Frieden ist ein schönes Wort, doch was bedeutet es eigentlich?

Im 3. Buch Moses (Vajikra 26:3-6) finden wir den Hinweis: «Wenn ihr in meinen Gesetzen gehen werdet, und meine Gebote hüten und sie ausüben werdet (…) Ich gebe Frieden im Land, ihr legt euch nieder und nichts stört eure Ruhe. Ich lasse wildes Tier aus dem Land schwinden und kein Schwert wird durch euer Land ziehen.» Rashi, einer der grössten Talmudgelehrten, schreibt in seinem Kommentar dazu: «Wenn es keinen Frieden gibt, habt ihr nichts. In dem Sinn, dass ihr möglicherweise alle Reichtümer dieser Welt habt, gutes Essen, ein schönes Haus und alles, was man mit Geld kaufen kann. Aber, wenn ihr keinen Frieden habt, ist das Alles nichts wert.»[1]

Eine andere spannende Interpretation dieses Wochenabschnittes habe ich von Bettina Spoerri gefunden.[2] Sie beschreibt den strikten «Wenn – Dann Aufbau» der Parascha Bechukotai (Vajikra 26: – 27:4) die durch mit einer Steigerung der Vergehen einen entsprechenden Bestrafungsmechanismus in Gang setzt. Es ist von der Eroberung des Landes durch Feinde, bis hin zur Zerstörung und Vertreibung aus dem Land die Rede. Der Lohn für ein von Gott gewolltes und gefordertes Wohlverhalten bleibt in den Ankündigungen klar hinter der Härte der Bestrafungen zurück. Irgendwann sind die Menschen sich selber und ihrer Angst überlassen. Sie fürchten sich weniger vor einer strafenden Instanz, als vor sich selber. Menschen, die auf Grund ihrer grenzenlosen Naivität aus dem Garten Eden vertrieben wurden, sind am Ende des Prozesses psychisch gereift, sie verfügen nun über ein strafendes «Ich», das wir bei Freud als «Über-Ich» kennengelernt haben. Erst in diesem Zustand tiefster Selbsterkenntnis können sie umkehren. Erst dann, wird aus dem strafenden «Wenn – Dann» wieder ein versöhnliches. Erst dann kann es wieder Raum für einen von innen kommenden Frieden geben. 

Der Friede beginnt im eigenen Hause. Der Weltfrieden beginnt mit dem inneren Frieden der Staaten. Im innerpolitischen geistigen Kampf um die Herrschaft muss die Gesinnung der Friedlosigkeit, die die Gewalt wollen würde, wenn sie nur könnte, verschwinden. Denn die Friedlosigkeit der Innenpolitik macht auch den Frieden in der Außenpolitik unmöglich. Karl Jaspers (1883-1969)

Johann Galtung (1971) «Positiver Frieden» Die Ziele des positiven Friedens sind zum einen der dauerhafte Frieden, Friedenssicherung und die friedvolle gewaltfreie Gesellschaft. Dieser Frieden kann allerdings nur durch Gerechtigkeit, durch Einhaltung von Menschenrechten, Versöhnung und Verständigung, Aufbauhilfen und Kriegsfolgebewältigung erreicht werden. «Negativer Frieden» Gemeint ist damit ein Frieden, der durch die Abwesenheit von direkter personaler Gewalt besteht, insbesondere der Abwesenheit von organisierter militärischer Gewaltanwendung. Die Ziele des negativen Friedens sind zum einen die Beendigung der gewaltförmigen Konfliktaustragung, Waffenstillstand/-ruhe, Friedensverträge und eine ständige Sicherheit für die Bevölkerung. 

Wenn man diese sehr unterschiedlichen Definitionen aus verschiedenen Epochen anschaut, so kann man daraus durchaus spannende Rückschlüsse ziehen. 

© https://www.i24news.tv/en/news/international/middle-east/158948-171030-new-west-bank-wall-mural-showing-netanyahu-trump-kissing-sparks-controversy

In den vergangenen Wochen wurde in israelischen Zeitungen immer wieder über «Friedensabkommen» gesprochen, die zwischen Israel und einigen arabischen Staaten, aber auch einem afrikanischen Staat abgeschlossen wurden. Den Vereinigten Arabischen Emiraten folgte Bahrain. Zur Vertragsunterzeichnung reiste PM Netanyahu selber in die USA. Er missachtete dabei völlig, dass dies die Aufgabe des Aussenministers gewesen wäre. Dessen OK holte er erst auf dem Flug ein. Mittlerweile wurden auch intensive Kontakte mit dem afrikanischen Staat Sudan geknüpft. Und aus den USA ist zu hören, dass es, entweder noch vor der Wahl am 3. November, oder unmittelbar danach «zehn weitere Verträge geben wird.» Von Oman ist die Rede, ein Staat mit dem der PM schon seit Langem gute Kontakte hat, aber auch von Saudi-Arabien. Trump träumt von weiteren 10 Staaten, von Kuwait, und sogar vom Iran: »Ich sehe eine Menge Staaten, die recht schnell kommen werden. Und wenn sie alle dabei sind, dann wird auch der Iran kommen. Es wird Frieden im Mittleren Osten sein. Das wird nett sein (sic!)»  [Diese prophetischen Worte stammen aus dem August!]

Und der Preis für all das? Bereits im August war es ein offenes Geheimnis, dass es beim Deal mit den VAE, der am 15. September in Washington mit grossem Brimborium unterschrieben wurde, um Waffen ging. Um den Verkauf von F-35 an die Scheichs aus dem Morgenland. Und um Geld! Kaum zu glauben, welche israelischen Investoren, Krankenhäuser, Banken und andere schon bereitstehen. Sie wittern das grosse Geschäft am Golf. Es kann ihnen gar nicht schnell genug gehen. 

Auch Katar und Saudi-Arabien haben bereits Interesse am F-35 angemeldet. Wenn doch der Iran auch ein Friedenskandidat ist, warum verkauft Trump dann nicht auch dorthin?

Und was ist der Preis für den Deal mit dem Sudan? Der Sudan, der bisher auf der Liste der «Terrorstaaten» gelistet war, wurde von den USA von dieser Liste gestrichen. Im Gegenzug hat der Sudan eine erkleckliche Summe an Entschädigungsgeldern an die USA gezahlt. Gelder, die den Familien zu Gute kommen sollen, die als US-Amerikaner Familienangehörige durch sudanesischen Terror verloren haben. 

Die Beachtung der Menschenrechte als Voraussetzung für Frieden findet man in allen vier oben genannten Denkansätzen. Wie schaut es mit der Einhaltung der Menschenrechte in den Staaten aus, mit denen Abkommen von Präs. Trump und seinem Adlatus Kushner einerseits, und PM Netanyahu andererseits ertrotzt wurden?

In den VAE gibt es keine nennenswerte Meinungsfreiheit, wer den Staat kritisiert, wandert ohne Prozess für Jahre ins Gefängnis. Wanderarbeiter, gleich welcher Herkunft, werden teilweise wie Sklaven gehalten. Ähnliches gilt auch für Hausangestellte. Dass auch Frauen in den VAE nach wie vor mit der vollen Härte der Scharia rechnen müssen, zeigt sich immer wieder dann, wenn eine Frau, auch wenn sie Touristin ist,  Anzeige wegen sexueller Belästigung machen will. Im Regelfall wird sie als Schuldige und damit zu Bestrafende angesehen. Meist bedeutet die Strafe den Tod.

Auch in Bahrain gilt die Scharia. In diesem autoritär regierten Land regelt sie vor allem das Leben von Frauen und Kindern. Obwohl der Staat die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO unterschrieb, kommt es immer wieder zu Übergriffen und Verhaftungen von Regierungskritikern. 

Im Sudan haben die verheerenden Zustände dazu geführt, dass Tausende von Menschen unter anderem auch nach Israel geflohen sind und nun hier in einer Zwischenwelt von Illegalität leben müssen. 

Sollten tatsächlich in absehbarer Zeit Saudi-Arabien und Katar in den illustren Kreis aufgenommen werden, so werden die Berichte über Verletzungen der Menschenrechte endlos sein. 

Ein abscheuliches Beispiel der besonderen Art leistete sich gerade Katar. Nachdem auf dem Flughafen von Doha auf einer öffentlichen Toilette ein neugeborenes Baby abgelegt und gottseidank gefunden wurde, liessen die Behörden eine startbereite Maschine der Qatar Air auf dem Rollfeld stehen. Die Frauen an Bord, darunter auch 13 Australierinnen auf dem Weg nach Hause, wurden zwangsweise gynäkologisch «untersucht». Die Frauen berichteten, sie seien nicht über das Vorgehen informiert worden. Man wollte damit versuchen, die Mutter des Neugeborenen zu finden. 

Frieden, so heisst es weiter oben, ist nur dann möglich, wenn auch der innere Frieden gewährleistet ist. In diesen Staaten ist das nicht der Fall. 

Das, was die USA uns als grossen Erfolg verkaufen will, in dessen Glanz sich auch unser PM gerne sonnt, ist nichts anderes, als ein Versuch Trumps, noch schnell ein paar Glitzersteinchen auf seinem Kopf zu sammeln, bevor vielleicht am kommenden Dienstag, dem 3. November, seine politische Zeit endgültig abgelaufen sein wird. 

Unser PM darf/muss aber noch eine Weile weiterregieren. Ob sein Über-Ich nach einer Wahlniederlage Trumps schon so erstarkt ist, dass er seine Fehler einsieht, muss die Zeit zeigen. Baruch Binah schreibt dazu in den ynet news«Der 3. November könnte sich als Beginn eines langen und dringend benötigten Reha-Prozesses für das internationale Ansehen des Landes [Israel] erweisen.(…) Trump wird von vielen als Israels ultimativer Freund angesehen, aber genau wie er es in den USA getan hat, hat er uns von der westlichen Gemeinschaft isoliert, zu der wir gehören.“

Statt falsche Glitzersteinchen anzusammeln und sie seiner Frau und seinen Anhängern als Morgengabe zu präsentieren, wird er sich in der Kunst des Antichambrierens üben müssen. Statt aufwändiger, prachtvoller Besuche und Empfänge wird er seine Zeit mit oft mühsamer politischer Arbeit verbringen müssen. Europa hat sich abgewandt, weil wir es links liegen gelassen haben. Nun gilt es, den Glanz des Morgenlandes einzutauschen gegen die Realität des winterkalten, Corona geplagten Europas. Israel muss wieder den Platz in der westlichen Welt einnehmen, den es einst hatte.

Sein Aussenminister Gabi Ashkenazi hat das schon vor Wochen erkannt. Er wird eingeladen und wahrgenommen als gern gesehener Partner. Wann immer unser PM (und immer mit seiner Ehefrau), in seiner Funktion als Aussenminister reiste, verlangte er das Protokoll, das einem PM, oder vielleicht auch einem König in spe zustand. 

Nun ist es an der Zeit, sich wieder in Demut auf das zu besinnen, was schon klügere Köpfe vor Netanyahu erkannten: „Ohne inneren Frieden ist alles nichts wert.“

© esther scheiner, israel


[1] Root, Connections in the Torah, Rabbi Tziv Matisyahu Abrahams, Mosaica Press 2018, S. 292

[2] Kol Ischa, Jüdische Frauen lesen die Tora, div. Herausgeberinnen, Chronos Verlag 2007, S. 175 ff

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Lockdown 1! – 2! – 3?

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König David, der im Jahr 1.000 BCE Jerusalem zur ersten und seither einzigen Hauptstadt der bis dahin zwei Königreiche Israel im Norden und Juda im Süden machte, war wirklich ein Mann, der das Multitasking perfekt beherrschte. Seinen eigentlichen Beruf als Krieger und Feldherr füllte er durchaus erfolgreich aus. In der Freizeit schrieb er 83 Psalmen, die heute noch ihren festen Platz sowohl in der jüdischen, als auch in der christlichen Tradition haben. Seine grösste persönliche Ambition mag aber das «Sammeln» von Ehefrauen gewesen sein. Er gewann die Damen seines Herzens nicht immer auf die feine Art. Besonders der Ehemann seiner letzten und achten Ehefrau Bathsheba, musste die Leidenschaft Davids mit seinem Leben bezahlen und fiel einem ziemlich gemeinem Kriegstrick zu Opfer. Wie er mit all dieser Umtriebigkeit noch Zeit zum Regieren gehabt hat, wird immer ein Mysterium bleiben. 

Ich will nicht so vermessen sein, unseren PM mit König David zu vergleichen, obwohl dieser Vergleich so weit hergeholt nicht ist. Immer wieder schallen neben den Protesthupen und «Protestgesängen» auch Stimmen, die lautstark «Melech Bibi, Melech Bibi», also König Bibi skandieren. Das wird ihm, wohlgeborgen hinter den dicken Mauern der Amtsvilla in Jerusalem, oder seiner Privatvilla in Caesarea, wohltuend in den Ohren klingen. Bestätigen sie ihn doch in seinem vielleicht insgeheim gehegten Traum, der neue König des modernen Israel zu werden. 

Und weil er das (noch) nicht ist und hoffentlich auch nie werden wird, muss er sich wohl oder übel manchmal mit seinem Kabinett einigen. Eine schwierige Aufgabe, die er im Zick-Zack-Kurs zu meistern  versucht. 

Am 10. Juli verkündete Gesundheitsminister Yuli Edelstein, dass ein zweiter Lockdown für Israel unvermeidlich sein würde. Dies, sobald die Zahl der täglich Neuerkrankten die magische Schallgrenze von 2.000 überschreiten würde. An jenem Tag wurden 1.441 neue Aktivfälle gemeldet. Ein neuer Lockdown war also nur mehr eine Frage der Zeit. Zwölf Tage später war es so weit, die magische Zahl «2.000» war erreicht. Und was geschah? Nichts. Auch, als in den folgenden Tagen dieser Grenzwert immer wieder einmal überschritten wurde, kam aus Jerusalem nichts. Ab dem 31. August stiegen die Zahlen stetig an, bis sie am 23. September den bisherigen Höchstwert von 11.316 erreichten. 

Am 1. Oktober, die Zahlen lagen im hohen 5-stelligen Bereich, kündigte der PM an, dass der Lockdown diesmal sehr langsam und sorgsam geplant beendet werden würde. Er könne «bis zu einem halben Jahr oder Jahr dauern.» 

An diesem Tag  veröffentlichte das Gesundheitsministerium einen 8-Stufen-Plan, der während vier Monaten einen sicheren Ausstieg aus dem Lockdown weitgehend sicherstellen sollte. 

  1. Ab 18. Oktober sollten die Vorschulen wiedereröffnet werden. Ebenso dürfte in Büros ohne Publikumsverkehr wieder gearbeitet werden. Das Verbot, sich mehr als einen Km von daheim zu entfernen würde aufgehoben. Dadurch wären auch wieder Demonstrationen möglich, die Strände könnten wieder geöffnet werden. Restaurants dürften wieder Take-out anbieten. Der Flugverkehr, der de facto wieder nahezu zum Erliegen gekommen war, würde wieder aufgenommen. Maximale Neuerkrankungen: 2.000 pro Tag
  2. Ab dem 1. November könnten die ersten vier Klassen zurück in die Schule  gerufen werden. Synagogen und alternative medizinische Angebote (Akkupunktur, Massage) dürften wieder angeboten werden. Maximale Neuerkrankungen 1.000 pro Tag
  3. Ab Mitte November könnten Einkaufszentren, Sportanlagen und Märkte wiedereröffnet werden. Maximale Neuerkrankungen 500 pro Tag
  4. Ab Ende November dürften Restaurants und Caféhäuser wieder Gäste empfangen. Freizeitparks könnten wieder ihre Tore öffnen.  Maximale Neuerkrankungen 250 pro Tag
  5. Mitte Dezember könnten Hotels und Pensionen wieder aufmachen. Schwimmbäder dürften wiedereröffnet werden.
  6. Ab Ende Dezember könnten wieder Museen und Unterhaltungseinrichtungen besucht werden. Gruppensport wäre wieder zulässig. 
  7. Um den 10. Januar begänne wieder der reguläre Schulunterricht für alle ab der vierten Klasse.
  8. Ab Ende Januar könnte es wieder Sportveranstaltungen mit Publikum geben. Clubs und Bars könnten als letzte wieder in Betrieb gehen.

Ein sehr durchdachter Plan, der wesentlich verantwortungsvoller ist, als der hirnlose Ausstieg im Frühjahr. «Wir wollen der Wirtschaft helfen, aber auch euer Leben einfacher machen. Es für euch möglich machen, wieder raus zu gehen, zur Normalität zurückzukehren, eine Tasse Café, oder ein Glas Bier zu trinken. Aber vor allem, Spass zu haben» Mit diesen Worten kündigte der PM am 26. Mai das Ende des ersten Lockdowns an. Seit dem 2. Mai lagen damals die täglichen Neuerkrankungen im niedrigen zweistelligen Bereich. Israel atmete auf. Zwar lag die Wirtschaft, vor allem die Tourismusbranche auf dem Bauch, es gab fast eine Million Arbeitslose, viele kleine Unternehmer sahen keine Chance mehr auf einen Neubeginn. Israel war einer der Musterschüler für die erfolgreiche Bekämpfung der heimtückischen Corona Pandemie.

Doch dann kam alles anders,  kam alles viel schlimmer, als wir es uns hatten vorstellen können. Und aus Jerusalem kam wieder nichts. 

Unser PM hatte andere Probleme. Die Proteste gegen ihn und seine Zick-Zack-Politik, seine Unentschlossenheit, gegen die fehlende Unterstützung der maroden Wirtschaft, gegen die fehlende Unterstützung der zahllosen Arbeitslosen entfachte die Wut der Bevölkerung. Aber, auf dem Ohr blieb er taub. 

Er focht stattdessen seine Überlebenskämpfe gegen die Koalitionspartner. Düpierte wiederholt die wichtigsten Regierungsmitglieder. Als er am 15. September nach Washington flog, um das «Abraham Abkommen» zu unterzeichnen, hatte er im Vorfeld die israelische Seele verkauft. Mit der Zusage über den Verkauf der F-35 an die Vereinigten Arabischen Emirate erkauften sich Trump und sein Zampano Netanyahu die Unterschrift der arabischen Scheichs zu einem Abkommen, das als «Friedensvertrag» kolportiert wird, de jure aber nur ein Abkommen über enge diplomatische Beziehungen darstellt. Weder der Verteidigungsminister Gantz, noch der Chef der IDF Kochavi waren über den Deal informiert. Dafür seine Parteigenossen. Auch wenn der PM  betont, der Deal sei erst nach der Unterzeichnung des Abkommens geschlossen worden, so konnte man darüber bereits vor einigen Wochen in der Zeitung lesen. Der PM bezeichnete diese Nachrichten damals als «fake news». Tja, Lügen haben eben kurze Beine. 

Seit der Sudan von Trump mit dazu gepresst wurde, ist das der Ausverkauf der israelischen Volksseele. Um den Preis der Macht, um den Preis des Glanzes, zum politischen Nutzen für den PM.

Unser PM hat die Bodenhaftung verloren. Auch die im Zusammenhang mit dem, was derzeit Israel am meisten durchrüttelt. 

Schön, die (Corona) Zahlen sprechen für sich. Sie sinken von Tag zu Tag. Seit fünf Tagen befinden sie sich «nur mehr» im dreistelligen Bereich. Die Feiertage liegen mehr als zwei Wochen zurück, Neuinfektionen sollten also keine signifikanten Änderungen och oben mehr zeigen.

Der PM möchte schon wieder alles öffnen den Fehler vom Frühling wiederholen. Unterstützt wird er dabei u.a. vom Erziehungsminister, seinem politischen Kumpan. Unsere Corona Spezialisten werden, wie seit Wochen schon, einfach überstimmt und ausgetrickst.

Wenn die Politik sich wieder den Haredis, der Wirtschaft und den Arbeitnehmervertretern beugt, dann werden wir noch vor dem Winter in den dritten Lockdown gehen. 

Eine Nachricht, die heute in der Zeitung zu lesen war, lässt das befürchten. Schüler der ersten vier Klassen könnten bereits ab Sonntag wieder nach einem ausgeklügelten System in den Schulen unterrichtet werden. Allerdings wären damit enorm hohe Kosten verbunden, über deren Finanzierung noch diskutiert werden muss. Auch eine vorzeitige Wiedereröffnung von Geschäften steht derzeit zur Diskussion. Und, scheinbar ein besonderes Anliegen des PM ist, dass Hotels in Eilat und am Toten Meer ebenfalls wieder Gäste empfangen dürfen. »Wir werden spezielle Arrangements für sie treffen, weil sie abseits und isoliert liegen. Das ist sehr wichtig für die Bewohner dieser Regionen. Und für die Bewohner Israels, die gerne an definierte, sichere Orte reisen möchten.» 

© esther scheiner, israel

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Zwei COVID-19 Patienten im Hadassah Spital in Jerusalem

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Hochzeit im Hadassah Spital am 20.10.2020 © ynetnews

Gestern am 18. Oktober 2020 fand eine denkwürdige Trauung in einem der Innenhöfe des weitläufigen Hadassah Spitals in Jerusalem statt. Eine Trauung ist immer eine emotionale Feier. Der Vater des Bräutigams, Mitglied einer ultra-orthodoxen Familie aus Arad ist seit September in der Corona-Isolationsstation hospitalisiert. Sein Zustand ist sehr besorgniserregend, er darf und kann das Bett nicht verlassen. Aber das Leben geht weiter. Gestern heiratete sein Sohn, und es war der grosse Wunsch aller, dass er an der Zeremonie teilhaben könnte. 

Die Familien des Brautpaares wandten sich an Yad Avraham und es gelang,  gemeinsam mit der Klinikverwaltung, den Ärzten und Pflegern, eine Hochzeit zu organisieren, an der der Vater, wenn auch von seinem Bett aus teilnehmen konnte.

Yad Avraham, eine medizinische Betreuungsorganisation, die mitten im ultra-orthodoxen Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim  angesiedelt ist, bekam auch ausserhalb dieser Kreise in den Jahren 2017 – 19 einige positive Aufmerksamkeit. In diesen Jahren, als es zu einer, sich rapide ausbreitenden Masern Epidemie kam, sorgte Rabbi Shimon Braun, einer der Leiter der Organisation dafür, dass 20.000 Kinder und Jugendliche in besonders gefährdeten Gebieten geimpft wurden und die Verbreitung so eingedämmt werden konnte. 

Dass gestern die strikten Vorschriften des Gesundheitsministeriums eingehalten werden mussten, stand ausser Diskussion. Statt einer, wie sonst in Israel üblich, grossen Hochzeitsgesellschaft wurde die Zahl der Teilnehmer drastisch reduziert. Die Hygienevorschriften wurden ebenso eingehalten, wie die Abstandregeln. 

Das Bett des 56-jährigen Vaters wurde ans Fenster geschoben, von wo aus er der Trauung seines Sohnes beiwohnen und die Genesungswünsche der Familie und Freunde entgegennehmen konnte. Sein Bett und das Fenster waren mit bunten Luftballonen dekoriert worden. 

Für das Brautpaar, die Familie und Freunde ein denkwürdiger Tag, den sie wohl nie mehr vergessen werden. Ich wünsche ihnen allen ein langes, gesundes Leben. 

Etwa zur gleichen Zeit wurde ein weiterer Patient im Hadassah Spital eingeliefert. Der Generalsekretär der PLO und Chefunterhändler (wobei mir unklar ist, um welche Verhandlungen es sich handelt, da diese seit Jahren von den Palästinensern auf Eis gelegt wurden), Saeb Erekat wurde hospitalisiert. Seine Tochter, eine Ärztin, sah sich nicht mehr im Stande, ihren Vater daheim in Jericho entsprechend zu behandeln. Erekat war Anfang Oktober positiv auf COVID-19 getestet worden und hatte sich seitdem in häuslicher Pflege befunden. 

Saeb Erekat © screenshot ToI

Nun hat sich sein Gesundheitszustand offensichtlich dramatisch verschlechtert. Die Ärzte zeigen sich, vor allem auf Grund seiner Vorerkrankungen sehr besorgt. Im Jahr 2017 hatte er sich in den USA einer Lungentransplantation unterzogen. Zur COVID-19 Erkrankung ist noch eine bakterielle Entzündung hinzugekommen. Es ist dies nicht die erste Behandlung Erekats in einem israelischen Spital. Bereits im Jahr 2017 war er in einem Spital in Tel Aviv stationär behandelt worden. 

Am Sonntag war Erekat von einem speziellen Fahrzeug des Magen David Adom mit einer Eskorte der IDF von seinem Haus abgeholt und nach Jerusalem gebracht worden. 

Entsprechend einem Sprecher der Fatah wurde er nicht auf Grund einer Corona Erkrankung, sondern auf Grund von Problemen mit der transplantierten Lunge eingeliefert. Das Hadassah Spital sei deswegen ausgesucht worden, weil es das nächst gelegene Krankenhaus mit einer speziellen Ausstattung sei. 

Auf Grund der aus medizinischer, aber auch politischer Sicht herausfordernden Situation, arbeiten die Ärzte des Hadassah Spitals bei der Betreuung von Erekat eng mit internationalen Kollegen zusammen.

© esther scheiner, israel

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Das Laubhüttenfest – Sukkot, der letzte Teil des Feiertagsmarathons

Gestern Abend, am Freitag 02.Oktober hat Sukkot begonnen. Mit Simchat Thora, dem Freudenfest der Thora endet dieses für mich fröhlichste Fest des jüdischen Jahreszyklus am Samstag, dem 10. Oktober abends. 

An Simchat Thora ist es Brauch, alle Anwesenden in der Synagoge in Gruppen zur Lesung der Thora aufzurufen. Also z.B. alle neuen Eltern, Grosseltern, Schwiegereltern, Universitätsabsolventen, Ehepaare, Menschen, die ein neues Heim bezogen haben, die Ideen sind nahezu unendlich. Simchat Thora war einer der zwei Tage, an denen ich aus der Thora vorgelesen habe und manchmal war der Platz um mich herum ziemlich voll. Aber ich habe es geliebt. 

Ein anderes, recht archaisch anmutende Ritual, das Schütteln des Lulav, entfiel heuer, weil der erste Feiertag auf den Schabbat fiel. In den orthodoxen Gemeinden finden auch an den Zwischenfeiertagen regelmässig Gottesdienste statt. Dort wird dann geschüttelt. Sofern man das Glück hatte, irgendwo einen Lulav erstehen zu können. In der Innenstadt, wo in «normalen» Jahren Jugendliche (natürlich nur Buben!) ihre Prachtstücke zum Verkauf anbieten, war der Verkauf in diesem Jahr verboten. Ich bin aber sicher, die Kaufwilligen werden ihre geheimen Quellen gehabt haben. 

Der Lulav steht als eine der «vier (Pflanzen)-Arten» für die Gesamtheit des Strausses, bestehend aus: einem Wedel der Dattelpalme (Lulav), zwei Zweigen der Bachweide (Aravot), mindestens drei Zweigen der Myrthe (Chadassim) und einer Zitrusfrucht (Etrog). Wie die Pflanzen beschaffen sein müssen und wie sie gebunden werden, dazu gibt es, wie könnte es anders sein, einige Vorschriften. Für den Etrog, der eine recht teure Frucht ist, gibt es teils wertvolle, kunstvoll gearbeitete Kästchen, teils aber auch nur die Verkaufsbox aus Kunststoff oder Pappe. Er muss aber immer und unbedingt vor Verletzungen geschützt werden. 

Geschüttelt wird in alle sechs (!) Richtungen: Nach Nord, Süd, West und Ost, nach oben und nach unten. Geschüttelt wird in der Synagoge, bzw. zu Zeiten von Corona auch an jedem anderen Ort im Freien, aber auch in der Sukka, der eigenen, oder in der, in der man zu Gast ist. Dabei wird der Lulav in einer bestimmten Art- und Weise, gemeinsam mit dem Etrog gehalten. Geschüttelt wird nicht «einfach so», sondern nach einer ganz bestimmten Vorgabe.

Geschüttelt werden darf auch immer nur der eigene Lulav. In unserer ehemaligen, modernen Gemeinde wurden die Lulavim jederzeit an diejenigen weitergereicht, die keine eigenen bei sich hatten.

An den Tagen zwischen dem ersten Tag von Sukkot und Simchat Thora nehmen Israelis, nicht nur religiösen Juden, wann immer es möglich ist, ihre Mahlzeiten in der Sukka, der Laubhütte ein. Nach 12 Jahren in Israel ist es uns heuer erstmals gelungen, eine Sukka unserer Nachbarn, auf unserem Grundstück zu haben. 

Private Sukka in einem Kibbuz im Norden Israels

Aber, wir dürfen unsere Nachbarn nicht dort besuchen, dürfen keinen Abend mit ihnen dort verbringen. Die strikten neuen Corona Regeln verbieten es, gemeinsam mit den Nachbarn in der Sukka zu sitzen. Die Strafe, die im Falle eines Verstosses verhängt wird, beträgt NIS 500, -was in etwa €  125,- entspricht.  Und das ist es nicht wert. Abgesehen davon, dass das Ansteckungsrisiko zu hoch ist.

Natürlich werden die strikten Vorschriften, die seit dem völligen Lockdown gelten, von einer grossen Bevölkerungsgruppe nicht eingehalten. Die immerhin etwas über 20% der jüdischen Gesamtbevölkerung, deren Spektrum von orthodox, über ultra-orthodox bis zu extrem-religiös reicht, folgt grossteils anderen Regeln. Leider liegt die Zahl der Corona Erkrankten in dieser Gruppe bei mehr als 40% der Gesamtzahl.

Natürlich sind in ihren Wohngebieten die Wohnungen zwar oft gross, aber wegen der grossen Kinderzahl trotzdem sehr beengt. So studieren sie tagtäglich in den Jeschiwot die Thora und den Talmud in traditioneller Weise. Meist zu viert um einen kleinen Tisch sitzend und heftig diskutierend. Viele der Jeschiwot sind arm, wenn sie nicht von Gönnern, zumeist aus den USA unterstützt werden. Entsprechend sind die baulichen und hygienischen Zustände. Einige dieser religiösen «Hochschulen» wurden deshalb auch schon vor Wochen von der Polizei geschlossen. Doch sie werden oft sofort woanders neu eröffnet, oft in Privathäusern, wo sie dann noch beengter sind. Plastiktrennscheiben haben oft nur rein symbolischen Nutzen, oder fehlen ganz. 

Eng bestuhlt, aber immerhin mit Plastikwänden und vor allem Masken / Photo by Yossi Zeliger/Flash90
Deutlich mehr Platz haben die Studenten in dieser Jeschiwa. Aber ohne Masken sind sie trotz der Plastikwände nur wenig geschützt. / Photo by Yossi Zeliger/Flash90

Oftmals werden sie von Oberrabinern angehalten, sich nicht an irgendwelche Vorgaben zu halten. Sie stellen eigene Regeln auf. Die skurrilste  Fragestellung, die hingebungsvoll diskutiert wurde, war, ob man am Schabbat und an den Feiertagen den kleinen Metallbügel der Maske über der Nase zusammendrücken dürfe. Oder, ob damit nicht schon eine Verletzung des Arbeitsverbotes vorliegen würde. Die Rabbiner dieser teilweise sektenähnlichen Gruppen, führen ihre Anhänger nahezu diktatorisch. 

Als zu Beginn der Pandemie im vergangenen Winter die Zahlen der Erkrankten in dieser Bevölkerungsgruppe dramatisch anstiegen, „rechtfertigte“ man dies damit, dass die Menschen dort fast keinen Zugang zu den allgemeinen Medien haben. Und deshalb auch «von Nichts etwas gewusst hätten». Stimmt, die Kommunikation läuft dort entweder von Mund zu Mund, oder durch Bekanntmachungen, die an den allgegenwärtigen Informationstafeln angebracht werden. 

Kurz vor Yom Kippur tauschen die Männer noch Neuigkeiten aus. Mea Shearim

Jetzt darf das aber nicht mehr als Rechtfertigung angesehen werden! Immerhin gehörte auch der ehemaligen Gesundheitsminister Ya’acov Litzman der zahlenmässig grossen Gruppe der Gerer Chassidin an. Es wäre wohl seine ureigene Aufgabe gewesen, sich um die Aufklärung seiner Glaubensgenossen zu kümmern, statt sich in sinnlosen Debatten gegen die medizinischen Fachleute zu stellen. 

Derzeit sind alle Schulen in Israel, nicht nur wegen des Lockdowns, sondern auch wegen der Feiertagsferien geschlossen. Das gilt auch für die Jeschiwot. Und so kehrten Tausende von Studenten vor Rosh Hashana zu ihren Familien zurück. Dies, und die Uneinsichtigkeit haben die Zahl der Erkrankten erneut in die Höhe schnellen lassen. Zahlreiche Orthodoxe, die nicht im Krankenhaus behandelt werden müssen, weil sie nur milde Symptome zeigen, haben darum angesucht, in einem der sogenannten «Corona Hotels» aufgenommen zu werden. Sowohl einfache Jugendherbergen, aber auch Hotels der 4* und 5* Kategorie wurden bereits im Frühjahr vom Militär übernommen und werden nun, entsprechend der Hygiene- und Gesundheitsvorgaben von ihnen geführt. 

Dort lässt es sich gut leben. Die Einschränkungen sind weitaus weniger scharf, als dann, wenn ein Kranker daheim in Quarantäne ist. 

Vielleicht die für diese Menschen wichtigste Erleichterung ist aber, dass sie ungehindert zusammen beten, aber auch feiern und essen dürfen! Das Einhalten von sozialer Distanz gilt in diesen Hotels nicht!

Die orthodoxe Welt lebt teilweise so, als wäre sie bei Pippi Langstrumpf in die Schule gegangen!

«Wir machen uns die Welt
Widdewidde wie sie uns gefällt …

(…)

Wer will’s von uns lernen ?
Alle groß und klein
trallalala lad‘ ich zu uns ein.»

Und so haben die Einwohner von Bnei Brak und anderer Wohnorte von Religiösen sich nun in den letzten Tagen darangemacht, sich Sukkot zu bauen, in denen bis zu tausend Menschen problemlos Platz finden können. Bisher hat die Polizei nichts gegen den Bau unternommen. 

Rege Bautätigkeit in Mea Shearim vor wenigen Tagen

Noch ist nichts fertig, aber….
…bald könnte es hier so aussehen, wir auf diesem Bild aus dem Jahr 2014

Ich getraue mich, die Vorhersage aufzustellen, dass die derzeit dramatischen Zahlen in Israel, die uns an die dritte Stelle der weitweiten per capita Erkrankungen katapultiert hat, erst dann signifikant sinken werden, wenn  es gelingt, diesen Sektor der israelischen Bevölkerung ausreichend zu motivieren, sich und andere zu schützen. 

Finde die 10 Fehler!! (Aus einer Feiertagszeitung einer jüdischen Gemeinde aus Zichron.)

© esther scheiner, israel

© Fotos und Screenshots: ToI, Wikipedia, Twitter

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Leben auf der Insel – Teil II

Vorgestern, am Freitag wurde ich 66 Jahre jung. 

Am gleichen Tag wurde «Enkel Nr 1», Jeremy 18 Jahre jung. Gestern setzte unsere Tochter  Tali den Geburtstagsreigen fort, zeitgleich mit Nichte Sharoni. Die beiden sind nur ein Jahr voneinander getrennt. 

Wir können nicht gemeinsam unseren Geburtstag feiern, weder hier, noch in Europa. Seit gestern befinden wir uns im zweiten, diesmal noch schärferen Lockdown.

Es tut mir weh, hören zu müssen, wenn Yannick, Enkel Nr. 4, uns zum widerholten Mal fragt, wann wir endlich wieder nach Zürich kommen.

Wir werden wieder auf einer Insel leben.

Die letzten Wochen waren,  na ja, nennen wir es abwechslungsreich. 

Während einer unglaublich kurzen Zeit habe ich ein «Blue toe» Syndrom entwickelt, das meinen linken grossen Zeh innerhalb von Tagen die Farbe von schweinchenrosa zu dunkelrot/dunkelblau  wechseln liess.

Die Einlieferung im Hadassa Spital in Jerusalem fand recht schnell statt, die notwendige OP, es sollte ein Stent  gesetzt werden, wurde auf Grund einer Nickel-Allergie verschoben. Die OP fand vier Tage später statt und verlief ohne Probleme. Drei Tage später wurde ich entlassen. Also, alles in allem ein zehntägiger Krankenhausaufenthalt. 

Wer immer vom phantastischen israelischen Gesundheitstourismus schwärmt, ich kann ihn nur bitten, alles, von dem er zu träumen scheint, zu vergessen. Es ist schlimmer, viel schlimmer, als man sich es denken kann! Die Zimmer sind ok, solange man sie für sich allein hat. (Ich hatte das unglaubliche Glück  bis auf eine Nacht und zwei halbe Tage allein zu sein!) Die Mahlzeiten sind mehr als dürftig, selbst bei niedrigsten Ansprüchen. Offensichtlich rechnet man damit, dass jeder Patient  von einem Verwandten begleitet, oder zumindest regelmässig von ihm besucht und mit Nahrung versehen wird. Ringsum wird geschmaust und  getrunken. Es ist eine wahre «Freude»! Ich musste mich allerdings mühsam auf den Weg in die angeschlossene Einkaufsmeile machen, um  mich zumindest mit Sodawasser zu versorgen. Und, ich gestehe es, mit einem vegetarischen Sandwich!

So sah ein „normales“ Frühstück aus, die Tomate und der Pfirsich waren steinhart
Und das ist das „liebevoll“ zubereitete Abendessen

Entlassen wurde ich mit der Aufforderung, mich nach zwei Wochen wieder in der Praxis in Haifa vorzustellen. 

Zu der Zeit hatte bereits die zweite, weitaus gefährlichere Corona Welle in Israel begonnen. Unser PM verkündete mantraartig, ab der Überschreitung von 2.000 Neuerkrankungen pro Tag das Land wieder in den Lockdown zu schicken. Diese Zahl wurde schnell erreicht. Doch Jerusalem blieb still. Nichts geschah. Ausser, dass man dort das tat, was man in den letzten Wochen und Monaten am besten zu tun verstanden hatte: Nachzudenken und zu überlegen, oder besser zu streiten, über was man nachdenken könnte. Die Regierung erwies sich immer mehr als ein Haufen von unfähigen Personen, die entweder über etwas sprachen, von dem sie keine Ahnung haben, oder versuchten sich mit politischen oder wirtschaftsfreundlichen Gefälligkeiten auf ihren Stühlen zu halten. Es gab keinerlei klare Entscheidungen. Es gab keine nachvollziehbaren Informationen. Es gab nur das seit Monaten bekannte Hin und Her. Eine verantwortungsvolle Politik und Regierung sieht anders aus!

Wir waren auf der Suche nach einer dringenden Weiterbehandlung meines Zehs, der zwar gute Fortschritte gemacht hatte, aber  noch einige Behandlungen erforderlich machte. Der behandelnde Arzt schlug vor, diese ambulant im Hadassa Spital  fortzusetzen. Nach Monaten der Isolation in unserem Haus nahmen wir die Gelegenheit wahr, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und buchten für eine Woche in unserem Lieblingshotel in Jerusalem. Von dort ist es eindeutig einfacher, morgens mit dem Taxi ins Spital und nach der Behandlung wieder zurück zu fahren und doch einige entspannte fast Ferientage dort zu verbringen. 

Die Idee war gut, wir konnten sogar liebe Freunde zu einem Abendessen im Restaurant treffen und genossen noch ein erholsames Wochenende. Das Hotel hielt sich vorbildlich an alle Hygienevorschriften. Obwohl, einen Anachronismus gab es, als uns am Schabbat Mittag der Mitarbeiter vor dem Eingang die obligatorische Messung des Fiebers verweigerte. «Ich bin religiös und darf den elektronischen Fiebermesser nicht benutzen. Bitte benutzt den Automaten hinter der Türe!» Kein Problem, aber es war seltsam, dass seine technische Ausstattung der der Wochentage entsprach: Handy, Waffe, Abwehrspray……

Doch dann kam die nächste erschreckende Meldung. Ab dem darauffolgenden Freitag, also ab Vorgestern, sollte das Land wieder in den Lockdown gehen. Zum zweiten Mal in diesem Jahr und angeblich noch strikter als im Frühjahr. 

Für mich hiess das: Keine weiteren Behandlungen mehr in Jerusalem. 

Und nun begann die Suche nach Alternativen. Wo immer wieder auch anfragten, es gab entweder keine Antwort (Rambam/Haifa, Laniado/Netanya, Elisha/Haifa), oder es gab diese Behandlung noch nicht (Herzliya), oder ich wurde, obwohl ich mich als Touristin anmelden wollte als Israelin erkannt und abgewiesen (Rambam international), oder man verlangte eine vorhergehende stationäre Einweisung (Hillel Jaffe/Hadera). Ein privates Aerztehaus in Hadera hüllte sich ebenfalls in Schweigen. Selbst der Hinweis darauf, auch sehr gerne als Privatpatientin die Behandlung zu bezahlen, öffnete keine Türe.

Ich spielte sogar die Möglichkeit durch, nach Zürich zu fliegen und dort die Behandlung fortzusetzen. Das wäre sicher eine der einfachen Möglichkeiten gewesen, wenn ich dort nicht zuerst in eine zehntägige Quarantäne hätte gehen müssen. Na ja, immerhin, in den eigenen Wänden mit Blick auf den Uetliberg!  Es war aber nicht die Quarantäne, die mich zögern liess, sondern die Angst, mich einen ganzen Tag  einer nicht abschätzbaren und unvermeidlichen Ansteckungsgefahr auszusetzen. 

Mittlerweile hat unsere Krankenkasse sich, nach anfänglichen Verzögerungen, die mich fast meinen Zeh gekostet hätten, bemüht. Ich kann nun, interessanterweise beim Gefässchirurgen, der auch im Aerztehaus in Hadera arbeitet, mit der Behandlung beginnen. 

Allerdings befinden wir uns mitten im Feiertagsmodus zwischen Rosh Hashana und Sukkot. Das geflügelte Wort bei allen Aktivitäten heisst hier: lifnei ha chagim (vor den Feiertagen) oder acherei ha chagim (nach den Feiertagen). Und für mich heiss das in meinem Fall, nach den Feiertagen. 

Seit vorgestern befindet sich das Land im  Lockdown. Die zuständigen Behörden haben beschlossen, dass wir uns – welch Zugeständnis – in einem Umkreis von 1000m von unserem Haus bewegen dürfen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Zunächst gelten die Vorschriften bis zum 10. Oktober, allerdings spricht man jetzt bereits von einer Verlängerung.

Der letzte Grosseinkauf in Mahane Yehuda, der Markt ist jetzt geschlossen

Physiotherapien sind mittlerweile als «ärztliche» Behandlungen anerkannt. Sie dürfen also weiter stattfinden. Im Frühling war das nicht der Fall. Meine Therapeutin hat mir eine entsprechende Bestätigung des Gesundheitsministeriums übermittelt, die ich bei Bedarf der Polizei vorzeigen kann. 

Der Ayalon in Tel Aviv ist verkehrsfrei

Auch unser Obst- und Gemüsemarkt darf weiterhin geöffnet bleiben. Ich bin gespannt, ob uns beim nächsten Besuch eine Streife anhalten wird.

Lebensmittel gibt es weiterhin vom Kibbuzlädele. Das klappt wunderbar, wenn die Lieferungen auch manchmal eine gewisse Flexibilität erfordern. Nicht immer entspricht das Gelieferte auch wirklich der Bestellung.

Der ehemalige unfähige Gesundheitsminister Yaakov Litzman, der zuletzt als ebenso unfähiger Minister für Bau- und Wohnungswesen in der Knesset sass, trat aus Protest zurück. Er wollte die notwendigen  Massnahmen im Kampf gegen Corona nicht akzeptieren. Diese hätten vor allem die Ultraorthodoxen darin gehindert, während der Feiertage und vor allem am morgigen Yom Kippur ihre Gottesdienste traditionell in den Synagogen abzuhalten. Fast alle anderen Gemeinden haben sich bemüht, alternative Möglichkeiten zu suchen. Und sie auch zu finden. Die Gottesdienste finden in Parks oder sogar auf Parkplätzen statt. Und wie gefordert, in kleinen Gruppen. 

Das klingt doch eigentlich alles so, als wäre es bestens geplant und organisiert!?

Auch in der Natur lässt es sich gut beten…..

Leider nein. In Jerusalem streiten sich die Koalitionsparteien Likud und Blau/Weiss darüber, ob die Demonstrationen, die seit Monaten gegen Netanyahu laufen, weiter abgehalten werden dürfen, oder wie man die Teilnahme beschränken kann.  Das ist doch lächerlich!! 

Für mich sind Demonstrationen ein klarer Ausdruck  von demokratischer Meinungsfreiheit. Aber in diesem Fall müssen sie auf eine andere Ebene gebracht werden, um die Ansteckung von Tausenden zu verhindern. Wir sassen heute vor zwei Wochen auf unserer Hotelterrasse in Jerusalem und konnten die Gesänge, Pfiffe und die Musik hören, die von der Balfour Street, dem Sitz des PM zu uns herüberschallten. Und über allem, am nachtblauen Himmel schwebte ein Fesselballon,  der die Ansammlung der Demonstranten filmte. Die Demonstrationen müssen beendet werden! Sie sind Hotspots, die nicht in den Griff gebracht werden können.

Auch gestern Abend gingen die Unbelehrbaren wieder zu Tausenden auf die Strasse. Ganz so, als gälten die strengen Richtlinien – es dürfen nur maximal 20 Personen an einer Demonstration teilnehmen – nicht für sie. Diese Demonstrationen bewirken nichts. Sie arten immer mehr zu laustarken Happenings aus. Das zeigte auch das gemeinsame «feierliche» Abendessen am  Neujahrsabend. Man sass an langen Tischen fröhlich feiernd auf den Gehsteigen vor der Residenz des PM. Für mich war das nichts anderes, als pure Idiotie und hatte mit einer politischen Demonstration nichts zu tun. 

Die grosse Party am Abend von Rosh Hashanah

Seit vorgestern ist auch nicht mehr ganz klar, wer noch ausreisen darf. Man sagt, dass alle die vor Freitag 14 Uhr ein Ticket gekauft haben, auch fliegen dürfen. Irgendwie klingt das doch idiotisch, welche Airline wird mit einer Minimalauslastung noch fliegen?

Israel wird wieder eine Insel werden. 

Wir müssen uns einrichten in unserem Kokon.  Wir  sind wieder so weit, wie wir im Frühling waren. 

Nein, falsch, wir befinden uns in einer weitaus schlimmeren Situation. Die Zahl der Infizierten pro 100.000 liegt mittlerweile an 6. Stelle weltweit.  Israel eine Gesundheitsfalle geworden. Ein Ende der schrecklichen Pandemie ist nicht absehbar. 

Schuld an diesem Desaster ist unsere Regierung, die uns selbstherrlich in die Katastrophe geführt hat, schuld daran ist unser PM, der nicht verstehen will und kann, dass er den falschen Stimmen folgt. 

Ich kann nur hoffen, dass Covid-19 uns irgendwann aus seinen Klauen entlassen wird. 

© esther scheiner, israel

© photos: screenshots ToI, Ynetnews und privat

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Shimon Shetreet, ein Leben im Dienste Israels

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Shimon Shetreet wurde am 1. März 1946 in Erfoud, einer Stadt im heutigen Marokko geboren. 

Seine Familie, Eltern und 11 Kinder, von denen er das neunte Kind war, streng religiöse Juden, wurden im Jahr 1949 Teil des grossen Exodus der jüdischen Bevölkerung aus ihren arabischen Heimatstaaten. Diese Ereignisse werden sowohl von den palästinensischen Politikern, als auch von der UNO bis heute totgeschwiegen. Jüdische Flüchtlinge aus arabischen Staaten wurden vom jungen Staat Israel aufgenommen und unter teils schwierigen Bedingungen integriert.  

Für sie wurde kein Flüchtlingswerk aufgebaut, wie es für die arabischen Flüchtlinge aus dem damaligen Palästina entstand. Die UNRWA unterstützt bis heute die völlig unangemessenen Forderungen der Nachkommen von arabischen Flüchtlingen und ignoriert völlig die Ansprüche der jüdischen Flüchtlinge. Bis heute gibt es keine Stimme für die Nachkommen dieser Bevölkerungsgruppe. 

Shimon war damals drei Jahre alt. 

Nach dem Besuch einer religiösen Grundschule besuchte er eine öffentliche weiterbildende Schule und studierte an den Nachmittagen an einer Yeshiwa. Dies ist eine religiöse Ausbildungsstätte für religiöse, männliche Juden, die sich ausschliesslich dem Studium von Torah und Talmud widmen. 

Im Alter von 13 Jahren, unmittelbar nach seiner Bar Mitzwa, gewann Shimon den ersten „Internationalen Jugend Bibel Contest“, der ein sehr umfangreiches Wissen in jüdischen Studien voraussetzt. Überreicht wurde ihm der Preis vom damaligen PM David Ben Gurion.

Ben Gurion sollte der erste der PM werden, zu denen Shimon eine langjährige Beziehung aufbauen konnte. Doch zunächst studierte er an der Hebräischen Universität in Jerusalem und schloss dort seine Studien 1968 mit dem Bachelor of Laws (LLB) und 1970 mit dem Master of Laws (LLM). Seinen „Doctor of Law“ erwarb er 1973 an der Universität von Chicago.  An der Hebräischen Universität in Jerusalem lehrte er als Professor für Rechtswissenschaften. In den kommenden Jahren arbeitete er an verschiedenen amerikanischen Universitäten. Darüber hinaus hielt er mehrere Gastprofessuren an britischen, amerikanischen und deutschen Universitäten. 

Seit 1988 suchte und fand er immer wieder den Weg in die nationale Politik. 1988 wurde er als Abgeordneter in die Knesset gewählt und wurde 1992 unter der Regierung von Yitzhak Rabin in mehreren Ministerämtern eingesetzt. Auch nach der Ermordung von Yitzhak Rabin verblieb er im Ministeramt, das er allerdings im Jahr 1996 verlor. Von 1999 bis 2003 bekleidete er das Amt des „Ersten stellvertretenden Bürgermeisters von Jerusalem“.

Das Ende einer politischen Karriere?

Nein, keinesfalls!

Bereits vor zwei Jahren, so erzählte er uns, hätte er beschlossen, für die Wahl zum Präsidenten im Jahr 2021 anzutreten. Für ihn ist die Wahl zum Präsidenten von Israel die Mission seines Lebens. Zahlreiche Jahre seines Lebens hat er, so erinnerte er sich, in hohen Positionen seinem Staat gedient. Nun sei es, so meinte er, an der Zeit, die Position des ersten Mannes im Staate anzustreben. Das erste Büro des Staates neu zu definieren. 

Wer im ersten Wahlgang gewinnen will, muss mindestens 61 Stimmen der Knesset auf sich vereinen. Ab dem zweiten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit.  Natürlich hoffen wir, dass der erste Wahlgang ein ausreichendes Ergebnis erbringen wird.

Shimon wird ein Präsident sein, der in der besten Tradition Israels steht. Seine Präsidentschaft wird eine Rückkehr zu den Werten Israels werden. 

Ein klares Bekenntnis zur alten Arbeiterpartei, die Israel in den ersten Jahren seiner Existenz stark gemacht hat. 

Ein Mann, der Freundschaften pflegt, die weit über die parteipolitischen Zwänge hinausgehen. Freundschaften, die auch jenseits von „Friedensverträgen“ bestehen. 

Shimon wird ein Präsident für alle Israelis sein. Berührungsängste sind ihm fremd. Er wird Israel nach aussen repräsentieren und nach innen befrieden. Ein Mann, der integer ist und nicht korrumpierbar. 

Ein Mann auf den wir in Israel schon lange gewartet haben. 

© esther scheiner, israel

© Fotos: mit freundlicher Bewilligung von Prof. Shimon Shetreet

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Tauwetter im Morgenland

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Es gibt Märchen, die nie wahr werden.

Es gibt Märchen, die werden wahr.

Aber die sind eindeutig so selten,  dass man sie für immer im Gedächtnis behalten muss. Zu oft ähneln sie einer Seifenblase, die zuerst winzig klein ist, nur ein kleiner Tropfen, und die dann langsam, langsam immer grösser wird, immer schillernder, bunter, prächtiger. Aber, und das weiss jedes Kind, irgendwann wird die Spannung zu gross und dann zerplatzt die Blase und hinterlässt nur einen kleinen, leicht klebrigen Fleck.

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Innsbruck Juli 2016 © e.s.

Um sie immer wieder anschauen zu können, für unser Gedächtnis zu bannen, muss man sie im richtigen Moment fotografieren. In all ihrer Schönheit. Dann, wenn sie ein ganzes, wenn auch kleines Universum in sich abbildet. Ein Stück Realität, gebannt in erfüllte Träume.

So ein Traum fand vor wenigen Tagen hier in Israel statt.

Die Normalisierung der Beziehung zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten sei vollzogen. So klang es.

Wirtschaftstreibende träumten schon davon, Niederlassungen in Abu Dhabi zu gründen, Reisebüros schnürten bereits Reisepakete in Zusammenarbeit mit Tukish Airways und Rixos Hotels, die ab Oktober buchbar sein werden. Bisher durften Israelis nur in die sieben Emirate an Persischen Golf einreisen, wenn sie über einen zweiten, quasi neutralen Pass verfügten. Die Zeit scheint bald vorbei zu sein und der israelische Reisepass wird voll anerkannt werden.

Die Verhandlungen unter der Schirmherrschaft von den USA haben schon vor Monaten begonnen. Weitere Teilnehmer an den Gesprächen seien neben PM Netanyahu und  Trumps Schwiegersohn, auch hochkarätige Regierungsvertreter der Emirate gewesen. Erstaunlich ist, dass von den Verhandlungen nichts nach aussen gedrungen ist.

Am Montag liess PM Netanyahu im Massenmedium Israel Hayom verlautbaren, er habe weder Gantz, noch FM Gabi Ashkenazi über die Vereinbarung informiert. Er hätte Angst gehabt, sie könnten etwas darüber ausplaudern. «Sie reden manchmal unkontrolliert mit Menschen, die ihnen nahestehen und so hätte diese Information nach aussen dringen können. Warum also sollte ich sie informieren? Ich habe mich damit schon seit Jahren befasst. Sie sind erst  seit zwei Monaten hier.»

Allein, dass er mit seinen zwei engsten Koalitionspartnern nicht über dieses für Israel doch so wichtige Thema gesprochen hat, lässt tief in das Vertrauen in sie blicken: Es ist schlicht und einfach nicht vorhanden! Für den PM gibt es keine Koalitionspartner, sondern nur Koalitionsfeinde.

Möglicherweise wäre er auch auf heftigen Gegenwind getroffen. Teil des Deals ist, dass die USA eine nicht näher genannte Zahl der hochmodernen F 35 Kampfflugzeuge an die VAE verkaufen wird. Diese F 35 sind das Herzstück der israelischen Luftwaffe. Eine so ausgerüstete arabische Luftwaffe würde das Ende der technischen Vorherrschaft Israels im Kriegsfall bedeuten. Präs. Trump sieht das allerdings sehr pragmatisch: «Sie haben das Geld und sie möchten einige F 35 bestellen. Das ist der grossartigste Jet auf der Welt, wie Sie wissen. Sie machen das ganz leise, ohne grosses Aufsehen. Sie möchten F 35 kaufen, schauen wir mal, was passiert. Wir prüfen das noch, aber sie haben einen Riesenschritt für den Frieden im Mittleren Osten gemacht.»

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Israelische F 35 © screenshot ToI

Präs. Trump ist rücksichtslos, wenn es darum geht das umfangreiche US-amerikanische Waffenangebot an den Mann zu bringen. Bei einem Treffen in Washington präsentiert er stolz eine Schautafel mit jenen Flugzeugen, Drohnen und Schiffen, die er dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman verkauft hat.

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Der Saudi-Arabische Deal © screenshot ynetnews

Am vergangenen Donnerstag, unmittelbar nachdem die geplante  Vereinbarung mit den VAE bekanntgemacht wurde, schickte Verteidigungsminister Gantz einen harschen Brief an PM Netanyahu und den Chef des Nationalen Sicherheitsrates, Meir Ben-Shabbat, dass die Verhandlungen bereits seit dem 2. Juli liefen, ohne ihn zu informieren. Die Gespräche mit dem Chef der Luftwaffe, Amikam Norkin, seien weder von ihm, noch vom IDF Chef Aviv Kohavi bewilligt worden. Immerhin gibt es ein seit 1973  (nach dem Ende des Yom Kippur Krieges) bestehendes Übereinkommen zwischen dem US Kongress und Israel, vor jedem Waffenverkauf die Position Israels zu überprüfen, um die notwendige Stärke der IDF in der Region nicht zu gefährden. Diese Übereinkunft ist seit 2008 in einem Gesetz festgeschrieben. Nur die Zusage, diesen Waffenkauf im Wert von mehreren Milliarden US$ abwickeln zu können, hätten, so eine allerdings anonyme Quelle die Verhandlungspartner erst dazu gebracht, sich für die Vereinbarungen bereit zu erklären.

Während PM Netanyahu diesen Bericht als «absolute Fehlmeldung» bezeichnete, räumten die USA immerhin ein, die Verhandlungen hätte durch diese Kaufzusage «neuen Schwung erhalten».

Der Aussenminister der VAE, Anwar Gargash formulierte seinen Kommentar etwas blumiger: „Die Kaufzusage ist nicht unmittelbarer Teil der Vereinbarung, aber diese sollte dazu beitragen, allfällige Hinderungsgründe für einen Kauf auszuschliessen. Die Idee eines Krieges, oder eines Krieges mit Israel ist vorbei, daher denke ich, dass es eigentlich einfacher sein sollte, den Kampfjet zu kaufen.“ Gantz merkte abschliessend in einem Gespräch mit der Presse an: „Der PM informierte mich erst, nachdem die Entscheidung gefallen war. Ich wusste also von Anfang an nicht, was vor sich ging. Ich denke, es war nicht korrekt, uns [die Koalitionspartner] nicht zu informieren. Ich weiss, dass ich nie im Leben etwas ausgeplaudert habe. Wenn ich eine Aussage machen will, dann rufe ich Sie, die Journalisten hierher. Ausplaudern gehört zu den Spielen von anderen.“

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Die israelischen und arabischen Außenminister Gabi Ashkenazi und Anwar Gargash © screenshot Haaretz

Auch Aussenminister Ashkenazi äusserte sein Befremden, dass er in dieser wichtigen Sache übergangen wurde und vor vollendet Tatsachen gestellt worden sei.

Ein weiterer grosser Traum, den PM Netanyahu träumt, ist die ausgedehnte Kultivierung des Negevs. Er geht davon aus, dass die Emirate ein grosses Interesse an der Investition in dieses Hoffnungsgebiet haben. Sowohl, was die Landwirtschaft, als auch, was die Solarenergie angeht.

Allerdings hat er eine bittere Pille schlucken müssen. Den ungeliebten und für Israel derzeit finanziell gar nicht tragbaren Plan der Annektierung von Teilen Samarias und Yehudas hat er auf  Eis legen müssen. Das ist zumindest seine Version. Seitens der Partner aus den Emiraten heisst es, die Aufgabe der Annektierungspläne sei eine conditio sine qua non, um überhaupt eine endgültige Übereinkunft zu ratifizieren. Die Emire verlangen, und das wird ebenfalls festgeschrieben, die Wiederaufnahme mit den Palästinensern. Aber, und das war nicht anders zu erwarten, von dort kommt wie üblich nur Ablehnung.

Wie brüchig die bestehende Koalition ist, zeigt sich in diesem Tagen immer wieder. Sollte es bis zum kommenden Montag, also bis morgen den 24. August kein Budget für die Jahre 2020/21 geben, so werden wir im November wieder an die Wahlurnen gerufen. Kränkungen, Beleidigungen, Missachtungen, wie diese sind bereits Teile der Wahlkampagne von PM Netanyahu. Nach diesem Deal glaubt er sich seiner Wiederwahl sicher und, gemeinsam mit Präs. Trump seinem grossen Wunschziel näher denn je: dem Friedensnobelpreis.

PM Netanyahu zeigt mehr und mehr autokratische Züge und vergisst, dass er kein alleinherrschender Staatsmann ist, sondern ein vom Volk gewählter (?) Diener des Volkes, ein primus inter pares.

In Israel gibt es Applaus, es gibt lauten Protest und es gibt beredtes Schweigen zu den ausgehandelten Inhalten.

Präs. Trump sieht das Abkommen schon im grösseren Rahmen, dem sich bald andere Staaten, wie auch Saudi-Arabien anschliessen werden. Ryiad hat aber schon abgewunken, ohne einen stabilen Frieden mit den palästinensischen Nachbarn geht bei ihnen gar nichts.

Aber, um es klar zu formulieren, bisher sind das alles nur Absichtserklärungen, die endgültige Formulierung des Vertrages muss erst von beiden Seiten ausgehandelt werden und soll in den nächsten Wochen in Washington unterzeichnet werden. Soll, sonst ist es eine Fata Morgana. Aber bis dahin fliesst noch sehr viel Wasser den Yarkon hinunter!

Ach ja, die neue Botschaft der VAE wird übrigens in Tel Aviv  angesiedelt sein und nicht in Jerusalem!

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wir sind das Volk!

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Zugegeben, Deutschland ist vielleicht nicht gerade das Land, das eine Vorbildfunktion für Israel hat. Auch nicht 75 Jahre nach Kriegsende und auch nicht, nachdem im Jahr 2008 Bundeskanzlerin Angela  Merkel anlässlich ihrer denkwürdigen Rede vor der Knesset «Die Sicherheit Israels zum Teil der Staatsraison Deutschlands» erhob.

Allerdings könnte es durchaus Vorbild für die frustrierte, enttäuschte und verarmte israelische Gesellschaft sein, was zwischen September 1989 und März 1990 in Leipzig und anderen Städten der damaligen DDR einen friedlichen politischen Umschwung herbeiführte. Mit der Parole «Wir sind das Volk!» forderten die Bürger bei Massenprotesten eine politische Neuordnung und Wiedereinführung der individuellen Bürgerrechte. Am 9. November 1989 hatte der Fall der Berliner Mauer bereits das nahe Ende der Diktatur im ehemals russisch besetzten Teil Deutschlands eingeläutet. Die Proteste endeten mit den ersten freien und gleichzeitig letzten Wahlen in der DDR am 18. März 1990.

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Montagsdemo in Leipzig Oktober 1989 © screenshot Jena20

Ein grosser Unterschied zwischen der damaligen DDR und dem heutigen Israel ist, dass es hier keine Stasi gibt. Unser Inland-Sicherheitsdienst schützt uns vor Terror, und nicht die Regierung vor dem Volk.

Seit ich gestern in einem Newsletter einer extrem rechten, zionistischen NGO folgenden Satz las: «Ich habe keinen Zweifel daran, dass unsere Mitarbeiter, Aktivisten und Freiwillige die Elite Kommandos sind , um Israel an vorderster Front zu verteidigen.» so habe ich meine Zweifel, ob es noch sehr lange dauern wird, bis auch bei uns Männer im dunklem Mantel im Morgengrauen an die Türen klopfen. Oh ja, man darf diese Gruppe, entsprechend einem Gerichtsurteil von 2013 durchaus in die ideologische Nähe zum Faschismus rücken. Und nein, ich werde die Gruppe hier nicht benennen, denn ich habe wirklich keine Lust darauf, ins Fadenkreuz dieser Organisation zu geraten!

Wie positionierte sich Herzl, als er 1902 seinen Roman Altneuland schrieb? Fraglos als Zionist. Die Gesellschaftsform des damals fiktiven Staates zeigt deutlich genossenschaftliche Züge, es gibt aber daneben auch Privateigentum. Die «Neue Gesellschaft für die Kolonisierung von Palästina» regelt die gesamten wirtschaftlichen, soziodemokratischen und politischen  Strukturen.

Die Vorstellung Herzls, dass niemand sich für ein öffentliches Amt, also auch nicht für die Regierung bewerben darf, scheint utopisch. Schaut man aber genauer hin, so zeichnet er dort ein Bild, dass ich mir für unser heutiges Israel dringend wünschen würde. Niemand darf einen Wahlkampf führen, der führt zur Disqualifikation. Gewählt wird der, der die besten Voraussetzungen für das Amt mitbringt, entsprechend seiner Ausbildung, Leistung und Persönlichkeit.

Was hat die Persönlichkeit eines Politikers mit seiner (erhofften und erwünschten) Leistung zu tun? Welche Voraussetzungen braucht er? Platon hat es gut erkannt und formuliert. Kaum eine modernes Managerseminar, anlässlich dessen er nicht zitiert würde.

Die nachfolgende Skizze, die ich dem  Blog von Conny Dethloff entnommen habe, ich selbsterklärend. In diesem Blog wird der Denkansatz von Platon unter dem Thema «Eigenschaften einer guten Führungskraft» erläutert.

https-::blog-conny-dethloff.de:?p=2661

Nimmt man die drei Bilder, die der friedlichen Demonstrationen, die in der alten DDR zum gewaltfreien Umschwung führten und die  Forderung nach hochqualifizierten Politikern mit einem entsprechenden Persönlichkeitsprofil zusammen und wagt den Versuch, diese auf das Israel im Jahr 2020, inmitten der zweiten Corona Welle zu übertragen, so steigt zweierlei auf: Wut und Hoffnung.

Unsere Regierung, allen voran ein PM, der sich mehr und mehr als autokratischer Führer versucht zu etablieren besteht aus «guten Freunden». Unser PM, der, so wie kein anderer Mensch höchst effizient Klebstoff auszuscheiden scheint, der ihn an seinem Sessel festhält und Parteigenossen, die grossteils keine entsprechende Qualifizierung zu haben, hilflos versuchen, ihre Ministerien zu managen.

Aber, sie verfügen über eine vom PM durchaus erwünschte und geförderte Eigenschaft: Sie folgen ihm wie die Lemminge.

Es sind nicht nur die Politiker, es sind auch die Wähler, die blind und blauäugig immer wieder die gleichen Personen und deren Politik wählen. Auch sie zeigen das Herdenverhalten der kleinen Nagetiere.

Gerade in den letzten Wochen und Tagen, seit die zweite Welle von Corona hier im Land wieder mit voller Härte anrollte, müssen wir tagtäglich sehen, welche planlosen und grossteils auch widersprüchlichen Entscheidungen uns präsentiert werden.

Hier nur ein Beispiel:

Am vergangenen Donnerstag, 16. Juli 2020 wurde verkündet, dass mit Wirkung vom nächsten Tag ab 17 Uhr alle Restaurants, Bars, Caféhäuser etc. bis auf Weiteres geschlossen werden. Lediglich eine Essensauslieferung und ein ohne persönlichen Kontakt abzuwickelndes Take-out war weiterhin möglich. Einige Unternehmen verkündeten daraufhin, dieser Anweisung nicht folgen zu wollen. Die wirtschaftlichen Schäden des ersten Lockdowns seien noch nicht überwunden. Andere protestierten, sich das gar nicht leisten zu können, ihre Lager seien gefüllt und die Mitarbeiter stünden bereit. Am Freitag um 16 Uhr kam die nächste Anweisung. Um Härtefälle zu vermeiden, dürften die Betriebe bis Dienstag, als bis morgen um 15 Uhr geöffnet bleiben. So könne man die Lagerbestände abarbeiten und Mitarbeiter geordnet freistellen oder entlassen. Und heute am Montag kam die dritte Information. Nun darf alles in der Gastronomie weiterlaufen, wie bisher…

Wie gesagt, das ist nur ein Beispiel. Es gibt weitere unzählige.

Mittlerweile geht das Volk allabendlich auf die Strasse. Zehntausende demonstrieren in Jerusalem und Tel Aviv und fordern, dass unser PM, der sich neben seinem Missmanagement der Coronakrise auch noch mit seinem Gerichtsfall beschäftigen muss, endlich zurücktreten soll. Sie verlangen klare Vorgaben, wie die weiteren Massnahmen sein werden, um das Virus, der derzeit bis zu 1.900 Neuinfektionen täglich verursacht, einzudämmen. 28% der Bevölkerung sind arbeitslos.

Und was kommt aus Jerusalem?

Nichts!

Da wird munter über die Entlassungen von Ministern, in diesem Fall von Finanzminister  Ysrael Katz, gestritten. MK Miki Zohar, der Scharfmacher und Vorsitzende der Koalition hat dies jedenfalls heute Vormittag lautstark gefordert. Beide, Zohar und Katz wurden inzwischen zum PM einberufen.

Nun ja, Politiker kann man vielleicht auf diese Art ruhigstellen. Die Menschen, die Abend für Abend demonstrierend durch die Strassen ziehen, wohl nicht.

Für die hat sich der zukünftige Autokrat eine andere Form der Besänftigung ausgedacht. Er hat das römische «panem et circenses» umgewandelt in «panem et pecuniam». Jeder Israeli über 18 Jahre soll ein «Bonbon» in Höhe von NIS 750,– ( € 200,–) erhalten, für jedes der ersten drei Kinder gibt es weitere NIS 500,– (€ 130,–). Alle weiteren Kinder gehen leer aus. Alles in allem belastet dieser Zustupf das israelische Budget mit NIS 6 Milliarden. Woher das Geld kommen soll, weiss niemand.

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Ein Staat galoppiert auf einen Abgrund zu. Der Abgrund wird tief sein und wird uns, die wir in vielen Bereich bereits jetzt die rote Laterne des Schlussmannes der OECD Länder tragen, noch tiefer in die Misere treiben.

Israel wird nach dieser doppelten Krise nicht mehr dasselbe sein.

Meine Wut richtet sich gegen die, die vorgeben uns zu regieren, und dabei in Wahrheit nur sich selber gegenseitig auf die Schultern klopfen oder verbal verprügeln.

Meine Hoffnung richtet sich auf die, die hoffentlich in den Oppositionsreihen endlich begreifen, dass es ihre Aufgabe ist, uns mittels Vertrauensfrage und nationalem Ungehorsam von den Regierungsignoranten zu befreien.

Und meine Hoffnung richtet sich auf das Volk, dass es satt hat, nur mehr eine Herde von Lemmingen zu sein und das sich endlich emanzipiert. Die Demonstrationen sind ein guter Beginn!

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

 

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Völlig losgelöst von seiner Umwelt

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Das denken kleine Kinder, wenn sie sich die Hände vor das Gesicht halten. «Wenn ich dich nicht sehe, dann bin ich auch für dich unsichtbar.» Eigentlich eine frappierende Logik. Sie bleibt uns leider nur erhalten, bis wir etwa fünf Jahre alt sind. Kinder sind nicht egozentrisch. Im Gegenteil, sie haben durchaus ein «Wir»-Bewusstsein und schliessen von ihrer Perspektive auf andere. Ohne Blickkontakt ist man unsichtbar.  Wenn man sich verstecken will, dann nur die Augen zuhalten und schon ist man «nicht mehr da».

Aber, diverse Studien haben belegt, dass Kinder sehr wohl erkennen, dass ihr Gegenüber einzelne Körperteile wahrnimmt, ebenso wie sie. Wesentlich ist einzig der Blickkontakt.  Fehlt der, ist die Wahrnehmung einfach nicht vorhanden.

Ist doch spannend?! Vor allem, wenn das ausbaufähig wäre. Besonders für Politiker. Sie nehmen aber nicht mehr die Hände vor ihr Gesicht, wenn sie etwas nicht sehen wollen, sie schliessen einfach die Augen. Manchmal auch nur im übertragenen Sinn.

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Wahlveranstaltung in Tulsa, Oklahoma © screenshot Guardian

Präsident Trump ist schon auf dem besten Wege, diese Fähigkeit zu verfeinern. Er möchte am liebsten alle Tests zu Nachweis von COVID-19 einstellen. In Tulsa, Oklahoma, bezeichnete er am 21. Juni COVID-19 als «Kung Flu», ein Begriff, der nichts anders als rassistisch ist.  Er rief seine Landsleute auf, weniger Tests  durchzuführen. Je mehr Tests durchgeführt würden, desto mehr positive Ergebnisse würde es geben.

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„Mit der Maske sehe ich besser aus!“ © screenshot The daily Telegraph

Er, der sich bis anhin strikt weigerte, die wie er sagte, «empfohlene, nicht vorgeschriebene Maske» zu tragen, trug sie nun erstmals. Ganz standesbewusst natürlich, aus dunkelblauem Stoff mit goldenen Staatswappen. «Wirklich, mit der Maske schaue ich besser aus!» Höchst interessant war eine Erklärung, die er einige Zeit vorher zum Thema Maskenpflicht abgegeben hatte:«Präsidenten, Premierminister, Diktatoren, Könige und Königinnen mit einer Maske an diesem wunderbaren Tisch im Oval Office, nein, das passt nicht.» 

Daniele Muscionico beschrieb das Phänomen des maskenbedingten Gesichtsverlustes in der Neuen Zürcher Zeitung vom 10. Juli 2020.

«Die Drohung des Gesichtsverlustes, wörtlich und im übertragenen Sinne. Nach Pierre Bourdieu könnte man sagen: Wer eine Maske trägt, gefährdet sein symbolisches Kapital. Vertrauen, Ansehen, Wertschätzung und Reputation. Denn die Intention, ein friedlicher Mensch zu sein – uns sonst ins Gesicht geschrieben, davon gehen wir aus –, dieser Wille bleibt unter der Maske verborgen. Doch als Menschen sind wir darauf angewiesen, die Absicht im Gesicht des anderen zu erkennen.»

Tja, da haben unsere Politiker ein echtes Problem. Einerseits schliessen sie die Augen vor den augenscheinlichen Problemen, die von Tag zu Tag grösser werden. Andererseits fürchten sie aber den [politischen] Gesichtsverlust.

Schliessen sie die Augen, wozu ich im übertragenen Sinne auch das Fernbleiben von dringend notwendigen Abstimmungen rechne, so können sie dann, wenn der Staats- und Wirtschaftskarren endgültig im tiefen Sumpf festgefahren, wenn nicht sogar schon abgesoffen ist, ganz unschuldig behaupten: «Ich habe dem nie zugestimmt!»

CORONAVIRUS

Rabin Platz, Tel Aviv, 11. Juli 2020 © screenshot Haaretz

Und wenn, wie gestern wieder in Tel Aviv über 10.000 auf dem Rabin Platz gegen das Versagen der Regierung demonstrierten, so war das für den stellvertretenden Gesundheitsminister Yoav Kisch (Likud) ein «Terrorakt gegen die Gesundheit»Inwieweit sein MbA, das er bei INSEAD [The Business school for the world] erhielt, für diesen gerade zu Zeiten von COVID-19 so wichtigen Posten befähigt, lasse ich hier offen. Er ist einer der  36 Minister und 16 stellvertretenden Minister im Kabinett von PM Netanyahu, die eine überwiegende Fehlbesetzung darstellen. Aber, guten Freunden gibt man doch gerne einen hoch dotierten Job!

Dabei gab es Anfang April noch eine ganz andere Aussage: «Während der durch das Coronavirus gegebenen Einschränkungen dürfen Menschen ihre Wohnung/Häuser nur verlassen, um (…) existentielle Bedürfnisse zu erfüllen. Diese sind definiert als (…) die Teilnahme an politischen Demonstrationen (…).» Verfasser der Richtlinien war – das Gesundheitsministerium!

In der vergangenen Woche tat das Kabinett um PM Netanyahu das, was es am liebsten tut. Es bildete neue Komitees. Eines für die Finanzen, eines für den Fall einer Notfallsituation [was immer damit auch gemeint sein mag, die COVID-19 Krise ist es nicht].

Und natürlich ein Komitee, das sich ausgiebig mit dem selbsterklärten Feind des PM beschäftigt. Der Antrag [Untersuchungskomitee von  Interessenkonflikten des Obersten Gerichtshofes] des ehemaligen Verkehrsministers Bezalel Smotrich (Yamina) wurde von der Knesset abgelehnt. Der alternierende PM Benny  Gantz nannte den Antrag «Eine Kriegserklärung gegen die Demokratie», Aussenminister Gabi Ashkenazi äusserte sich empört «Das ist völlige Geringschätzung  für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.»

Ganz anders natürlich der Ton des Knesset Sprechers Yariv Levin (Likud): «Die Tage, als die Knesset sich fürchtete, die Gerichte zu kritisieren, sind vorbei!»  Dass der Antrag abgeschmettert wurde, ist ein Etappensieg gegen Netanyahu und seine ureigenen Interessen! Und der schwieg wieder einmal dazu!  

Ob das Abstimmungsergebnis des Corona Notfall Komitees rechtlich ganz koscher war, kann man wohl nur mit dem israelischen Politikverständnis  nachvollziehen.  Wenn eine erste Abstimmung mit 47:34/120 Stimmen endet, so waren immerhin 67.5% aller Stimmberechtigten anwesend. Mit 29:24 Stimmen waren es bei der zweiten und dritten Abstimmung nur mehr 44.17%. Damit war zum Zeitpunkt der Abstimmung in der Knesset keine Beschlussfähigkeit gegeben. Und trotzdem gibt es nun dieses unsägliche Komitee! Es erlaubt, dass Beschlüsse, die dort gefasst werden, nicht mehr von der Knesset akzeptiert und freigegeben werden, sondern sofort in Kraft treten.

Selbstverständlich gibt es Situationen, die ein sofortiges Handeln notwendig machen. Wenn jede Entscheidung zunächst von der Knesset gebilligt werden muss, kommt es immer wieder zu unverständlich anmutenden Hinweisen, dass etwa ein regionaler Lockdown in Hotspot Gebieten erst nach drei Tagen beginnt. Die Frage ist berechtigt, warum erst dann? Warum nicht sofort? Dieses neue Gesetz stellt nun den Mitgliedern des Komitees einen Freifahrschein aus. Aber sind die dort sitzenden Knesset Mitglieder wirklich die richtigen, um über so wichtige Massnahmen zu entscheiden? Sind es Fachleute? Die Antwort ist leider: Nein! Sind sie integre Politiker, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind? Die ehrliche Antwort muss lauten: Jein!

Entsprechend  lauteten auch die Reaktionen der Opposition. «Der Diktator [Netanyahu] und der Vizediktator [Gantz] möchten ein Gesetz durchbringen, das der Regierung die Macht gibt, jederzeit Einschränkungen, im Sinne von Gesetzen zu beschliessen, ohne dafür die Bewilligung der Knesset zu haben» tweetete MK Ofer Cassif (Joint List). Auch von der Meretz Partei kamen mahnende Stimmen. «Netanyahu handelt wie ein Diktator und nutzt die Situation aus, um die Aufsichtspflicht der Knesset [über die Komitees] zu unterminieren und allgemeine individuelle Rechte zu verletzen. – Keine sozialen Servicepakete, keine finanziellen Hilfspakete, das einzige, was die Regierung tut, ist gegen die Demokratie zu regieren. – Die Regierung hat jetzt nicht nur Clubs, Sportanlagen, öffentliche Schwimmbäder und Veranstaltungshallen geschlossen, sondern auch die Knesset.»

Zwei Beispiele zeigen bereits in den ersten Tagen, seit dieses Komitee sich selbstherrlich zum Wächter über Corona bekämpfende Massnahmen installierte, mit welchen Entscheidungen wir in der nahen und fernen Zukunft rechnen müssen.

Nachdem in der vergangenen Woche die öffentlichen Schwimmbäder und Sportanlagen geschlossen wurden, wurden nun Zahlen vorgelegt, die belegen sollen, dass die Infektionsgefahr in Schwimmbädern und Fitnessclubs sehr gering ist. Nachdem das vergangene Wochenende wieder sonnig und warm war, fluteten, vor allem in Jerusalem und Tel Aviv die wasserhungrigen Besucher die entsprechend des Beschlusses offenen Hotelanlagen. Die waren natürlich zum Bersten voll. Die Betreiber öffentlicher Anlagen liefen daraufhin Sturm … und ihnen wurde zugehört.

Auch das nächtliche Fahrverbot für Autobusse, die bisher um 22 Uhr den Betrieb einstellen mussten, wurde in Frage gestellt.  Transportministerin Miri Regev, Wonderwoman der Likud Regierung, ist als Betriebswirtin natürlich die absolut geeignete Person, nur durch Lokalaugenschein zu entscheiden «Ich traf die Entscheidung, ab morgen werden die Busse auch wieder nach 22 Uhr fahren!» 

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Yifat Shasha-Biton, © screenshot ToI

Ganz offensichtlich keine guten Karten hat die Vorsitzende des Corona Komittees Yifat Shasha-Biton bei ihren Kollegen, oder vielleicht auch «ganz oben». Im Januar war ihr noch der Posten der Arbeits- und Sozialministerin angeboten worden. Im Mai stand sie dann auf keiner der Ministerlisten mehr. Als kleines Trostpflaster war ihr der Posten der Vorsitzenden des Corona Komitees zugeschoben worden. Nach der Abstimmung, ob die öffentlichen Schwimmbäder nun doch wieder geöffnet werden sollten, hatte sie sich eine andere Meinung gebildet, als es der PM vorgegeben hatte. Das kam einer Palastrevolution gleich. Der ultrarechte Rechtsanwalt Miki Zohar (Likud) eilte zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: «Das war es mit dir in der Likud.  Du wirst als Vorsitzende des Komitees abgelöst werden. Hab ein nettes Leben!» 

Und Netanyahu? Er hüllt sich in Schweigen. Er hat es, gemeinsam mit seinen Freunden geschafft, dass aus Israel, dem einst blühenden, innovativen und demokratischen Staat mehr und mehr ein Schwellenland wird.

Gelder, die er zur Unterstützung der notleidenden Bevölkerung schon vor Wochen versprochen hat auf den Weg zu bringen, sind immer noch nicht ausgezahlt. Die Armut steigt von Tag zu Tag. Wenn unser PM nicht bald beschliesst, wieder aktiv auf die politische Bühne zurückzukehren, wird der Schaden über Jahre hinaus nicht mehr reversibel sein.

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„Care-Pakete“ für die Bedürftigen, ein trauriges Bild für das einstige Überfluss Land! © screenshot ynetnews

Die bessere Lösung wäre es, er würde endlich zurücktreten und den Platz räumen für einen Jüngeren, der sich als der bessere Krisenmanager erweist. Nur leider, er hat es nicht zugelassen, dass ein Nachfolger sich warmlaufen durfte.

PM Benjamin Netanyahu, der ehemals hochgelobte und sicher auch begabte Politiker, hat den Moment verpasst. Blickkontakt mit der Bevölkerung sucht er schon lange nicht mehr, seine Wahrnehmung des Alltags rings um ihn herum ist schon lange gestört.

 

© esther scheiner, israel

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Capio – ergo sum

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Schon Aristoteles (384 – 322 BCE) beschrieb in einer seiner wichtigen Schriften «Die Politik» Πολιτικά nicht nur drei Staatsformen, die sich einerseits durch die «Gruppe der Machthabenden» und andererseits nach den Zielen richten. Er unterscheidet in die Gruppe der guten Staatsformen: Monarchie (zumeist  ein Adeliger, der durch eine Wahl oder Erbfolge lebenslang die Regierung führt) , Aristokratie (im Verständnis des Altertums umfasst diese Gruppe nicht den Adel, sondern eine Gruppe von besonders fähigen Menschen) und die Politie (die ebenfalls von einer Gruppe von besonnenen, fähigen Menschen geführt wird.) Dienen die drei Staatsformen nicht dem Gemeinwohl, so ordnet er sie den schlechten Staatsformen zu, die von Tyrannis, Oligarchie bis zur Demokratie reichen. Dass er die Demokratie zu den schlechten, entarteten Staatsformen zählt, wirkt heute fragwürdig. Zur Zeit der Antike aber war die Gruppe der freien Bürger und der Armen weitaus grösser, als die der Reichen. Infolgedessen war auch der Besitz der freien Bürger absolut gesehen grösser, als der der Reichen. Und das durfte nicht sein. Daraus ergäbe sich, so folgerte er, eine Dominanz der Armen.  Andererseits verteufelt er in der gleichen Schrift die Raffigier der Reichen: «Die Habsucht der Reichen, ein wahres Übel, vernichtet die Staatsverfassung eher, als die des Volkes.» [Gier Korruption und Machtmissbrauch im klassischen Athen, S. 43 f]

Geld soll, so seine Schlussfolgerung, ausschliesslich dem Tauschhandel dienen, eine Mehrung des Kapitals durch Zinsen sieht er als unmoralisch an. Nun ja, würden wir in der heutigen Zeit an den Thesen von Aristoteles festhalten, so gäbe es den teilweise stark aufgeblähten Sektor des Geld-, Banken- und Börsenwesens nicht……

Kommen wir zurück zur Staatsform Demokratie, auf die wir alle so stolz sind. Die ersten Paragrafen der meisten Verfassungen halten dies in dieser oder einer ähnlichen Form fest: »Die Macht geht vom Volke aus».

Wir wählen unsere Politiker in freien Wahlen und hoffen dann, dass sie ihre Regierungsarbeit auch in unserem Sinne leisten. Doch tun sie das tatsächlich? Kurt Tucholsky beschreibt seine Beobachtungen dazu wie folgt: «Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Doch hat man nie gehört, dass sie jemals dorthin zurückgekehrt ist.»

 Kein Spruch, wie dieser aus dem Lateinischen «ich denke, also bin ich»  abgewandelte «ich nehme, also bin ich» scheint derzeit besser auf dem amtierenden PM Benjamin Netanyahu zu passen.

Seine Raffgier, sowohl die politische, als auch die persönliche, scheinen grenzenlos geworden zu sein.

Er hat doch eigentlich alles, was das Herz begehrt: einen gutbezahlten Job, eine reizende Familie mit zwei wohlgeratenen Söhnen und einer frommen Tochter, eine liebreizende Ehefrau, von der Kishon wohl behauptet hätte «Sarah ist die beste Ehefrau von allen». Und er darf sich glücklicher Grossvater von vier Enkelkindern nennen.

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Die glückliche Familie, Yair, Sarah und Bibi Netanyahu © ynetnews

Platz für seine grosse Familie hat er genug. Zum einen ist da seine luxuriöse Villa in Caesarea, mit unverbaubarem Blick auf das Mittelmeer. Die Netanyahus leben derzeit nur selten in der auf 20 Millionen Schekel [i.e.etw € 5 Millionen] geschätzten Villa. Die Lebenshaltungskosten, sowie die notwendigen Sicherheitsmassnahmen, aber auch  Renovierungen werden vom Staat gezahlt.

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Villa Netanyahu in Caesarea © Calcalist

Dann gibt es ein Penthouse in Jerusalem, dessen Wert auf 10 Millionen Schekel geschätzt wird.

Und, es gibt noch ein weiteres Haus in Jerusalem, das er gemeinsam mit seinem Bruder Ido, der als Radiologe und Schriftsteller in den USA lebt, geerbt hat. Es handelt sich um das Elternhaus der Familie, in der auch Netanyahu einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Das Haus liegt im bürgerlichen Stadtteil Kadmon an dem Platz, der nach dem beim Einsatz in Entebbe gefallenen Buder Yoni benannt wurde. Spencer Patrich, ein US amerikanischer Milliardär, kaufte im Jahr 2016 die Hälfte des Hauses. Nun steht es leer und niemand weiss, was damit geschehen wird.

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Hazorin St, das Elternhaus © Calcalist

Und es gibt natürlich die offizielle Residenz, die ihm als privater Wohnsitz und für repräsentative Zwecke für die Dauer seines Amtes zur Verfügung steht. Wie grosszügig diese bemessen ist, konnten wir anlässlich zahlreicher Bilder und Videos sehen, die während der ersten Corona Welle entstanden, als auch der PM mit seiner Familie im Bewegungsradius deutlich eingeschränkt war. Gemeinsam mit ihm wohnt dort der jüngere Sohn der Familie, Yair. Dieser zeichnet sich vor allem durch aggressive Postings auf Twitter auf, mit denen er glaubt, seinen Vater vor den bösen Gegnern schützen zu müssen. Diese Residenz muss die Familie, verläuft alles nach Plan, im November 2021 räumen und dem nachfolgenden PM, Benny Gantz Platz machen. Natürlich muss auch in der 18-monatigen «Regierungspause» der Staat für eine adäquate Unterkunft und den gewohnten Lebensstandard finanziell aufkommen.

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Die offizielle Residenz in Jerusalem, Balfourstr. © ToI

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„Golda House“, offizieller Sitz der ersten PM von Israel, Ben Gurion, Moshe Shared, Levi Eshkol und Golda Meier © www.americaunitedwithisrael.org

Entsprechend der Koalitionsvereinbarung würde auch dem alternierenden PM Benny Gantz bereits jetzt eine entsprechende Leistung zustehen. Der hat aber immer wieder rundheraus abgelehnt, dem Staatssäckel auf der Tasche liegen zu wollen. Sein Haus in Rosh HaAyin «…wird auch als meine offizielle Residenz dienen. Deshalb ist es für den Staat nicht notwendig, mir eine andere Residenz zur Verfügung zu stellen.» Gut gebrüllt, Benny!

Ob er auch schon in den Genuss der Nutzung des offiziellen Flugzeuges des PM kommen wird, sollte er einmal über den Atlantik oder zu einem anderen weiter entfernten Ziel reisen müssen, ist fraglich. Am 3. November des Vorjahres absolvierte die «Wing of Zion», eine nach den speziellen Vorstellungen von PM Netanyahu umgebaute Boeing 767-300 ihren Jungfernflug.

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Wind of Zion startet zu ihrem Jungfernflug ©Haaretz

Die Diskussionen über überhöhte Reisekosten des PM, der ja bekanntlich immer und ausschliesslich von seiner Ehefrau begleitet wird, ist schon seit Jahren immer wieder ein Thema in den Finanzausschüssen. Das Fass zum Überlaufen brachte aber wohl der Umbau einer EL AL Maschine zum Schnäppchenpreis von 450.000 Schekel, um dem Ehepaar Netanyahu einen erholsamen Schlaf im eigens installierten Doppelbett auf dem Flug von Tel Aviv nach London zu ermöglichen. Das bei einer aussergewöhnlich langen Flugzeit von fünf Stunden und 25 Minuten.

Der offizielle Name des Flugzeuges lautet 4X – ISR. Die Bezeichnung 4X trägt jedes israelische Flugzeug, der Zusatz ISR deutet darauf hin, dass es ein Staatsflugzeug ist. Bisher kostete das neue Statussymbol, dass nur vom PM und vom Staatspräsidenten genutzt werden darf, den Staat 729 Millionen Schekel.  Präsident Reuven Rivlin dankte für die Möglichkeit, hielt aber fest, dass er weiterhin Linienflugzeuge, und je nach Reisestrecke sogar die Economy Klasse nutzen wird.

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Ankunft in Polen Jan 2020, ELAL Degania 4X-EKJ, Boeing 737-800 © Twitter

Na ja, der Luxusflieger muss noch einige Tests durchlaufen, bis er dann wirklich programmgemäss starten darf, vielleicht hat sich das Thema ja dann erledigt.

Irgendwie kommt doch fast Mitleid auf mit dem armen Mann!

Neben seinen Immobilien und deren staatlicher Finanzierung  darf er auch noch ein Aktienpaket sein Eigen nennen, dessen tatsächlicher Wert der Öffentlichkeit vorenthalten bleibt. Was aber bekannt wurde ist ein ertragreicher Deal, der in den USA und in der EU als Insiderinformation strafbar ist. Oder wie anders soll man es bezeichnen, wenn er Aktien im Wert von US$ 600.000 kauft und ein halbes Jahr später für US$ 4.5 Millionen wieder verkauft? Da hatte ein Cousin und guter Freund, Nathan Milikowsky,  wohl einen ganz guten Tipp für ihn. Auch dieser Fall wird möglicherweise wieder aufgerollt werden.

Das ist aber immer noch nicht das Ende. Die Mutter aller Fragen in diesem Zusammenhang heisst: Wer zahlt meine Verteidigungskosten für meine Anklage vor Gericht? Die logische Antwort: Ich selber, wer sonst! Falsche Antwort!  PM Netanyahu sieht das wohl anders. Er habe, so beteuerte er immer wieder, nicht genügend liquide Mittel, um die Heeschar von Rechtsanwälten bezahlen zu können. Also stellte er an entsprechender Stelle einen  Antrag, Geld zur Bezahlung seiner Unkosten von seinen US amerikanischen Freunden Milikowsky und Patrich Geld annehmen zu dürfen. Das Pikante daran ist, dass Patrich im anhängigen Verfahren selber Zeuge der Anklage ist. Deshalb wurde die Frage dem Generalstaatsanwalt vorgelegt. Eine PM Netanyahu nahestehende Person beteuerte, die von Patrich angebotenen finanzielle Hilfe würde nicht ausreichen, alle Rechtsmittel zu bezahlen und «dass von  jemandem, der das Einkommen eines öffentlichen Beamten hat, nicht erwartet werden kann, diese Kosten selber zu tragen.»

Immerhin sind da schon einige Millionen US$ hin- und her geflossen. US$ 570.000 wurden dem PM schon einmal als Darlehen von Patrich zugestanden. Geld, das dazu dienen sollte, Schulden an Milikowsky zurück zu zahlen. Mit dem übelschmeckenden Ergebnis, dass es  dort nie ankam. Monkey business?

Doch nun kommt der derzeitige Höhepunkt.  Auf Israels Strassen protestieren derzeit Abend für Abend Tausende. Fast eine halbe Million Menschen sind arbeitslos. Die Unterstützungsgelder sollten, so war der Plan, als die Regierung davon träumte, Corona sei Vergangenheit, im Juli letztmalig ausgezahlt werden. Nun hat die Regierung beschlossen, diese Zahlungen einmalig im August weiterzuführen. Die Kosten für diesen einen Monat belaufen sich auf geschätzte 3.8 Milliarden Schekel.

Und was macht unser PM? Er fordert! Diesmal eine Steuererleichterung. Nicht für das Jahr 2020, nein rückwirkend für die Jahre zwischen 2009 und 2017. Wir, die Steuerzahler, haben  allein im Jahr  2012 sagenhafte US$ 940.000 nur für den Unterhalt seiner Häuser und Wohnungen gezahlt. Die unglaublichen Zahlen kann man hier nachlesen.

Es geht um alle Steuerzahlungen, die nicht sein Einkommen als PM betreffen. Diese bescheidene Summe von etwa 50.000 Schekel pro Monat wird er weiter versteuern müssen. Nicht aber die Kosten für seinen besonders gepanzerten Dienstwagen, der nur ihm, samt Chauffeur 24/7 zur Verfügung steht, noch die Kosten für werterhaltene Arbeiten an seinen privaten Villen (Gartenarbeiten, Reparatur des Schwimmbeckens,…). Diese muss jeder Steuerpflichtige versteuern.  Alles in allem dürfte ihm eine teilweise Rückerstattung und/oder zukünftige Erleichterung von etwa 1 Million Schekel zugestanden werden. Das Beschämende ist, dass die Mitglieder des  Finanzkomitees mit 8:5 Stimmen diesen unmoralischen Antrag durchgewunken haben.

Unser PM hat jegliche Bodenhaftung verloren, die Menschen ausserhalb seiner gut abgesicherten Residenz sind im gleichgültig. Es gab Zeiten, da verspürte ich Respekt vor seiner Leistung. Mittlerweile ist es nur mehr tiefste Enttäuschung!

Seit 2019 darf er sich sogar mit dem «Nationalen Orden vom Kreuz des Südens», dem höchsten brasilianischen Orden schmücken. Er erhielt ihn als kleines Geschenk der Freundschaft vom frisch gewählten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro.

Die auf dem Orden genannte Devise lautet: «Praemium bene Merentium» [Die Belohnung Wohlverdienter] Dass er ihn trägt, ist ein Hohn für die, die ihn wirklich verdientermassen verliehen bekamen.

 

© esther scheiner, israel

 

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