal Wasser zugeführt. Der südliche Teil leidet unter einem anderen Problem.

Links die Bebauung im Jahr 2004, rechts  etwa 2012 © Google earth/Youtube

 

Neben dem Tourismus, der dank mineralstoffreichem Wasser und Luft hier floriert, sind es die «Dead Sea Works» und die «Arab Potash Company» die im südlichen Bereich aktiv sind. Sie leiten das Wasser in Verdunstungsbecken, wo sie anschliessend Mineralstoffe und Salz gewinnen. Das ungenutzte Salz lagert sich auf dem Boden des Sees als wasserundurchlässige Schicht ab, was dazu führt, dass der Meeresspiegel hier ständig ansteigt.

Ein Phänomen, das sorgsam beobachtet werden muss, um den Schaden, der entsteht, möglichst klein zu halten.

2011 verpasste das «Tote Meer» nur knapp die Aufnahme in die neuen «7 Weltwunder». Ein Projekt der UNESCO.

Bereits 2012 gab es Bestrebungen, dem was von unserem vielleicht spektakulärsten und auf jeden Fall sensibelsten inoffiziellen Weltwunder übrig ist, endgültig den Todesstoss zu versetzen.

Mit dem zynischen Namen «Dead Sea Masterplan/ Dead Sea Preservation Masterplan» bewirbt das Architekturbüro «Safdie Architects» mit Hauptsitz in Boston und Jerusalem, auf Hochglanzbroschüren das Projekt. Moshe Safdie, der CEO des Unternehmens hat zahllose beeindruckende Projekte geplant und gebaut. Viele davon in Israel.

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Modell des Masterplans © Safdie Architects

Offensichtlich ist es ihm gelungen, den in Israel sonst zu strikt eingehaltenen Naturschutz zu missachten. Es habe, so hat mir eine Hotelmanagerin aus Ein Bokek erzählt, schon einige Anfragen und auch Gerichtsverfahren gegeben. Aber schlussendlich sei das Projekt von der Regierung bewilligt worden.

Heute gibt es in Ein Bokek, dem grössten der drei Resorts, etwa 4.000 Zimmer in Hotels. Die ansonsten so geliebten «Zimmerim» oder gar Airbnb gibt es nicht. Seit Eröffnung der neuen «Dead Sea Mall», für meinen Geschmack weitaus überdimensioniert und eine Investition, die sich nicht rechnen wird, gibt es auch reichliche Möglichkeiten, Geld auszugeben. Steuerfrei, das ist das Hauptargument.

Die neue Promenade war sicher schon lange überfällig, die Zugänge zum Strand sind nun überall eben und auch für Kinderwagen und Rollstühle problemlos zu erreichen, Duschen und gepflegte WC Anlagen stehen ausreichend zur Verfügung. Es gibt noch einige Gebäude, die der dringenden Renovierung bedürften, vielleicht warten die Eigentümer/Verpächter aber auch ganz einfach ab, ob sich das angesichts der neuen Pläne noch rentiert.

Einige Hotels haben früh genug reagiert, um ihre Gäste nicht zu verlieren, es wurde renoviert, umgebaut, angebaut, erweitert und in einem Fall sogar ganz neu gebaut.

Also eigentlich doch alles paletti!?

Ja, wenn da nicht seit einigen Jahren seltsame Bautätigkeiten zu beobachten gewesen wären.  Die nachfolgende Bildstrecke (alle Bilder von mir) zeigt deutlich die die Natur hier verändert und geschändet wurde.

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Das Moabgebirge im Abendlicht

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Juni 2017

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Herbst 2017

 

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Herbst 2018

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Juni 2019

Unmittelbar am Ortsanfang und neben dem Isrotel waren grosse Erdbewegungen zu sehen. Fragen, was dort gebaut werden sollte, wurden zunächst einmal nicht beantwortet. Vor wenigen Wochen zeichnete sich ein ganz neues Bild ab. An einer grossen künstlichen Insel im See mit einem damit verbundenen kleineren Inselchen wurde kräftig gearbeitet. LKW um LKW fuhr vor uns brachte neues Material, das die Basis der zukünftigen Gebäude werden wird. Auf dem grossen Grundstück gleich nebenan war terrassiert worden und eine neue Strasse war nicht mehr nur projektiert, sondern bereits teilweise asphaltiert. Langsam wurde das ganze Ausmass des ökologischen Desasters erkennbar.

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Die schon ersteigerten Bauplätze, auf denen zwei neue Hotels entstehen. Die neue, teilweise schon asphaltierte Strasse verbindet die Strasse Nr 90 mit dem neuen Resort. Die Strasse unten links wird ab dem Kreisverkehr nach Abschluss der Bauarbeiten rückgebaut.

Der israelische Bautycoon Yitzak Tshuva, Gründer und CEO der Ed Ad US Holding, einer der reichsten Israelis und mit einem Privatvermögen von mehr als 3 Milliarden US$ auf Platz 481 der Forbes Liste, erwarb im vergangenen Sommer das Baurecht auf die ersten zwei Grundstücke, um darauf zwei Hotels zu errichten. Beide Hotels sollen mit jeweils 200 Zimmern mittelgross werden.

Die Pacht der beiden Grundstücke läuft über 49 Jahre, mit der Möglichkeit, diese um weitere 49 Jahre zu verlängern. Die Kosten für ein Grundstück belaufen sich auf rund 9 Millionen NIS.

 

Der Beifall seitens der israelischen Regierung wollte gar nicht enden. Tourismusminister Yariv Levin «Wir setzen die touristische Revolution am Toten Meer fort und machen es zu einer modernen und attraktiven Tourismusdestination.» Der Direktor der “Israel Land Authority South Business Area” Eran Reuven fügte hinzu “Dies ist eine spezielle Versteigerung, die erste ihrer Art für Hotels, der Preis für die Grundstücke ist festgelegt und niedrig, und die Bewerbung dreht sich nur um die Entwicklungskosten. Der Staat wird, gemeinsam mit «Dead Sea Preservation Government Company» einen grossen Beitrag zu diesen Kosten beisteuern.»

Umweltfreundlich soll alles werden, Rücksicht genommen werden auf die besondere Topografie. Ein Kongresshaus und die geplanten neuen Einkaufszentren werden so weit von den Ferienhotels entfernt angesiedelt, dass die Ruhe der Touristen nicht gestört wird.

Hier gibt es alle Informationen, Auflagen und Vorschriften auf Iwrith und Englisch.

Noch sind erst zwei Grundstücke verkauft, ich weiss noch von einem dritten. Isrotel plant eine 43 Suiten Hotel, wo derzeit noch die Autos der Gäste parken. Bis 2022 soll auch dieser Neubau stehen. Er ist nicht Teil des «Mastersplans».

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So soll es bis zum Jahr 2025 aussehen!  Die grün markierten Parzellen 102 und 151 liegen auf der künstlichen Insel, die Nummern 100 und 101 sind im Bau. © screenshot http://www.deadseacalley.com

Insgesamt soll es, wenn die Vorstellungen der Planer gut laufen, 4.000 neue Gästezimmer geben, eine glatte Verdoppelung des derzeitigen Angebotes.

Es steht nicht zu befürchten, dass einem der derzeitigen Unternehmer das Geld ausgeht. Aber vielleicht gibt es nicht genug weitere potentielle Bewerber, um die noch ausgeschriebenen Grundstücke zu ersteigern.

 

Ein Bokek am Toten Meer, Blick auf das Moabgebirge

So wird es nie mehr aussehen.

Oder vielleicht hat die neue, hoffentlich wirklich neue (!) Regierung ein Einsehen und stoppt diesen Wahnsinn. Vielleicht lässt sich ja doch noch das eine oder andere ein wenig modifizieren.

Und wenn nicht, dann dürfen sich alle Autofahrer an Spitzentagen auf einen Stau entweder von Jerusalem oder von Arad aus bis Ein Bokek freuen, die Strassen sind für dieses Verkehrsaufkommen nicht gebaut!

 

© esther scheiner, israel

© Bilder, wenn nicht anders vermerkt e.s.

 

 

 

 

 

 

 

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Wirklich, ein sehr heisser Frühling in Israel!

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Heiss waren die letzten Wochen und Tage tatsächlich, in der politischen Szene und beim Wetter. Die erste grosse Hitzewelle beendete ohne Vorankündigung den regenreichen und kühlen Winter. Unser grösster Süsswasserspeicher, der Kinneret, hat im Laufe des Winters 3 ½ m zugelegt und steht jetzt bei – 211.19, zuletzt gab es diesen Traumwert im Mai 2014. Bei Temperaturen bis zu 48° im Süden des Landes und über 40° im Norden, flammten in der vergangenen Woche die ersten Waldbrände auf. Zu den durch das Wetter bedingten Brände kamen leider auch wieder Brandstiftungen der Hamas. Unsere eigenen Löschflugzeugen reichten leider wieder mal nicht aus, Hilfe kam von einigen befreundeten Staaten.

Dass «nach den Wahlen ist vor den Wahlen» ein sich immer wieder selbst bewahrheitender Spruch ist, ist bekannt. Als nach der Wahl vom 9. April alle Stimmzettel ausgezählt waren, durfte sich unser PM recht sicher sein, zügig eine stabile und breite, wie er es nannte, Koalition mit seinen «natürlichen Partnern» bilden zu können. Er hatte nur Eines im Sinn, der am längsten amtierende PM von Israel zu werden. Im Juni wäre es so weit gewesen. Dann hätte er den Staatsgründer David Ben Gurion auf den zweiten Platz verwiesen.

Irgendwie blieb es aber in den ersten Wochen seltsam ruhig in Jerusalem. Viel war nicht zu hören von einer lebendigen Koalitionsbildung. Nur wenige Informationen tröpfelten in die Medien. Und die zeigten, dass diesmal alles etwas anders war. Eine Woche nach dem knappen Wahlsieg, am 17. April, hatte Präsident Rivlin gesetzeskonform PM Netanyahu formell mit der Bildung einer neuen Koalition beauftragt. Man ging von 65 Regierungsmitgliedern aus, die keine überwältigende, aber immerhin tragfähige Mehrheit bei 120 Sitzen ausmachen. Der gesetzlich vorgesehene Zeitrahmen beträgt 28 Tage, um das Ziel zu erreichen. Dieser endete also rechnerisch am 9. Mai, wurde aber auf Grund der Feiertage auf den 13. Mai festgelegt.

Zeit genug, um weiter an den politischen Beziehungen zu feilen.

Am Samstag, dem 4. Mai schien es, als wollten die Terrorbanden aus Gaza wieder einmal austesten, wie lange sie Israel reizen können, bevor es zum wirklich heftigen Gegenangriff durch die IDF/IAF kommt.

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Zerstörtes Haus in Ashkelon

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Volltreffer auf einen Kindergarten – der Gottseidank leer war

An jenem Samstag schien sich die Lage im Gaza Streifen wieder dramatisch zuzuspitzen. Ab den frühen Morgenstunden des 4. Mai (Schabbat) schossen Hamas und Islamischer Jihad nahezu 1000 (!) Raketen von Gaza aus nach Israel. Viele der Raketen wurden vom Iron Dome abgefangen und zerstört, trotzdem erreichten einige ihr Ziel. Vier Tote und weit über 100 Verletzte gab es auf israelischer Seite. Einige Häuser wurden stark beschädigt. Sichere Bunker wurden geöffnet, der Schulunterricht in der Umgebung des Gaza Streifens fiel aus, Menschenansammlungen wurden untersagt und wer konnte, sollte daheimbleiben, oder noch besser, in unmittelbarer Nähe eines Bunkers.

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Wenn kein Bunker in der Nähe ist, müssen der Vater und ein Freund als Schutz genügen!

Reservisten wurden einberufen, Truppen in Grenznähe zusammengezogen, Israel bereitete sich auf eine neue Operation in Gaza vor.

 

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Ein Minarett als Abschussbasis

 

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Zerstörter unbezogener Neubau in Gaza

Am folgenden Montag wurde dann auf einmal ein Waffenstillstand ausgerufen, der in den frühen Morgenstunden in Kraft treten sollte. Dass eine Stunde nach Inkrafttreten noch einmal ein Alarm kam, war nichts Neues. Schulen und Kindergärten nahmen den normalen Betrieb wieder auf.Und man begann mit dem Aufräumen. Glücklich war niemand. Nicht die Bewohner rund um Gaza, die genau wissen, dass ein Waffenstillstand nicht in Stein gemeisselt ist. Der Raketenbeschuss kann jederzeit wieder losgehen. Auch nicht die Opposition, die in der Annahme ein Nachgeben auf Druck der Hamas sieht, und auch aus den eigenen Reihen kam Kritik.

In das allgemeine Unverständnis über das erneute schnelle und nicht diskutierte Akzeptieren mischten sich bald interessante Untertöne.

Eine spontane Reise nach Gaza mit Zwischenstop in Israel machte am Montag 12. Mai ein katarischer Geldbote. Mohammed al-Emadi brachte als Geschenk 30 Millionen US$ mit. Zeitgleich wurden die beiden Grenzübergänge Shalom und Erez wieder geöffnet und die Fischereizone wurde wieder erweitert. Das sind nur die bekannten Zugeständnisse, die unser PM an die Hamas gemacht hat.

Sollte das schnell Einlenken, das offensichtlich ohne jegliches Verhandeln akzeptiert wurde, etwa mit dem medialen Grossereignis zu tun haben, das genau in jener Woche in Israel anlief? Nachdem im Jahr 2018 Netta Barzilai den Eurovisions Song Contest mit „Toy“ und der Kernaussage „I’m not your toy, you stupid boy“ passend zur #MeToo Kampagne gewonnen hatte, fand die diesjährige Veranstaltung in Tel Aviv statt. Eine gute Gelegenheit, der Welt ein anderes, junges und friedliches Israel zu zeigen.

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Da halfen auch Proteste der Ultra-Orthodoxen, die den Schabbat geschändet sahen nichts (die Veranstaltungen begannen erst um 22 Uhr Ortszeit).

Die Touristen wurden nicht enttäuscht, die Veranstaltung war ein voller Erfolg mit einem hochgelobten Rahmenprogramm und einem Feuerwerk an Technik an den drei Veranstaltungsabenden. Über die Qualität der Musik und der Performances durfte sich jeder seine eigene Meinung bilden. Nachdem unser schluchzender Sänger auf dem 23. Platz landete, besteht keine Notwendigkeit einer israelischen Neuauflage. Nächstes Jahr dürfen sich die Niederländer bemühen, Israel zu überbieten! Es wird schon ein Erfolg sein, die in die Jahre gekommene Madonna, die für ihren Auftritt angeblich 1.5 Millionen US$ erhalten haben soll, nicht mehr einzuladen!

Ein bisschen unangemessene Politik gab es aber trotzdem.

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Die isländische Gruppe im Backstagebereich

 

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Background Sänger von Madonna mit israelischer und palästinensischer Flagge auf dem Rücken

Auch Proteste der moslemischen Gemeinde der Hasan Bek Moschee gegenüber des „Eurovision Village“, die sich in ihren Gebeten anlässlich des Ramadan gestört sahen, fanden kein Gehör.

 

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Ein Ort mit einer langen Geschichte. 1981 eröffnete dort das „Blue and White Disneyland“, dessen Hauptattraktion eine Delphinshow war. Der Traum war rasch ausgeträumt, die süd-afrikanischen Partner nutzen den Standort, um Geschäfte mit der Mafia abzuwickeln und Schwarzgeld nach Europa zu bringen. Was blieb, war eine grosse Diskothek. Am 1. Juni 2001 fand hier einer der tragischsten Terroranschläge der zweiten Intifada statt. 21 Jugendliche verloren ihr Leben, weit über 120 wurden verletzt. Der Terrorist war ein Mitglied der Hamas.

Nachdem die grosse Party vorbei war, hätte es eigentlich keine weiteren Gründe mehr für den PM gegeben, sich nun endlich der Koalitionsbildung zuzuwenden. Doch wohin er sich auch wandte, es gab keine Zugeständnisse, immer neue Probleme türmten sich auf. Um die Wahlarithmetik noch einmal in Erinnerung zu rufen: 35 Sitze von seiner Likud Partei, je acht von Shas und United Torah Judaism, plus fünf von der Union of Right Wing Parties, fünf weitere von Ysrael Beytenu und vier von Kulanu sollten den Kolaitionsvertrag unterzeichnen. Mit 65 von 120 Knesset Sitzen keine überwältigende Mehrheit, aber eine Mehrheit.

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Am Dienstag, 13. Mai erbat und erhielt der PM von Präsident Rivlin eine erneute Verlängerung um weitere 14 Tage. Eine Frist, die unwiderruflich am 28. Mai um Mitternacht enden würde. Und, nachdem keine Lösung gefunden worden war, mit der Selbstauflösung der Knesset. Das Ergebnis der Abstimmung lautete 74 Pro- und 45 Gegenstimmen, bei einer Enthaltung. Damit war der Weg für Neuwahlen frei. Die Alternative, dass Präsident Rivlin eine andere Person mit der Koalitionsbildung beauftragt hätte, wurde, vielleicht als letzter Schachzug, von Netanyahu verhindert. Die Hoffnung auf seine erneute Wiederwahl im Herbst wird ihn in den kommenden Wochen begleiten.

Woran scheiterte letztendlich die Koalitionsbildung?

  1. Unüberwindbar waren die Haltungen zwischen Avigdor Liberman und den Ultra-Orthodoxen zum Gesetzesentwurf, der die Militärpflicht für orthodoxe Männer regeln soll. Die Orthodoxen sind derzeit nicht zum Militärdienst verpflichtet, das neue Gesetz sieht vor, eine jährliche steigende Quote festzulegen, bis 85% aller orthodoxen Wehrpflichtigen aktiviert worden sind. Das Gesetz wurde bereits in erster Lesung verabschiedet. Die aufeinanderprallenden Seiten verlangen einerseits die endgültige Verabschiedung in der vorliegenden Form, andererseits die komplette Rücknahme. Keine Seite konnte sich durchsetzen, weshalb Liberman sich von der imaginären Koalition verabschiedete.
  2. Eine daraus folgende Minderheitsregierung mit nur 60 Sitzen, also genau 50% wurde andiskutiert, aber wieder verworfen.
  3. Vor allem die Kleinparteien pokerte hoch, immerhin war der Ministerkuchen in der letzten Knesset mit 23 Positionen plus 9 Stellvertreterposten sehr schmackhaft. So fiel es den Vorsitzenden der Kleinparteien sehr leicht, nicht nur eine, sondern mehrere Kuchenstücke zu fordern. Dieser aufgeblähte Regierungsapparat ist langsam und unflexibel, vor allem, wenn scheinbar jeder einzelne Knesset Abgeordnete sich für jeden Job als ultimativ geeignet ansieht.
  4. Immerhin hängt über dem Kopf des PM ja noch das Damoklesschwert von drei möglichen Anklagen. Ein israelisches Gesetz besagt zwar, dass ein Politiker nicht zurücktreten muss, wenn er „nur“ angeklagt ist, wohl aber, wenn er rechtmässig verurteilt ist. Bisher wurde das gesetzliche vorgeschrieben Anhörungsverfahren durch Generalstaatsanwalt Mandelblit immer wieder verschoben. Bis zum Jahr 2005 gab es das Immunitätsgesetz, das jeden Parlamentarier vor einer möglichen Anklage schützte. Nur die Knesset konnte die Aufhebung der Immunität beschliessen. Auch wenn der PM immer wieder betont, er habe nichts Ungesetzliches getan, sucht er doch den Schutz durch eine Wiederbelebung des alten Gesetzes. Seine Bemühungen, diesem alt-neuen Gesetz höchste Priorität zu geben, kommt bei vielen seiner politischen Kollegen und auch in der Bevölkerung nicht gut an.
  5. Seine letzten atemlosen Versuche, knapp vor Ablauf des Zeitrahmens doch noch etwas zusammenfügen zu können verliefen ohne Ergebnis. Der Versuch, die grösste Oppositionspartei Blau-Weiss zu zersplittern, mag ganz besonders befremdlich anmuten. Man sprach vom Verteidigungs-, Finanz-, Justiz, Kultur- und Kommunikationsministerium. Auch zukünftige Botschafterposten wurden in Aussicht gestellt. Besonders abstossend war das Angebot an die drusische Abgeordnete Gadeer Mreeh, das äusserst fragwürdige und einer Demokratie nicht würdige „Jewish Nation-state law“ abzuändern, das in der drusischen, traditionell pro-israelischen Bevölkerung für grossen Unmut gesorgt hatte. Der Äthiopischen Abgeordneten Pnina Tamano-Shata wurde in Aussicht gestellt, Mitglieder der Falashmura Gemeinde, die sich als Juden verstehen, aber von Israel nicht als solche anerkannt sind, in Israel aufzunehmen.  Die Angebote wurden gegenüber der Presse bestätigt und sofort abgelehnt.

Was ist die Schlussfolgerung?

Ich wünsche uns allen einen friedlichen Sommer, mit angenehmen Temperaturen und der Möglichkeit, sich ein bisschen vom heissen Frühling in Israel zu erholen. Und dann im September mit einem klaren Kopf zur Wahl zu gehen. Und die, deren politische Zeit vorbei ist, klar abzuwählen!

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wie Menschen zu Mördern werden

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Einen Moment wie den sollte niemand erleben müssen. Nicht Angehörige, die miterleben müssen wie ein geliebter Mensch vor ihren Augen ermordet wird. Niemand, der erfahren muss, dass einer seiner besten Freunde oder Freundinnen nicht mehr lebt, sondern Opfer eines grausamen Terroraktes wurde.

Nicht Eltern, die erfahren müssen, dass ihr Sohn, bis anhin ihr grosser Stolz, ein Mörder ist. Jemand, der wahllos Menschen kaltblütig ermordete. Ohne Grund. Nur weil die von ihm Ermordeten Juden waren. Und dass es nur Dank einem technischen Defekt seiner Waffe nicht noch bis zu 50 (!) mehr Opfer gegeben hatte. Das war die Zahl der noch verfügbaren Patronen, die er bei sich trug.

Am vergangenen Samstag, dem letzten Tag des Pessach Festes hatte sich die jüdische Gemeinde von Poway, Kalifornien, zum Gottesdienst versammelt, als der 19 Jahre alte John Earnest die Synagoge betrat und das Feuer eröffnet. Die Überwachungskameras haben den Anschlag aufgezeichnet.

John Earnest rief anschliessend die Polizei an, informierte sie über das Geschehen und liess sich widerstandslos festnehmen.

Lori Kayne wurde bei ihrem Versuch, den Rabbiner zu schützen, erschossen. Rabbi Yisroel Goldstein erlitt Schussverletzungen an beiden Händen und verlor einen Zeigefinger, Noya Dahan, 8 und ihr Onkel Almog Peretz erlitten Verletzungen durch Schrapnells.

Der Mörder – die Polizei spricht nicht von einem Terroranschlag, sondern von einem Hassverbrechen, hat ein 7-seitiges «Manifest» hinterlassen. Von seinem Twitter account wurde es kurz nach der Bluttat gelöscht. Das Schreiben wurde in amerikanischen Zeitungen veröffentlicht und auch von einigen israelischen Blättern. Europäische Zeitungen sahen wohl keine Notwendigkeit einer Veröffentlichung.

Das komplette Schreiben (englisch) kann hier nachgelesen werden, ich zitiere nur auszugsweise.

«Ein Teil meiner Vorfahren lebt in diesem Moment in mir. Sie sind der Grund, dass ich der bin, der ich bin. Ihre mutigen, einfallsreichen und rechtschaffenen Taten setzen sich in mir fort. Wirklich, ich bin von Gott mit meiner hervorragenden Blutlinie gesegnet.

Ich verstehe, warum ihr mich (nach den Gründen für meine Tat) fragt. Aber ich muss euch eine Frage stellen. Welchen Wert hat mein Leben verglichen mit dem der gesamten europäischen Rasse? Ist es für mich wertvoll, ein komfortables Leben zu leben, auf Kosten des internationalen Judentums, das den Untergang meiner Rasse beschlossen hat? Nein, ich werde meine Seele nicht verkaufen, indem ich untätig daneben sitze, wenn das Böse stärker wird. Lieber sterbe ich in ruhmvoll, oder verbringe den Rest meines Lebens im Gefängnis, als mein Leben zu vergeuden. Wohl wissend, dass ich nichts getan hätte, um das Böse zu stoppen. Es liegt mir nicht im Blut, ein Feigling zu sein. Ich interessiere mich nicht für das, was Juden als Geld bezeichnen, eine auf Schulden aufgebaute Währung. Ich interessiere mich nicht für die Art von Brot und Spielen, die die Juden im Versuch, mein Volk zu beruhigen, vorgeführt haben.

 Jeder Jude ist verantwortlich für den akribisch geplanten Völkermord an der europäischen Rasse. Sie handeln als Einheit, und jeder Jude hat seine Rolle bei der Versklavung anderer Rassen in seinem Umfeld. Er handelt bewusst oder unbewusst. Die Verbrechen der Juden sind zahllos. Sie belügen und täuschen die Öffentlichkeit durch ihren ausufernden Einfluss auf die Medien. Sie benutzen Banken und Wucher, um ganze Nationen zu versklaven und alle Finanzmärkte zu kontrollieren in der Absicht, das Böse zu finanzieren. Sie beginnen Kriege, «gerechtfertigt» durch Lügen, die im Laufe der Geschichte Millionen Menschen das Leben gekostet haben, sind Anhänger des kulturellen Marxismus und Kommunismus, forcieren die Unterhaltungsindustrie mit entarteter Kunst. Sie wählen Politiker und unterstützen Organisationen, die die Masseneinwanderung nach Europa nutzen, um die europäische Rasse zu vertreiben.»

Diese Hasstirade, die vor Lügen, Unterstellungen und Verleumdungen strotzt, endet, wie könnte es anders sein, mit der antisemitischen Lüge von Kindermord, Ritualmordlegenden und der Kreuzigungskeule.

«Jeder Jude, jung oder alt, hat dazu beigetragen. Dafür verdienen sie nichts als die Hölle. Ich werde sie dorthin schicken!»

«Mindestens ein europäischer Mann wird überleben, der bereit sein wird, gegen die Ungerechtigkeit aufzustehen, die die Juden uns zugefügt haben. Dass meine Tat andere inspirieren wird, ebenfalls aufzustehen. Und wenn die Revolution (sic!) beginnt, an Intensität zuzunehmen (falls ich nicht getötet werde), erwarte ich aus dem Gefängnis befreit zu werden und den Kampf fortzusetzen.»

In den weiteren Absätzen fabuliert er über einen durch nichts begründbaren Göttlichkeitswahn, der ihm das Gefühl der Allmacht über Leben und Tod verleiht.

«Ist es rechtens, dass ein Dieb meinen Freund töten kann, statt den Dieb zu töten und so den Tod meines Freundes zu verhindern? Wer eine solche Frage stellt, hat sie bereits beantwortet. Es ist nicht Liebe zu deinem Freund, zuzulassen, dass er ermordet wird. Es ist nicht Liebe zu deinem Feind – dem Dieb – zuzulassen, dass er mordet. Jedes Kind versteht das Konzept der Selbstverteidigung. Es ist unrecht und feige, am Rand zu stehen, während die europäischen Völker ringsherum ausgelöscht werden. Ich wollte keine Juden töten, aber sie haben uns keine andere Chance gelassen. (…) Mein Gott nimmt die Auslöschung des von ihm Geschaffenen nicht leicht. Besonders, wenn es sich dabei um die allerschönste, intelligenteste und innovativste Rasse handelt, die er geschaffen hat. Und schon gar nicht wenn die Zerstörung von den allerhässlichsten, sündhaftesten, betrügerischsten, verfluchtesten und korruptesten Händen kommt. Mein Gott versteht, warum ich tat, was ich tat.»

Neben der christlich-göttlichen Unterstützung gibt er an, Hilfe von Pewdiepie, mit bürgerlichem Namen Felix Arvid Ulf Kjellenberg erhalten zu haben. Dieser weltweit bekannteste YouTuber engagiert sich einerseits in mehreren durchaus respektablen Wohltätigkeitsorganisationen und wurde mehrfach für seine hauptsächlich im Comedy Bereich angesiedelten YouTube Filme ausgezeichnet. Andererseits veröffentlichte er aber, und hier ist der Zusammenhang, 2016 neun Videos in denen er sich antisemitischer Witze und Nazisymbole bedient. Maker Studios, eine Tochtergesellschaft der Walt Disney Company und Google beendeten daraufhin die Verträge mit ihm. Er entschuldigte sich halbherzig für diese Videos, twitterte aber gleichzeitig eine Verschwörung des Wall Street Journals, das die Inhalte schärfstens verurteilt hatte, gegen sich.

«An die Neger (sic!) und an die verjudeten Medien, lest das! Ich denke, es ist wichtig für euch zu wissen, dass ich dies nicht alleine durchgezogen habe. Ich hatte die Hilfe von einem Mann namens Felix Arvid Ulf Kjellberg. Er war nett genug, die ganze Operation zu planen und zu bezahlen – der schlaue Bastard! Zufällig hasst Pewdiepie Juden genauso wie er Indianer hasst.»

Der nachfolgende Absatz, den er seinen Helden Robert Bowers (Terrorist des Anschlags auf die Pittsburgh Synagoge) und Brenton Tarrant (Terrorist des Anschlages auf die beiden Moscheen in Christchurch) widmet, liest sich als Leitfaden für den perfekt geplanten Terroranschlag.

Sein «Manifest» endet mit einem fiktiven Interview.

«Wer inspiriert dich? – Jesus Christus, der Apostel Paul, Martin Luther, Adolf Hitler, Robert Bowers, Brenton Tarrant, Ludwig van Beethoven, Moon Man und Punk Guy.

Wie lange spielst du schon Klavier? – Ununterbrochen seit ich vier Jahre alt war. Das war das, was ich am liebsten gemacht habe. Und jetzt ist es auch noch sehr wichtig für mich. Na ja, das Töten von Juden könnte daran etwas ändern. Ich komme später darauf zurück.

Was ist dein liebstes Klavierstück? – Scherzo No. 2 von Chopin, ganz sicher.»

John Earnest war, so wie seine Eltern und seine fünf Geschwister, Mitglied einer Orthodoxen Presbyterianischen Kirche, die sich dem liberaleren Zweig dieser Kirche zugeordnet. Eine Pastorin der Gemeinde sagte später: «Wir können nicht so tun, also ob wir keine Verantwortung für ihr haben würden – er wurde zu einem weissen Nationalisten aus der Mitte unserer Kirche heraus radikalisiert.» Dese Erkenntnis kam zu spät, auch der Vergleich zum radikalen islamischen Terror «…wenn wir alle moderaten muslimischen Gemeinden auffordern, diese Dinge zu verurteilen, dann sollten wir das gleiche tun.» Dass Rev. Zach Keele am Sonntag nach dem Terror bei seiner Ansprache an die Gemeinde kein Wort des Bedauerns fand, sondern nur auf die christliche Vergebung baute, spricht für sich.

Dass er darüber hinaus noch die Ritualmordlegende vom Simmerl von Trient zitierte, die das Ende der ehemals blühenden jüdischen Gemeinde von Trient markierte, spricht dafür, dass zumindest diese Gemeinde noch im Gedankengut der christlichen Kirchen des Mittelalters verhaftet ist.

Texte aus Johannes 8,44 «Ihr habt den Teufel zum Vater und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an. Und er steht nicht in der Wahrheit; denn es ist keine Wahrheit in ihm. Wenn er lügt, sagt er das, was aus ihm selbst kommt; denn er ist ein Lügner und ist der Vater der Lüge.»und Offenbarung des Johannes 2,9 «Und ich weiß, dass du von solchen geschmäht wirst, die sich als Juden ausgeben; sie sind es aber nicht, sondern sind eine Synagoge des Satans.»und ebendort 3,9 «Leute aus der Synagoge des Satans, die sich als Juden ausgeben, es aber nicht sind, sondern Lügner – ich werde bewirken, dass sie kommen und sich dir zu Füßen werfen und erkennen, dass ich dir meine Liebe zugewandt habe.» werden heute nicht nur in den online Archiven dieser Gemeinde zur Verfügung gestellt, sondern immer noch in Sonntagspredigten zitiert. Am Tag nach dem Terrorakt lud Rev. Keele die Gemeinde ein nach dem Gottesdienst zu bleiben «wenn ihr es könnt», um nach einem erfrischenden Frühstück Fragen zu stellen und das Geschehene zu diskutieren.

Eine Ähnlichkeit mit der Wannseekonferenz drängt sich auf, die auf der Einladung als «Besprechung mit anschliessendem Frühstück» bezeichnet wird.

Ich kann nicht anhin, einen tendenziellen Antisemitismus in der Gemeinde festzustellen!

Die Eltern des Terroristen baten ihren Rechtsanwalt an ihrer Stelle eine Stellungnahme zu veröffentlichen. Vielleicht die einzig mögliche Art, als Eltern mit dem Grauen fertig zu werden, dass der eigene Sohn verursacht hat.

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© screenshot Twitter account der Rechtsanwälte

Nachdem die Eltern es ablehnten, eine Rechtsvertretung für ihn zu zahlen, wird er vor Gericht von einem Pflichtverteidiger vertreten. Während der Angeklagte mit unbewegtem Gesicht der ersten Anhörung folgte, bezeichnete seine Rechtsanwältin ihn in seinem Namen als «unschuldig».

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Der Verdächtige bei der Erstanhörung

Obwohl doch Kameras jeden Handgriff, jede Bewegung, jedes Stolpern, Fallen, Sterben aufgezeichnet haben.

 

© esther scheiner, israel

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Aus Gaza zur IDF

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Manchmal gibt es sie noch, die kleinen Wunder, Geschichten, wie sie in keinem mit Technicolor eingefärbten Film zu sehen sind, in keinem Fiction Roman nachlesbar sind.

Geschichten von Menschen, die einfach stattfinden.

Israel war gerade 40 Jahre jung, eine Grenze nach Gaza gab es nicht. Seit 1987 überzog die erste Intifada das Land. Wie immer bei solchen Volksaufständen war ein eigentlich unbedeutender Anlass der Auslöser gewesen. Bei einem Unfall zwischen einem LKW der IDF und zwei palästinensischen Taxis waren vier Palästinenser umgekommen. Man vermutete einen Racheakt für einen im Gazastreifen erstochenen Israeli. Die 1986 in Hebron gegründete Hamas nutzte die Unruhen und brachte sich für die spätere Übernahme des Küstenstreifens in Stellung.

Mit diesen Gewaltakten endete der Traum vom Ausflugsparadies Gaza. Die bis dahin regelmässigen Ausflüge der Israelis nach Gaza City und an die traumhaften Strände flauten ab. Automechaniker, bei Israelis wegen der guten Arbeit und der günstigen Preise sehr beliebt, verloren ihre Kunden. Die Strände von Gaza verloren immer mehr an Reiz. Der Traum einer Region mit einer gut entwickelten Infrastruktur war ausgeträumt.

Wer konnte, verliess den Gazastreifen und zog fort.

Ahlam und Kamar, ein jung verheiratetes Paar aus Gaza entschloss sich ebenfalls zu diesem Schritt. Ihre neue Heimat fanden sie in Sderot, nicht weit von der Grenze entfernt. Ihre Familie ist in Gaza geblieben, sie haben sie seither nie wieder besucht. Ahlam und Kamar gelang es, sich in der neuen Heimat einzuleben. Mehr als das, sie konnten sich völlig integrieren und ein neues Leben aufbauen.

In den kommenden Jahren bekam das Paar zwei Söhne. Noch als Jugendliche traten beide Söhne zum Judentum über. Die Eltern, beide israelische Patrioten, unterstützen die beiden Söhne, wo immer es möglich war.

Und so war es auch klar, dass beide mit 18 Jahren ihren Militärdienst begannen. Staff Sergant A, 21, verfolgte seinen Traum zielstrebig. Nach dem obligatorischen Militärdienst entschloss er sich, als Berufssoldat weiterhin in der IDF zu dienen. Derzeit absolviert er den Offizierskurs.

Eine Ehrung der ganz besonderen Art steht kurz bevor. Am Unabhängigkeitstag wird er aus der Hand von Präsident Rivlin in dessen Residenz in Jerusalem die militärische Ehrenmedaille erhalten. Mit dieser Medaille werden Soldaten für besondere Leistungen während ihrer Dienstzeit ausgezeichnet.

«Ich hätte nie gedacht, dass ich das erreichen würde, ein Traum ist wahr geworden, seit ich Berufssoldat wurde, habe ich Stunden und Stunden gearbeitet und versucht, mein Bestes zu geben. Ich bin glücklich, dass das geschätzt wurde.»  

Sein Vater sei, so sagt er, zu Tränen gerührt gewesen, als er von der Zeremonie gehört hätte. «Die Familie gibt mir die beste Unterstützung, was keine Selbstverständlichkeit ist.»

Auch wenn A weiss, dass ein Grossteil seiner Familie in Gaza lebt sieht er keinen Anlass, sie zu besuchen. Er spricht kein Arabisch, seine ursprüngliche Muttersprache ist ihm fremd geblieben.

Er fühlt sich als Jude, sein Übertritt sei nur die logische Konsequenz gewesen. Das Pessachfest hat er mit seinen Eltern daheim gefeiert. Seine arabischen Wurzeln versteckt er nicht, weder vor den Freunden, noch vor dem Militär. «Es gibt immer Fragen, aber ich bin stolz, Jude und Israeli zu sein Ich bin stolz auf mich und meine Eltern, die sich entschlossen haben, nach Israel auszuwandern. «

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

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