Die 35. Regierung Israels wurde angelobt

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Der weiter regierende PM Benjamin Netanyahu ist nun, entsprechend des Koalitionsvertrages mit dem «alternierenden» PM Benny Gantz für weitere 18 Monate, i.e., bis November 2021 im Amt. Dann muss er seinen Platz räumen und Benny Gantz Platz machen.

Wahlplakate 2020

Wahlplakat © Knesset

Wobei ich überzeugt bin, dass er alles tun wird, jeden Taschenspielertrick anwenden wird, um genau das zu verhindern.

Vielleicht, indem er einen Grund findet, sich mit Gantz zu überwerfen und alle Verträge für Null und nichtig erklärt. Oder weil Gantz irgendwann doch versteht, auf was er sich eingelassen hat.  Dann wird er sich aus der Regierung zurückziehen, sie als regierungsunfähigen Torso zurücklassen und so Neuwahlen – diesmal ohne Netanyahu – provozieren.

Hier wieder mal ein paar Zahlenspielereien.

In der Koalition sitzen insgesamt folgende Parteien, resp. deren 74 Mitglieder:

Regierungskoalition 

Und auf der Oppositionsbank sitzen 46 Abgeordnete

Opposition

Netanyahus innerparteilichen besten Freunde und Steigbügelhalter wurden brüskiert und um ihre Pfründe betrogen. Netanyahu gelang es nicht, alle ihre persönlichen Wünsche zu befriedigen und entsprechende neue Portfolios zu schaffen. Die für 18 Uhr angesetzte Angelobung wurde auf Sonntag 17.05.2020 verschoben. Gantz zog entsprechend der prozeduralen Vorgaben seinen Rücktritt als Knesset Sprecher zurück und nahm das Amt wieder ein.  Nachdem Netanyahu grünes Licht für die gestrige Veranstaltung gegeben hatte, legte er am Freitagnachmittag den Posten wieder zurück und machte den Sessel damit frei für Yariv Levin (Likud) der so erstmals seines neuen Amtes waltete.

Die Sitzung, die vor allem bei den Reden von Netanyahu und Gantz immer wieder von teils heftigen Zwischenrufen gestört wurde, machte auch eine erste Amtshandlung notwendig.  Nach einer mehrfachen Aufforderung, die Sitzung nicht zu stören, wurde ein allzu lauter Abgeordneter aus dem Saal geführt.

Hier kommt die spannende Aufteilung der Ministerposten, die entsprechend des Koalitionsvertrag 50:50 vorgenommen werden musste. Genau zu dem Punkt gab es am vergangenen Donnerstag, dem Tag, an dem die Angelobung der neuen Regierung hätte stattfinden sollen, einem Eklat. Gantz machte am Ende gute Miene zum bösen Spiel.

Minister

Sitze vs. Minister

Likud:

  1. Premierminister Benjamin Netanjahu
  2. Finanzminister Israel Katz
  3. Gesundheitsminister Yuli Edelstein
  4. Öffentliche Sicherheit Amir Ohana
  5. Transport Miri Regev (wird in 18 Monaten Aussenministerin)
  6. Erziehungsminister Yoav Gallant
  7. Energie (ohne Wasser) Yuval Steinitz
  8. Religion Ya’acov Avitam
  9. Geheimdienst Eli Cohen
  10. Höhere Bildung (neu!) und Wasser (neu!) Ze’ev Elkin (wird in 18 Monaten Transportminister)
  11. Umweltschutz Gila Gamliel
  12. Verbindungsminister zwischen Knesset und Regierung (neu!) David Amsalem
  13. Regionale Kooperation Ofir Akunis
  14. Minister für Siedlungen (neu!) Tzipi Hotoley
  15. Minister ohne Portfolio (neu!) Tzachi Hanegbi (wird später die Siedlungsagenda übernehmen)

Ohne Partei:

  1. Jerusalem & Kulturerbe Rafi Peretz

Shas:

  1. Inneres Aryeh Deri

Vereintes  Thorah Judentum:

  1. Gebäude und Konstruktion Yaakov Litzman

Im ministerialen Rang:

  1. Aufsicht über die Koalition (neu!) Miki Zohar

Blau & Weiss:

  1. Alternierender PM und Verteidigung Benny Gantz
  2. Aussenministerium Gabi Ashkenasi
  3. Justiz Avi Nissenkorn
  4. Kultur & Sport Chili Tropper
  5. Wissenschaft & Technologie Yizhar Shai
  6. Strategie Orit Farkash-Hacohen
  7. Tourismus Assaf Zamir
  8. Immigration & Eingliederung Pnina Tamano-Shata
  9. Diaspora Omer Yankelovitch
  10. Landwirtschaft Alon Schuster
  11. Minister im Verteidigungsministerium Michael Biton
  12. Soziale Gleichstellung & Senioren Merav Cohen
  13. Minoritäten (noch nicht vergeben, vorgesehen ist ein arabischer Minister)

 Derech Eretz:

  1. Kommunikation Yoaz Hendel

 Avoda:

  1. Wirtschaft & Industrie Amir Peretz
  2. Soziales, Arbeit & Sozialleistungen Itzik Shmuli

 Gesher:

  1. Aufbau & Entwicklung der Gemeinden Orly Levy-Abekasis

Alles in allem, wie versprochen, 36 Ministerien plus 1 Minister ohne Portfolio. Einige weitere sollen folgen, wenn die ersten sechs Monate vorbei sind. Im Prinzip ist es unerheblich, wer wie viele Ministerposten innehat. Stimmberechtigt sind je maximal 18 der beiden Seiten.

David Ben Gurion begann die Regierung 1948 mit 12 Ministern, im Jahr 1992 wurde eine Höchstgrenze von 18 beschlossen. Sharon brachte es auf über 20, Netanyahu steigerte auf 30 im Jahr 2009. Und unser kleines Israel plustert sich auf 36 auf.  Durchaus vergleichbare Länder (Grösse und Einwohnerzahl) wie die Schweiz (7)  und Österreich (12) bescheiden sich mit weit weniger – und es geht ihnen damit gut.

In Zeiten von Corona wäre es doch wirklich angeraten, Geld zu sparen, wo immer es geht.  Netanyahu hat heute ziemlich süffisant gemeint, es sei immer noch wesentlich günstiger, einen so aufgeblähten Regierungsapparat zu unterhalten, als eine vierte Wahl zu finanzieren.

Das glaube ich ganz einfach nicht!

36 Minister mit eigenem Büro, mit kompletter personeller und technischer Infrastruktur, einem Bürovorstand und einem Dienstwagen kosten viel Geld. Dazu die ministerielle Entschädigung von kolportierten NIS 50.000 (CHF 12.5000/€1 0.000) pro Monat. Weiterhin steht noch die Wahl von 16 stellvertretenden Ministern aus. Deren Infrastruktur ist ein wenig bescheidener, aber auch nicht kostenlos.

Dazu kommen vier Büros für den alternierenden PM. Eines als Parteivorsitzender von Blau & Weiss, eines als Fraktionsvorsitzender in der Knesset, eines im Verteidigungsministerium und schlussendlich eines als alternierender PM.

Ich kenne die verschiedenen Büroeinheiten in der Knesset. Selbst die kleinsten sind grösser, als es meine grösste Studentenbude jemals war. Und besser ausgestattet!

Limor Livnat, die Netanyahu über lange Jahre politisch begleitet hat, bis sie im Jahr 2015 der Politik den Rücken kehrte, veröffentlichte heute, am Montag den 18. Mai im ynetnews einen Kommentar mit dem Titel «Die Likud Mitglieder sind Marionetten in der Hand von Netanyahu». Nachfolgend einige Zitate :

«Die Wahrheit ist, dass Netanyahu, trotz seiner hervorragenden politischen Fähigkeiten den Bezug zur Realität verloren. – Er hat sich ein privates Imperium, umgeben von Ja-Sagern aufgebaut. Wer es wagt, den Kopf aus dem Wasser zu heben, oder dem grossen Führer zu widersprechen, wird aus dem Königreich verbannt. – Aber er war nicht immer so. Als Netanyahu 1978 von den USA nach Israel zurückkam,  beeindruckte er die Israelis mit seinem strahlenden Charisma, dem geschliffenen Englisch und zahlreichen amerikanischen Tricks, die hier in der Öffentlichkeit noch unbekannt waren.»  Eine Charakteränderung macht Livnat im Jahr 2015 aus, als er «….die Wahl trotz aller Widrigkeiten [gegen Jitzchak Herzog] gewann. – Damals begannen er und seine Familie zu glauben, dass sie, ähnlich wie König Ludwig  XIV von Frankreich, der Staat seien. – Schon damals, und noch viel mehr heute, musste man ihn entweder küssen, oder eine innerparteilich starke Position haben, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. – Die über eine Million Arbeitslosen im Land interessieren weder ihn, noch sonst jemanden.»

Auf der Suche nach neuen Ministerien gründete Netanyahu eines, das er «Verbindungsminister zwischen Knesset und Regierung» nannte. Livnat schlägt vor, ein zusätzliches Ministerium einzurichten. «Das Verbindungsministerium zwischen Regierung und Realität.»

Ein Witz sei mir zum Schluss gestattet. Als heute bekannt wurde, dass das «Wasser»- Ministerium vom «Energiebereich» getrennt wurde, forderte ein altgedienter Politiker man solle doch bitte auch nicht vergessen, die Auftrennung in «Warm- und Kaltwasser» vorzunehmen. In einem Kommentar in der Jerusalem Post wurde daraufhin vorgeschlagen, doch bitte auch noch ein «Fallafel» Ministerium oder eines für «Tomatenzucht» einzurichten.

Israel schwebt mal wieder kurz über dem politischen Absturz.

Aber, es hat seinen Humor nicht verloren!

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

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Wenn doch Israel von Deutschlands Angela Merkel regiert würde

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Die Politik von Dr. Angela Merkel war und ist immer wieder Zielscheibe von Hohn und Spott, gemischt mit Kritik bis hin zur Verachtung. Manchmal scheint es, als ob die erste Frau, die in Deutschland Kanzlerin wurde für alles persönlich haftbar gemacht wurde. Als sie im vergangenen Sommer einige Male unter heftigen Zitterattacken litt wurden sofort Stimmen laut, sie möge doch endlich abtreten. Den Platz endlich für andere freimachen, die besser geeignet seien, dieses Land zu führen. Man ging sogar soweit, ein Attest betreffend ihre Arbeitsfähigkeit zu fordern. Von «Kanzlerdämmerung» war die Rede. Nicht vergessen und vergeben ist ihre 2015 anlässlich einer Bundespressekonferenz häufig zitierte und überstrapazierte Aussage: «Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!» Diese wurde immer wieder als Beleg für ein naives Herangehen an die damalige Flüchtlingspolitik gewertet. Als Zeichen für die Handlungsunfähigkeit einer Politikerin. Alexander Gauland (AfD), verstieg sich zu folgender Aussage, die er mit der Forderung nach einem sofortigen Rücktritt würzte: «Wir wollen das gar nicht schaffen!» Seit 2005 lenkt Angela Merkel die Geschicke Deutschlands. Sie wurde geliebt, gelobt, verkannt, abgelehnt und gehasst. Vor allem im eigenen Lande, in dem der Prophet bekanntermassen nichts gilt.

Besuch Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rathaus Köln

By © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79701670

Noch vor wenigen Monaten hätten verschiedene politische Kreise es begrüsst, wenn sie ihr Amt zurückgelegt hätte. Nun spricht man, wenn auch derzeit nur hinter halbgeschlossenen Türen, von einer 5. Regierungsperiode.

 

Hier nun ein Kommentar von Netanel Azulay, veröffentlicht am 5. Mai 2020.

Während der Tage der Corona Krise habe ich die Reden der deutschen Kanzlerin, Angela Merkel, von meinem Daheim in Berlin aus verfolgt.

Inmitten der schrecklichen Daten aus anderen europäischen Ländern ist es Deutschland gelungen, die Infektionsrate zu senken, die Kurve abzuflachen und den Bürgern Hoffnung zu geben.

Das ist nicht passiert, weil Deutschland stärker oder reicher ist als andere Länder. Es geschah dank der Frau an der Spitze. Einer der mutigsten, bescheidensten und stärksten Frauen – Angela Merkel. Es gibt viele Gründe für ihren Erfolg.

Zunächst ihre Fähigkeit, Antworten zu geben. Im Anschluss an jede Rede gab Merkel den Reportern Zeit, Fragen zu stellen und stellte sicher, dass sie jede davon fehlerfrei beantwortete. Merkel verstand die Bedeutung von Klarheit und Transparenz. Und sie verstand die Bedeutung von Pressefreiheit. Und, dass es deshalb ihr Job war, Antworten zu geben. Merkel selbst war nicht das Zentrum ihrer Reden. Das Zentrum war das Publikum und das verdiente es, Antworten zu bekommen.

Die deutsche Kanzlerin verstand es, da Volk hinter sich zu scharen, um Ergebnisse zu erzielen: Merkel machte keine Alleingänge bei den Entscheidungen. Sie arbeitete vollumfänglich mit jedem Gremium in ihrer Regierung zusammen. So gelang es ihr, die 16 Bundesländer, die die Bundesrepublik ausmachen zu vereinen. Ihre Handlungen wirkten einend, nicht trennend. Es gab keine Veröffentlichungen, die nicht von der Regierung gebilligt worden waren.

Das Treffen von Entscheidungen während der Krise war kein politisches Thema. Sie liess sich ausschliesslich von wissenschaftlichen Überlegungen leiten.

An diesem Punkt begann sie alle relevanten Informationen sorgsam zu studieren. Gleichzeitig scharte sie 26 Forscher aus den entsprechenden Fachgebieten um sich. Und nicht [wie es anderswo geschah*], mit Mitarbeitern des Finanzministeriums und aus dem Sicherheitsbereich.

Sie war bescheiden. Während ihrer gesamten bisherige Regierungszeit hat sie sich geweigert, die offizielle Kanzlerresidenz zu beziehen. Mit ihrem Ehemann [Prof.emer. Dr. Joachim Sauer] wohnt sie in einer gemieteten 3-Zimmer-Wohnung in Berlin Mitte. [andere Premierminister haben gleich drei Wohnungen *]

Einkäufe erledigt sie selber in den Quartierläden. Merkel hat sich stets geweigert, ein Leben auf Kosten des Steuerzahlers zu führen.

Sie hat ihre im TV ausgestrahlten Reden nie missbraucht, um sich selber oder ihre Minister auf den Rücken zu klopfen. Oder eine Rede zu halten, als gelte es, den Oscar entgegen zu nehmen.

Diese Führerin war in der Lage, Fehler zuzugeben: «Wir haben nicht genug getan.», sagte Merkel vor ein paar Wochen, trotz des offensichtlichen Erfolges, die Infektionskurve abzuflachen. Sie beugte ihren Kopf, als ihre Mitbürger auf Grund der Pandemie verzweifelten. Nie hat sie ihren Erfolg selbstherrlich zur Schau gestellt oder die Situation ihres Landes hervorgehoben.

Merkel verstand, dass sie nicht über dem Gesetz stand und begab sich freiwillig in Quarantäne, nachdem sie in Kontakt mit ihrem Arzt gekommen war, der mit COVID-19 infiziert war. Auch nachdem zwei Tests bei ihr ergaben, dass sie sich nicht infiziert hatte, hat sie die Selbstquarantäne nicht verletzt. Sie hat darauf verzichtet, Ostern mit der Familie und Freunden zu feiern. Ihr war bewusst, dass es nicht nur darum ging, ihre Gesundheit zu schützen, sondern viel mehr auch darum, ein Beispiel für andere zu sein. [Leider gab es auch Politiker, die es damit nicht so genau nahmen. Die Wasser predigten, um selber Wein zu trinken.*]

Merkel hat grossen Wert auf Details gelegt. Es gab keine Anweisung, die nicht genauestens erklärt war. Jedes Gesetz, jede Beschränkung war sorgfältig und detailliert erklärt. Ihre Ansprachen waren ausschliesslich zu Gunsten der Bürger. Und niemals, um über sich selbst zu prahlen.

Sie hat ihr Verständnis für die wirtschaftliche Situation bewiesen. Die Gefahr, dass der durch die Pandemie verursachte Schaden weit höher ist, als die medizinischen Kosten. Die deutsche Regierung hat sowohl den Bürgern, als auch de kleinen Unternehmen schnelle und effiziente Hilfe zukommen lassen.

Als jemand, der in Deutschland lebt, konnte ich das Vertrauen erleben, das die Bürger den Entscheidungen, die von Merkel getroffen wurden, entgegenbrachte. Es war wohl verdient – sie hat hart daran gearbeitet.

Ihr Erfolg im Umgang mit der Corona Pandemie war kein Wunder oder die Arbeit einer Zauberin. Deutschland war erfolgreich, weil es eine Führung hat, die die Bürger über sich selbst stellte.

Ich wünsche mir, wir hätten mehr von dieser Form von Führungsqualität an jedem Platz in der Welt gesehen.

 

[Anmerkungen in Klammern von mir * sollte eine Ähnlichkeit mit lebenden Politikern auffallen, so ist das durchaus beabsichtigt]

© Übersetzung des Originaltextes: esther scheiner, israel

© Netanel Azulay, ynetews

 

 

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Leben auf der Insel

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Ein Morgen wie jeder andere. Der Himmel wölbt sich in azurnem Blau. Die Blüten an den «drei Grazien» hinten im Garten sind schon wieder grösser geworden. «Drei Grazien», so nenne ich die drei Bäume, die jetzt im Frühling zarte lilafarbene Blüten tragen. Noch vor zwei Wochen waren die Zweige völlig kahl. Dann haben sie begonnen, zu spriessen. Ganz zart zunächst. Im Licht des Vollmondes haben sie ausgesehen, wie feine Pinsel, die von Tag zu Tag grösser wurden. Zarte grüne Blattpinsel vor dem fast schwarzen Nachthimmel. Nach den Blüten werden die Früchte kommen. Zarte Fruchtdolden. Erst im kommenden Spätherbst werden die kleinen Beeren reif sein. Dann kommen die Papageien, Halsbandsittiche. Die Männchen mit ihren namensgebenden schwarzen Halsbändern. Kopfüber werden sie in den Zweigen hängen und die Beeren abnehmen.

Die Zeit der Beeren ist für heuer vorbei. Manchmal schaut noch ein Papagei vorbei, sitzt für ein paar kurze Sekunden auf einem leergefressenen Ast, ruft mir seinen Morgengruss zu, so scheint es, und fliegt weiter.

Alles ist wie immer. Ein Tag im März des Jahres 2020.

Alles hatte wie immer begonnen.

Die kommenden Wochen waren organisiert. Noch wenige Tagen, nur zwei knappe Wochen, dann sollte es wieder losgehen. Die Feiertage standen bevor, Pessach, an denen sich Familien treffen. An Pessach gedenken wir unserer Befreiung aus dem ägyptischen Exil, aus der jahrelange Versklavung. Seither sind wir ein freies Volk. Selbstbewusst und eigenverantwortlich.

Alles war geplant, Pessach 2020 in Zürich, mit unserer Familie.

Das Menü war festgelegt, das Fleisch vom Koscher-Metzger in Zürich gekauft, lagerte im Tiefkühler bei Minus 18°C.

Es ist nicht einfach, so lange im Voraus zu planen, wenn man auf einem anderen Kontinent lebt. Nicht einfach, aber machbar.

Wieviele Gäste erwartet man? Welche Menüfolge soll es sein? Gibt es Vegetarier? Veganer? Irgendwelche Allergien?

Gibt es genügend Teller, Besteck, Gläser, Platten Schüsseln, Schalen? Ist ein Rechaud mit genügend Kerzen vorhanden?

Die Vorbereitungen vor Pessach sind nie einfach. Nirgendwo im Haus darf sich ein Krümel von «Chametz» befinden, kein Brot, keine Teigwaren, keine Hülsenfrüchte, kein Bier, kein Whisky.

Und dann plötzlich waren alle unsere Planungen, Bemühungen, Überlegungen völlig vergebens.

Nicht, dass sich das nicht angekündigt hatte.

Bereits am 24. Januar hatte es eine generelle Reisewarnung seitens des israelischen Gesundheitsministeriums für China gegeben.

Schon am 31. Dezember 2019 hatte die Millionenstadt Wuhang über 44 Fälle berichtet, die an einer bisher unbekannten Erkrankung der Lungen litten. Laut Berichten der WHO waren die Erkrankten Verkäufer auf einem illegalen Markt in Wuhang. Dort wurden Murmeltieren, Vögel, Ratten, Fledermäuse und Schlangen verkauft. Am 20. Januar veröffentlichte ein chinesisches Forscherteam neue Erkenntnisse. Diese liessen Rückschlüsse auf die vor 18 Jahren grassierende SARSr-CoV  Epidemie zu und vermutete als Virenträger Fledermäuse. Zu diesem Zeitpunkt gab es 198 klinische belegte Fälle mit drei Todesfällen.

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Ein Name fehlt in der Liste der Forscher. Dr. Li Wenliang hatte am 30. Dezember seine Kollegen – er selber war Augenarzt – vor dem möglichen Ausbruch einer Krankheit, die ihn an SARS erinnerte. Der private Aufruf, sich zu schützen, geriet in die falschen Kanäle. Er wurde gezwungen, eine Selbstanklage wegen Unruhestiftung und falschen Behauptungen zu unterschreiben. Anfang Februar infizierte er sich selber bei einem Patienten und verstarb am 7. Februar. Eine der letzten Kritiken, die er an die chinesische Regierung richtete, lautet: «Falls von offizieller Seite eher Informationen über die Epidemie veröffentlicht worden wären, bin ich sicher, dass es viel besser gewesen wäre. Es sollte mehr Offentheit und Transparenz geben»  

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EL AL entschied bereits am 30. Januar, sämtliche Flüge nach Peking einzustellen. Am 9. Februar wurden alle Flüge nach Hong Kong eingestellt, am 3. März folgte Bangkok und Tokio. Bereits seit Ende Februar flog die Tochtergesellschaft Sun d’or die Ziele in Italien nicht mehr an.

Und trotzdem, auf einmal wurden wir überrascht.

Ab 5. März hatte die Lufthansa Gruppe, und damit auch die Swiss ihre Flüge nach Israel gestoppt. Unsere Tickets schienen auf einmal fast wertlos. Ein Lichtblick: EL AL übernahm die Flüge und damit auch die Tickets.

Ab 15. März gab es keine direkten Flüge mehr. Zunächst gab es noch Alternativen. Tel Aviv – Warschau – Zürich. Oder Tel Aviv – Paris und dann weiter mit dem TGV nach Zürich. Dann gingen die innereuropäischen Grenzen im Schengenland zu. Und das hiess für uns, nichts geht mehr.

Auf einmal war es klar: Wir leben auf einer Insel. Auf einer Insel ohne Verbindung zur Aussenwelt. Die Grenzen im Norden, Süden und Osten waren dicht. Lange schon. Seit Jahren. Eigentlich seit der Gründung unseres Staates. Nur die Grenze nach Westen war die, die immer offen war. Die über die Startbahn des Ben-Gurion-Flughafens Richtung Mittelmeer. Selbst in Kriegszeiten, und davon hatte es hier viele gegeben, war dieser Weg immer offen gewesen. Selbst heftiger Direktbeschuss aus Gaza im Jahr 2014 hatte nur zu einer Änderung der AN- und Abflugroute geführt. Auch die auf Tel Aviv abgefeuerten Scud-Raketen konnten 1991 keine Schliessung des Flughafens erzwingen.  Bis heute, aber nun war auch der gesperrt.

Schiffe mit Personentransport gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr. Die letzten Personentransporte auf überfüllten Schiffen gab es zu Zeiten der grossen Einwanderungswellen. Manchmal mit Duldung der Briten. Einige Einwanderer hatten weniger Glück und wurden nach Zypern in Auffanglager geschickt. Immer aber waren es Einwanderer, die es als grosses Glück empfanden, wenn sie morgens bei der Einfahrt nach Haifa die Hügel des Carmel Gebirges im Dunst erkennen. Moderne Einwanderer, Touristen auf ihren Kreuzfahrtschiffen, können heute bereits lange vor ihrer Ankunft die Gärten des Bahá’í  bewundern.

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Wir wollten aber auswandern. Nun ja, nicht wirklich, aber immerhin ausreisen. Stattdessen leben wir seither auf einer Insel.

Und nicht nur das. Die Insel, die uns allen zugestanden wurde, ist sehr, sehr klein.

Erstmals wurde mir bewusst, dass ich mit 65 Jahren zu «den Alten» gehöre. Zu einer aussterbenden Spezies, die vor dem Corona Virus geschützt werden musste. Und die in die eigenen vier Wände verbannt werden musste. Die nicht krank werden durfte. Die keine Ansprüche mehr stellen durfte. Nicht mehr an das Gesundheitssystem, nicht mehr an die moralischen Werte der Gesellschaft. Die gefälligst nach dem Motto zu leben hatte: Schau, dass du daheimbleibst und gesund bleibst. Solltest du am Virus erkranken, wirst du ganz am Ende der Reihe derer stehen, die behandelt werden dürfen.

Die westlichen Länder verkündeten alle ohne Ausnahme, dass es viel zu wenig Intensivbetten gäbe, um alle Erkrankten zu betreuen, zu wenig Beatmungsgeräte, um den Schwerkranken zu helfen. Wir haben es geglaubt. Und doch, es gab nach einigen Wochen Zahlen, die belegten, dass es sowohl mehr als genug Intensivbetten gab und vor allem mehr als genug Beatmungsgeräte. Und wir begannen, die Informationen zu hinterfragen.

Wir haben uns bemüht, alles zu tun, um das Leben so gut wie möglich aufrecht zu erhalten.  Wir haben versucht, es zu strukturieren. Morgens aufzustehen, zu frühstücken, Haus und Garten zu pflegen.

Den Einkauf über einen Lieferdienst zu organisieren. Die Lieferung einfach mit einem fröhlichen «Danke» zu quittieren, wenn der Fahrer klingelte, um mitzuteilen, dass er alles ablegt hatte. Es klaglos hinzunehmen, wenn die bestellte Ware nicht immer mit der gelieferten überbeinstimmte. Auch die Blumen für Schabbat werden pünktlich abgegeben, liebevoll von unserer bildhübschen Aviva im Blumengeschäft ausgesucht.

100 m laufen, die Masken stets vor Mund und Nase haben. Sich ärgern, dass Parks und Strände gesperrt sind.

Mittagspause, Nachmittags Café, Abendessen, Fernsehen.

Und dazwischen ganz viele Telefonate, WhatsApp und Mails. Irgendwann wird klar, diese uns aufgedrückte Isolation hat auch ihr Gutes. Wir kommunizieren viel und ausgiebig miteinander. Wir lassen uns einfach nicht unterkriegen!

Seit einigen Tagen dürfen wir Hoffnung schöpfen. Es scheint, als würde nun alles langsam wieder besser werden.

Und darauf hoffen, dass die Zahl der Genesenden die der Neuerkrankungen deutlich übersteigt. Dass die Zahl der Toten deutlich zurückgeht.

Darauf hoffen, dass wir irgendwann wieder von unserer Insel befreit werden.

Einer Insel, die soeben 72 Jahre alt wurde. Eine Insel, die wir lieben und die die einzige ist, die wir haben. Israel.

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

 

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Die vierten Wahlen scheinen vorerst abgesagt

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Nach zähen Verhandlungen, sich grundsätzlich widersprechenden Pressemeldungen, Anschuldigungen und Unterstellungen haben sich nun der geschäftsführende PM Benjamin Netanyahu und sein designierter Vize PM Beni Gantz auf so etwas wie einen möglichen Koalitionsvertrag geeinigt.

Ob aus diesem Vertrag wirklich eine Regierung entsteht, werden die kommenden Tage zeigen. Noch wurden nicht alle Ministerposten bekanntgegeben. Es wird also sicher noch die eine oder andere zähe Verhandlungen mit den „natürlichen Partnern“ von Likud geben.

Erst dann, wenn alle Forderungen, Wünsche und Vorstellungen der jeweiligen Parteichefs erfüllt sind, wird sich herausstellen, ob tatsächlich eine Mehrheit von mindestens 61 Plätzen in der Knesset gegeben ist.

Fest scheinen folgende Eckpunkte zu stehen:

1. Netanyahu übernimmt für 18 Monate das Amt des PM, während Gantz das Amt des stellvertretenden PM innehat.

2. Im Oktober 2021 wird die vereinbarte Rochade vollzogen.

3. Sollte Netanyahu die Position zu einem früheren Zeitpunkt verlassen (müssen), übernimmt Gantz ab diesem Zeitpunkt das Amt als PM.

4. Der von Präs. Trump initiierte „Friedensplan“, sowie die damit verbundene Souveränität Israels in grossen Teilen von Judäa und Samaria werden im Juli umgesetzt. Hierzu müssen zuvor die endgültigen Karten erstellt werden.

5. Sowohl Netanyahu, als auch Gantz haben Anspruch auf eine Dienstvilla, welche vom Staat finanziert wird.

6. Folgende Ministerien sind bereits benannt:

    1. Likud
      1. Finanzen
      2. Gesundheit
      3. Innere Sicherheit
      4. Bauwesen
      5. Transport
      6. Erziehung
      7. Inneres
      8. Umweltschutz
      9. Energie
      10. Jerusalem
  1. Blau-Weiss
    1. Verteidigung
    2. Aussenamt
    3. Justiz
    4. Wirtschaft
    5. Kommunikation
    6. Kultur und Sport
    7. Soziales
    8. Immigration
    9. Tourismus
    10. Soziale Gleichstellung
    11. Diaspora
    12. Landwirtschaft
    13. Strategie

 

7. Die 36 Ministerposten und die 16 Stellvertreter werden jeweils zu 50% von Likud und Blau-Weiss übernommen werden. Schon jetzt zeichnet sich bei den kleinen „natürlichen“ Partnern eine teilweise grosse Unzufriedenheit aus.

8. Das Verteidigungsministerium wird von Beni Gantz übernommen, den Posten des Verteidigungsministers erhält Gabi Ashkenazi. Avi Nissenkorn wird neuer Justizminister.

9. Für heftige Kritik seitens der Opposition sorgt die Zusammensetzung des „Judicial Appointments Committee». Obwohl das Justizministerium in den Händen von Blau-Weiss liegt, bestand Netanyahu auf einem Vetorecht seiner Partei in diesem Gremium. Es ist für die Bestellung von Richtern zuständig, und daher in seiner aktuellen persönlichen Situation für Netanyahu von grösster persönlicher

10. Sollte der oberste Gerichtshof entscheiden, dass Netanyahu auf Grund der gegen ihn erhobenen Anklagen nicht als PM fungieren darf, so wäre es durchaus denkbar, dass Gantz für die gesamte Regierungszeit PM wäre. Um dies mit allen Mitteln zu verhindern, strebte Netanyahu eine rechtliche Garantie an, die dies verhindern würde. Diese Garantie kam nicht zustande. Stattdessen steht nun eine Vereinbarung, dass in diesem Fall Neuwahlen eingeleitet werden würden.

Unterschrieben werden soll das Papier nach Yom HaAtzma’ut, der in der kommenden Woche am 29. April 2020 stattfindet.  Bis dahin wird sich entscheiden müssen, ob es eine Mehrheit in der Knesset geben wird.

Oder ob Netanyahu erneut einen Grund findet, alles heute Besprochene wieder aufzugeben.

Dann käme es zu Neuwahlen am 4. August. Zeit genug für ihn, weitere Auswege aus den drohenden Gerichtsverhandlungen zu finden.

 

© esther scheiner, israel

 

 

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Eine sehr persönliche Haggadah

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Unser Rabbiner Elisha Wolfin hat diesen Brief für seinen 12 jährigen Sohn Jonathan geschrieben.

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Was werden wir unseren Kindern in diesem Jahr erzählen?

Welche Haggadah werden wir heute Abend auf unseren Tisch legen? („Haggadah“ bedeutet Erzählung)

Jedes Pessachfest muss sich auf eine spezielle Geschichte beziehen, die wir erzählen, die zentrale Mitzwah dieses Feiertages lautet „Und du sollst deinen Kindern an diesem Tage erzählen..“

Also, was sollen wir ihnen in diesem Jahr erzählen?

Dieses Jahr war ich mit putzen beschäftigt, leitete zahllose Zoom Treffen und Vorlesungen und hielt die notwendigen Sicherheitsvorgaben ein. Und ich entschied mich, ihm zu erzählen, dass Ägypten und der Pharao nur in unseren Köpfen existiert, ebenso wie Chametz. (Das Gesäuerte, das wir vor Pessach penibel aus unserem Haus verbannen!)

Aber ich denke, er ist noch nicht ganz so weit, sich das anzuhören, und er hat ganz sicher nicht die Geduld, seinem philosophierenden Vater zuzuhören. Deshalb habe ich mich entschieden, ihm eine kurze Haggadah zu schreiben, vom Vater zum Sohn, diese in einer virtuellen Cloud abzuspeichern und zu zu hoffen, dass diese nicht verschwindet, so dass er sie lesen kann,  wenn er dazu breit ist.

Mein lieber Sohn

Ich schreibe dir kurz vor Beginn des Pessachfestes 2020.

Ich weiss, du bist noch nicht soweit, mir jetzt zuzuhören (kannst du dich an dein 12.Lebensjahr erinnern?), deshalb stelle ich mir vor, dass du diese Haggadah im Jahr 2050 von irgendeinem Speichermedium herunterladen wirst. Vielleicht klingt dann irgendetwas in dir an, vielleicht auch nicht. Wie auch immer, du sollst wissen, dass ich dich immer liebe.

Eines Tages wirst du deinen Kindern erzählen, was im Jahr 2020 geschehen ist, als du ein Jugendlicher warst. Du wirst ihnen erzählen, dass ein Virus unser Leben massiv beeinflusst hat, und dass von Heute auf Morgen alles anders war. Du wirst ihnen erzählen, wie eine neue und bessere Welt als Folge dieser Plage erwachsen ist.

Ganz tief in deinem Innern wirst du aber wissen, dass die Geschichte in Wirklichkeit ganz, ganz anders war. Du wirst ihnen nur erzählen, was in der Welt um dich herum passiert ist, und das ist gut so, denn das ist es, was sie in der Lage sein werden zu hören. Nur tief innen in dir, wirst du dich viel genauer erinnern.

Aber lass uns ins Hier und Jetzt zurückkehren, denn das ist es, was wir haben.

Draussen, wie ich sagte, bestimmt eine Plage weite Teile unseres Lebens. Es ist mehr oder weniger auf unsere Wohnungen und Häuser reduziert.

Lass uns einen gedanklichen Ausflug machen in die Welt der Philosophie. Was passiert in Tat und Wahrheit gerade jetzt dort draussen?

Die Antwort, mein lieber Sohn ist, dass ich keine Ahnung habe. Und das nicht nur, weil ich daheim festsitze.

Wir wissen niemals wirklich, was draussen geschieht und was das Produkt unseres grandiosen Vorstellungsvermögens ist.

Vielleicht weiss man im Jahr 2050, wenn du diesen Brief lesen wirst, viel mehr über das menschliche Gehirn. Heute, im Jahr 2020 ist es immer noch ein grosses Geheimnis. Aber ich habe den Verdacht, dass auch deine Generation immer noch nicht klar erkennen kann, was «draussen» ist, und was ihr durch euer Vorstellungsvermögen nach aussen projizieren und das dann «Realität» nennen werdet.

Ich weiss, dass «Aussen» schaut sehr real aus und fühlt sich auch so an. Es scheint sehr überzeugend zu sein, sehr wahr und sehr logisch.

Aber, mein lieber Sohn, ich bin davon ganz und gar nicht überzeugt!

Erinnerst du dich noch an den Bildschirm, den du so sehr geliebt hast? An alle Computerspiele und Filme? Alles sah so real aus, so aufregend! Aber wohin verschwand alles, wenn du den Bildschirm ausgeschaltet hast?

Und die Wirklichkeit, wohin entschwindet sie, wenn du schläfst? Wo sind deine Probleme und dein Leid, wenn du glücklich und zufrieden bist? Oder umgekehrt: Wohin verschwinden alle guten Gefühle, wenn du plötzlich verärgert und irritiert bist. Dabei waren sie unmittelbar zuvor noch hier.

Weisst du, wie ein riesengrosser Elefant trainiert wird? Wie er in «Ägypten» versklavt wird mit der Androhung, nie, nie wieder frei zu kommen? Das erreicht man indem man ihn genauso trainiert, wie du und ich und jeder andere trainiert wurden (Ich weiss nicht, ob dies ein Mythos ist, aber als Metapher ist es perfekt). Ab frühester Kindheit, wenn der Elefant noch sehr klein und herzig ist, wird er mit einem Seil an einem kleinen Pfosten festgebunden. Innerhalb kürzester Zeit hat er verstanden, dass er sich nicht von der Stelle wegbewegen kann. «So ist es eben» wird er zu sich selber sagen. Wenn er dann gross und stark ist – viel grösser und stärker, als du und ich es jemals sein werden, und viel stärker, als das Seil und der Pfosten – wird er sich trotzdem nicht von der Stelle wegbewegen. Ein dünnes Seil und ein schwacher Pfosten halten in an dieser Stelle fest. In seinem Ägypten.

Dem Ägypten, das in unseren Köpfen ist.

Die Tradition verlangt, dass ich dir, meinem Sohn erzähle, dass deine Vorfahren von Pharao in Ägypten versklavt waren. Sie wussten nicht, dass es irgendeine Alternative gab. Das war ihre Realität. «Das ist eben so.» sagten sie ihren Kindern von Generation zu Generation. Bis einer von ihnen eine andere Erziehung, eine königliche Erziehung genossen hatte. Er kannte weder Seile noch Pfosten. Und er hatte eine andere Stimme gehört, eine die ganze Welten erschaffen kann. Diese Stimme benannte sich selber:

«Ehiye asher ehiye»

אֶהְיֶה אֲשֶׁר אֶהְיֶה

«Ich bin der, den du in mir siehst.  Ich bin der, der es mir ermöglicht alles zu tun, von dem du glaubst, dass ich es kann.»

Diese Stimme veränderte alles. Sie veränderte die Geschichte. Sie veränderte die Welt. Sie veränderte die westliche Kultur. Und sie wird auch dich verändern.

Mein süsser Junge, Ägypten ist das Seil und der Pfosten, die in deinem und auch in meinem Kopf sind.

Ich werden dir jetzt nicht erzählen, dass es kein «Aussen» gibt. Es wird sehr viel dort geben, aber, um ehrlich zu sein, ich weiss nicht was.

Dein Vorstellungsvermögen ist so wunderbar und so kreativ, mein Sohn. Es ist nach dem Bild Gottes geschaffen! Es erschafft deine Welt jeden Tag aufs Neue. Es erschafft deine Welt in dir und projiziert sie dann auf Leinwand, die wir Realität nennen. (Erinnerst du dich, dass ich dir immer erklärt habe, dass der Bildschirm deiner Spielkonsole, die wir dir zum Geburtstag gekauft haben, nur ein müder Abklatsch des Bildschirmes der Realität ist?)

Jeder Mensch muss sich so sehen, als hätte er selbst Ägypten verlassen. Ägypten ist nicht (nur) eine historische Geschichte, die vor 3.500 Jahren stattfand. Ägypten ist das Seil und der Pfosten, der im Hier und Jetzt in deiner Vorstellung existiert. Ägypten ist deine Projizierung auf die Leinwand, die du Realität nennst.

Mein lieber Sohn, es ist so einfach! Du hast keine Ahnung, wie einfach es ist. Aber es ist auch sehr schwierig, weil es allem widerspricht, das zu glauben du gelernt hast. Wir haben dich gelehrt, dass das, was du auf dem «Bildschirm des Lebens» siehst, die Realität ist. Dass das wahr ist, echt, und objektiv. Und eben, dass es «aussen» ist. Wir haben dich gelehrt, dass alles, was du sehen, riechen, anfassen, kosten und hören kannst, sich dort befindet.
Heute, am ersten Abend des Pessach Festes 5780, möchte ich dir sagen, dass es nicht ganz so läuft (und überhaupt, wenn du dies in 30 Jahren lesen wirst… Diese Haggadah ist unverständlich, solange man nicht bereit dazu ist.)

Unsere Fähigkeit, Gedanken zu fassen, uns etwas vorzustellen, kreativ zu sein, all das ist ein wunderbares Geschenk, mein Sohn. Ein göttliches Geschenk. Die Frage ist, wie wir dieses Geschenk nutzen. Und da wir es nicht bei Amazon.com gekauft haben liegt dem Kauf eben auch keine Gebrauchsanweisung bei.

Eine Generation von Sklaven hat die nächste Generation von Sklaven sozalisiert … und Ägypten wurde seit unendlich langer Zeit von einer Generation der nächsten weitergegeben.

Aber dann, manchmal, kann eine andere Stimme aus der Dunkelheit unserer umwölkten Gedanken gehört werden.

Bitte, mein Liebling, nutze deine wunderbare Intuition, um sie zu hören.

Solange du diese Intuition spürst, wird auch Ägypten immer gegenwärtig sein. Es muss eine Rolle spielen und es spielt sie einfach brillant. Aber neben der Stimme des Pharaos gibt es immer eine zweite Stimme in dir. Immer! Es ist die göttliche Stimme aus dem brennenden Dornbusch, die die göttliche Nachricht überbringt: ««Ehiye asher ehiye». An den meisten Tagen wirst du nicht in der Lage sein, diese göttliche Stimme zu hören, weil die anderen Stimmen um dich herum viel lauter sein werden.

 Du musst wissen, dass ein Kampf immer abzuwägen versucht, zwischen der Stimme Ägyptens und der Stimme aus dem brennenden Dornbusch, weil genau darum geht es. Es wird Tage geben, an denen du der Stimme Pharaos glaubst und andere Tage, an denen die Stimme aus dem brennenden Busch überzeugender ist. Die Wahl, für die du dich entscheidest, wird immer die deine sein, auch wenn es nicht immer danach aussieht.

Ich bete, dass du dich erinnern wirst (auch wenn ich nicht da sein werde, um dich zu erinnern, aber dafür gibt es ja die «clouds»…), dass beide, Ägypten und der brennende Busch in deinen Gedanken präsent sein werden. Und wenn schwierige Tage kommen werden, und sie werden kommen, wirst du wissen, dass es tief in dir eine göttliche Stimme gibt, die Sklaven aus der Knebelung befreit und sicher zu einer inneren Freiheit bringen wird. Diese Stimme wird es immer geben. Spüre sie tief in dir auf.  Spüre sie, schmecke sie, höre sie. So wird sie deine lebendige Realität werden.

Immer, wenn du denkst, du kannst es nicht mehr ertrage, die Realität ist zu schwer für dich, erinnere dich an die Stimme, die das erste unserer Gebote sprach: «Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Land der Sklaverei. Du wirst keinen Gott ausser mir haben.»

Nach einer gewissen Zeit mit viel Erfahrung, mein Liebling – und das ist ein Versprechen! – wird sich die Wertigkeit der Stimmen in deinem Kopf ausgleichen. Die Stimme, die aus dem brennenden Dornbusch spricht – es ist die, die auch am Berg Sinai spricht – wird die zentrale Stimme deines Lebens sein, und die Stimme Pharaos wird verstummen.
Ich wünsche dir, dass die Realität, die du auf den Bildschirm projizierst, die Entscheidungen reflektiert, die du triffst, entsprechend den Stimmen, die du hörst. Ich wünsche für dich, dass sie alle gut für dich sein werden.

Oh ja, und das ist es, was du seinen Kindern auch sagen wirst. Das ist es, was wir sagen sollen!

Hab einen wunderbaren Feiertag, mein Liebling

Abba

 

© Elisha Wolfin, Israel – übersetzt von mir

 

 

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Aus der Not eine Tugend machen… die Kubatur des Eis

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Nach dem WC Papier wurden die Eier das zweite Opfer der Hamsterkäufe. Ja, richtig gelesen, simple Hühnereier. Von heute auf morgen waren auf einmal die Regale leer. Und blieben es auch für einige Tage. Die Hühner hatten entweder das Legen spontan eingestellt, oder es gab niemanden mehr, der sich in die Hühnerställe zu gehen traute. Vielleicht dachten sie an einen erneuten Ausbruch der Vogelgrippe H7N9, die im Jahr 2001, ebenfalls von China ausgehend zahlreiche Erkrankungen und Todesopfer forderte. Die Symptome sind denen von Covid-19 sehr ähnlich. Warum auch immer, es gab keine Eier mehr. Als die Regale wieder aufgefüllt waren, gab es eine Rationierung auf 1 Paket pro Person. Erstmals im Leben beneidete ich die kinderreichen Familien.

Food Passover Prep

Seder Platte

Des Rätsels Lösung scheinen die bevorstehenden Feiertage zu sein. Pessach beginnt am Abend des 8. Aprils und dauert bis zum Abend des 15. Aprils. Da ist der Bedarf an Eiern sehr hoch: hartgekochte Eier für die Sederplatte, zum Strecken von Gehackter Leber, als Verzierung von Gefilltem Fisch, für den Shabbat Eiersalat, rohe Eier für die obligatorischen Mazzeknödel in der Hühnersuppe … Ostern fällt auf den gleichen Zeitpunkt. Da wird gekocht und gebacken, was das Herz begehrt und dazu noch die unendlichen Mengen vor Ostereiern. Dass beide Termine zusammenfallen, ist eigentlich nicht besonderes, aber in Zeiten von Corona schalten manchen Konsumenten einfach das Hirn aus.

Zeit genug für mich, mir Gedanken zum Ei als solches, seine Form und seine Verpackung zu machen. Das wird mein kreativer Beitrag in Zeiten der unfreiwilligen Einkehr. Mein Projekt wird bahnbrechend sein und Eierindustrie revolutionieren.

Um meine Eier-Revolution zu erklären, muss man sich erst einmal vor Augen führen, wie so ein Hühnerei entsteht. Legehennen legen normalerweise pro Tag ein Ei, wobei es unerheblich ist, ob die Dotterkugel, sozusagen das Urei, befruchtet wird, oder nicht. Um den Dotter, oder falls befruchtet, den Embryo zu schützen, bildet sich auf dem Weg durch den Eileiter das Eiweiss, das diesen umhüllt und mit zwei Hagelschnüren im Gleichgewicht hält. Kurz bevor die Produktion der Kalkschale beginnt, umschliesst das Ei eine Eierschalenmembrane, also jenes feine Häutchen, das man beim pellen eines hartgekochten Eis gut erkennen kann. Junge, oder ältere Hennen kurz vor dem Ende ihrer Legezeit, aber auch Freilandhennen, die sich fast ausschliesslich von aufgefundenem Futter ernähren, können unter Kalkmangel leiden. In diesem Fall fehlt beim gelegten Ei die Kalkschale, das Ergebnis sind schalenlose Windeier. Ein Zufüttern von Kalzium und Vitamin D kann hier Abhilfe schaffen.

 

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Windei ohne Kalkschale

Beim gesund angelegten EI findet nun der letzte Prozess statt, die Kalkschale wird gebildet. Diese ist zwischen 0,2 und 0,4 mm dick, und besteht aus zwei Komponenten, den Kalkfäden im Inneren und den schindelförmig angelegten, beweglichen Schuppen aussen. Die für diesen aufwändigen Prozess notwendigen Kalkvorräte entnimmt die Henne ihrem Blut. Die ovale Form erhält das Ei durch spiralförmige Muskelbewegungen um den Eileiter.

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Körpereigene Kalkfäden

 

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Die beweglichen Kalkschuppen

Diese beiden Komponenten sind der Grund, warum Eier sehr robust sind, was Druckeinwirkungen von oben oder unten angeht. Wirkt vertikaler Druck auf das Ei ein, so wird dieser entlang der ovalen Schale abgeleitet. Verbindet man die Druckwege mit Pfeilen, so ergibt sich eine Fläche, das Kräfteparallelogramm. Auf Grund der perfekten ovalen Form ist die Druckeinwirkung auf die beiden mittleren Punkte gleich hoch, und heben sich somit auf.

Wie schaut überhaupt die reguläre Verpackung von Hühnereiern aus? Früher, noch in den 60er und 70er Jahren, haben wir damit unsere Partykeller „schalldicht“ gemacht. Hier bei uns gibt es sie überwiegend für 12 Eier mit der Standardabmessung 294 x 106 x 69 mm und geeignet für Eier in den Grössen S, M und L. Es ist aber festzuhalten, dass unsere Eier in Grösse L bestenfalls einem kleinen M in Europa entsprechen. Die Lieferkartons für den Lebensmittelhandel werden üblicherweise für 180 Eier, d.h. 5 Reihen à 3 Kartons/12 Eier angeboten. Eine ziemliche Platzverschwendung!  Was wäre, wenn Hühnereiner statt ihrer ovalen Form eine rechteckige aufweisen würden? Es würde doch so vieles vereinfachen!

Nachdem die Eier unmittelbar nach dem Legen durch präzise optisch-metrische Vermessung in die drei Verkaufsgruppen S, M und L eingeteilt werden, ist eine standardisierte Verpackung möglich. Somit können Transport und Lagerung effizienter gestaltet werden. Der sonst häufige Bruch von Eiern in der Verpackung fiele weg, indem der vertikal einwirkende Druck während des Transportes eliminiert wird.

Doch wie schafft man es, dem noch nicht gelegten Ei eine noch formbare Schale zu verpassen? Beim derzeitigen intra-gallinischen Produktionsprozess, der insgesamt bis zu 23 Stunden dauert, nimmt die Umkalkung allein fast 17 Stunden in Anspruch. Meine revolutionäre Verbesserung verringert diesen Prozess auf zwei bis Stunden. Die so gewonnene Ruhephase verbessert die Lebensbedingung und damit auch die Legequalität um ein Vielfaches.

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Latexfasern

Erreicht werden kann dies durch eine Beigabe von wenigen Prozent Latex vom Hevea brasiliensis, dem Kautschukbaum, in das Zusatzfutter. Die sehr langen Polymerketten ähneln denen der Kalkfäden und vermischen sich perfekt mit diesen. Unmittelbar nach dem Ende der Krafteinwirkung auf den Kautschuk kehrt dieser zu seiner ursprünglichen Form zurück. Die Elastizität des nun körpereignen Kautschuks übernimmt diese Eigenschaft problemlos. Jedoch bildet sich die endgültige Form erst heraus, wenn das Ei nach dem Legen bei einer Körpertemperatur von etwa 40°C für mehr als etwa 10 Minuten einer deutlichen Temperaturveränderung ausgesetzt wird.

Zum Ausbrüten von Eiern muss die Umgebungstemperatur bei mindestens 25°C liegen. Dies gewährleistet die Henne, indem sie das befruchtete Ei sofort nach dem Legen unter sich schiebt. Hier ist der Temperaturwechsel gewährleistet und das zu bebrütende Ei passt sich perfekt der Form der Mutterhenne an.

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Das moderne Brutnest mit Anflugstange, Sichtschutz und Belüftungsschlitzen

Für unbefruchtete, zum menschlichen Verzehr bestimmte Eier gilt, dass sie sofort abgekühlt werden, um eine normale Raumtemperatur zu erreichen. Es ist übrigens ein Irrglaube, dass Eier gekühlt aufbewahrt werden müssen, im Gegenteil, sind sie erst einmal auf Kühlschranktemperatur abgekühlt, sollten sie deutlich vor dem Ablaufdatum verarbeitet werden.

Während sie auf Raumtemperatur herabgekühlt werden, sollten sie bereits in die vorbereiteten Transportboxen verbracht werden. Für den «Verkauf ab Hof» oder den Verkauf auf dem Markt müssen jetzt keine speziellen Behälter mehr vorhanden sein, durch die rechteckige Form ist ein einfaches Stapeln problemlos möglich.

Sobald das Ei durch den Letztverbraucher aufgeschlagen wird, kann man es, wie seit urewigen Zeiten bekannt, kochen, braten, rühren, pochieren… einzig beim hartgekochten Ei wird man sich an eine neue Form gewöhnen müssen.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen! Bei dieser neuen und wirklich revolutionären Art der Eierproduktion gibt es noch einen Vorteil. Der seltsame, etwa unangenehme Geruch nach Schwefel, der auftritt, wenn man Eier mit Silberlöffeln ist, fällt ab sofort auch weg. Die winzigen Teile von Schwefelwasserstoff, die im Eiweiss enthalten sind werden vom hinzugefügten Naturkautschuk zur Vulkanisation verwendet.

P.S. In den USA ist das der neueste Hit der Hamsterkäufe!

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

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Wir scheinen eine Regierung zu bekommen. Regierung???

 

Vorgestern, am Mittwoch, 25. März schlugen die Wellen in der leeren Knesset meterhoch über den Köpfen der nicht anwesenden Abgeordneten zusammen.

Yuli Edelstein, der 2013 letztmals gewählte Knessetsprecher verharrte mit der „geschäftsführenden Regierung“ weiter auf seinem virtuellen Sessel in der Knesset. Er befand sich damit in bester Gesellschaft. Dann entzog er sich einer Anordnung des Obergerichtes, das ihn dringend aufforderte, bis spätestens Donnerstagnachmittag einer Neuwahl zuzustimmen. Nachdem zu dem Zeitpunkt die Parteien um Blau-Weiss noch über eine Mehrheit von 62 Sitzen verfügten, wäre er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit abgewählt worden. Er zog es vor sich der Schmach zu entziehen, indem er zurücktrat.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Die Nummer 4 auf der Liste von Yair Lapid, Meir Cohen sollte die Nachfolge antreten. Lieberman, der sich einmal mehr als politisches Zünglein an der Waage verstand, unterstützte diesen Vorschlag. Er wollte damit verhindern, dass mit der Kandidatur von Benny Gantz weitere Koalitionsverhandlungen mit dem geschäftsführenden PM Netanyahu geführt würden. Er wollte nach wie vor eine neue Regierung ohne Netanyahu, ohne dessen „natürlichen Partner“ Aber, es kam alles ganz anders.

Auf einmal stand nur noch Benny Gantz zur Wahl. Und wurde gewählt. 74 Abgeordnete stimmten für ihn, 18 gegen ihn, 28 Abgeordnete blieben der Wahl fern. Und da sitzt er nun, in einem bequemen Sessel, das Hämmerchen in der Hand, den Staatspräsidenten neben sich und darf alles „ex cathedra“ alles verkünden, was wesentlich ist. Nicht so unfehlbar wie die Worte eines Papstes, aber doch bedeutend. Man kann auch sagen: Gantz, Sprecher von Bibis Gnaden.

Benny-Gantz-Knesset-Speaker

Glücklich schaut der nicht aus…..

Er wird ihn nicht lange innehaben, diesen Stuhl. Ist erst einmal die „Regierung“ geformt, so wird er, so scheint der Plan zu sein, für 18 Monate stellvertretender PM und gleichzeitig Aussenminister. Als dem regierenden Seniorpartner der „Regierung“ steht Likud dann die Wahl des Knessetsprechers zu. Mit 58 von 78 Stimmen ist es kein Geheimnis, wer auf Benny Gantz folgenden wird. Richtig, Yuli Edelstein!

Ich kann nicht nachvollziehen, noch nicht einmal vermuten, was Benny Gantz zu diesem Schritt brachte. Innerhalb von nicht einmal 24 Stunden stürmte der bis dahin scheinbar klare Gegner von PM Netanyahu in dessen weit offene Arme. Und opferte als Morgengabe mehr als 1 Million Wählerstimmen. Von Menschen, die nicht mehr von PM Netanyahu düpiert und verunsichert werden wollen. Von Wählern, die sicher waren, dass es gelingen könne, sich von diesem in Selbstherrlichkeit, Egomanie und Narzissmus erstarrten „Politiker“ zu befreien. Und die nun in einer Art Schockstarre verharren. Er rechtfertigte seinen Schritt mit der derzeitigen Corona Krise……

Die Zusammensetzung der neuen „Regierung“ lässt Schlimmes erwarten. Von den 78 Sitzen, die das ganze Konstrukt umfassen soll, sind 58 auf „Bibi & his croonies“ konzentriert. Die noch verbleibenden 20 werden von Benny Gantz‘ eigener Partei, sowie einigen Abgeordneten von Meretz ausgefüllt.

An Ministerposten sind derzeit für die Juniorpartner im Gespräch: Aussenminister, Verteidigungsminister, Justizminister und Wirtschaftsminister.  Das klingt nicht schlecht, wird sich aber unter dem Gesichtspunkt der Mehrheit bei allen Abstimmungen als handlungsunfähiges Konstrukt erweisen.

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In 18 Monaten, wird nach dem vereinbarten Rotationsprinzip die Rochade zwischen Bibi und Benny vollzogen. Gantz wird dann ein PM sein, der keine Mehrheit in seinem eigenen Haus haben wird. Das politische Abstellgleis ist schon für ihn bereitgestellt.

Einige Abgeordnete der rechtsaussen Yamina spucken Gift und Galle. Sie sind scheinbar die Bauernopfer auf dem Altar des geschäftsführenden PM Netanyahu. Ihre derzeitigen, nicht ganz unwichtigen Ministerportfolios wurden nach links Richtung Gantz verschoben. Von daher droht noch einiges an Ungemach zu kommen, bevor der Vertrag gesiegelt werden kann.

Schade, Benny Gantz hat mit diesem Schritt nicht nur sich selber als ernstzunehmender Politiker disqualifiziert, er hat auch seine besten Partner und Freunde verprellt. Blau-Weiss wird weiter bestehen, aber ohne ihn. Seine ehemaligen Partner haben sich enttäuscht und verbittert abgewandt. Und das, unpersönlicher geht es kaum, indem sie sich aus der parteiinternen WhatsApp Plattform verabschiedet haben.

Für den geschäftsführenden PM Netanyahu ist diese Situation die beste, die ihm passieren konnte. Bei der ersten Gelegenheit wird er entweder Gantz feuern, oder der wird resigniert aufgeben. Und das wird bereits in wenigen Wochen sein. Noch vor dem geplanten neuen Termin für die erste Gerichtsanhörung am 24. Mai. Vielleicht wird der Termin aber auch noch einmal verschoben. Dann hat der geschäftsführende PM noch ein wenig mehr Zeit für seine Ränkespiele. Und sobald Gantz weg vom politischen Fenster ist, hat er wieder freie Hand. Muss sich nicht mehr an irgendeine Abmachung halten.

Dann wird es, in Analogie zu Erdogan in der Türkei oder Putin is Russland heissen: „Bibi forever!!“

 

© esther scheiner, israel

 

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