Wir sind das Volk!

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Zugegeben, Deutschland ist vielleicht nicht gerade das Land, das eine Vorbildfunktion für Israel hat. Auch nicht 75 Jahre nach Kriegsende und auch nicht, nachdem im Jahr 2008 Bundeskanzlerin Angela  Merkel anlässlich ihrer denkwürdigen Rede vor der Knesset «Die Sicherheit Israels zum Teil der Staatsraison Deutschlands» erhob.

Allerdings könnte es durchaus Vorbild für die frustrierte, enttäuschte und verarmte israelische Gesellschaft sein, was zwischen September 1989 und März 1990 in Leipzig und anderen Städten der damaligen DDR einen friedlichen politischen Umschwung herbeiführte. Mit der Parole «Wir sind das Volk!» forderten die Bürger bei Massenprotesten eine politische Neuordnung und Wiedereinführung der individuellen Bürgerrechte. Am 9. November 1989 hatte der Fall der Berliner Mauer bereits das nahe Ende der Diktatur im ehemals russisch besetzten Teil Deutschlands eingeläutet. Die Proteste endeten mit den ersten freien und gleichzeitig letzten Wahlen in der DDR am 18. März 1990.

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Montagsdemo in Leipzig Oktober 1989 © screenshot Jena20

Ein grosser Unterschied zwischen der damaligen DDR und dem heutigen Israel ist, dass es hier keine Stasi gibt. Unser Inland-Sicherheitsdienst schützt uns vor Terror, und nicht die Regierung vor dem Volk.

Seit ich gestern in einem Newsletter einer extrem rechten, zionistischen NGO folgenden Satz las: «Ich habe keinen Zweifel daran, dass unsere Mitarbeiter, Aktivisten und Freiwillige die Elite Kommandos sind , um Israel an vorderster Front zu verteidigen.» so habe ich meine Zweifel, ob es noch sehr lange dauern wird, bis auch bei uns Männer im dunklem Mantel im Morgengrauen an die Türen klopfen. Oh ja, man darf diese Gruppe, entsprechend einem Gerichtsurteil von 2013 durchaus in die ideologische Nähe zum Faschismus rücken. Und nein, ich werde die Gruppe hier nicht benennen, denn ich habe wirklich keine Lust darauf, ins Fadenkreuz dieser Organisation zu geraten!

Wie positionierte sich Herzl, als er 1902 seinen Roman Altneuland schrieb? Fraglos als Zionist. Die Gesellschaftsform des damals fiktiven Staates zeigt deutlich genossenschaftliche Züge, es gibt aber daneben auch Privateigentum. Die «Neue Gesellschaft für die Kolonisierung von Palästina» regelt die gesamten wirtschaftlichen, soziodemokratischen und politischen  Strukturen.

Die Vorstellung Herzls, dass niemand sich für ein öffentliches Amt, also auch nicht für die Regierung bewerben darf, scheint utopisch. Schaut man aber genauer hin, so zeichnet er dort ein Bild, dass ich mir für unser heutiges Israel dringend wünschen würde. Niemand darf einen Wahlkampf führen, der führt zur Disqualifikation. Gewählt wird der, der die besten Voraussetzungen für das Amt mitbringt, entsprechend seiner Ausbildung, Leistung und Persönlichkeit.

Was hat die Persönlichkeit eines Politikers mit seiner (erhofften und erwünschten) Leistung zu tun? Welche Voraussetzungen braucht er? Platon hat es gut erkannt und formuliert. Kaum eine modernes Managerseminar, anlässlich dessen er nicht zitiert würde.

Die nachfolgende Skizze, die ich dem  Blog von Conny Dethloff entnommen habe, ich selbsterklärend. In diesem Blog wird der Denkansatz von Platon unter dem Thema «Eigenschaften einer guten Führungskraft» erläutert.

https-::blog-conny-dethloff.de:?p=2661

Nimmt man die drei Bilder, die der friedlichen Demonstrationen, die in der alten DDR zum gewaltfreien Umschwung führten und die  Forderung nach hochqualifizierten Politikern mit einem entsprechenden Persönlichkeitsprofil zusammen und wagt den Versuch, diese auf das Israel im Jahr 2020, inmitten der zweiten Corona Welle zu übertragen, so steigt zweierlei auf: Wut und Hoffnung.

Unsere Regierung, allen voran ein PM, der sich mehr und mehr als autokratischer Führer versucht zu etablieren besteht aus «guten Freunden». Unser PM, der, so wie kein anderer Mensch höchst effizient Klebstoff auszuscheiden scheint, der ihn an seinem Sessel festhält und Parteigenossen, die grossteils keine entsprechende Qualifizierung zu haben, hilflos versuchen, ihre Ministerien zu managen.

Aber, sie verfügen über eine vom PM durchaus erwünschte und geförderte Eigenschaft: Sie folgen ihm wie die Lemminge.

Es sind nicht nur die Politiker, es sind auch die Wähler, die blind und blauäugig immer wieder die gleichen Personen und deren Politik wählen. Auch sie zeigen das Herdenverhalten der kleinen Nagetiere.

Gerade in den letzten Wochen und Tagen, seit die zweite Welle von Corona hier im Land wieder mit voller Härte anrollte, müssen wir tagtäglich sehen, welche planlosen und grossteils auch widersprüchlichen Entscheidungen uns präsentiert werden.

Hier nur ein Beispiel:

Am vergangenen Donnerstag, 16. Juli 2020 wurde verkündet, dass mit Wirkung vom nächsten Tag ab 17 Uhr alle Restaurants, Bars, Caféhäuser etc. bis auf Weiteres geschlossen werden. Lediglich eine Essensauslieferung und ein ohne persönlichen Kontakt abzuwickelndes Take-out war weiterhin möglich. Einige Unternehmen verkündeten daraufhin, dieser Anweisung nicht folgen zu wollen. Die wirtschaftlichen Schäden des ersten Lockdowns seien noch nicht überwunden. Andere protestierten, sich das gar nicht leisten zu können, ihre Lager seien gefüllt und die Mitarbeiter stünden bereit. Am Freitag um 16 Uhr kam die nächste Anweisung. Um Härtefälle zu vermeiden, dürften die Betriebe bis Dienstag, als bis morgen um 15 Uhr geöffnet bleiben. So könne man die Lagerbestände abarbeiten und Mitarbeiter geordnet freistellen oder entlassen. Und heute am Montag kam die dritte Information. Nun darf alles in der Gastronomie weiterlaufen, wie bisher…

Wie gesagt, das ist nur ein Beispiel. Es gibt weitere unzählige.

Mittlerweile geht das Volk allabendlich auf die Strasse. Zehntausende demonstrieren in Jerusalem und Tel Aviv und fordern, dass unser PM, der sich neben seinem Missmanagement der Coronakrise auch noch mit seinem Gerichtsfall beschäftigen muss, endlich zurücktreten soll. Sie verlangen klare Vorgaben, wie die weiteren Massnahmen sein werden, um das Virus, der derzeit bis zu 1.900 Neuinfektionen täglich verursacht, einzudämmen. 28% der Bevölkerung sind arbeitslos.

Und was kommt aus Jerusalem?

Nichts!

Da wird munter über die Entlassungen von Ministern, in diesem Fall von Finanzminister  Ysrael Katz, gestritten. MK Miki Zohar, der Scharfmacher und Vorsitzende der Koalition hat dies jedenfalls heute Vormittag lautstark gefordert. Beide, Zohar und Katz wurden inzwischen zum PM einberufen.

Nun ja, Politiker kann man vielleicht auf diese Art ruhigstellen. Die Menschen, die Abend für Abend demonstrierend durch die Strassen ziehen, wohl nicht.

Für die hat sich der zukünftige Autokrat eine andere Form der Besänftigung ausgedacht. Er hat das römische «panem et circenses» umgewandelt in «panem et pecuniam». Jeder Israeli über 18 Jahre soll ein «Bonbon» in Höhe von NIS 750,– ( € 200,–) erhalten, für jedes der ersten drei Kinder gibt es weitere NIS 500,– (€ 130,–). Alle weiteren Kinder gehen leer aus. Alles in allem belastet dieser Zustupf das israelische Budget mit NIS 6 Milliarden. Woher das Geld kommen soll, weiss niemand.

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Ein Staat galoppiert auf einen Abgrund zu. Der Abgrund wird tief sein und wird uns, die wir in vielen Bereich bereits jetzt die rote Laterne des Schlussmannes der OECD Länder tragen, noch tiefer in die Misere treiben.

Israel wird nach dieser doppelten Krise nicht mehr dasselbe sein.

Meine Wut richtet sich gegen die, die vorgeben uns zu regieren, und dabei in Wahrheit nur sich selber gegenseitig auf die Schultern klopfen oder verbal verprügeln.

Meine Hoffnung richtet sich auf die, die hoffentlich in den Oppositionsreihen endlich begreifen, dass es ihre Aufgabe ist, uns mittels Vertrauensfrage und nationalem Ungehorsam von den Regierungsignoranten zu befreien.

Und meine Hoffnung richtet sich auf das Volk, dass es satt hat, nur mehr eine Herde von Lemmingen zu sein und das sich endlich emanzipiert. Die Demonstrationen sind ein guter Beginn!

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

 

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Völlig losgelöst von seiner Umwelt

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Das denken kleine Kinder, wenn sie sich die Hände vor das Gesicht halten. «Wenn ich dich nicht sehe, dann bin ich auch für dich unsichtbar.» Eigentlich eine frappierende Logik. Sie bleibt uns leider nur erhalten, bis wir etwa fünf Jahre alt sind. Kinder sind nicht egozentrisch. Im Gegenteil, sie haben durchaus ein «Wir»-Bewusstsein und schliessen von ihrer Perspektive auf andere. Ohne Blickkontakt ist man unsichtbar.  Wenn man sich verstecken will, dann nur die Augen zuhalten und schon ist man «nicht mehr da».

Aber, diverse Studien haben belegt, dass Kinder sehr wohl erkennen, dass ihr Gegenüber einzelne Körperteile wahrnimmt, ebenso wie sie. Wesentlich ist einzig der Blickkontakt.  Fehlt der, ist die Wahrnehmung einfach nicht vorhanden.

Ist doch spannend?! Vor allem, wenn das ausbaufähig wäre. Besonders für Politiker. Sie nehmen aber nicht mehr die Hände vor ihr Gesicht, wenn sie etwas nicht sehen wollen, sie schliessen einfach die Augen. Manchmal auch nur im übertragenen Sinn.

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Wahlveranstaltung in Tulsa, Oklahoma © screenshot Guardian

Präsident Trump ist schon auf dem besten Wege, diese Fähigkeit zu verfeinern. Er möchte am liebsten alle Tests zu Nachweis von COVID-19 einstellen. In Tulsa, Oklahoma, bezeichnete er am 21. Juni COVID-19 als «Kung Flu», ein Begriff, der nichts anders als rassistisch ist.  Er rief seine Landsleute auf, weniger Tests  durchzuführen. Je mehr Tests durchgeführt würden, desto mehr positive Ergebnisse würde es geben.

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„Mit der Maske sehe ich besser aus!“ © screenshot The daily Telegraph

Er, der sich bis anhin strikt weigerte, die wie er sagte, «empfohlene, nicht vorgeschriebene Maske» zu tragen, trug sie nun erstmals. Ganz standesbewusst natürlich, aus dunkelblauem Stoff mit goldenen Staatswappen. «Wirklich, mit der Maske schaue ich besser aus!» Höchst interessant war eine Erklärung, die er einige Zeit vorher zum Thema Maskenpflicht abgegeben hatte:«Präsidenten, Premierminister, Diktatoren, Könige und Königinnen mit einer Maske an diesem wunderbaren Tisch im Oval Office, nein, das passt nicht.» 

Daniele Muscionico beschrieb das Phänomen des maskenbedingten Gesichtsverlustes in der Neuen Zürcher Zeitung vom 10. Juli 2020.

«Die Drohung des Gesichtsverlustes, wörtlich und im übertragenen Sinne. Nach Pierre Bourdieu könnte man sagen: Wer eine Maske trägt, gefährdet sein symbolisches Kapital. Vertrauen, Ansehen, Wertschätzung und Reputation. Denn die Intention, ein friedlicher Mensch zu sein – uns sonst ins Gesicht geschrieben, davon gehen wir aus –, dieser Wille bleibt unter der Maske verborgen. Doch als Menschen sind wir darauf angewiesen, die Absicht im Gesicht des anderen zu erkennen.»

Tja, da haben unsere Politiker ein echtes Problem. Einerseits schliessen sie die Augen vor den augenscheinlichen Problemen, die von Tag zu Tag grösser werden. Andererseits fürchten sie aber den [politischen] Gesichtsverlust.

Schliessen sie die Augen, wozu ich im übertragenen Sinne auch das Fernbleiben von dringend notwendigen Abstimmungen rechne, so können sie dann, wenn der Staats- und Wirtschaftskarren endgültig im tiefen Sumpf festgefahren, wenn nicht sogar schon abgesoffen ist, ganz unschuldig behaupten: «Ich habe dem nie zugestimmt!»

CORONAVIRUS

Rabin Platz, Tel Aviv, 11. Juli 2020 © screenshot Haaretz

Und wenn, wie gestern wieder in Tel Aviv über 10.000 auf dem Rabin Platz gegen das Versagen der Regierung demonstrierten, so war das für den stellvertretenden Gesundheitsminister Yoav Kisch (Likud) ein «Terrorakt gegen die Gesundheit»Inwieweit sein MbA, das er bei INSEAD [The Business school for the world] erhielt, für diesen gerade zu Zeiten von COVID-19 so wichtigen Posten befähigt, lasse ich hier offen. Er ist einer der  36 Minister und 16 stellvertretenden Minister im Kabinett von PM Netanyahu, die eine überwiegende Fehlbesetzung darstellen. Aber, guten Freunden gibt man doch gerne einen hoch dotierten Job!

Dabei gab es Anfang April noch eine ganz andere Aussage: «Während der durch das Coronavirus gegebenen Einschränkungen dürfen Menschen ihre Wohnung/Häuser nur verlassen, um (…) existentielle Bedürfnisse zu erfüllen. Diese sind definiert als (…) die Teilnahme an politischen Demonstrationen (…).» Verfasser der Richtlinien war – das Gesundheitsministerium!

In der vergangenen Woche tat das Kabinett um PM Netanyahu das, was es am liebsten tut. Es bildete neue Komitees. Eines für die Finanzen, eines für den Fall einer Notfallsituation [was immer damit auch gemeint sein mag, die COVID-19 Krise ist es nicht].

Und natürlich ein Komitee, das sich ausgiebig mit dem selbsterklärten Feind des PM beschäftigt. Der Antrag [Untersuchungskomitee von  Interessenkonflikten des Obersten Gerichtshofes] des ehemaligen Verkehrsministers Bezalel Smotrich (Yamina) wurde von der Knesset abgelehnt. Der alternierende PM Benny  Gantz nannte den Antrag «Eine Kriegserklärung gegen die Demokratie», Aussenminister Gabi Ashkenazi äusserte sich empört «Das ist völlige Geringschätzung  für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.»

Ganz anders natürlich der Ton des Knesset Sprechers Yariv Levin (Likud): «Die Tage, als die Knesset sich fürchtete, die Gerichte zu kritisieren, sind vorbei!»  Dass der Antrag abgeschmettert wurde, ist ein Etappensieg gegen Netanyahu und seine ureigenen Interessen! Und der schwieg wieder einmal dazu!  

Ob das Abstimmungsergebnis des Corona Notfall Komitees rechtlich ganz koscher war, kann man wohl nur mit dem israelischen Politikverständnis  nachvollziehen.  Wenn eine erste Abstimmung mit 47:34/120 Stimmen endet, so waren immerhin 67.5% aller Stimmberechtigten anwesend. Mit 29:24 Stimmen waren es bei der zweiten und dritten Abstimmung nur mehr 44.17%. Damit war zum Zeitpunkt der Abstimmung in der Knesset keine Beschlussfähigkeit gegeben. Und trotzdem gibt es nun dieses unsägliche Komitee! Es erlaubt, dass Beschlüsse, die dort gefasst werden, nicht mehr von der Knesset akzeptiert und freigegeben werden, sondern sofort in Kraft treten.

Selbstverständlich gibt es Situationen, die ein sofortiges Handeln notwendig machen. Wenn jede Entscheidung zunächst von der Knesset gebilligt werden muss, kommt es immer wieder zu unverständlich anmutenden Hinweisen, dass etwa ein regionaler Lockdown in Hotspot Gebieten erst nach drei Tagen beginnt. Die Frage ist berechtigt, warum erst dann? Warum nicht sofort? Dieses neue Gesetz stellt nun den Mitgliedern des Komitees einen Freifahrschein aus. Aber sind die dort sitzenden Knesset Mitglieder wirklich die richtigen, um über so wichtige Massnahmen zu entscheiden? Sind es Fachleute? Die Antwort ist leider: Nein! Sind sie integre Politiker, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind? Die ehrliche Antwort muss lauten: Jein!

Entsprechend  lauteten auch die Reaktionen der Opposition. «Der Diktator [Netanyahu] und der Vizediktator [Gantz] möchten ein Gesetz durchbringen, das der Regierung die Macht gibt, jederzeit Einschränkungen, im Sinne von Gesetzen zu beschliessen, ohne dafür die Bewilligung der Knesset zu haben» tweetete MK Ofer Cassif (Joint List). Auch von der Meretz Partei kamen mahnende Stimmen. «Netanyahu handelt wie ein Diktator und nutzt die Situation aus, um die Aufsichtspflicht der Knesset [über die Komitees] zu unterminieren und allgemeine individuelle Rechte zu verletzen. – Keine sozialen Servicepakete, keine finanziellen Hilfspakete, das einzige, was die Regierung tut, ist gegen die Demokratie zu regieren. – Die Regierung hat jetzt nicht nur Clubs, Sportanlagen, öffentliche Schwimmbäder und Veranstaltungshallen geschlossen, sondern auch die Knesset.»

Zwei Beispiele zeigen bereits in den ersten Tagen, seit dieses Komitee sich selbstherrlich zum Wächter über Corona bekämpfende Massnahmen installierte, mit welchen Entscheidungen wir in der nahen und fernen Zukunft rechnen müssen.

Nachdem in der vergangenen Woche die öffentlichen Schwimmbäder und Sportanlagen geschlossen wurden, wurden nun Zahlen vorgelegt, die belegen sollen, dass die Infektionsgefahr in Schwimmbädern und Fitnessclubs sehr gering ist. Nachdem das vergangene Wochenende wieder sonnig und warm war, fluteten, vor allem in Jerusalem und Tel Aviv die wasserhungrigen Besucher die entsprechend des Beschlusses offenen Hotelanlagen. Die waren natürlich zum Bersten voll. Die Betreiber öffentlicher Anlagen liefen daraufhin Sturm … und ihnen wurde zugehört.

Auch das nächtliche Fahrverbot für Autobusse, die bisher um 22 Uhr den Betrieb einstellen mussten, wurde in Frage gestellt.  Transportministerin Miri Regev, Wonderwoman der Likud Regierung, ist als Betriebswirtin natürlich die absolut geeignete Person, nur durch Lokalaugenschein zu entscheiden «Ich traf die Entscheidung, ab morgen werden die Busse auch wieder nach 22 Uhr fahren!» 

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Yifat Shasha-Biton, © screenshot ToI

Ganz offensichtlich keine guten Karten hat die Vorsitzende des Corona Komittees Yifat Shasha-Biton bei ihren Kollegen, oder vielleicht auch «ganz oben». Im Januar war ihr noch der Posten der Arbeits- und Sozialministerin angeboten worden. Im Mai stand sie dann auf keiner der Ministerlisten mehr. Als kleines Trostpflaster war ihr der Posten der Vorsitzenden des Corona Komitees zugeschoben worden. Nach der Abstimmung, ob die öffentlichen Schwimmbäder nun doch wieder geöffnet werden sollten, hatte sie sich eine andere Meinung gebildet, als es der PM vorgegeben hatte. Das kam einer Palastrevolution gleich. Der ultrarechte Rechtsanwalt Miki Zohar (Likud) eilte zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: «Das war es mit dir in der Likud.  Du wirst als Vorsitzende des Komitees abgelöst werden. Hab ein nettes Leben!» 

Und Netanyahu? Er hüllt sich in Schweigen. Er hat es, gemeinsam mit seinen Freunden geschafft, dass aus Israel, dem einst blühenden, innovativen und demokratischen Staat mehr und mehr ein Schwellenland wird.

Gelder, die er zur Unterstützung der notleidenden Bevölkerung schon vor Wochen versprochen hat auf den Weg zu bringen, sind immer noch nicht ausgezahlt. Die Armut steigt von Tag zu Tag. Wenn unser PM nicht bald beschliesst, wieder aktiv auf die politische Bühne zurückzukehren, wird der Schaden über Jahre hinaus nicht mehr reversibel sein.

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„Care-Pakete“ für die Bedürftigen, ein trauriges Bild für das einstige Überfluss Land! © screenshot ynetnews

Die bessere Lösung wäre es, er würde endlich zurücktreten und den Platz räumen für einen Jüngeren, der sich als der bessere Krisenmanager erweist. Nur leider, er hat es nicht zugelassen, dass ein Nachfolger sich warmlaufen durfte.

PM Benjamin Netanyahu, der ehemals hochgelobte und sicher auch begabte Politiker, hat den Moment verpasst. Blickkontakt mit der Bevölkerung sucht er schon lange nicht mehr, seine Wahrnehmung des Alltags rings um ihn herum ist schon lange gestört.

 

© esther scheiner, israel

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Capio – ergo sum

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Schon Aristoteles (384 – 322 BCE) beschrieb in einer seiner wichtigen Schriften «Die Politik» Πολιτικά nicht nur drei Staatsformen, die sich einerseits durch die «Gruppe der Machthabenden» und andererseits nach den Zielen richten. Er unterscheidet in die Gruppe der guten Staatsformen: Monarchie (zumeist  ein Adeliger, der durch eine Wahl oder Erbfolge lebenslang die Regierung führt) , Aristokratie (im Verständnis des Altertums umfasst diese Gruppe nicht den Adel, sondern eine Gruppe von besonders fähigen Menschen) und die Politie (die ebenfalls von einer Gruppe von besonnenen, fähigen Menschen geführt wird.) Dienen die drei Staatsformen nicht dem Gemeinwohl, so ordnet er sie den schlechten Staatsformen zu, die von Tyrannis, Oligarchie bis zur Demokratie reichen. Dass er die Demokratie zu den schlechten, entarteten Staatsformen zählt, wirkt heute fragwürdig. Zur Zeit der Antike aber war die Gruppe der freien Bürger und der Armen weitaus grösser, als die der Reichen. Infolgedessen war auch der Besitz der freien Bürger absolut gesehen grösser, als der der Reichen. Und das durfte nicht sein. Daraus ergäbe sich, so folgerte er, eine Dominanz der Armen.  Andererseits verteufelt er in der gleichen Schrift die Raffigier der Reichen: «Die Habsucht der Reichen, ein wahres Übel, vernichtet die Staatsverfassung eher, als die des Volkes.» [Gier Korruption und Machtmissbrauch im klassischen Athen, S. 43 f]

Geld soll, so seine Schlussfolgerung, ausschliesslich dem Tauschhandel dienen, eine Mehrung des Kapitals durch Zinsen sieht er als unmoralisch an. Nun ja, würden wir in der heutigen Zeit an den Thesen von Aristoteles festhalten, so gäbe es den teilweise stark aufgeblähten Sektor des Geld-, Banken- und Börsenwesens nicht……

Kommen wir zurück zur Staatsform Demokratie, auf die wir alle so stolz sind. Die ersten Paragrafen der meisten Verfassungen halten dies in dieser oder einer ähnlichen Form fest: »Die Macht geht vom Volke aus».

Wir wählen unsere Politiker in freien Wahlen und hoffen dann, dass sie ihre Regierungsarbeit auch in unserem Sinne leisten. Doch tun sie das tatsächlich? Kurt Tucholsky beschreibt seine Beobachtungen dazu wie folgt: «Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Doch hat man nie gehört, dass sie jemals dorthin zurückgekehrt ist.»

 Kein Spruch, wie dieser aus dem Lateinischen «ich denke, also bin ich»  abgewandelte «ich nehme, also bin ich» scheint derzeit besser auf dem amtierenden PM Benjamin Netanyahu zu passen.

Seine Raffgier, sowohl die politische, als auch die persönliche, scheinen grenzenlos geworden zu sein.

Er hat doch eigentlich alles, was das Herz begehrt: einen gutbezahlten Job, eine reizende Familie mit zwei wohlgeratenen Söhnen und einer frommen Tochter, eine liebreizende Ehefrau, von der Kishon wohl behauptet hätte «Sarah ist die beste Ehefrau von allen». Und er darf sich glücklicher Grossvater von vier Enkelkindern nennen.

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Die glückliche Familie, Yair, Sarah und Bibi Netanyahu © ynetnews

Platz für seine grosse Familie hat er genug. Zum einen ist da seine luxuriöse Villa in Caesarea, mit unverbaubarem Blick auf das Mittelmeer. Die Netanyahus leben derzeit nur selten in der auf 20 Millionen Schekel [i.e.etw € 5 Millionen] geschätzten Villa. Die Lebenshaltungskosten, sowie die notwendigen Sicherheitsmassnahmen, aber auch  Renovierungen werden vom Staat gezahlt.

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Villa Netanyahu in Caesarea © Calcalist

Dann gibt es ein Penthouse in Jerusalem, dessen Wert auf 10 Millionen Schekel geschätzt wird.

Und, es gibt noch ein weiteres Haus in Jerusalem, das er gemeinsam mit seinem Bruder Ido, der als Radiologe und Schriftsteller in den USA lebt, geerbt hat. Es handelt sich um das Elternhaus der Familie, in der auch Netanyahu einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Das Haus liegt im bürgerlichen Stadtteil Kadmon an dem Platz, der nach dem beim Einsatz in Entebbe gefallenen Buder Yoni benannt wurde. Spencer Patrich, ein US amerikanischer Milliardär, kaufte im Jahr 2016 die Hälfte des Hauses. Nun steht es leer und niemand weiss, was damit geschehen wird.

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Hazorin St, das Elternhaus © Calcalist

Und es gibt natürlich die offizielle Residenz, die ihm als privater Wohnsitz und für repräsentative Zwecke für die Dauer seines Amtes zur Verfügung steht. Wie grosszügig diese bemessen ist, konnten wir anlässlich zahlreicher Bilder und Videos sehen, die während der ersten Corona Welle entstanden, als auch der PM mit seiner Familie im Bewegungsradius deutlich eingeschränkt war. Gemeinsam mit ihm wohnt dort der jüngere Sohn der Familie, Yair. Dieser zeichnet sich vor allem durch aggressive Postings auf Twitter auf, mit denen er glaubt, seinen Vater vor den bösen Gegnern schützen zu müssen. Diese Residenz muss die Familie, verläuft alles nach Plan, im November 2021 räumen und dem nachfolgenden PM, Benny Gantz Platz machen. Natürlich muss auch in der 18-monatigen «Regierungspause» der Staat für eine adäquate Unterkunft und den gewohnten Lebensstandard finanziell aufkommen.

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Die offizielle Residenz in Jerusalem, Balfourstr. © ToI

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„Golda House“, offizieller Sitz der ersten PM von Israel, Ben Gurion, Moshe Shared, Levi Eshkol und Golda Meier © www.americaunitedwithisrael.org

Entsprechend der Koalitionsvereinbarung würde auch dem alternierenden PM Benny Gantz bereits jetzt eine entsprechende Leistung zustehen. Der hat aber immer wieder rundheraus abgelehnt, dem Staatssäckel auf der Tasche liegen zu wollen. Sein Haus in Rosh HaAyin «…wird auch als meine offizielle Residenz dienen. Deshalb ist es für den Staat nicht notwendig, mir eine andere Residenz zur Verfügung zu stellen.» Gut gebrüllt, Benny!

Ob er auch schon in den Genuss der Nutzung des offiziellen Flugzeuges des PM kommen wird, sollte er einmal über den Atlantik oder zu einem anderen weiter entfernten Ziel reisen müssen, ist fraglich. Am 3. November des Vorjahres absolvierte die «Wing of Zion», eine nach den speziellen Vorstellungen von PM Netanyahu umgebaute Boeing 767-300 ihren Jungfernflug.

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Wind of Zion startet zu ihrem Jungfernflug ©Haaretz

Die Diskussionen über überhöhte Reisekosten des PM, der ja bekanntlich immer und ausschliesslich von seiner Ehefrau begleitet wird, ist schon seit Jahren immer wieder ein Thema in den Finanzausschüssen. Das Fass zum Überlaufen brachte aber wohl der Umbau einer EL AL Maschine zum Schnäppchenpreis von 450.000 Schekel, um dem Ehepaar Netanyahu einen erholsamen Schlaf im eigens installierten Doppelbett auf dem Flug von Tel Aviv nach London zu ermöglichen. Das bei einer aussergewöhnlich langen Flugzeit von fünf Stunden und 25 Minuten.

Der offizielle Name des Flugzeuges lautet 4X – ISR. Die Bezeichnung 4X trägt jedes israelische Flugzeug, der Zusatz ISR deutet darauf hin, dass es ein Staatsflugzeug ist. Bisher kostete das neue Statussymbol, dass nur vom PM und vom Staatspräsidenten genutzt werden darf, den Staat 729 Millionen Schekel.  Präsident Reuven Rivlin dankte für die Möglichkeit, hielt aber fest, dass er weiterhin Linienflugzeuge, und je nach Reisestrecke sogar die Economy Klasse nutzen wird.

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Ankunft in Polen Jan 2020, ELAL Degania 4X-EKJ, Boeing 737-800 © Twitter

Na ja, der Luxusflieger muss noch einige Tests durchlaufen, bis er dann wirklich programmgemäss starten darf, vielleicht hat sich das Thema ja dann erledigt.

Irgendwie kommt doch fast Mitleid auf mit dem armen Mann!

Neben seinen Immobilien und deren staatlicher Finanzierung  darf er auch noch ein Aktienpaket sein Eigen nennen, dessen tatsächlicher Wert der Öffentlichkeit vorenthalten bleibt. Was aber bekannt wurde ist ein ertragreicher Deal, der in den USA und in der EU als Insiderinformation strafbar ist. Oder wie anders soll man es bezeichnen, wenn er Aktien im Wert von US$ 600.000 kauft und ein halbes Jahr später für US$ 4.5 Millionen wieder verkauft? Da hatte ein Cousin und guter Freund, Nathan Milikowsky,  wohl einen ganz guten Tipp für ihn. Auch dieser Fall wird möglicherweise wieder aufgerollt werden.

Das ist aber immer noch nicht das Ende. Die Mutter aller Fragen in diesem Zusammenhang heisst: Wer zahlt meine Verteidigungskosten für meine Anklage vor Gericht? Die logische Antwort: Ich selber, wer sonst! Falsche Antwort!  PM Netanyahu sieht das wohl anders. Er habe, so beteuerte er immer wieder, nicht genügend liquide Mittel, um die Heeschar von Rechtsanwälten bezahlen zu können. Also stellte er an entsprechender Stelle einen  Antrag, Geld zur Bezahlung seiner Unkosten von seinen US amerikanischen Freunden Milikowsky und Patrich Geld annehmen zu dürfen. Das Pikante daran ist, dass Patrich im anhängigen Verfahren selber Zeuge der Anklage ist. Deshalb wurde die Frage dem Generalstaatsanwalt vorgelegt. Eine PM Netanyahu nahestehende Person beteuerte, die von Patrich angebotenen finanzielle Hilfe würde nicht ausreichen, alle Rechtsmittel zu bezahlen und «dass von  jemandem, der das Einkommen eines öffentlichen Beamten hat, nicht erwartet werden kann, diese Kosten selber zu tragen.»

Immerhin sind da schon einige Millionen US$ hin- und her geflossen. US$ 570.000 wurden dem PM schon einmal als Darlehen von Patrich zugestanden. Geld, das dazu dienen sollte, Schulden an Milikowsky zurück zu zahlen. Mit dem übelschmeckenden Ergebnis, dass es  dort nie ankam. Monkey business?

Doch nun kommt der derzeitige Höhepunkt.  Auf Israels Strassen protestieren derzeit Abend für Abend Tausende. Fast eine halbe Million Menschen sind arbeitslos. Die Unterstützungsgelder sollten, so war der Plan, als die Regierung davon träumte, Corona sei Vergangenheit, im Juli letztmalig ausgezahlt werden. Nun hat die Regierung beschlossen, diese Zahlungen einmalig im August weiterzuführen. Die Kosten für diesen einen Monat belaufen sich auf geschätzte 3.8 Milliarden Schekel.

Und was macht unser PM? Er fordert! Diesmal eine Steuererleichterung. Nicht für das Jahr 2020, nein rückwirkend für die Jahre zwischen 2009 und 2017. Wir, die Steuerzahler, haben  allein im Jahr  2012 sagenhafte US$ 940.000 nur für den Unterhalt seiner Häuser und Wohnungen gezahlt. Die unglaublichen Zahlen kann man hier nachlesen.

Es geht um alle Steuerzahlungen, die nicht sein Einkommen als PM betreffen. Diese bescheidene Summe von etwa 50.000 Schekel pro Monat wird er weiter versteuern müssen. Nicht aber die Kosten für seinen besonders gepanzerten Dienstwagen, der nur ihm, samt Chauffeur 24/7 zur Verfügung steht, noch die Kosten für werterhaltene Arbeiten an seinen privaten Villen (Gartenarbeiten, Reparatur des Schwimmbeckens,…). Diese muss jeder Steuerpflichtige versteuern.  Alles in allem dürfte ihm eine teilweise Rückerstattung und/oder zukünftige Erleichterung von etwa 1 Million Schekel zugestanden werden. Das Beschämende ist, dass die Mitglieder des  Finanzkomitees mit 8:5 Stimmen diesen unmoralischen Antrag durchgewunken haben.

Unser PM hat jegliche Bodenhaftung verloren, die Menschen ausserhalb seiner gut abgesicherten Residenz sind im gleichgültig. Es gab Zeiten, da verspürte ich Respekt vor seiner Leistung. Mittlerweile ist es nur mehr tiefste Enttäuschung!

Seit 2019 darf er sich sogar mit dem «Nationalen Orden vom Kreuz des Südens», dem höchsten brasilianischen Orden schmücken. Er erhielt ihn als kleines Geschenk der Freundschaft vom frisch gewählten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro.

Die auf dem Orden genannte Devise lautet: «Praemium bene Merentium» [Die Belohnung Wohlverdienter] Dass er ihn trägt, ist ein Hohn für die, die ihn wirklich verdientermassen verliehen bekamen.

 

© esther scheiner, israel

 

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Noch ein Staatsmann oder schon ein Mann auf dem Weg zum Tyrannen?

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Dizengoff House, Tel Aviv © Wiki gemeinfrei

Als am Abend des 5. Jiar 5708 (14. Mai 1948) der erste PM Israels, David Ben Gurion die Unabhängigkeit Israels im Dizengoff House am Rothshild Boulevard in Tel Aviv verkündete, war der jüngste der 37 Unterzeichner gerade 30 Jahre, der älteste 73 Jahre alt.

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Jehuda Leib Maimon © Wiki gemeinfrei

 

 

Der älteste Unterzeichner und Mitverfasser der Unabhängigkeitserklärung war Jehuda Leib Maimon  (geb.1875 in Mărculești im ehemaligen Kaiserreich Russland, gest.1962 in Tel Aviv). In der ersten Knesset diente er als Minister für Religiöse Angelegenheiten und für Kriegsopfer als Mitglied der Zionistischen Mizrachi Partei, aus der die heutige rechts-nationale Jüdisches Heim Partei hervorging.

 

 

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Meir Vilner © Wiki gemeinfrei

Meir Vilner (geb.1918 in Vilnius, gest. 2003 in Tel Aviv ) begann seine politische  Karriere in Polen als Anführer der sozialistisch-zionistischen Jugendbewegung HaShomer HaZair. 1938 floh er in das damalige Völkerbunds Mandat Palästina. Dort trat er der Palästinensischen Kommunistischen Partei bei, in der es sowohl jüdische, als auch arabische Mitglieder gab. Als es über der Grundsatzfrage des Zionismus zwischen den Mitgliedern zu irreparablen Meinungsverschiedenheiten kam, spaltete sich die Partei 1965 in die jüdisch dominierte Maki und die arabisch dominierte Rakach, deren Vorsitzender Vilner wurde.

Die Nachfolgepartei Chadash ist heute Teil des arabischen Parteienblocks. Bisher hat Chadash nur eine einzige Regierung, nämlich die von PM Jitzchak Rabin (1992 – 1995) (Arbeiterpartei) aktiv unterstützt. Es war die Zeit der Hoffnung auf eine Verbesserung der Beziehungen zu den Palästinensern.

Diese beiden Mitunterzeichner zeigen, dass die erste Knesset bereits das gesamte Spektrum politischer Ausrichtungen abdeckte.

Mit der Ermordung von PM Jitzak Rabin, S“L,  durch einen rechtsradikalen Terroristen am 4. November 1995 endeten die Annäherungen zwischen Juden und Arabern.. Die goldenen Zeiten israelischer Demokratie verblassten bald darauf. Im März 2009 musste sich der damalige PM Ehud Olmert durch Benjamin Netanyahu geschlagen geben.

Seither regiert PM Netanyahu mit immer härterer Hand den Jüdischen Staat Israel.

Eines seiner grossen Ziele, bevor er entsprechend des Koalitionsvertrages im November 2021 sein Amt zurücklegen muss, dürfte es sein, sein politisches Testament und Erbe zu formen. Dazu gehört die Annektierung eines grossen Teils von Samaria und Judäa. Das wäre sein Erfolg. Er nennt das Kind nicht beim Namen, oh nein, das klänge doch zu sehr nach einer militärischen Aktion. Er nennt es eine «Ausdehnung der israelischen Souveränität und des israelischen Gesetzes». So sieht ein althergebrachter Machtanspruch aus. Ganz unspektakulär. Die Kosten der geplanten Annektierung sind hingegen spektakulär hoch, man spricht von 15 Milliarden US$ pro Jahr. Geld, das wir nicht haben.

Die für später geplanten Friedensverhandlungen mit den Palästinensern interessieren ihn keineswegs. Die haben einen viel höheren Stellenwert für seinen besten Freund Donald Trump. In ihren Köpfen sind die Bilder eingebrannt, wie PM Jitzchak Rabin, Präs. Shimon Peres und Yassir Arafat 1994 gemeinsam den Friedensnobelpreis erhielten. Für ihre gemeinsamen Bemühungen. Und wie sich ihr gemeinsames Feindbild Präsident Barak Obama im Jahr 2009 ebenfalls freuen durfte. Das, noch bevor er vereidigt war. Die Entscheidung muss als Vorschusslorbeer gesehen werden und ist sicher nicht ganz unumstritten.

Nun soll der Deal of the century, ausgeheckt von Präsident Trumps Schwiegersohn Jared Kushner den Frieden bringen. Neben dem hochkarätigen Job als Chefberater seines Schwiegervaters, sind Jared und Ivanka Kushner seit Jahren eng mit Ehepaar Netanyahu befreundet.

Und jetzt soll es bei ihnen klappen. Vielleicht, ziemlich sicher sogar, werden beide nicht mehr im Amt sein, wenn es um die Nominierung geht. Trump wird hoffentlich im November seinem Herausforderer Biden unterliegen und Netanyahu wird nach dem Ende der Rotationszeit hoffentlich verurteilt sein und den Preis nicht mehr persönlich annehmen können.

Bis dahin wird er aber noch alles tun, um sich als Trumps alter Ego, also ganz im Sinne von «Law & Order» zu positionieren.

Seine Versuche, sich als politischer Hardliner zu profilieren sind vielfältig und untergraben Tag für Tag das, auf das wir hier in Israel alle so stolz sind. Unsere Demokratie, unser Selbstbewusstsein und unsere Selbstbestimmung.

Aber jetzt kommt Gegenwind aus der israelischen Justiz, mit der Netanyahu nicht erst seit gestern auf Kriegsfuss steht.

Vor etwa einem Monat, bestätigte der oberste Gerichtshof, Netanyahu trotz der Anklagen gegen ihn, in seinem Amt als PM. Ein grosser Sieg für ihn. Zeitgleich bestätigten sie, dass der im Koalitionsvertrag festgehaltene Satz: «Der PM wird in der Lage sein, die Bewilligung, entsprechend der Vereinbarung mit den USA zum Erreichen der Souveränität in der West Bank, der Knesset zur Anerkennung vorzulegen»  Im Jahr 1992 wurde das grundlegende Gesetz «Menschwürde und Freiheit»  verabschiedet. Im § 8 heisst es: «Es darf keine Verletzung von Rechten nach diesem grundlegenden Gesetz geben. Eine Ausnahme gibt es, wenn ein Gesetz, das den Werten des Staates Israel entspricht zu einem definierten Grund verabschiedet wurde und [in seinen Auswirkungen] so minimal wie möglich gehalten wird.» Ergänzt wurde dieser Absatz im Jahr 1994. «Oder durch eine Verordnung, die auf Grund einer ausdrücklichen Genehmigung in einem solchen Gesetz erlassen wurde.»

Auf der Basis dieses Gesetzes wurde im Jahr 2017 der Bau von (illegalen) Siedlungen auf privatem palästinensischem Land in Samaria und Judäa von der Knesset bewilligt. Jetzt sollte es das als retroaktive Legalisierung der bisher illegalen Siedlungstätigkeit dienen. Generalstaatsanwalt (GstA) Avichai Mandelblit weigerte sich jedoch, diesem Antrag zu folgen.  «Das Gesetz wäre verfassungswidrig und könnte zu einer Klage gegen Israel am ICC [in Den Haag] führen. Eine Verletzung der Eigentumsrechte ist eine ernste Sache und bringt mehr Schaden als Nutzen.»

 Doch nicht genug damit. Die Richtergruppe hielt fest, dass die Palästinenser, die in der West Bank leben, den speziellen Status als «Geschützte Bürger» haben. Dieser Begriff leitet sich aus den Genfer Konventionen von 1949 ab und gilt für alle Menschen, die u.a. auf einem Gebiet mit besatzungsähnlicher Lage leben. Die Richter hielten weiterhin fest, dass die Rechte der israelischen Siedler explicit höher bewertet würden, als die der Palästinenser.

Diese höchstrichterliche Entscheidung passt PM Netanyahu und seinen Getreuen ganz und gar nicht. Der Knesset Sprecher Yariv Levin donnerte: «Die Richter werden ihre Gangart neu planen müssen – die Grenzen des juristischen Systems müssen klar sein.» Unterstützt wurde er von Minister Rafi Peretz «Wir werden alles dran setzen, den Obersten Gerichtshof wieder dahin zu stellen, wo er hingehört.» 

 

Miriam Naor

Präsidentin Miriam Naor ©s creenshot Aussenministerium Israel

Gut, dass der heutige Gerichtshof mit seinen Oberrichtern und dem GStA dem Geist der ehemaligen Präsidentin Miriam Naor folgt, die bei ihrem Ausscheiden sagte: «Der Oberste Gerichtshof war ein starkes Gericht, ist immer noch stark und wird stark bleiben. Es ist kein Gericht, das bedroht oder eingeschüchtert werden kann.» Weise Worte einer weisen Frau!

Ein starkes, unbestechliches und neutrales Gericht ist es nicht, was sich Netanyahu vorstellt. Er wünscht sich, dass in den Amtsstuben nur beste Freunde sitzen, die ihn persönlich, aber auch seine Frau Sarah und seinen Sohn Yair über alle gegen sie anstehenden Fälle hinwegtragen und ihnen weisse Westen ermöglichen.

Netanyahu muss seine Stärke also an anderer Stelle suchen.

Die derzeitige Regierung wurde von Staatspräsident Reuven Rivlin als «Notstandsregierung» definiert. Der Notstand, der dem Gedanken dahinter zu Grunde lag, war der Kampf gegen das Corona Virus. Tatsächlich stellt es sich aber mehr und mehr heraus, dass es der Notstand eines PM ist, der sich unbedingt auf seinem wackelig gewordenen Stuhl halten möchte. Und der dafür starke Gesetze braucht, die es ihm ermöglichen, sich als Premier von «Recht und Ordnung» zu präsentieren.

Da kommen ihm die Notfallbestimmungen aus dem Jahr 1945, von den Briten, gerade recht. Sie statten den Regierungschef mit weitestgehenden Befugnissen aus, die zur Aufrechterhaltung der Sicherheit im Staat dienen.  Seinerzeit wurden sie sowohl gegen arabische Aufständische, als auch gegen jüdische Guerilla Aktivisten eingesetzt. Das Gesetz wurde nach 1948 in das geltende Recht inkorporiert und kam nie zur Anwendung. 1966 fand es Aufnahme in die Grundsatzgesetze.

Natürlich weiss Netanyahu genau, dass es in Israel keinen Notstand gibt, der es notwendig machen würde, die demokratischen und persönlichen Rechte seiner Bürger einzuschränken.

Aber es passt halt gerade so gut für ihn, der sich immer mehr von „lupenreinen“ Demokraten weg entwickelt und seiner Herrschaft immer mehr autokratische Züge aufdrückt.

Spezielle Corona Massnahmen gaben zunächst dem Inlandsgeheimnis Shin Bet das Recht, jeden Bürger per Handy virtuell zu verfolgen und jeden Kontakt mit einem Infizierten zu melden. Mittlerweile, kurz bevor diese Massnahme von der Knesset hätte autorisiert werden müssen, wurde das Programm gestoppt. Shin Bet Direktor Nadav Argaman hielt gegenüber der Jerusalem Post fest, es sei nie in ihrer Absicht gelegen, die Massnahme zu installieren. Sie sei ausdrücklich auf Wunsch und Antrag Netanyahus gestartet worden. Big brother is watching you!

Es geht aber noch besser.

Chip Bild Karen Shadmi

Kurz bevor die Kinder wieder in Schulen und Kitas zurückkehren konnten, regte er an, jedes Kind mit einem Chip zu versehen. Die jeweilige Position des Kindes würde im Internet hochgeladen. Sobald das Kind sich mehr als die erlaubten zwei Meter an jemanden annähert, was in Kindergärten überhaupt nicht zu vermeiden ist, schlüge der Chip Alarm. Und dann? Der Gedanke wurde nicht laut zu Ende gedacht. Käme dann die Polizei und würde nach dem Rechten schauen? Einat Meron, Expertin für Cyber Kriminalität warnte: «Sobald die Information über den Aufenthalt des Kindes ins Internet  hochgeladen ist, kann sich jeder Pädophile, der sich halbwegs im System auskennt, dem Kind nähern.»  

Der Aufruhr war gross, Netanyahu musste zurückkrebsen. Bei einer Parteisitzung tat er das, was er am besten kann, wenn es ihm zu eng wird: corriger la fortune.»Dies ist eine Gelegenheit mit diesen Mythen aufzuräumen, dass ich oder jemand anderer beabsichtigt, unseren Kindern subkutan einen Chip einzusetzen. Verschwörungstheorien kommen immer wieder aus einer wahnhaften Umgebung, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas in dieser Grössenordnung erlebt zu haben. Wir haben darüber diskutiert ein Spielzeug für Kinder zu schaffen, etwas wie eine Brosche oder einen Ring. Selbstverständlich wäre das  tragen freiwillig. Sie haben es noch nicht entwickelt, und ich weiss auch nicht, ob sie es jemals entwickeln werden. Ganz sicher wird es keinen eingepflanzten Sensor beim jemandem geben Ihr könnt euch entspannen.» 

Und noch eine dritte Massnahme hatte der grosse Regierungschef in petto. Die Polizei oder jede andere Sicherheitsbehörde solle ab sofort jederzeit in private Häuser und Wohnung eindringen dürfen. Ohne Notwendigkeit, ohne vorherige Anmeldung, ohne Rechtfertigung. Was genau die Beamten dort tun dürften würde nicht explizit erklärt. Sollten sie überprüfen, ob dort die Corona Vorschriften eingehalten würden? Die gerade Netanyahu regelmässig missachtet hat?

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© screenshot ToI

Damit masst er sich Rechte an, die denen eines Tyrannen gleichen. Es gab einmal eine Zeit, in der Männer in langen schwarzen Ledermänteln gegen Morgen an Wohnungs- und Haustüren hämmerten. Es gibt immer noch Menschen in Israel, die sich an dieses Grauen erinnern. Sie hatten gehofft es endgültig überwunden zu haben.

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

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Das grosse «Spiel» beginnt – PM Benjamin Netanyahu vor Gericht

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Nun steht fest, dass PM Benjamin Netanyahu der erste amtierende PM in Israel ist, der sich vor Gericht wegen mehrerer Strafklagen verantworten muss. Am Sonntag 24. Mai wurde das Verfahren gegen ihn mit einer ersten Anhörung eröffnet.

In der Vorwoche hatte er über seine Rechtsanwälte versucht zu erreichen, dass er sich durch seine Rechtsanwälte vertreten lassen könnte. Doch, so wurde ihm beschieden, das Gesetz, dem auch er sich zu unterwerfen habe, gelte für alle. Der erste Tag sei tatsächlich eine «technische» Anhörung. Dem oder den Angeklagten wird die Klageschrift vorgelesen und sie müssen bestätigen, dass sie sie verstanden haben. Bei dieser ersten Anhörung wird auch die Mutter aller Fragen gestellt: «schuldig oder nicht schuldig?»

Eine einfache Frage mit weitreichenden Folgen. Bekennt sich der Angeklagte «nicht schuldig», so beginnt in der Folge der eigentliche Prozess gegen ihn. Bekennt er sich aber «schuldig», so kann theoretisch eine «Verständigung im Strafverfahren» getroffen werden. Eine gute Sache. Der Prozess wird stark abgekürzt, das Strafmass ist dem Angeklagten bereits bekannt. Und vor allem, ein «schuldig» bringt eine deutliche Reduzierung des Strafmasses mit sich. Diese Möglichkeit hat Netanyahu aber immer wieder weit von sich gewiesen.

Sarah Netanyahu sah es wohl im Dezember vergangenen Jahres als opportun an, zuzugeben, dass sie private Mahlzeiten der Familie und solche mit Freunden hatte von einem Caterer liefern lassen. Der Rechnungsbetrag belief sich laut Klageschrift auf NIS 350.000. Als Folge der Verständigung wurde der eingeforderte Betrag zunächst auf NIS 175.000 reduziert. Schlussendlich wurde vom Gericht eine Zahlung von NIS 45.000 an die Staatskasse plus NIS 10.000 als Strafe festgesetzt und Sarah durfte wieder heimgehen. Und weiterschlemmen.

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Sarah Netanyahu vor dem Gericht © screenshot ynetnews

Wer weiss, hätte Yair Netanyahu der medienaffine Sohn des Ehepaares seinen Twitter von letzter Woche schon damals präsentiert, wäre das Gericht vielleicht zu einem ganz anderen Entscheid gekommen. Darin beklagt er den schrecklichen Zustand der Dienstvilla, vor allem im Küchenbereich und hält fest «, dass sie [die Köche] bestenfalls in der Lage sind, uns Café zu kochen.»

Netanyahu konnte sich aber schlecht als «schuldig» bekennen, nachdem er seit Monaten immer wieder eisern behauptet hatte, unschuldig zu sein. Also muss er sich jetzt dem ganzen, sich wahrscheinlich über Jahre hinziehenden Prozessverlauf stellen. Und der kann, so die ersten Annahmen, bis zu drei Jahren dauern. Immerhin sind bereits jetzt 333 Zeugen benannt, die angehört werden müssen. Das pikante daran ist, dass die gesamte Regierungszeit der derzeitigen Koalition für 36 Monate ausgelegt ist. In der ersten Hälfte wird Netanyahu als amtierender PM regieren, dann wird er darüber nachdenken, mit dem derzeitigen «alternierenden PM» Benny Gantz die Positionen zu wechseln. Je nach der tatsächlichen Dauer des Prozesses kann es also durchaus sein, dass er sogar noch zum Zeitpunkt der nächsten geplanten Wahlen im Frühjahr 2023 vor den Schranken des Gerichtes stehen wird. Und damit wären wir dann genauso weit wie heute. Dann käme es wieder zu der Frage, ob ein unter Anklage stehender Kandidat, sofern er amtierender PM ist, wählbar ist.

Doch zurück zum Sonntag. Was war der Grund, der seine Rechtsanwälte bewogen hatte, zu fordern, dass er nicht im Saal 317 des Bezirks Gerichts in Jerusalem erscheinen müsste? Im Prinzip war es eine mehr als fadenscheinige Begründung. Um die Sicherheitsbestimmungen für dem amtierende PM ausreichend zu befolgen, wäre eine grosse Zahl (die nicht näher bestimmt wurde) von Sicherheitsbeamten notwendig, die ihn begleiten müssten. Bitte? Eine gepanzerte Limousine mit einigen wenigen Sicherheitsbeamten, wie sie ihn auch auf dem Weg von A nach B in Jerusalem begleiten, wäre doch wohl mehr als ausreichend gewesen. Und im Gericht selber wird es wohl kaum notwendig sein, ihn besonders scharf zu bewachen. Man wolle, so war der Tenor «enorme Kosten für die Steuerzahler sparen». Mehr als «Hört, hört!» fällt mir dazu nicht ein.

Die Privatadresse von BK Dr. Angela Merkel ist bekannt, in der Regel stehen nur zwei Polizisten vor dem Mehrfamilien Altbau in Berlin Mitte. Auch in Österreich brach keine Staatskrise aus, als man in einer ORF Doku das Haus des Bundeskanzlers erkennen konnte. Also was ist bei Netanyahu anders???

Schon Stunden vor dem grössten Gerichtsevent des Jahres waren die Strassen in Jerusalem verstopft. Es gab pro-Bibi und anti-Bibi Demonstrationen, deren Teilnehmer während der gesamten Anhörung draussen vor den dicht verschlossenen Türen und Fenstern lautstark ihren Unmut äusserten.

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Blick in den Verhandlungsraum 317 © screenshot Jerusalem Post

Akkreditierte Journalisten wurden strikt in möglichst weit entfernten Räumen des Gerichtes untergebracht, wo sie die Anhörung auf Bildschirmen verfolgenden konnten. Der relativ kleine Saal 317 war mit Bedacht ausgewählt worden, um die Anwesenheit von zu vielen Zuhörern gar nicht erst zu ermöglichen.

Netanyahu traf bereits eine Stunde vor Beginn des Termins im Gericht ein, umgeben von einem Tross von Ministern. Und auch von solchen, die keinen Ministerposten ergattert hatten, aber sich offensichtlich immer noch als Claqueure ihres grossen Meisters verstehen.

Es waren peinliche Szenen, die sich vor dem Gericht abspielten. Die Zeitung «Maariv»  berichtete bereits am Sonntag, dass «Shoa-Überlebende von Haifa aus mit einem Bus nach Jerusalem gebracht worden seien, mit dem Versprechen dort nach einem Ausflug ein gutes Essen zu bekommen.» Statt dessen wurden die «Gäste» zum Gerichtsgebäude gefahren wo sie sich, ohne vorher davon informiert worden zu sein, inmitten des «Netanyahu» Fan Clubs wiederfanden. Wohlgemerkt, Menschen, die alle über 80 Jahre alt waren, also immer wieder als «hoch gefährdet» durch den Corona Virus bezeichnet worden sind. Die Google Übersetzung ist zwar nicht perfekt, aber gibt immerhin einen Eindruck.

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© screenshot Facebook

 

 

Uebersetzung Google

Übersetzung des rechts neben dem obigen Bild stehenden Textes

Netanyahu nutzte die Stunde vor Beginn der Anhörung, indem er sich, unterstützt durch seine wie Leibwächter auftretenden Ministerkollegen und Parteigenossen noch einmal an «sein Volk» wandte und zu einer Tirade von Vorwürfen und Anklagen gegen «die Linken» anhob. Damit meinte er linksorientierte Politiker, Richter und Journalisten. Namentlich erwähnte er Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit, den ehemaligen Polizeichef Roni Alsheich und den regierungskritischen, beliebten Raviv Drucker, TV-Moderator von Arutz 10.

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Der Pressetermin vor der Anhörung © ToI

Drucker hat seit 2008 immer wieder Informationen über Netanyahu, seine Familie journalistisch aufgearbeitet. Themen wie überteuerte Reisen, Geschenke oder auch Aktien, deren Wert sich auf wundersame Weise innerhalb von kürzester Zeit um 700% auf US$ 4.5 Millionen gesteigert haben. In diesem Zusammenhang geht es u.a. um den Ankauf von Dolphin U-Booten, die das deutsche Unternehmen Thyssen-Krupp an Israel verkauft hat.

Dieser Fall wurde als «Case 3000» bekannt. Obwohl Netanyahu in diesem Fall nur eine indirekte Rolle spielt, kann es, so ein Bericht in Times of Israel   durchaus sein, dass auch dieser Fall noch einmal aufgerollt werden wird. Diesmal mit der Frage, wo und ob Netanyahu den Gewinn versteuert hat.

Netanyahu sprach beim Pressetermin nicht über seine Gerichtsfälle, er sprach nur und ausschliesslich über seine persönliche Bedeutung für Israel. Sein derzeitig wichtigstes Thema ist die Annektierung von Teilen von Judäa und Samaria. Er weiss, dass dieser Teil des von Trump oder besser gesagt von dessen Götterschwiegersohn, Kushner ausgedachte Plan, nur umgesetzt wird, solange er PM ist. Ob ein Nachfolger Interesse daran hat, oder ob ein Nachfolger Trumps überhaupt weiss, um was es dabei geht, steht in den Sternen. Aber Netanyahu will diese Annektierung als sein Legat an Israel, als sein Lebenswerk hinterlassen. Und so blieb es beim Pressetermin wieder einmal nur beim hinreichend bekannten Originalton: Nur mit mir…….

Offenbar war er nach diesem Termin, nach dem Bad in der Menge von Fans und unfreiwilligen Unterstützern sehr müde. Trotzdem verweigerte er die Bitte einer der beiden Richterinnen, auf der für Angeklagte reservierten Bank Platz zu nehmen. Man stelle sich vor, ein PM Netanyahu sitzt vor den Augen der Presse auf der Anklagebank. Nein, niemals!!!

Wie zu erwarten, forderten seine Rechtsanwälte erneut Zeit zur Vorbereitung. Zwei bis drei Monaten bräuchten sie, um die Klageschriften genau zu prüfen und ihre Antworten zu formulieren. Der nächste Termin wurde für den 19.Juli festgesetzt. Viel Zeit für sie und für Netanyahu, neue Verteidigungsstrategien auszutüfteln.

Irgendwie schien Netanyahu aber zwischen 15 und 16 Uhr doch sehr müde geworden zu sein. Er hielt ein Mittagsschläfchen mitten im Verhandlungssaal.

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Der Schlaf des PM  🙂 © screenshot ToI

Gut, dass man ihm die Teilnahme an den nächsten Anhörungen erspart.

Eines ist gewiss: Auch Netanyahu, ob PM oder nicht hat einen Rechtsanspruch darauf, so lange als unschuldig angesehen zu werden, bis seine Schuld erwiesen ist. Und darauf, dass er einen fairen, objektiven Prozess bekommt.

Alle Anwürfe Netanyahus, dieser Prozess sei eine pure Hexenjagd gegen ihn mit der Absicht, ihn aus dem Amt und aus der Politik zu werden, entbehren jeder Grundlage. Ob der Prozess also in allen Punkten fair sein wird, wird nicht zuletzt auch an seinem Verhalten liegen.

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

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Die 35. Regierung Israels wurde angelobt

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Der weiter regierende PM Benjamin Netanyahu ist nun, entsprechend des Koalitionsvertrages mit dem «alternierenden» PM Benny Gantz für weitere 18 Monate, i.e., bis November 2021 im Amt. Dann muss er seinen Platz räumen und Benny Gantz Platz machen.

Wahlplakate 2020

Wahlplakat © Knesset

Wobei ich überzeugt bin, dass er alles tun wird, jeden Taschenspielertrick anwenden wird, um genau das zu verhindern.

Vielleicht, indem er einen Grund findet, sich mit Gantz zu überwerfen und alle Verträge für Null und nichtig erklärt. Oder weil Gantz irgendwann doch versteht, auf was er sich eingelassen hat.  Dann wird er sich aus der Regierung zurückziehen, sie als regierungsunfähigen Torso zurücklassen und so Neuwahlen – diesmal ohne Netanyahu – provozieren.

Hier wieder mal ein paar Zahlenspielereien.

In der Koalition sitzen insgesamt folgende Parteien, resp. deren 74 Mitglieder:

Regierungskoalition 

Und auf der Oppositionsbank sitzen 46 Abgeordnete

Opposition

Netanyahus innerparteilichen besten Freunde und Steigbügelhalter wurden brüskiert und um ihre Pfründe betrogen. Netanyahu gelang es nicht, alle ihre persönlichen Wünsche zu befriedigen und entsprechende neue Portfolios zu schaffen. Die für 18 Uhr angesetzte Angelobung wurde auf Sonntag 17.05.2020 verschoben. Gantz zog entsprechend der prozeduralen Vorgaben seinen Rücktritt als Knesset Sprecher zurück und nahm das Amt wieder ein.  Nachdem Netanyahu grünes Licht für die gestrige Veranstaltung gegeben hatte, legte er am Freitagnachmittag den Posten wieder zurück und machte den Sessel damit frei für Yariv Levin (Likud) der so erstmals seines neuen Amtes waltete.

Die Sitzung, die vor allem bei den Reden von Netanyahu und Gantz immer wieder von teils heftigen Zwischenrufen gestört wurde, machte auch eine erste Amtshandlung notwendig.  Nach einer mehrfachen Aufforderung, die Sitzung nicht zu stören, wurde ein allzu lauter Abgeordneter aus dem Saal geführt.

Hier kommt die spannende Aufteilung der Ministerposten, die entsprechend des Koalitionsvertrag 50:50 vorgenommen werden musste. Genau zu dem Punkt gab es am vergangenen Donnerstag, dem Tag, an dem die Angelobung der neuen Regierung hätte stattfinden sollen, einem Eklat. Gantz machte am Ende gute Miene zum bösen Spiel.

Minister

Sitze vs. Minister

Likud:

  1. Premierminister Benjamin Netanjahu
  2. Finanzminister Israel Katz
  3. Gesundheitsminister Yuli Edelstein
  4. Öffentliche Sicherheit Amir Ohana
  5. Transport Miri Regev (wird in 18 Monaten Aussenministerin)
  6. Erziehungsminister Yoav Gallant
  7. Energie (ohne Wasser) Yuval Steinitz
  8. Religion Ya’acov Avitam
  9. Geheimdienst Eli Cohen
  10. Höhere Bildung (neu!) und Wasser (neu!) Ze’ev Elkin (wird in 18 Monaten Transportminister)
  11. Umweltschutz Gila Gamliel
  12. Verbindungsminister zwischen Knesset und Regierung (neu!) David Amsalem
  13. Regionale Kooperation Ofir Akunis
  14. Minister für Siedlungen (neu!) Tzipi Hotoley
  15. Minister ohne Portfolio (neu!) Tzachi Hanegbi (wird später die Siedlungsagenda übernehmen)

Ohne Partei:

  1. Jerusalem & Kulturerbe Rafi Peretz

Shas:

  1. Inneres Aryeh Deri

Vereintes  Thorah Judentum:

  1. Gebäude und Konstruktion Yaakov Litzman

Im ministerialen Rang:

  1. Aufsicht über die Koalition (neu!) Miki Zohar

Blau & Weiss:

  1. Alternierender PM und Verteidigung Benny Gantz
  2. Aussenministerium Gabi Ashkenasi
  3. Justiz Avi Nissenkorn
  4. Kultur & Sport Chili Tropper
  5. Wissenschaft & Technologie Yizhar Shai
  6. Strategie Orit Farkash-Hacohen
  7. Tourismus Assaf Zamir
  8. Immigration & Eingliederung Pnina Tamano-Shata
  9. Diaspora Omer Yankelovitch
  10. Landwirtschaft Alon Schuster
  11. Minister im Verteidigungsministerium Michael Biton
  12. Soziale Gleichstellung & Senioren Merav Cohen
  13. Minoritäten (noch nicht vergeben, vorgesehen ist ein arabischer Minister)

 Derech Eretz:

  1. Kommunikation Yoaz Hendel

 Avoda:

  1. Wirtschaft & Industrie Amir Peretz
  2. Soziales, Arbeit & Sozialleistungen Itzik Shmuli

 Gesher:

  1. Aufbau & Entwicklung der Gemeinden Orly Levy-Abekasis

Alles in allem, wie versprochen, 36 Ministerien plus 1 Minister ohne Portfolio. Einige weitere sollen folgen, wenn die ersten sechs Monate vorbei sind. Im Prinzip ist es unerheblich, wer wie viele Ministerposten innehat. Stimmberechtigt sind je maximal 18 der beiden Seiten.

David Ben Gurion begann die Regierung 1948 mit 12 Ministern, im Jahr 1992 wurde eine Höchstgrenze von 18 beschlossen. Sharon brachte es auf über 20, Netanyahu steigerte auf 30 im Jahr 2009. Und unser kleines Israel plustert sich auf 36 auf.  Durchaus vergleichbare Länder (Grösse und Einwohnerzahl) wie die Schweiz (7)  und Österreich (12) bescheiden sich mit weit weniger – und es geht ihnen damit gut.

In Zeiten von Corona wäre es doch wirklich angeraten, Geld zu sparen, wo immer es geht.  Netanyahu hat heute ziemlich süffisant gemeint, es sei immer noch wesentlich günstiger, einen so aufgeblähten Regierungsapparat zu unterhalten, als eine vierte Wahl zu finanzieren.

Das glaube ich ganz einfach nicht!

36 Minister mit eigenem Büro, mit kompletter personeller und technischer Infrastruktur, einem Bürovorstand und einem Dienstwagen kosten viel Geld. Dazu die ministerielle Entschädigung von kolportierten NIS 50.000 (CHF 12.5000/€1 0.000) pro Monat. Weiterhin steht noch die Wahl von 16 stellvertretenden Ministern aus. Deren Infrastruktur ist ein wenig bescheidener, aber auch nicht kostenlos.

Dazu kommen vier Büros für den alternierenden PM. Eines als Parteivorsitzender von Blau & Weiss, eines als Fraktionsvorsitzender in der Knesset, eines im Verteidigungsministerium und schlussendlich eines als alternierender PM.

Ich kenne die verschiedenen Büroeinheiten in der Knesset. Selbst die kleinsten sind grösser, als es meine grösste Studentenbude jemals war. Und besser ausgestattet!

Limor Livnat, die Netanyahu über lange Jahre politisch begleitet hat, bis sie im Jahr 2015 der Politik den Rücken kehrte, veröffentlichte heute, am Montag den 18. Mai im ynetnews einen Kommentar mit dem Titel «Die Likud Mitglieder sind Marionetten in der Hand von Netanyahu». Nachfolgend einige Zitate :

«Die Wahrheit ist, dass Netanyahu, trotz seiner hervorragenden politischen Fähigkeiten den Bezug zur Realität verloren. – Er hat sich ein privates Imperium, umgeben von Ja-Sagern aufgebaut. Wer es wagt, den Kopf aus dem Wasser zu heben, oder dem grossen Führer zu widersprechen, wird aus dem Königreich verbannt. – Aber er war nicht immer so. Als Netanyahu 1978 von den USA nach Israel zurückkam,  beeindruckte er die Israelis mit seinem strahlenden Charisma, dem geschliffenen Englisch und zahlreichen amerikanischen Tricks, die hier in der Öffentlichkeit noch unbekannt waren.»  Eine Charakteränderung macht Livnat im Jahr 2015 aus, als er «….die Wahl trotz aller Widrigkeiten [gegen Jitzchak Herzog] gewann. – Damals begannen er und seine Familie zu glauben, dass sie, ähnlich wie König Ludwig  XIV von Frankreich, der Staat seien. – Schon damals, und noch viel mehr heute, musste man ihn entweder küssen, oder eine innerparteilich starke Position haben, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. – Die über eine Million Arbeitslosen im Land interessieren weder ihn, noch sonst jemanden.»

Auf der Suche nach neuen Ministerien gründete Netanyahu eines, das er «Verbindungsminister zwischen Knesset und Regierung» nannte. Livnat schlägt vor, ein zusätzliches Ministerium einzurichten. «Das Verbindungsministerium zwischen Regierung und Realität.»

Ein Witz sei mir zum Schluss gestattet. Als heute bekannt wurde, dass das «Wasser»- Ministerium vom «Energiebereich» getrennt wurde, forderte ein altgedienter Politiker man solle doch bitte auch nicht vergessen, die Auftrennung in «Warm- und Kaltwasser» vorzunehmen. In einem Kommentar in der Jerusalem Post wurde daraufhin vorgeschlagen, doch bitte auch noch ein «Fallafel» Ministerium oder eines für «Tomatenzucht» einzurichten.

Israel schwebt mal wieder kurz über dem politischen Absturz.

Aber, es hat seinen Humor nicht verloren!

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

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Wenn doch Israel von Deutschlands Angela Merkel regiert würde

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Die Politik von Dr. Angela Merkel war und ist immer wieder Zielscheibe von Hohn und Spott, gemischt mit Kritik bis hin zur Verachtung. Manchmal scheint es, als ob die erste Frau, die in Deutschland Kanzlerin wurde für alles persönlich haftbar gemacht wurde. Als sie im vergangenen Sommer einige Male unter heftigen Zitterattacken litt wurden sofort Stimmen laut, sie möge doch endlich abtreten. Den Platz endlich für andere freimachen, die besser geeignet seien, dieses Land zu führen. Man ging sogar soweit, ein Attest betreffend ihre Arbeitsfähigkeit zu fordern. Von «Kanzlerdämmerung» war die Rede. Nicht vergessen und vergeben ist ihre 2015 anlässlich einer Bundespressekonferenz häufig zitierte und überstrapazierte Aussage: «Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!» Diese wurde immer wieder als Beleg für ein naives Herangehen an die damalige Flüchtlingspolitik gewertet. Als Zeichen für die Handlungsunfähigkeit einer Politikerin. Alexander Gauland (AfD), verstieg sich zu folgender Aussage, die er mit der Forderung nach einem sofortigen Rücktritt würzte: «Wir wollen das gar nicht schaffen!» Seit 2005 lenkt Angela Merkel die Geschicke Deutschlands. Sie wurde geliebt, gelobt, verkannt, abgelehnt und gehasst. Vor allem im eigenen Lande, in dem der Prophet bekanntermassen nichts gilt.

Besuch Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rathaus Köln

By © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79701670

Noch vor wenigen Monaten hätten verschiedene politische Kreise es begrüsst, wenn sie ihr Amt zurückgelegt hätte. Nun spricht man, wenn auch derzeit nur hinter halbgeschlossenen Türen, von einer 5. Regierungsperiode.

 

Hier nun ein Kommentar von Netanel Azulay, veröffentlicht am 5. Mai 2020.

Während der Tage der Corona Krise habe ich die Reden der deutschen Kanzlerin, Angela Merkel, von meinem Daheim in Berlin aus verfolgt.

Inmitten der schrecklichen Daten aus anderen europäischen Ländern ist es Deutschland gelungen, die Infektionsrate zu senken, die Kurve abzuflachen und den Bürgern Hoffnung zu geben.

Das ist nicht passiert, weil Deutschland stärker oder reicher ist als andere Länder. Es geschah dank der Frau an der Spitze. Einer der mutigsten, bescheidensten und stärksten Frauen – Angela Merkel. Es gibt viele Gründe für ihren Erfolg.

Zunächst ihre Fähigkeit, Antworten zu geben. Im Anschluss an jede Rede gab Merkel den Reportern Zeit, Fragen zu stellen und stellte sicher, dass sie jede davon fehlerfrei beantwortete. Merkel verstand die Bedeutung von Klarheit und Transparenz. Und sie verstand die Bedeutung von Pressefreiheit. Und, dass es deshalb ihr Job war, Antworten zu geben. Merkel selbst war nicht das Zentrum ihrer Reden. Das Zentrum war das Publikum und das verdiente es, Antworten zu bekommen.

Die deutsche Kanzlerin verstand es, da Volk hinter sich zu scharen, um Ergebnisse zu erzielen: Merkel machte keine Alleingänge bei den Entscheidungen. Sie arbeitete vollumfänglich mit jedem Gremium in ihrer Regierung zusammen. So gelang es ihr, die 16 Bundesländer, die die Bundesrepublik ausmachen zu vereinen. Ihre Handlungen wirkten einend, nicht trennend. Es gab keine Veröffentlichungen, die nicht von der Regierung gebilligt worden waren.

Das Treffen von Entscheidungen während der Krise war kein politisches Thema. Sie liess sich ausschliesslich von wissenschaftlichen Überlegungen leiten.

An diesem Punkt begann sie alle relevanten Informationen sorgsam zu studieren. Gleichzeitig scharte sie 26 Forscher aus den entsprechenden Fachgebieten um sich. Und nicht [wie es anderswo geschah*], mit Mitarbeitern des Finanzministeriums und aus dem Sicherheitsbereich.

Sie war bescheiden. Während ihrer gesamten bisherige Regierungszeit hat sie sich geweigert, die offizielle Kanzlerresidenz zu beziehen. Mit ihrem Ehemann [Prof.emer. Dr. Joachim Sauer] wohnt sie in einer gemieteten 3-Zimmer-Wohnung in Berlin Mitte. [andere Premierminister haben gleich drei Wohnungen *]

Einkäufe erledigt sie selber in den Quartierläden. Merkel hat sich stets geweigert, ein Leben auf Kosten des Steuerzahlers zu führen.

Sie hat ihre im TV ausgestrahlten Reden nie missbraucht, um sich selber oder ihre Minister auf den Rücken zu klopfen. Oder eine Rede zu halten, als gelte es, den Oscar entgegen zu nehmen.

Diese Führerin war in der Lage, Fehler zuzugeben: «Wir haben nicht genug getan.», sagte Merkel vor ein paar Wochen, trotz des offensichtlichen Erfolges, die Infektionskurve abzuflachen. Sie beugte ihren Kopf, als ihre Mitbürger auf Grund der Pandemie verzweifelten. Nie hat sie ihren Erfolg selbstherrlich zur Schau gestellt oder die Situation ihres Landes hervorgehoben.

Merkel verstand, dass sie nicht über dem Gesetz stand und begab sich freiwillig in Quarantäne, nachdem sie in Kontakt mit ihrem Arzt gekommen war, der mit COVID-19 infiziert war. Auch nachdem zwei Tests bei ihr ergaben, dass sie sich nicht infiziert hatte, hat sie die Selbstquarantäne nicht verletzt. Sie hat darauf verzichtet, Ostern mit der Familie und Freunden zu feiern. Ihr war bewusst, dass es nicht nur darum ging, ihre Gesundheit zu schützen, sondern viel mehr auch darum, ein Beispiel für andere zu sein. [Leider gab es auch Politiker, die es damit nicht so genau nahmen. Die Wasser predigten, um selber Wein zu trinken.*]

Merkel hat grossen Wert auf Details gelegt. Es gab keine Anweisung, die nicht genauestens erklärt war. Jedes Gesetz, jede Beschränkung war sorgfältig und detailliert erklärt. Ihre Ansprachen waren ausschliesslich zu Gunsten der Bürger. Und niemals, um über sich selbst zu prahlen.

Sie hat ihr Verständnis für die wirtschaftliche Situation bewiesen. Die Gefahr, dass der durch die Pandemie verursachte Schaden weit höher ist, als die medizinischen Kosten. Die deutsche Regierung hat sowohl den Bürgern, als auch de kleinen Unternehmen schnelle und effiziente Hilfe zukommen lassen.

Als jemand, der in Deutschland lebt, konnte ich das Vertrauen erleben, das die Bürger den Entscheidungen, die von Merkel getroffen wurden, entgegenbrachte. Es war wohl verdient – sie hat hart daran gearbeitet.

Ihr Erfolg im Umgang mit der Corona Pandemie war kein Wunder oder die Arbeit einer Zauberin. Deutschland war erfolgreich, weil es eine Führung hat, die die Bürger über sich selbst stellte.

Ich wünsche mir, wir hätten mehr von dieser Form von Führungsqualität an jedem Platz in der Welt gesehen.

 

[Anmerkungen in Klammern von mir * sollte eine Ähnlichkeit mit lebenden Politikern auffallen, so ist das durchaus beabsichtigt]

© Übersetzung des Originaltextes: esther scheiner, israel

© Netanel Azulay, ynetews

 

 

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Leben auf der Insel

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Ein Morgen wie jeder andere. Der Himmel wölbt sich in azurnem Blau. Die Blüten an den «drei Grazien» hinten im Garten sind schon wieder grösser geworden. «Drei Grazien», so nenne ich die drei Bäume, die jetzt im Frühling zarte lilafarbene Blüten tragen. Noch vor zwei Wochen waren die Zweige völlig kahl. Dann haben sie begonnen, zu spriessen. Ganz zart zunächst. Im Licht des Vollmondes haben sie ausgesehen, wie feine Pinsel, die von Tag zu Tag grösser wurden. Zarte grüne Blattpinsel vor dem fast schwarzen Nachthimmel. Nach den Blüten werden die Früchte kommen. Zarte Fruchtdolden. Erst im kommenden Spätherbst werden die kleinen Beeren reif sein. Dann kommen die Papageien, Halsbandsittiche. Die Männchen mit ihren namensgebenden schwarzen Halsbändern. Kopfüber werden sie in den Zweigen hängen und die Beeren abnehmen.

Die Zeit der Beeren ist für heuer vorbei. Manchmal schaut noch ein Papagei vorbei, sitzt für ein paar kurze Sekunden auf einem leergefressenen Ast, ruft mir seinen Morgengruss zu, so scheint es, und fliegt weiter.

Alles ist wie immer. Ein Tag im März des Jahres 2020.

Alles hatte wie immer begonnen.

Die kommenden Wochen waren organisiert. Noch wenige Tagen, nur zwei knappe Wochen, dann sollte es wieder losgehen. Die Feiertage standen bevor, Pessach, an denen sich Familien treffen. An Pessach gedenken wir unserer Befreiung aus dem ägyptischen Exil, aus der jahrelange Versklavung. Seither sind wir ein freies Volk. Selbstbewusst und eigenverantwortlich.

Alles war geplant, Pessach 2020 in Zürich, mit unserer Familie.

Das Menü war festgelegt, das Fleisch vom Koscher-Metzger in Zürich gekauft, lagerte im Tiefkühler bei Minus 18°C.

Es ist nicht einfach, so lange im Voraus zu planen, wenn man auf einem anderen Kontinent lebt. Nicht einfach, aber machbar.

Wieviele Gäste erwartet man? Welche Menüfolge soll es sein? Gibt es Vegetarier? Veganer? Irgendwelche Allergien?

Gibt es genügend Teller, Besteck, Gläser, Platten Schüsseln, Schalen? Ist ein Rechaud mit genügend Kerzen vorhanden?

Die Vorbereitungen vor Pessach sind nie einfach. Nirgendwo im Haus darf sich ein Krümel von «Chametz» befinden, kein Brot, keine Teigwaren, keine Hülsenfrüchte, kein Bier, kein Whisky.

Und dann plötzlich waren alle unsere Planungen, Bemühungen, Überlegungen völlig vergebens.

Nicht, dass sich das nicht angekündigt hatte.

Bereits am 24. Januar hatte es eine generelle Reisewarnung seitens des israelischen Gesundheitsministeriums für China gegeben.

Schon am 31. Dezember 2019 hatte die Millionenstadt Wuhang über 44 Fälle berichtet, die an einer bisher unbekannten Erkrankung der Lungen litten. Laut Berichten der WHO waren die Erkrankten Verkäufer auf einem illegalen Markt in Wuhang. Dort wurden Murmeltieren, Vögel, Ratten, Fledermäuse und Schlangen verkauft. Am 20. Januar veröffentlichte ein chinesisches Forscherteam neue Erkenntnisse. Diese liessen Rückschlüsse auf die vor 18 Jahren grassierende SARSr-CoV  Epidemie zu und vermutete als Virenträger Fledermäuse. Zu diesem Zeitpunkt gab es 198 klinische belegte Fälle mit drei Todesfällen.

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Ein Name fehlt in der Liste der Forscher. Dr. Li Wenliang hatte am 30. Dezember seine Kollegen – er selber war Augenarzt – vor dem möglichen Ausbruch einer Krankheit, die ihn an SARS erinnerte. Der private Aufruf, sich zu schützen, geriet in die falschen Kanäle. Er wurde gezwungen, eine Selbstanklage wegen Unruhestiftung und falschen Behauptungen zu unterschreiben. Anfang Februar infizierte er sich selber bei einem Patienten und verstarb am 7. Februar. Eine der letzten Kritiken, die er an die chinesische Regierung richtete, lautet: «Falls von offizieller Seite eher Informationen über die Epidemie veröffentlicht worden wären, bin ich sicher, dass es viel besser gewesen wäre. Es sollte mehr Offentheit und Transparenz geben»  

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EL AL entschied bereits am 30. Januar, sämtliche Flüge nach Peking einzustellen. Am 9. Februar wurden alle Flüge nach Hong Kong eingestellt, am 3. März folgte Bangkok und Tokio. Bereits seit Ende Februar flog die Tochtergesellschaft Sun d’or die Ziele in Italien nicht mehr an.

Und trotzdem, auf einmal wurden wir überrascht.

Ab 5. März hatte die Lufthansa Gruppe, und damit auch die Swiss ihre Flüge nach Israel gestoppt. Unsere Tickets schienen auf einmal fast wertlos. Ein Lichtblick: EL AL übernahm die Flüge und damit auch die Tickets.

Ab 15. März gab es keine direkten Flüge mehr. Zunächst gab es noch Alternativen. Tel Aviv – Warschau – Zürich. Oder Tel Aviv – Paris und dann weiter mit dem TGV nach Zürich. Dann gingen die innereuropäischen Grenzen im Schengenland zu. Und das hiess für uns, nichts geht mehr.

Auf einmal war es klar: Wir leben auf einer Insel. Auf einer Insel ohne Verbindung zur Aussenwelt. Die Grenzen im Norden, Süden und Osten waren dicht. Lange schon. Seit Jahren. Eigentlich seit der Gründung unseres Staates. Nur die Grenze nach Westen war die, die immer offen war. Die über die Startbahn des Ben-Gurion-Flughafens Richtung Mittelmeer. Selbst in Kriegszeiten, und davon hatte es hier viele gegeben, war dieser Weg immer offen gewesen. Selbst heftiger Direktbeschuss aus Gaza im Jahr 2014 hatte nur zu einer Änderung der AN- und Abflugroute geführt. Auch die auf Tel Aviv abgefeuerten Scud-Raketen konnten 1991 keine Schliessung des Flughafens erzwingen.  Bis heute, aber nun war auch der gesperrt.

Schiffe mit Personentransport gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr. Die letzten Personentransporte auf überfüllten Schiffen gab es zu Zeiten der grossen Einwanderungswellen. Manchmal mit Duldung der Briten. Einige Einwanderer hatten weniger Glück und wurden nach Zypern in Auffanglager geschickt. Immer aber waren es Einwanderer, die es als grosses Glück empfanden, wenn sie morgens bei der Einfahrt nach Haifa die Hügel des Carmel Gebirges im Dunst erkennen. Moderne Einwanderer, Touristen auf ihren Kreuzfahrtschiffen, können heute bereits lange vor ihrer Ankunft die Gärten des Bahá’í  bewundern.

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Wir wollten aber auswandern. Nun ja, nicht wirklich, aber immerhin ausreisen. Stattdessen leben wir seither auf einer Insel.

Und nicht nur das. Die Insel, die uns allen zugestanden wurde, ist sehr, sehr klein.

Erstmals wurde mir bewusst, dass ich mit 65 Jahren zu «den Alten» gehöre. Zu einer aussterbenden Spezies, die vor dem Corona Virus geschützt werden musste. Und die in die eigenen vier Wände verbannt werden musste. Die nicht krank werden durfte. Die keine Ansprüche mehr stellen durfte. Nicht mehr an das Gesundheitssystem, nicht mehr an die moralischen Werte der Gesellschaft. Die gefälligst nach dem Motto zu leben hatte: Schau, dass du daheimbleibst und gesund bleibst. Solltest du am Virus erkranken, wirst du ganz am Ende der Reihe derer stehen, die behandelt werden dürfen.

Die westlichen Länder verkündeten alle ohne Ausnahme, dass es viel zu wenig Intensivbetten gäbe, um alle Erkrankten zu betreuen, zu wenig Beatmungsgeräte, um den Schwerkranken zu helfen. Wir haben es geglaubt. Und doch, es gab nach einigen Wochen Zahlen, die belegten, dass es sowohl mehr als genug Intensivbetten gab und vor allem mehr als genug Beatmungsgeräte. Und wir begannen, die Informationen zu hinterfragen.

Wir haben uns bemüht, alles zu tun, um das Leben so gut wie möglich aufrecht zu erhalten.  Wir haben versucht, es zu strukturieren. Morgens aufzustehen, zu frühstücken, Haus und Garten zu pflegen.

Den Einkauf über einen Lieferdienst zu organisieren. Die Lieferung einfach mit einem fröhlichen «Danke» zu quittieren, wenn der Fahrer klingelte, um mitzuteilen, dass er alles ablegt hatte. Es klaglos hinzunehmen, wenn die bestellte Ware nicht immer mit der gelieferten überbeinstimmte. Auch die Blumen für Schabbat werden pünktlich abgegeben, liebevoll von unserer bildhübschen Aviva im Blumengeschäft ausgesucht.

100 m laufen, die Masken stets vor Mund und Nase haben. Sich ärgern, dass Parks und Strände gesperrt sind.

Mittagspause, Nachmittags Café, Abendessen, Fernsehen.

Und dazwischen ganz viele Telefonate, WhatsApp und Mails. Irgendwann wird klar, diese uns aufgedrückte Isolation hat auch ihr Gutes. Wir kommunizieren viel und ausgiebig miteinander. Wir lassen uns einfach nicht unterkriegen!

Seit einigen Tagen dürfen wir Hoffnung schöpfen. Es scheint, als würde nun alles langsam wieder besser werden.

Und darauf hoffen, dass die Zahl der Genesenden die der Neuerkrankungen deutlich übersteigt. Dass die Zahl der Toten deutlich zurückgeht.

Darauf hoffen, dass wir irgendwann wieder von unserer Insel befreit werden.

Einer Insel, die soeben 72 Jahre alt wurde. Eine Insel, die wir lieben und die die einzige ist, die wir haben. Israel.

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

 

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Die vierten Wahlen scheinen vorerst abgesagt

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Nach zähen Verhandlungen, sich grundsätzlich widersprechenden Pressemeldungen, Anschuldigungen und Unterstellungen haben sich nun der geschäftsführende PM Benjamin Netanyahu und sein designierter Vize PM Beni Gantz auf so etwas wie einen möglichen Koalitionsvertrag geeinigt.

Ob aus diesem Vertrag wirklich eine Regierung entsteht, werden die kommenden Tage zeigen. Noch wurden nicht alle Ministerposten bekanntgegeben. Es wird also sicher noch die eine oder andere zähe Verhandlungen mit den „natürlichen Partnern“ von Likud geben.

Erst dann, wenn alle Forderungen, Wünsche und Vorstellungen der jeweiligen Parteichefs erfüllt sind, wird sich herausstellen, ob tatsächlich eine Mehrheit von mindestens 61 Plätzen in der Knesset gegeben ist.

Fest scheinen folgende Eckpunkte zu stehen:

1. Netanyahu übernimmt für 18 Monate das Amt des PM, während Gantz das Amt des stellvertretenden PM innehat.

2. Im Oktober 2021 wird die vereinbarte Rochade vollzogen.

3. Sollte Netanyahu die Position zu einem früheren Zeitpunkt verlassen (müssen), übernimmt Gantz ab diesem Zeitpunkt das Amt als PM.

4. Der von Präs. Trump initiierte „Friedensplan“, sowie die damit verbundene Souveränität Israels in grossen Teilen von Judäa und Samaria werden im Juli umgesetzt. Hierzu müssen zuvor die endgültigen Karten erstellt werden.

5. Sowohl Netanyahu, als auch Gantz haben Anspruch auf eine Dienstvilla, welche vom Staat finanziert wird.

6. Folgende Ministerien sind bereits benannt:

    1. Likud
      1. Finanzen
      2. Gesundheit
      3. Innere Sicherheit
      4. Bauwesen
      5. Transport
      6. Erziehung
      7. Inneres
      8. Umweltschutz
      9. Energie
      10. Jerusalem
  1. Blau-Weiss
    1. Verteidigung
    2. Aussenamt
    3. Justiz
    4. Wirtschaft
    5. Kommunikation
    6. Kultur und Sport
    7. Soziales
    8. Immigration
    9. Tourismus
    10. Soziale Gleichstellung
    11. Diaspora
    12. Landwirtschaft
    13. Strategie

 

7. Die 36 Ministerposten und die 16 Stellvertreter werden jeweils zu 50% von Likud und Blau-Weiss übernommen werden. Schon jetzt zeichnet sich bei den kleinen „natürlichen“ Partnern eine teilweise grosse Unzufriedenheit aus.

8. Das Verteidigungsministerium wird von Beni Gantz übernommen, den Posten des Verteidigungsministers erhält Gabi Ashkenazi. Avi Nissenkorn wird neuer Justizminister.

9. Für heftige Kritik seitens der Opposition sorgt die Zusammensetzung des „Judicial Appointments Committee». Obwohl das Justizministerium in den Händen von Blau-Weiss liegt, bestand Netanyahu auf einem Vetorecht seiner Partei in diesem Gremium. Es ist für die Bestellung von Richtern zuständig, und daher in seiner aktuellen persönlichen Situation für Netanyahu von grösster persönlicher

10. Sollte der oberste Gerichtshof entscheiden, dass Netanyahu auf Grund der gegen ihn erhobenen Anklagen nicht als PM fungieren darf, so wäre es durchaus denkbar, dass Gantz für die gesamte Regierungszeit PM wäre. Um dies mit allen Mitteln zu verhindern, strebte Netanyahu eine rechtliche Garantie an, die dies verhindern würde. Diese Garantie kam nicht zustande. Stattdessen steht nun eine Vereinbarung, dass in diesem Fall Neuwahlen eingeleitet werden würden.

Unterschrieben werden soll das Papier nach Yom HaAtzma’ut, der in der kommenden Woche am 29. April 2020 stattfindet.  Bis dahin wird sich entscheiden müssen, ob es eine Mehrheit in der Knesset geben wird.

Oder ob Netanyahu erneut einen Grund findet, alles heute Besprochene wieder aufzugeben.

Dann käme es zu Neuwahlen am 4. August. Zeit genug für ihn, weitere Auswege aus den drohenden Gerichtsverhandlungen zu finden.

 

© esther scheiner, israel

 

 

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Eine sehr persönliche Haggadah

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Unser Rabbiner Elisha Wolfin hat diesen Brief für seinen 12 jährigen Sohn Jonathan geschrieben.

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Was werden wir unseren Kindern in diesem Jahr erzählen?

Welche Haggadah werden wir heute Abend auf unseren Tisch legen? („Haggadah“ bedeutet Erzählung)

Jedes Pessachfest muss sich auf eine spezielle Geschichte beziehen, die wir erzählen, die zentrale Mitzwah dieses Feiertages lautet „Und du sollst deinen Kindern an diesem Tage erzählen..“

Also, was sollen wir ihnen in diesem Jahr erzählen?

Dieses Jahr war ich mit putzen beschäftigt, leitete zahllose Zoom Treffen und Vorlesungen und hielt die notwendigen Sicherheitsvorgaben ein. Und ich entschied mich, ihm zu erzählen, dass Ägypten und der Pharao nur in unseren Köpfen existiert, ebenso wie Chametz. (Das Gesäuerte, das wir vor Pessach penibel aus unserem Haus verbannen!)

Aber ich denke, er ist noch nicht ganz so weit, sich das anzuhören, und er hat ganz sicher nicht die Geduld, seinem philosophierenden Vater zuzuhören. Deshalb habe ich mich entschieden, ihm eine kurze Haggadah zu schreiben, vom Vater zum Sohn, diese in einer virtuellen Cloud abzuspeichern und zu zu hoffen, dass diese nicht verschwindet, so dass er sie lesen kann,  wenn er dazu breit ist.

Mein lieber Sohn

Ich schreibe dir kurz vor Beginn des Pessachfestes 2020.

Ich weiss, du bist noch nicht soweit, mir jetzt zuzuhören (kannst du dich an dein 12.Lebensjahr erinnern?), deshalb stelle ich mir vor, dass du diese Haggadah im Jahr 2050 von irgendeinem Speichermedium herunterladen wirst. Vielleicht klingt dann irgendetwas in dir an, vielleicht auch nicht. Wie auch immer, du sollst wissen, dass ich dich immer liebe.

Eines Tages wirst du deinen Kindern erzählen, was im Jahr 2020 geschehen ist, als du ein Jugendlicher warst. Du wirst ihnen erzählen, dass ein Virus unser Leben massiv beeinflusst hat, und dass von Heute auf Morgen alles anders war. Du wirst ihnen erzählen, wie eine neue und bessere Welt als Folge dieser Plage erwachsen ist.

Ganz tief in deinem Innern wirst du aber wissen, dass die Geschichte in Wirklichkeit ganz, ganz anders war. Du wirst ihnen nur erzählen, was in der Welt um dich herum passiert ist, und das ist gut so, denn das ist es, was sie in der Lage sein werden zu hören. Nur tief innen in dir, wirst du dich viel genauer erinnern.

Aber lass uns ins Hier und Jetzt zurückkehren, denn das ist es, was wir haben.

Draussen, wie ich sagte, bestimmt eine Plage weite Teile unseres Lebens. Es ist mehr oder weniger auf unsere Wohnungen und Häuser reduziert.

Lass uns einen gedanklichen Ausflug machen in die Welt der Philosophie. Was passiert in Tat und Wahrheit gerade jetzt dort draussen?

Die Antwort, mein lieber Sohn ist, dass ich keine Ahnung habe. Und das nicht nur, weil ich daheim festsitze.

Wir wissen niemals wirklich, was draussen geschieht und was das Produkt unseres grandiosen Vorstellungsvermögens ist.

Vielleicht weiss man im Jahr 2050, wenn du diesen Brief lesen wirst, viel mehr über das menschliche Gehirn. Heute, im Jahr 2020 ist es immer noch ein grosses Geheimnis. Aber ich habe den Verdacht, dass auch deine Generation immer noch nicht klar erkennen kann, was «draussen» ist, und was ihr durch euer Vorstellungsvermögen nach aussen projizieren und das dann «Realität» nennen werdet.

Ich weiss, dass «Aussen» schaut sehr real aus und fühlt sich auch so an. Es scheint sehr überzeugend zu sein, sehr wahr und sehr logisch.

Aber, mein lieber Sohn, ich bin davon ganz und gar nicht überzeugt!

Erinnerst du dich noch an den Bildschirm, den du so sehr geliebt hast? An alle Computerspiele und Filme? Alles sah so real aus, so aufregend! Aber wohin verschwand alles, wenn du den Bildschirm ausgeschaltet hast?

Und die Wirklichkeit, wohin entschwindet sie, wenn du schläfst? Wo sind deine Probleme und dein Leid, wenn du glücklich und zufrieden bist? Oder umgekehrt: Wohin verschwinden alle guten Gefühle, wenn du plötzlich verärgert und irritiert bist. Dabei waren sie unmittelbar zuvor noch hier.

Weisst du, wie ein riesengrosser Elefant trainiert wird? Wie er in «Ägypten» versklavt wird mit der Androhung, nie, nie wieder frei zu kommen? Das erreicht man indem man ihn genauso trainiert, wie du und ich und jeder andere trainiert wurden (Ich weiss nicht, ob dies ein Mythos ist, aber als Metapher ist es perfekt). Ab frühester Kindheit, wenn der Elefant noch sehr klein und herzig ist, wird er mit einem Seil an einem kleinen Pfosten festgebunden. Innerhalb kürzester Zeit hat er verstanden, dass er sich nicht von der Stelle wegbewegen kann. «So ist es eben» wird er zu sich selber sagen. Wenn er dann gross und stark ist – viel grösser und stärker, als du und ich es jemals sein werden, und viel stärker, als das Seil und der Pfosten – wird er sich trotzdem nicht von der Stelle wegbewegen. Ein dünnes Seil und ein schwacher Pfosten halten in an dieser Stelle fest. In seinem Ägypten.

Dem Ägypten, das in unseren Köpfen ist.

Die Tradition verlangt, dass ich dir, meinem Sohn erzähle, dass deine Vorfahren von Pharao in Ägypten versklavt waren. Sie wussten nicht, dass es irgendeine Alternative gab. Das war ihre Realität. «Das ist eben so.» sagten sie ihren Kindern von Generation zu Generation. Bis einer von ihnen eine andere Erziehung, eine königliche Erziehung genossen hatte. Er kannte weder Seile noch Pfosten. Und er hatte eine andere Stimme gehört, eine die ganze Welten erschaffen kann. Diese Stimme benannte sich selber:

«Ehiye asher ehiye»

אֶהְיֶה אֲשֶׁר אֶהְיֶה

«Ich bin der, den du in mir siehst.  Ich bin der, der es mir ermöglicht alles zu tun, von dem du glaubst, dass ich es kann.»

Diese Stimme veränderte alles. Sie veränderte die Geschichte. Sie veränderte die Welt. Sie veränderte die westliche Kultur. Und sie wird auch dich verändern.

Mein süsser Junge, Ägypten ist das Seil und der Pfosten, die in deinem und auch in meinem Kopf sind.

Ich werden dir jetzt nicht erzählen, dass es kein «Aussen» gibt. Es wird sehr viel dort geben, aber, um ehrlich zu sein, ich weiss nicht was.

Dein Vorstellungsvermögen ist so wunderbar und so kreativ, mein Sohn. Es ist nach dem Bild Gottes geschaffen! Es erschafft deine Welt jeden Tag aufs Neue. Es erschafft deine Welt in dir und projiziert sie dann auf Leinwand, die wir Realität nennen. (Erinnerst du dich, dass ich dir immer erklärt habe, dass der Bildschirm deiner Spielkonsole, die wir dir zum Geburtstag gekauft haben, nur ein müder Abklatsch des Bildschirmes der Realität ist?)

Jeder Mensch muss sich so sehen, als hätte er selbst Ägypten verlassen. Ägypten ist nicht (nur) eine historische Geschichte, die vor 3.500 Jahren stattfand. Ägypten ist das Seil und der Pfosten, der im Hier und Jetzt in deiner Vorstellung existiert. Ägypten ist deine Projizierung auf die Leinwand, die du Realität nennst.

Mein lieber Sohn, es ist so einfach! Du hast keine Ahnung, wie einfach es ist. Aber es ist auch sehr schwierig, weil es allem widerspricht, das zu glauben du gelernt hast. Wir haben dich gelehrt, dass das, was du auf dem «Bildschirm des Lebens» siehst, die Realität ist. Dass das wahr ist, echt, und objektiv. Und eben, dass es «aussen» ist. Wir haben dich gelehrt, dass alles, was du sehen, riechen, anfassen, kosten und hören kannst, sich dort befindet.
Heute, am ersten Abend des Pessach Festes 5780, möchte ich dir sagen, dass es nicht ganz so läuft (und überhaupt, wenn du dies in 30 Jahren lesen wirst… Diese Haggadah ist unverständlich, solange man nicht bereit dazu ist.)

Unsere Fähigkeit, Gedanken zu fassen, uns etwas vorzustellen, kreativ zu sein, all das ist ein wunderbares Geschenk, mein Sohn. Ein göttliches Geschenk. Die Frage ist, wie wir dieses Geschenk nutzen. Und da wir es nicht bei Amazon.com gekauft haben liegt dem Kauf eben auch keine Gebrauchsanweisung bei.

Eine Generation von Sklaven hat die nächste Generation von Sklaven sozalisiert … und Ägypten wurde seit unendlich langer Zeit von einer Generation der nächsten weitergegeben.

Aber dann, manchmal, kann eine andere Stimme aus der Dunkelheit unserer umwölkten Gedanken gehört werden.

Bitte, mein Liebling, nutze deine wunderbare Intuition, um sie zu hören.

Solange du diese Intuition spürst, wird auch Ägypten immer gegenwärtig sein. Es muss eine Rolle spielen und es spielt sie einfach brillant. Aber neben der Stimme des Pharaos gibt es immer eine zweite Stimme in dir. Immer! Es ist die göttliche Stimme aus dem brennenden Dornbusch, die die göttliche Nachricht überbringt: ««Ehiye asher ehiye». An den meisten Tagen wirst du nicht in der Lage sein, diese göttliche Stimme zu hören, weil die anderen Stimmen um dich herum viel lauter sein werden.

 Du musst wissen, dass ein Kampf immer abzuwägen versucht, zwischen der Stimme Ägyptens und der Stimme aus dem brennenden Dornbusch, weil genau darum geht es. Es wird Tage geben, an denen du der Stimme Pharaos glaubst und andere Tage, an denen die Stimme aus dem brennenden Busch überzeugender ist. Die Wahl, für die du dich entscheidest, wird immer die deine sein, auch wenn es nicht immer danach aussieht.

Ich bete, dass du dich erinnern wirst (auch wenn ich nicht da sein werde, um dich zu erinnern, aber dafür gibt es ja die «clouds»…), dass beide, Ägypten und der brennende Busch in deinen Gedanken präsent sein werden. Und wenn schwierige Tage kommen werden, und sie werden kommen, wirst du wissen, dass es tief in dir eine göttliche Stimme gibt, die Sklaven aus der Knebelung befreit und sicher zu einer inneren Freiheit bringen wird. Diese Stimme wird es immer geben. Spüre sie tief in dir auf.  Spüre sie, schmecke sie, höre sie. So wird sie deine lebendige Realität werden.

Immer, wenn du denkst, du kannst es nicht mehr ertrage, die Realität ist zu schwer für dich, erinnere dich an die Stimme, die das erste unserer Gebote sprach: «Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Land der Sklaverei. Du wirst keinen Gott ausser mir haben.»

Nach einer gewissen Zeit mit viel Erfahrung, mein Liebling – und das ist ein Versprechen! – wird sich die Wertigkeit der Stimmen in deinem Kopf ausgleichen. Die Stimme, die aus dem brennenden Dornbusch spricht – es ist die, die auch am Berg Sinai spricht – wird die zentrale Stimme deines Lebens sein, und die Stimme Pharaos wird verstummen.
Ich wünsche dir, dass die Realität, die du auf den Bildschirm projizierst, die Entscheidungen reflektiert, die du triffst, entsprechend den Stimmen, die du hörst. Ich wünsche für dich, dass sie alle gut für dich sein werden.

Oh ja, und das ist es, was du seinen Kindern auch sagen wirst. Das ist es, was wir sagen sollen!

Hab einen wunderbaren Feiertag, mein Liebling

Abba

 

© Elisha Wolfin, Israel – übersetzt von mir

 

 

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