Ihr Judenhasserlein kommet, o kommet doch all‘!

etwasanderekritik

Alle Jahre wieder …

… posten Antisemiten jeglicher Couleur die Weihnachtskarte von Robin Gunningham alias0wmu96wa Banksy, um ihren politischen Krieg gegen den jüdischen Staat zu führen. Heuer war es besonders symbolträchtig, denn Heiligabend fiel mit dem jüdischen Fest Channukah zusammen. Die Zeichnung symbolisiert die schwangere Maria und den Zimmermann Josef, denen eine Mauer den Zutritt zu Bethlehem versperrt. Das religiöse Motiv steht denn auch ganz in der tiefverwurzelten Tradition des christlichen Antisemitismus, der Juden vorhält, Jesus nicht als ihren Messias anzuerkennen. Heute soll der jüdische Staat das Obstakel sein, das ihnen im Wege steht.

Das Bild ist sowohl in seiner Logik wie auch in seinem historischen Bezug vollkommen falsch.

Tatsächlich wären Maria und Joseph heute gar nicht nach Bethlehem durchgekommen: weil sie Juden waren! Sie würden heute von palästinensischen Terroristen der Hamas oder der Fatah ermordet.

Juden ist heute der Besuch in Bethlehem strikt verboten. Zahlreiche Juden, die sich versehentlich…

Ursprünglichen Post anzeigen 306 weitere Wörter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

War 2016 ein Luxusjahr für Israel?

Prof.Dr. Carlo Strenger ist Psychoanalytiker und zumindest Judeo- und Israel-kritischer Jude. Seine Affinität zur links-aussen Politszene erhob ihn zum Liebling der Kolumnisten im linksliberalen israelischen Ha’aretz und der vermehrt Israel-kritischen rechtsliberalen Schweizer NZZ. Auch das durchaus rechts und antijüdisch angehauchte online Journal 21 publiziert immer wieder gerne seine Tiraden gegen die israelische Regierung.

In seiner NZZ Kolumne „Strengers Welt“ vom 14.12. mit dem Titel „Kampfjets statt Friedenstauben“ steht ein Satz, der mir lange nicht in den Kopf wollte.

„2016 war insofern für israelische Verhältnisse fast ein Luxusjahr, als es «nur» vereinzelte Raketen aus dem Gazastreifen und wenige Schusswechsel an der syrischen Grenze gab, was dazu führte, dass weder an der südlichen noch an der nördlichen Front ein neuer Krieg ausbrach.“

Die Ablaufzeit des Jahres 2016 ist bald erreicht, eine Verlängerung wird es nicht geben. Ich habe die meiste Zeit des Jahres in Israel verbracht und habe, um es ganz klar zu sagen, diesen Luxus nicht erlebt.

Gut, das was sich ab Herbst 2015 als 3. Intifada oder Messerintifada abzuzeichnen begann, hat irgendwann an Wucht verloren. Aber vorbei ist sie nicht. Die Terrorattacken sind weniger geworden. Als wollten die Palästinenser, dass wir sie nicht ad acta legen, flammt sie hier und da doch wieder auf. Luxus?

Da waren die verheerenden Brände vor wenigen Wochen. Es grenzt an ein Wunder, dass keine Menschen ihr Leben verloren. Aber allein in unserem Ort, in Zichron, sind 30 Häuser nicht mehr bewohnbar. In Haifa musste ein Viertel der Bewohner evakuiert werden. Ich war in meinem Bericht zu optimistisch, der Grossteil der Brände erwies sich als Brandstiftung. Luxus?

Die Morde an unschuldigen Menschen, die nichts getan haben. Die nur zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren und dort ihrem Mörder begegneten. Die Mörder waren Araber und Juden, Erwachsene, Kinder, Jugendliche. Sie alle sind Teil der israelischen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die hier versagt hat. Luxus?

Familien, denen es auch in diesem Jahr nicht gelang, sich aus der Armut zu befreien und die auf die Hilfe und Unterstützung der Gesellschaft angewiesen sind. Kinder, die morgens aus dem Haus gehen, ohne dass sie ein Frühstück bekamen. Luxus?

Ja, es stimmt, es gab vergleichsweise wenige Angriffe an den Grenzen. Insofern kann man von einer relativen Ruhe sprechen. Wenn aber, wie gerade gestern in den Medien stand, Hamas Zellen ausgehoben wurden, die zahlreiche Selbstmordattentate in Jerusalem und Haifa planten, so trägt das nicht gerade zu einem Gefühl der Sicherheit bei. Luxus?

Gestern wurden Bilder am Fernsehen ausgestrahlt wie Soldaten, ausgestattet mit Schutzkleidung gegen Angriffe mit chemischen und biologischen Waffen eine gross angelegte Übung durchführen, die sicher schon seit langer Hand geplant war. Luxus?

Ist das Luxus? Selbst wenn ich die Anführungszeichen in Strengers Text das Wort „nur“ mitdenke, so so sehe ich andere Tatsachen.

400px-einfache_bedu%cc%88rfnishierarchie_nach_maslow-svg

Luxus ist, folgt man der Bedürfnispyramide von Maslow, die oberste der fünf von ihm definierten Bedürfnisebenen. Sie kann nur dann erreicht werden, wenn alle darunter liegenden Stufen in optimalem Umfang abgedeckt sind. Kommt es zu Störungen in den Ebenen, sei es durch innere oder äussere Einflüsse, fällt der Mensch auf jene Stufe zurück, in der die Störung vorliegt.

Wenn Professor Dr. Carlo Strenger für Israel ein Luxusjahr herbeiredet und dies „nur“ an der relativen Ruhe im Norden und Süden festmacht, so ist das zynisch und reduziert den Luxus in Israel auf die zweite Ebene der Bedürfnisse: der Sicherheitsbedürfnisse.

Mehr gesteht er seiner Wahlheimat, die er leidenschaftlich ablehnt, nicht zu.

 

© esther scheiner, israel

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Rachel Frenkel vs. Syrien und die Islamische Republik Iran

ב“ה

140615061730-missing-israeli-boys-story-top

Im Sommer 2014 wurden drei israelische Jugendliche entführt und, wie später bekannt wurde, kurz nach der Entführung bestialisch ermordet. Naftali Frenkel, Eyal Yifrach und Gilad Shaer wurden von Mitgliedern der Hamas entführt.

Unterstützt wurde, so die absolute Überzeugung von Rachel Frenkel, der Mutter von Naftali, die Terrororganisation Hamas von Syrien und dem Iran.

Vom Iran ist bekannt, dass er die Hamas seit den Gründungstagen dieser Terrororganisation nicht nur mit Geld und Waffen ausgerüstet hat, sondern auch das Training der Terroristen übernommen hat. Syrien hat bis 2012 über viele Jahre hinweg militärisches Training, logistische und taktische Unterstützung und sichere Rückzugsorte für die Aktivisten bereitgestellt.

Es gilt als bewiesen, dass in diesem Fall NIS 220.000 (€44.000) über die in Gaza agierende „Wohlfahrtsorganisation“ „Al-Nour“ zur Vorbereitung der Entführung eingeschleust wurden. Dazu wird ein israelischer Agent, der früher auch für die CIA tätig war, aussagen.

Ab Dienstag wird Frau Rachel Frenkel in Washington, D. C. vor Gericht stehen. Der Fall wird vor dem Bezirksgericht von Columbia unter Vorsitz eines Bundesrichters zur Verhandlung kommen.

images

Rachel Frenkel

Dass dieser Fall in den USA verhandelt wird, basiert auf dem Foreign Sovereign Immunities Act (1977). Entsprechend diesem Gesetz ist es möglich, die Rechte amerikanischer Staatsbürger gegenüber einem Staat durchzusetzen, der nachweislich Terrororganisationen finanziell unterstützt, die den Schaden des Opfers herbeigeführt haben. Familie Frenkel besitzt die amerikanische Staatsangehörigkeit.

Im am 6. Dezember 2016 beginnenden Verfahren werden neben Rachel Frenkel fünf Experten den genauen Tatverlauf schildern und Beweise vorlegen.

Die geforderte Schadenssumme beläuft sich auf 340 Millionen US$. In ihrem Brief an das Gericht beschreibt Rachel Frenkel, wie grausam es für sie immer noch ist, sich vorstellen zu müssen, welche Angst ihr Sohn und seine Freunde ausgestanden haben mussten, als ihnen klar wurde, dass sie Opfer einer Entführung wurden und was sie empfunden haben, als einer nach dem anderen von den Terroristen erschossen wurde.

Im Zuge der ersten Anhörungen wird auch detailliert die Suchaktion der IDF thematisiert werden, die zum Fund der Leichen und später zur Tötung der Terroristen führte.

Rachel Frenkel wird von einem Team von Shurat HaDin unter Leitung von Nitsana Darshan-Leitner vertreten. „Die finanzielle Unterstützung ist essenziell für die

images-1

Nitsana Darshan-Leitner

Terroristen, um ihre Pläne durchzuführen”, sagt sie. „Diese Unterstützung wird hinter der Maske der Wohltätigkeit geleistet. Iran und Syrien sind die massgeblichen Länder dafür. Wir werden alles tun, um sie zu bekämpfen. Sie müssen lernen, dass jeder vergossene jüdische Blutstropfen einen hohen Preis hat.“

 

©esther scheiner, israel

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Die Mauern von Jerusalem oder das Schreien der Steine

ב“ה

Hört man heute von Mauern im Zusammenhang mit Israel und Jerusalem, so ist es immer nur die Mauer, über die man spricht.

Apartheidmauer, Schandmauer; für die Sicherheitsanlage, die wir teilweise entlang der grünen Grenze, sprich entlang der Waffenstillstandlinie gebaut haben, gibt es mehr Namen, als der Mauerverlauf in Metern lang ist. Übelwollende Menschen bezeichnen sie als de facto und de jure Aussengrenze Israels und verlangen, dass sich Israel bis hinter diese Linie zurückziehen soll. Tatsächlich handelt es sich um eine noch zu definierende und festzulegende Grenze, die durchaus von der „grünen Grenze“ abweichen kann.

Tatsache ist auch, dass nur ein sehr kleiner Teil der gesamten Sicherheitsanlage eine wirkliche Mauer ist. Der Grossteil ist ein ausgeklügelter Sicherheitszaun. Seit es ihn gibt, leben wir in grösserer Sicherheit vor dem Terror.

unknown

Mauerverlauf in Jerusalem (1)

Dass die Mauer teilweise durch Jerusalem läuft, ist bedrückend. Für uns Juden ist Jerusalem seit jeher eine unteilbare Stadt. Und trotzdem, man kann sie nicht ignorieren, man erkennt sie deutlich. Von der Aussichtsplattform auf dem Turm Davids, von der Montefiori Windmühle, vom YMCA-Turm, von der Haas Promenade und von den Dachterrassen zahlreicher Hotels. Sie zieht sich wie ein hässlicher Bandwurm quer durch die dicht bebauten Gebiete von Ost-Jerusalem. Hässlich, aber notwendig. Ohne sie wäre der Terror noch alltäglicher.

 

Touristen, Israelgegner und Araber sehen nicht den Nutzen, den die Mauer für uns hat, sie sehen darin nur den Ausdruck von jüdisch-israelischer Aggression gegen die palästinensischen Nachbarn.

Hier geht es aber um ganz andere Mauern. Mauern, die zurückreichen bis zur Zeit von König David (1.000 BCE). Bis in die Zeit der letzten grossen Belagerung im Jahr 70 CE.

jerusalem_mauer_skizze

Hier noch einmal  vergrössert der Verlauf der Mauern in aderkorrekten Nord-Süd Lage (2,3,4)

Jerusalem hat nie wirklich Ruhe gefunden. Nach 36 kriegerischen Angriffen wurde es 18 Mal wieder neu aufgebaut. 18 Mal hat Jerusalem sich aus der Asche erhoben.

Im Talmud steht:

„Zehn Maß Schönheit kam auf die Erde herab. Jerusalem bekam davon neun. Die übrige Welt eins. Zehn Maß Leiden kam auf die Erde herab. Jerusalem bekam davon neun Maß. Die übrige Welt eins.“

 König David (ca. 1010 – 962 BCE) vereinte im Jahr 1.000 BCE erstmals das Nord-und Südreich zum Königtum Israel. Nachdem er Jerusalem von den Jebusitern erobert hatte, wählte er es als Hauptstadt. Das Stadtgebiet umfasste nur das, was heute als Davids Stadt bekannt ist. Die Schönheit muss später gekommen sein. David fand bei seiner Eroberung eine ringförmige Stadtmauer vor, die er verstärkte.

Um 950 BCE baut König Salomon (ca. 962 – 922 BCE), der Sohn Davids, den ersten Tempel und erweiterte die Stadt entsprechend. Die Topologie liess keine andere Möglichkeit, als die Ausweitung der Stadt nach Norden zu. Der Süden und Osten der Stadt waren von tiefen Tälern (Kidron- und Hinnontal) begrenzt. Die neuen Stadtmauern umliefen schützend den Tempel- und Palastbezirk.

Nach Salomons Tod spaltete sich das Königreich in die Staaten Judäa (Süden) und Israel (Norden) Jerusalem wurde die Hauptstadt des Südreiches. Erbstreitigkeiten zwischen den einzelnen Familienclans hatten zur Auflösung dieser erfolgreichen Politik geführt. Bis zur ersten grossen Zerstörung im Jahr 587 BCE und der damit verbundenen Zerstörung des ersten Tempels herrschten insgesamt 20 Könige über das Südreich Judäa. Sie werden alle der Davidianischen Dynastie zugerechnet.

Der Herrschaftsanspruch verschiedener Dynastien im Norden endete bereits in der Mitte des 7. Jahrhunderts BCE, wobei die letzten Könige schon als assyrische Vasallenkönige gelten.

Der erste Vasallenkönig des Südens wird Herodes werden.

Jerusalem als Hauptstadt des Südreiches wies im Prinzip alle Schwachpunkte auf, die eine Hauptstadt damals haben konnte. Die fruchtbaren Gebiete lagen im Norden und entlang der Küste, die internationalen Handelsstrassen verliefen nördlich der Stadt. Trotzdem konnte sich die Hauptstadt länger als erwartet halten. Ihr einziger Vorteil mag in der topographischen Lage auf einen Hügel begründet gewesen sein. Von weitem schon erkennbar, aber im Gegenzug auch mit einer unschätzbaren Rundumsicht von 360° bevorteilt, schien sie fast uneinnehmbar.

Der assyrische König Sanherib versuchte die Stadt 701 BCE einzunehmen. König Hiskia verblieb genügend Zeit, die Stadtmauern nach Westen hin auszudehnen. Hiskias grösste Angst war, dass bei einem Angriff auf die Stadt die Wasserversorgung zusammenbrechen könnte, weil der durch die Gihonquelle gespeiste Teich von Siloah ausserhalb der Mauern lag. In dramatisch kurzer Zeit liess er deshalb die salomonischen Mauern in diesem Bereich verstärken. Durch den Hiskia Tunnel floss das Wasser nun innerhalb der Mauern und stelle die Wasserversorgung durch ein ausgetüfteltes System sicher.

Die Stadt hatte sich damit um das Dreifache ihrer Grundfläche aus der Zeit Davids vergrössert. Dieses Gebiet war es, das Nebukadnezar im Jahr 586 BCE angriff und schliesslich auch eroberte. Wo genau der Mauerverlauf war, weiss man noch nicht. Derzeit ist nur ein verschwindend kleiner Teil von 40 Metern ausgegraben.

Die israelitische Elite musste nach Babylon ins Exil gehen. Die Zahl der Rückkehrer war deutlich geringer, als die Zahl derer, die ihre Heimat verlassen hatten. An den Ufern des Euphrat seien sie gesessen und hätten ihr Los bitterlich beklagt. So will es uns jedenfalls ein Psalm des Jeremia wissen lassen. Die Realität erzählt anderes. Zahlreiche Israeliten hatten sich in Babylon gut eingerichtet, sie waren Teil der Gesellschaft geworden, bekleideten sogar namhafte Ämter und dachten gar nicht mehr daran, in das eher problembehaftete und bescheidene Leben in Jerusalem zurückzukehren.

Die mühsam verteidigte und gesicherte Vergrösserung der Stadt durch Hiskia wurde obsolet. Die neu besiedelte Stadt umfasste ein kleineres Stadtgebiet, als es zu Salomons Zeiten gewesen war. Die Königsstadt von König Nehemia blieb zunächst nichts, als eine verarmte und teilweise in Ruinen liegende Hauptstadt.

Als Alexander der Grosse im Jahr 323 BCE überraschend verstarb, hinterliess er seinen Feldherren und deren Söhnen sein Reich, das Alexanderreich. Die Gebietsverteilung des Gebietes, des Diadochen war Anlass für zahlreiche heftige interne Kampfhandlungen. Immer den eigenen Vorteil im Auge habend dauerten diese Kämpfe bis zum Jahr 276 BCE an, als der letzte der Mitkämpfer Alexanders starb.

diadochen0

Diadochen, das Nachfolgereich Alexander des Grossen (5)

Unter Antiochus III wurde Judäa Teil des Seleukidenreiches, zu dem bereits Syrien gehörte. Der hellenistische Einfluss verstärkte sich, die Architektur zeigte eindeutig griechische Züge. Die Faszination der griechischen Kultur schlug nicht nur die Reichen, sondern auch die Priester, die sich als die Aristokraten der Stadt verstanden in ihren Bann. Sie, die die Reinheit des Kultes und der Religion aufrechterhalten und sichern sollten, liessen es schliesslich zu, dass der nächste Herrscher, Antiochus IV 168 BCE die Ausübung des jüdischen Glaubens verbot. Tempeldienste wurden verboten, ebenso die Beschneidung. Überall wurden griechische Götterbilder aufgestellt, denen jedermann, auch die Priester öffentlich ihren Respekt erweisen mussten.

Um seine Vorherrschaft zu sichern und Jerusalem zu einer nahezu uneinnehmbaren Stadt zu machen, liess er die „1. Mauer“ errichten. Sie begann im östlich gelegenen Kidron Tal und umfasste leicht ausgedehnt im Norden die von Salomon erbaute Mauer rund um den Tempelbezirk. Anschliessend schnitt sie ein Stück des durch die Könige befestigte Gebiet ab. Dieses war nach der Eroberung 587 BCE nicht wieder besiedelt worden. Weiter westlich verlief sie bis zum heute noch genutzten Jaffa Tor und von dort aus südsüdöstlich entlang des Hinon Tales bis zum Siloa Teich am südlichen Ende der salomonischen Befestigung.

Der Siloa Teich wurde bei Grabungsarbeiten im Jahr 2004 wieder entdeckt. Gefundene Pflanzenreste lassen den Schluss zu, dass im Bereich des Siloa Teiches ein Obst- und Ziergarten angelegt worden war. Im Zuge der Arbeiten stiess man zunächst auf einige Stufen, die zum Wasserlauf hinunterführten. Im Jahr 2011 grub man eine recht steile Treppe aus, die direkt vom Teich hinauf zum Tempelberg führte. Diese könnte Teil eines Weges gewesen sein, um bei einer Belagerung die Stadt unauffällig betreten und verlassen zu können. Heute ist das der Tunnel Teil eines archäologischen Parks und kann begangen werden.

Unter Führung von Mattathias, einem Priester aus dem Dorf Modi’in in der Nähe von Jerusalem und seinen fünf Söhnen begann kurz darauf ein Aufstand gegen die Herrscher. 167 BCE flohen sie gemeinsam mit zahlreichen gläubigen Juden in die Hügel um Jerusalem. Nach dem Tod von Mattathias übernahm sein Sohn Makkabi die Führung des Aufstandes. Obwohl sein Militär dem der Syrer zahlenmässig weitaus unterlegen war, konnte er nach mehreren Schlachten 165 BCE die Syrer besiegen. Der Tempel wurde 164 BCE erneut geweiht, der alte Kult wieder eingesetzt. Heute erinnert das Chanukkafest, das in diesem Jahr am 24.12. beginnt an diesen Sieg.

Die „2. Mauer” wurde von Herodes im ersten Jahrhundert BCE errichtet. Sie erinnert in der Form an einen Blumentopf, der das Stadtgebiet nach Norden erweitert. Josephus Flavius beschreibt ihren Verlauf, als beim Gennat Tor der 1. Mauer beginnend und bei der Festung Antonia endend. Obwohl es diese recht genaue Beschreibung des Verlaufes gibt, haben die Archäologen noch keine zufriedenstellenden Ergebnisse erhalten, die diesen auch bestätigen. Tiefenbohrungen im Bereich der Erlöserkirche belegten, dass sich dieses Gebiet um die Zeitwende ausserhalb der Stadtmauern befand. Die Vermutung liegt nahe, dass dort sowohl ein Steinbruch, als auch ein grösseres, bepflanztes Gebiet gewesen sein muss. Die Tiefenbohrungen im Jahr 2015 endeten teilweise in einer Schicht, die keine namhaften Ergebnisse brachte. Die nächsten Bohrungen werden mit neuen Geräten, die über ganz neue Technologien verfügen durchgeführt werden.

Um die Zeitwende liess Herodes den Tempel des Salomon noch einmal umbauen und erweitern. Die rege Bautätigkeit der Araber, die Ställe Salomons unterhalb des Tempelberges freizulegen und in eine Moschee zu verwandeln hinterliess jede Menge Abraum. Statt diesen ordnungsgemäss zu entsorgen, wurde er einfach in das Kidron-Tal gekippt. Selbstverständlich begannen israelische Archäologen sofort damit, Stein für Stein umzudrehen und alles wieder und wieder zu sieben. Was sie fanden, war ein nicht enden wollendes Zeugnis für die ehemalige Präsenz der Tempel. Marmor aus Italien in allen Farben, Münzen, Waffen, Schmuck legen beredtes Zeugnis ab. Erst vor kurzem wurde ein Glöckchen, das eindeutig zur Kleidung eines Hohepriesters gehört hat, gefunden. Josef Flavius hatte den Boden des Tempels schon als „sehr bunt“ beschrieben. Die rekonstruierten Bodenfliesen belegen dies. Die Art der Verarbeitung gilt als teurer, als es die schönsten Mosaiken sein könne. Der Grund dafür ist, dass jedes Marmorstück eigens passgenau zuschnitten werden muss.

image009

Fundstücke aus dem Abraum aus den Ställen Salomons (6)

Mit dem Tod des Herodes im Jahr 4 BCE endete eine Zeit der relativen Ruhe in Judäa. Überall im Land gab es damals Unruhen gegen die römischen Truppen. Im Jahr 6 CE wurde Judäa Syrien zugeschlagen und wurde von Präfekten regiert. Der erste von drei jüdisch-römischen Kriegen begann im Jahr 64 CE und endete im Jahr 70 CE mit der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels.

jerusalem_mauer02-1

An einigen Stellen kann man sehr gut die Reste der ursprünglichen Mauer erkennen, von groben, unbehauenen Steinblöcken bei hin zu nahezu perfekt eingepasstem Steinen. (7)

 

Um dem Vordringen der Römer auf Jerusalem entgegen zu wirken, wurde die „3. Mauer“ deren pure Existenz bis vor kurzem nicht belegbar schien, erbaut. Sie soll sich, entsprechend den Schilderungen von Josephus Flavius an die im Norden und Osten am Eckpunkt der 1. Mauer aus anschliessen und das Stadtgebiet damit weit nach Norden ausdehnen.

x0246_1_deutsch_d1-1_web300rgb

Lage der russischen Besitzungen nord-westlich der Altstadt (8)

 

Bereits im vergangenen Winter wurden im Bereich der russischen Besitzungen, nordwestlich der heutigen Altstadtmauern, Hinweise auf die Existenz und den Verlauf dieser 3. Mauer entdeckt. Josephus Flavius beschreibt das Bauwerk so konkret und so begeistert, dass man ihm glauben schenken muss: Wäre die Mauer jemals beendet worden, so hätte niemand mehr Jerusalem einnehmen können.

 

So aber nahm die Geschichte ihren Lauf. Wie heftig die Angriffswellen tatsächlich waren, lässt sich aus den Funden ermessen. Die Zahl der Steinkugeln, die mit Katapulten auf die Mauern geworfen wurden, ist unermesslich. Innerhalb von vier Wochen, immerhin ein recht langer Zeitraum, durchbrach Titus die beiden äusseren Mauern und richtete nun sein Lager in der Vorstadt ein. Dort errichtete er einen Belagerungswall, der mit dem für damalige Zeiten mordernsten Kriegsmaterial versehen war. Der Ring um Jerusalem schloss sich immer enger. Eine Hungersnot brach aus. Wer nicht verhungert war, oder Selbstmord verübt hatte, wurde gnadenlos ermordet. Am 7. September des Jahres 70 CE existierte Jerusalem und damit auch der Tempel nicht mehr.

Die Stadt fiel in die totale Bedeutungslosigkeit.

burnt_house

The burnt House – Haus der Priesterfamilie Katros in unmittelbarer Nähe des Tempelberges (9)

Angesichts der UNESCO Resolutionen, die jede Verbindung zwischen dem Tempelberg und dem Judentum in Abrede stellen, müssen wir über jeden noch so kleinen Beweis, der das Gegenteil belegt, glücklich sein.

showimage-ashx

Grabungsarbeiten am Fundort der 3. Mauer (10)

Rina Avner, eine der leitenden Archäologen sagte in einem Interview, dass die Funde einen detaillierten Beweis für die Beschreibung des Krieges bei Josephus bringen. „Wir sind in der Lage doppelt zu belegen, was wir gefunden haben und was bei Josephus steht. Es ist wunderbar. Die Ergebnisse kommen gerade zu der Zeit, in der die UNESCO die jüdischen und christlichen Beziehungen zum Tempelberg verleugnet und sich ausschliesslich auf die Bezeichnung Haram al-Sharif abstützen. Dabei belegen diese neuesten Funde in grossem Masse, dass Juden seit Tausenden von Jahren in Jerusalem gelebt haben.“

 Bildnachweis:

(1) esther scheiner

(2,3,4) mit freundlicher Bewilligung von  http://www.toledot.info

(5) Wiki Commons

(6) http://www.templemount.wordpress.com

(7) esther scheiner

(8) Wiki Commons

(9)  http://www.rova-yehudi.org.il 

(10) Jerusalem Post

 

© esther scheiner, israel

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Israel brennt

ב“ה

Seit Montag fegt ein Nordost Sturm mit um die 100 Stundenkilometer über das Land. Der übliche Winterregen ist bisher ausgeblieben.

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr betrug der Niederschlag hier in Zichron in den Monaten Oktober/November 120 ml, bisher nur 1ml. Der Wasserstand des Kinneret liegt bei -213,805 m unter dem Meeresspiegel. Das ist der niedrigste Wert, seit ich im Januar 2011 mit den Aufzeichnungen angefangen habe. Und bereits um 80,5 cm unterhalb der roten Grenze.

Um unser Trinkwasser (ebenso wie um das der Jordanier und der Palästinenser in Judäa und Samaria, denen wir entsprechend der Oslo-Verträge Wasser liefern) müssen wir uns keine Sorge machen. Sagt man. Das gewinnen wir schon lange mittels Entsalzungsanlagen aus dem Meerwasser.

Also kein Problem für die Menschen, aber für die Natur.

Seit Tagen brennt es in Israel. Das ist an und für sich etwas, an das wir uns, so wie jedes andere Land, das unter Trockenheit leidet, gewöhnt haben. Mal ist es Funkenflug, der entlang der Bahnlinien Brände auslöst, mal ist es die Unachtsamkeit von Menschen.

Mit dem letzten grossen Brand auf dem Carmel mussten wir im Jahr 2010 fertig werden. Zwischen dem 2. und 6. Dezember hatte sich aus einem zunächst kleinen Brandherd ein Grossbrand entwickelt, der grossflächig in etwa 40 % der gesamten Flora zerstörte. Bei der Evakuierung des Carmel-Gefängnisses kamen 41 Justizangestellte ums Leben. Drei weitere Personen starben beim Versuch, die in ihrem Bus vom Feuer eingeschlossenen Männer zu befreien. Unterstützt wurden die israelischen Feuerwehren von Löschflugzeugen aus verschiedenen Staaten. Jordanische Feuerwehrgruppen und zwanzig Palästinenser mit vier Löschfahrzeugen ergänzten die im Einsatz befindlichen Helfer auf insgesamt 3.000 Personen.

2015 fielen in einem wahrscheinlich durch Unachtsamkeit entstandenen Buschfeuer 170 Hektar zum Opfer. Das beliebte Naherholungsgebiet in unmittelbarer Nähe von Jerusalem mit Grillplätzen und Velostrecken blieb für den Rest des Sommers geschlossen.

Und jetzt brennt es wieder. Die versuchte Chronologie einer nationalen Katastrophe.

Montag 21.11.:

In der Nacht bricht in Neve Shalom in der Nähe von Jerusalem ein Feuer aus, das von der Feuerwehr schnell gelöscht werden kann. Die Einwohner können bereits am Dienstag wieder in ihre Häuser zurückkehren.

Dienstag 22.11.:

Die mysteriöse Serie von Bränden beginnt hier in Zichron Yaacov. Nachdem in zwei benachbarten Wohngebieten gleichzeitig Brände ausbrachen, wurden um 13:30 sämtliche Gas- und Stromleitungen abgeschaltet. Insgesamt 40 Löschfahrzeuge sind schnell vor Ort. 160 Feuerwehrleute werden in ihren Bemühungen den Brand unter Kontrolle zu bekommen von acht Löschflugzeugen unterstützt. Die Bewohner der beiden Wohngebiete, sowie der angrenzenden Strassen werden evakuiert.

Insgesamt müssen zehn Personen mit Rauchvergiftungen behandelt werden.

Die Zufahrtsstrassen rund um Zichron werden gesperrt, nur Einwohner der Stadt dürfen an den Sperren weiterfahren.

Mindestens zwölf Häuser wurden völlig zerstört, nach intensiven Untersuchungen werden vermutlich noch weitere dazu kommen.

Etwa zeitgleich mussten die Feuerwehren einen Brand in der Nachbarstadt Atlit bekämpfen. Dort musste eine Schule mit zweihundert Schülern evakuiert werden. Der Brand konnte schnell gelöscht werden, es gab keine nennenswerten Schäden.

Ebenfalls schnell gelöscht war ein kleinerer Waldbrand nahe Hadera.

Auch in Nesher, einem Vorort von Haifa, konnte ein aufflammender Brand schnell gelöscht werden.

Mittwoch 23.11.:

In der Nacht auf Mittwoch hiess es in Zichron „Feuer aus“. Doch dann frischte der Wind wieder auf und liess die Flammen wieder aufflackern. Das Feuer breitete sich schneller und grossflächiger aus, als noch am Abend zuvor. Gotteiseidank waren die Feuerwehren noch vor Ort, so dass ohne Verzögerung die Löscharbeiten wieder aufgenommen werden konnten.

PM Netanjahu bittet befreundete Staaten um Hilfe, um die Feuer löschen zu können und weiteren Schaden zu verhindern.

Donnerstag 24.11.:

Bereits in der Nacht ist aus dem Ausland Hilfe angekommen. Die Löschflugzeuge werden auf verschiedenen Basen der IAF stationiert, wo auch die Piloten und die Crews für die Dauer des Einsatzes untergebracht werden.

Vier Flugzeuge sind bereits angekommen. Es handelt sich dabei um einen „Air Tractor“ von Zypern, zwei Bombardier 415 und ein Herkules aus Griechenland. Insgesamt sind mehr als 60 Spezialisten an Bord.

Weitere Flugzeuge werden im Laufe des Tages von Kroatien, Italien, der Türkei und Russland erwartet. Die aus Russland erwartete Beriev BE-200 kann bis zu 12 Tonnen Wasser direkt aus dem Meer aufnehmen. Dieses Flugzeug, das bereits auf dem Carmel 2010 zum Einsatz kam, könnte einer der „Joker“ unter den Hilfsflugzeugen werden.

Die in israelischem Besitz befindlichen 14 Löschflugzeuge sind, und das zeigt sich nun zum zweiten Mal, bei weitem nicht ausreichend, um bei einer solchen Gefahrensituation, wie wir sie jetzt haben, zu helfen.

map_en

Heute dürfte der bisher schlimmste Tag der Brandserie gewesen sein. In Haifa, einer Stadt mit etwa 300‘000 Einwohnern, brachen an mehreren Stellen nahezu zeitgleich Brände aus. Insgesamt mussten im Laufe des Tages 75.000 Personen evakuiert werden. Die Universität stellte bereits am Vormittag den Lehrbetrieb ein und wird am Sonntag entscheiden, wann er wieder fortgesetzt werden kann. Nachdem diese grosse Zahl von Evakuierten nicht mehr lokal untergebracht werden kann, wurden in (noch) nicht von Bränden betroffenen Städten Notpläne erarbeitet, um die Menschen möglichst schnell unterbringen zu können.

3579750282

Löschflugzeug in Haifa

Das ist ein System, welches in Israel immer sehr schnell greift, wenn es darum geht, vorübergehend heimatlose Mitbürger aufzufangen. Die letzten Migrationen verliefen allerdings von Süd nach Nord, als der Süden des Landes unter Beschuss von Gaza kam und die Menschen flüchteten. Es gibt gar keine Diskussion, wer ein, zwei oder mehr Betten anbieten kann, der tut es!

Insgesamt wurden gestern 220 Brände gemeldet. 189 davon befanden sich im „ungefährlichen“, unbebauten und offenen Gelände und konnten schnell gelöscht werden.

screenshot-2016-11-24-18-53-17-kopie

Die Zugstrecke Binyamina – Hadera musste unterbrochen werden, nachdem ein Brandherd nahe der Gleisanlagen in der Nähe von Caesarea ausgebrochen war.

Die Wettervorhersagen für die nächsten Tage sind alles andere als gut. Die starken Winde werden kurzfristig zusammenfallen, dann aber wieder erstarken und Geschwindigkeiten bis zu 60 – 80 Km/h erreichen. Nachdem bis zur Mitte der kommenden Woche kein Regen in Aussicht ist, wird es mit 5 – 10 % Luftfeuchtigkeit extrem trocken werden. Auch angekündigte Sandstürme dürften nicht gerade dazu beitragen, die Stimmung im Land zu heben.

Nachdem ein Feuer in der Nähe von Modi’in (vor Jerusalem) ausbrach, wurde die Strasse 443, die zweite Verbindung zwischen Tel Aviv und Jerusalem gesperrt.

Auch Samaria blieb nicht verschont. In Talmon, in der Nähe von Ramallah musste eine Schule geräumt werden, es gab starke Beschädigungen an Gebäuden.

Im Netz machten sich sehr schnell Stimmen breit, die die Schuldigen für alle Brände schon kannten. Alles Brandstiftung, alles Rache, alles irgendwie angekündigt. Kurzum, es handelt sich um eine neue Art von Intifada.

In Zichron sprach man zuerst von Wanderern, die unachtsam gewesen sein. Dann gab man an, Reste einer Wasserpfeife und Tabak gefunden zu haben und fantasierte von Schülern einer evakuierten Schule, die sich, statt die Schulbank zu drücken, einen netten Nachmittag gemacht hatten. In der Nähe von Jerusalem wurden vier Arbeiter festgenommen. Und wieder freigelassen.

Bis vor wenigen Tagen gab es eine nationale Diskussion, ob der Ruf des Muezzin, fünfmal täglich, davon mindestens einmal in der Nacht als Ruhestörung angesehen werden muss/kann/darf. In jedem Ort wurde eine Hotline aufgeschaltet, wo sich Bürger, die sich gestört fühlten, beschweren dürfen. Es gibt ein klares Gesetz, ab wann und unter welchem Umständen Lärm Lärm ist. Sorry muslimische Mitbürger, aber der Muezzin gehört dazu. Sofern er sich der Lautsprecher bedient. Denn die machen die Schikane aus. Nicht der Muezzin, sondern der oft überdimensionierte Lautsprecher.

Ein arabischer Knesset Abgeordneter konnte diese völlig korrekte Interpretation wohl nicht akzeptieren und meinte (frei übersetzt): „Jetzt werdet ihr sehen, was ihr davon habt“

Es ist jetzt 22 Uhr abends. Der Himmel, der sich in den letzten Tagen beim Sonnenuntergang regelmässig kitschig rosa verfärbte, ist heute kupferfarben. Es sind die Rauchwolken, die von Haifa aus nach Süden getrieben werden. Der Brandgeruch dringt durch die kleinsten Ritzen. Mir tun die Menschen, die von irgendwo zuschauen müssen, wie alles vor ihnen verbrennt, unendlich leid.

Freitag 25.11.:

 Im Moshaw Beit Meir in den Hügeln vor Jerusalem brach über Nacht ein Feuer aus und schloss zunächst die Einwohner des Moshaws und die 400 Gäste des Gästehauses ein. Bei den Gästen handelte es sich um aus Haifa geflohenen Menschen, die am Donnerstag ihre Häuser und Wohnungen bei den Bränden verloren hatten. Es gelang der Feuerwehr, alle Eingeschlossenen zu befreien, es gab keine ernsthaften Verletzungen. Das Ministerium für Umweltschutz gab eine besondere Warnung heraus, nachdem eine starke Luftverunreinigung durch Asbest gemessen wurde.

Schnell gelöscht werden konnte ein Feuer in Sha’ar HaGai das nur 23 km vor Jerusalem an der Hauptverbindungsstrasse 1 zwischen Tel Aviv und Jerusalem liegt. Hier halfen palästinensische Feuerwehren mit eigenen Löschfahrzeugen bei der Brandbekämpfung. Sicherheitshalber wurden nicht nur die Bewohner der betroffenen Gebiete von Sha’ar HaGai, sondern auch Bewohner aus umliegenden Dörfern evakuiert, nachdem das Feuer drohte, sich weiter auszubreiten.

Zwischenzeitlich haben Ägypten und Jordanien Hilfe angeboten. Aus Ägypten werden zwei spezielle Löschhelikopter erwartet, Jordanien wird über den Landweg Löschfahrzeuge schicken. Azerbaijan hat die Ankunft eines Löschflugzeuges angekündigt. Am Abend dürfte der Super Tanker, der 74 Tonnen Löschwasser aufnimmt, aus den USA eintreffen. Der grosse Vorteil dieses Löschgerätes der Superlative ist, dass es auch in der Nacht operieren kann.

Die Bahnstrecke zwischen Lod und Beer Sheva wurde in Höhe von Kiryat Gat unterbrochen, nachdem in unmittelbarer Nähe der Gleise ein Feuer ausgebrochen war. Auch die Hauptverkehrsstrasse 6 wurde kurzfristig für den Verkehr gesperrt.

Die Bewohner von Häusern in Haifa, die aus Vorsichtsmassnahmen evakuiert worden waren, durften im Laufe des heutigen Vormittages in ihre Wohnungen zurückkehren.

Im Laufe des Vormittags brachen neben einigen kleinen Bränden in der Region um Haifa weitere Feuer in der Nähe von Harashim im Norden des Landes und in einer bewaldeten Region in der Nähe von Haifa aus. Die Einwohner von Harashim wurden sicherheitshalber evakuiert. Die Brände scheinen unter Kontrolle zu sein.

Jetzt, am frühen Nachmittag scheint es keine weiteren Brände zu geben. Israel bereitet sich auf den Schabbat vor. Alle, die geholfen haben, Israel vor noch grösserem Schaden zu bewahren, haben die Ruhepause mehr als verdient.

Es ist unmöglich hier über jedes Ereignis zu berichten. Ich wollte einen Überblick geben.

In den sozialen Medien sieht man lachende, feiernde Araber, die sich freuen, dass „Gott Feuer auf Israel herabregnen lässt“. Der Begriff „Feuerintifada“ wurde von Israels Rechten geprägt und nur zu gerne aufgenommen. Hamas ist auf den Zug aufgesprungen und hetzt junge Araber auf, sich diesem Aufstand, der sich scheinbar gerade entwickelt anzuschliessen. Seit Donnerstagabend gibt es eine Facebook-Gruppe, die sich „Die Koalition der Intifada Jugendlichen“ nenne und die Verantwortung für die bisherigen Feuer übernimmt. Und hat weitere ankündigt.

Schnell war auch der Begriff vom Feuer Terrorismus geprägt. Es gab Vermutungen, Verhaftungen, Entlassungen.

Der erste Brand in Zichron wurde bereits ausführlich untersucht. Hier scheinen sich die Hinweise zu verdichten, dass es Brandstiftung gewesen sein könnte. Verdächtige gibt es noch nicht. Auch bei einigen anderen Feuern könnte Brandstiftung die Ursache gewesen sein.

hqdefault

Wald bei Zichron

In anderen Fällen war es einfach Unachtsamkeit. So hat in Haifa ein Mann eine Zigarette entsorgt, sprich auf den Boden geworfen. Das dort ausgelaufene Öl hat sich entzündet und zumindest einen der Brände verursacht.

Es kann aber auch ganz einfach das Wetter gewesen sein, das für einige Brände verantwortlich war.

Wenn es Brandstiftung war, dann gibt es eine Rechtsgrundlage, wie diese zu beurteilen ist. Und jeder, ob es ein hirnloser Jugendlicher oder Erwachsener war, der mit seinem Zündeln einen Riesenschaden angerichtet hat, ob es ein Verbrecher war, ob es sich um einen Terroranschlag oder einen Racheakt handelt, jeder hat den Anspruch auf ein faires, korrektes Rechtsverfahren.

Und jeder hat a priori das Recht darauf, dass die Unschuldsvermutung auch bei ihm angewandt wird.

Und jeder an einen Anspruch darauf, nicht Opfer der Lynch Justiz zu werden, zu der jüdische Extremisten aufrufen.

 

©esther scheiner, israel

2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

„Hineni, hineni, I’m ready my Lord“

ב“ה

Im Wochenabschnitt dieser Woche „Lech Lecha“ wird Avram aufgefordert, das Land seiner Geburt und sein Vaterhaus zu verlassen. Meist wird diese Aufforderung ganz korrekt als „Geh’ weg, verlasse deinen jetzigen Lebensraum“ verstanden. Das Hebräische lässt aber auch eine andere Interpretation zu, die genauso korrekt ist: „Gehe in dich! Finde dich!“ Die Aufforderung Gottes an Avram, prüfe dich noch einmal, ob du bereit bist, mit mir auf die lange Reise zu gehen. Selbstfindung also? Esoterik auf hohem Niveau? Weit entfernt. Im Gegenteil, es ist die bodenständige Aufforderung an einen Mann, immer wieder innezuhalten und in sich hinein zu horchen. Zu überprüfen, ob der eingeschlagene Weg noch stimmt.

Im Wochenabschnitt der kommenden Woche „Vayera“ lesen wir, wie Gott Abraham prüft, bevor er mit ihm, stellvertretend für das ganze Volk Israel, den Bund eingeht. Er verlangt von ihm, der bei der Geburt seines Sohnes immherin schon 100 Jahre alt war, dass er ihn opfern soll. Abraham gehorchte. Natürlich verlangte Gott dieses Opfer nicht wirklich, er wollte aber die Gewissheite haben, dass Abrahams Vertrauen und Liebe zu ihm gross genug war, um sich der Anordnung zu beugen. Zweimal ruft ein Engel (im Namen Gottes) Abraham und zweimal antwortet dieser: Hineni, Adonai! Hier bin ich, Herr!

Leonard Cohen hat viele Jahres seines Lebens damit gerungen, ob das was er tut, das ist was er tun will, oder das ist, was er tun muss. Seine Wege sind nie geradlinig verlaufen, es gab Schlangenlinien, Aufstiege, Abstürze, Rückzüge, Stolpern, Hinfallen und wieder Aufstehen.

Fast am Ende seines Lebens angekommen, mit sich im Reinen und in der Gewissheit alles getan zu haben, was er sich vorgenommen hatte nannte er sein letztes Album „You want it darker?“ In der Refrainzeile schreibt er vertrauensvoll: Hineni, hineni, I’m ready my Lord“.

Leonard Cohen wurde am 21. September 1934 in Montreal geboren. Der letzte Grandseigneur der Unterhaltungsmusik verstarb am Montag, den 7. November in seiner Wahlheimat Los Angeles.

Seine Familie waren Kaufleute, Rabbiner und Talmudgelehrte, die aus Litauen nach Kanada ausgewandert waren. Mutter Marsha, Tocher eines bekannten Rabbis legte grossen Wert darauf, dass er schon in jungen Jahren  an die Musik herangeführt wurde. Obwohl er Unterricht in Klavier und Klarinette erhielt, war später die Gitarre das Instrument, das ihn in seinen Chansons unterstützte.

Leonard Cohen begann seine Karriere nicht als Musiker, sondern als Dichter. In den 50er Jahren war er mit seinen Gedichten erfolgreich, erkannte aber bald, dass er mit diesem Kunstgenre seinen Lebensunterhalt nicht würde bestreiten können. So begann er, seine Gedichttexte zunächst mit einer in den 60er Jahren beliebten Musikform zu unterlegen. Ein Projekt, mit dem er, wie er sagte, sein finanzielles Portfolio sanieren wollte. Aus dem Kurzzeitprojekt wurde ein Lebenswerk.

1

Als 1967 ein erstes Album „Songs of Leonard Cohen“ erschien drang seine relativ monoton erscheinende Stimme tief in den Räucherstäbchennebel unserer Jugendzimmer, Partykeller ein. Ganz gefangen im Dschungel unserer eigenen pubertären Emotionen rätselten wir, wer denn wohl die glückliche Marianne sei und ob es Szuanne auch in der Reatität gab. Oder bei wem er sich beschwerte, That’s not the way to say goodbye. Die Musik, geprägt von melancholischen Elementen und immer mit autobiografischen Zügen, half auch die eine oder andere Träne erst zuzulassen und dann energisch wegzuwischen.

1971 erschien das dritte Album „Songs of love and hate“. Es ist das vielleicht emotionalste Album. Den Hintergrund zu The famous blue raincoat schreibt Leonard Cohen in einem Interview in den 90ern dem Kauf eines Buberry Mantels in London zu. Als Alternative bietet er seine Erfahrung in einer Dreiecksbeziehung an. Ganz gentleman resumiert er nicht darüber, ob die dritte Person ein Mann oder eine Frau ist.

Für das Album „Death of a Ladie’s Man“ (77) wechselte Leonard Cohen das Plattenlabel. Phil Spector von Warner Brother liess die Stücke mit grosser Ochesterbegleitung einspielen, wie es dem europäischen Zeitgeschmack entsprach. Es ist das Album, das sein Musikverständnis am wenigsten unterstützte. Das Album floppte. Es wurde wenig später von seiner alten Plattenfirma erneut eingespielt.

Welthits gelangen ihm mit „Dance me to the end of love“(1984),  „Hallelujah“ (1984). Hallelujah ist das bisher weltweit am häufigsten gecoverte Musikstück, es sind über 100 Aufnahmen mit anderen Künstlern bekannt. Bob Dylan war der erste, der es bereits 1988 in Montreal in sein Repertoire aufnahm.  Leonard Cohen ist darüber nicht so glücklich: „Es ist ein guter Song, aber er wird von zu vielen Leuten gesungen.“ Dabei war der Start von Hallelujah alles andere, als vielversprechend. Der Musikverleger verweigerte die Veröffentlichung mit dem vernichtenden Urteil: „Was ist das? Das ist keine Pop Musik. Wir werden das nicht veröffentlichen.“

Leonard Cohen gestattete nur kleine Einblicke in sein Privatleben. Meist thematisierte er seine Beziehungen zu Frauen in den Texten seiner Lieder. Geplagt von tiefen Depressionen zog er sich für fünf Jahre in ein Zen Kloster zurück. Diese Zeit sah der gläubige und praktizierende Jude als in keinster Weise in Konkurrenz zu seinem Glauben stehend an. Sondern als Möglichkeit, sich und sein Leben neu zu positionieren.

Der wohl tragischste Rückschlag in seinem Leben war im Jahr 2005 die Erkenntnis, dass seine langjährige Mangerin, Kelley Lynch, ihn über die Jahre hinweg bestohlen hatte. Die fehlenden Gelder, die er als Altersrücklage angelegt hatte, liessen ihn ohne jedes Vermögen zurück.

Die Antwort war nicht ein Rückfall in die Depression, sondern ein Kampf gegen das Schicksal. Die Welttournee, die ihn 2009 noch einmal nach Israel führte, wurde zum Höhepunkt seiner Auftritte. Leonard Cohen widersetzte sich mit seinem Auftritt in Ramat Gan (Tel Aviv) den giftigen Versuchen der BDS-Bewegung, Kunstschaffende von Israel fernzuhalten. Vor 50.000 begeisterten Besuchern gab er eines seiner besten Konzerte.

Es war nicht der erste Besuch in Israel. 1973, sein Sohn Adam war gerade ein Jahr als, reiste er unmittelbar nach Ausbruch des Yom Kippur Krieges nach Israel und trat in zahlreichen improvisierten Konzerten als „Truppenbetreuer“ auf.

73789430992095640360no

Leonard Cohen links neben Arik Sharon

Im Sommer dieses Jahres verstarb seine langjährigen Lebenspartnerin Marianne, mit der er sechs Jahre lang auf der griechischen Insel Hydra gelebt hatte und die er 1972 für Suzanne, die Mutter seines Sohnes verliess. In einem berührenden Brief verabschiedete sich Leonard Cohen von ihr.

„Marianne, jetzt kommt die Zeit, in der wir wirklich so alt sind, dass unsere Körper uns ihren Dienst verweigern. Ich denke, ich werde dir sehr schnell folgen. Du musst wissen, ich stehe dicht hinter dir und wenn du deine Hände austreckst kannst du mich erreichen. (….) Leb wohl meine Freundin. In endloser Liebe, wir sehen uns am Ende der Strasse“

Mit seinem neuen und letzten Album „You want it darker“ rundet Leonard Cohen sein schöpferisches Werk ab. Das Lied in dessen Refrainzeile „Hineni, hineni, I’am read my Lord“.

161017_r28842_rd-903x1200-1476123800

September 2016

Auch wenn er in seinem letzten Interview noch sagt, er neige einfach zur Selbstüberteibung und wolle sich 120 Jahre alt werden, der grosse Künstler wusste, dass sein Leben bald vorbei sein würde. Und er macht sich noch einmal selber ein grosses Geschenk. Er bitte den Kantor der Shaar Hashomayim Synagogue in Montreal ihn bei der Aufnahme zweier Lieder für das neue Album zu unterstützen. Gideon Zelermyer und Leonard Cohen, sie kennen sich nicht persönlich, aber beide wissen um die Verbindung, die zwischen der Shaar Hashomayim Gemeinde und der Familie Cohen besteht. Durch diese einzigartige Verbindung zwischen der spirituellen und der säkularen Welt in sich Leonard Cohen ein lang bewegte mutiert das Album zu einer Aussage, wie sie nur am Ende des Lebens stehen kann.

Leonard Cohen wurde am vergangenen Donnerstag auf dem Friedhof der Shaar Hashomayim Synagoge in Montreal beigesetzt.

©esther scheiner, israel

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Die Affinität der Wiener zu ihren Friedhöfen und die Kunst des Verdrängens

ב“ה

Die Stadt Wien verfügt heute über 46 aktive Friedhöfe mit 550.000 Grabstellen. Pro Jahr werden in etwa 14.000 Sarg- oder Urnenbestattungen durchgeführt.

Dazu weiss man von zahlreichen nicht mehr betriebenen Friedhöfen, die teilweise ganz verschwunden sind und in Parkanlagen umgewandelt wurden, oder aber einem Urwald gleich, vor sich hin dämmern. Einige diesen alten Ruhestätten bewahren historische „Schmankerln“. Einer der wohl bekanntesten ist der St. Marxer Friedhof, der lange als der einzige Biedermeierfriedhof in Wien galt.

In Betrieb war er 100 Jahre, zwischen 1794 und 1894. Kaiser Josef II. hatte zu der Zeit die weitere Nutzung der bisherigen Wiener Innenstadtfriedhöfe verboten und befohlen, neue Friedhöfe ausserhalb des heutigen Gürtels anzulegen. Ausnahmen gab es nur für die Kapuzinergruft, in der seine Familie beigesetzt wurde, die Stephansgruft, Ruhestätte der Wiener Erzbischöfe und für das Kloster der Salesianerinnen.

Die Beisetzung der ehemaligen Kaiserin von Österreich, Zita von Bourbon-Parma am 01. April 1989 und die ihres Sohnes Otto Habsburg-Lothringen am 16. Juli 2011 beenden die lange Tradition.

440px-kaisergruft_otto_von_habsburg-lothringen

Otto Habsburg-Lothringen

440px-kapuzinergruft_wien11

Zita, Kaiserin v. Österreich

Warum das Kloster der Salesianerinnen eine Ausnahmebewilligung liegt, möglicherweise darin begründet, dass die Witwe von Kaiser Josef I. das Kloster gründete, dort ihre letzten Lebensjahre in kontemplativer Stille verbrachte und auch ihre letzte Ruhestätte fand.

mozartgrab

Mozartdenkmal

Die prominenteste Grabstätte in St. Marx ist die von Wolfgang Amadeus Mozart, der dort am 6. oder 7. Dezember 1791 beigesetzt wurde. Um seinen Tod ranken sich viele Geschichten und Gerüchte. Wahr ist kaum etwas davon. Ob die Erinnerungssäule, die sich über seinem angeblichen Grab erhebt, tatsächlich die korrekte Liegestätte markiert, oder ob darunter andere Menschen begraben sind, niemand wird es jemals erfahren. Due Beschriftung der Gräber war nicht verboten, aber auch nicht üblich. Der angebliche Totenschädel, der in der Stiftung Mozarteum in Salzburg aufbewahrt ist, ist jedenfalls nicht der echte. Das ergaben eindeutige DNA Vergleiche mit Proben aus dem Familiengrab der Familie in Salzburg.

Und weil die Wiener nichts als passender für das Ende des Lebens kennen, als „a scheene Leich’“ haben sie einen unverkrampften Zugang zu Friedhöfen und nehmen sie auch gerne als Teil des Alltagslebens wahr. Und dazu gehört nun auch mal ein Spaziergang im Park.

Der Währinger Friedhof, einer der fünf jüdischen in Wien, der zwischen 1784 und den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts als Begräbnisstätte der Israelitischen Kultusgemeinde Wien diente, erlitt ein ganz anderes Schicksal.

Im Jahr 1879 wurde der israelitische Teil des Zentralfriedhofes fertiggestellt. Bis zu diesem Tag wurde im Währinger Friedhof zwischen 8.000 und 9.000 Grabstellen angelegt, in denen bis zu 30.000 Verstorbene ihre letzte Ruhe finden sollten.

1920 wurde der benachbarte christliche Friedhof aufgelöst und in einen Park umgewandelt. Der jüdische Friedhof, der entsprechend unseren Religionsgesetzen nicht aufgelöst werden darf, blieb sich selber überlassen.

Dass im Jahr 1931 zumindest ein Teil der Gräber noch gepflegt wurde, belegt der am 2. Januar in der Wiener Reichspost  erschienene Bericht:

Der Friedhof ist in schönster Ordnung gehalten. Manch ein Grab ist noch wohl gepflegt und mit Blumen bepflanzt. Die meisten Gräber allerdings – mehr als ein halbes Jahrhundert ist seit der Auflassung des Friedhofes verflossen – sind schon vergessen. Viele Inschriften der Grabsteine, teils deutsch, teils hebräisch, zum Teil auch in beiden Lettern gehalten, sind bereits verwittert und unleserlich. Die Grabsteine selbst sind zumeist denen der katholischen Friedhöfe ähnlich; abgebrochene Säulen sind als Symbole geknickter Lebenshoffnung besonders zahlreich.“

Liebevoll gestaltete Grabsteine wurden von Moos überzogen, fielen teilweise um und wurden von schnell wuchernden Gewächsen verdeckt. Besucher kamen kaum, der Verfall blieb unbemerkt.

Das zweite Juwel eines Friedhofes aus der Zeit des Biedermeiers verwandelte sich in einen Urwald. Das war der Status quo, bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

Während diese kein Interesse daran zeigten, jüdische Gräber auf dem Zentralfriedhof zu schänden oder zu enteignen, suchten sie nach einer Möglichkeit, jene Friedhöfe, die inmitten von teurem Bauland lagen, zu konfiszieren. Dies wurde ab Ende 1938 durch die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens  ermöglicht. „Einem Juden […] kann aufgegeben werden, […] sein sonstiges Grundeigentum oder andere Vermögensteile ganz oder teilweise binnen einer Frist zu veräußern…“ Das „sonstige“ Grundeigentum wurde als für Grabstellen geltend interpretiert.

Zunächst wird diese Verordnung nur schleppend angewendet, ab 1942 wird sie ausnahmslos exekutiert.

Im Jahr 1938 hatte sich die jüdische Gemeinde in Wien schon stark reduziert. Wer konnte, war ausgewandert, nach den USA oder nach dem damaligen Palästina. Der Währinger Friedhof, noch immer im Besitz der Kultusgemeinde, wird als Baustofflager missbraucht. Die Grabsteine werden als Baumaterial missbraucht. Ohne Rücksicht darauf, welcher Schaden angerichtet wird. Viel gibt es eigentlich nicht mehr zu schänden, trotzdem machen die Pogrome vom November 1938 auch hier nicht Halt.

Am 8. Januar 1942 wird durch Ratsbeschluss die Auflösung aller jüdischen Friedhöfe angeordnet. Einem Beamten des Wiener Kulturamtes gelang es immerhin, dass das Gebiet des Währinger Friedhofes nicht zu einer Grünanlage, sondern zu einem Vogelschutzgebiet umgewidmet wurde.

Die Kultusgemeinde setzte einen Kaufpreis von RM 334.000 fest, die Stadt Wien bot hingegen nur RM 96.220. Ein Preis, der von der Kultusgemeinde schlussendlich akzeptiert werden musste. Dieser Betrag wurde auf ein Konto überwiesen, dass ausschliesslich der Behörde Adolf Eichmanns zur Verfügung stand.

Bedeutender als der Preis für den Grund schienen den Nationalsozialisten aber die in etwa 8.000 Grabsteine, die sie in einem internen Papier mit RM 450.000 bezifferten.

Wem aber gehören die Grabsteine? Nach vorherrschender Ansicht sind sie im Eigentum der dort beigesetzten Verstorbenen und nicht im Eigentum der Kultusgemeinde. Als Zeichen des „guten Willens“ bot man an, die Verstorbenen innerhalb von drei Monaten zu exhumieren und auf dem Zentralfriedhof in einem Massengrab erneut beizusetzen. Innerhalb dieser Frist sollten auch, selbstverständlich auf Kosten der Gemeinde, die Grabsteine entfernt und abtransportiert werden. Die verbleibenden Steine sollten in das Eigentum der Stadt Wien übergehen.

Dass es 60 Jahre nach der letzten Beisetzung kaum noch Angehörige geben würde, die diesem zynischen Angebot Folge leisten könnten und, dass es drei Monate später keine Juden mehr in Wien geben würde, wussten die Nazis genau. Diese würden entweder vertrieben, oder in einem der Konzentrationslager ermordet worden sein.

Bereits im Sommer 1941, also lange vor dem Vertragsabschluss wurde bereits mit dem Aushub für einen Luftschutzbunker begonnen. Das entnommene Material diente unter anderem dazu, das Gebiet vor dem Westbahnhof auszuschütten, um den davor befindlichen Platz zu erweitern. Das Bauprojekt wurde im Zuge des Krieges gestoppt und die Baugrube zum Löschwasserteich umfunktioniert. Zu dieser Zeit lebten noch knapp 44.000 Juden in Wien, die ehemals drittgrösste Gemeinde Europas war um 80 % geschrumpft.

Im Zuge der Wassereinleitung in die Baugrube wurden 2.000 der etwa 8.000 Gräber zerstört. Ohne auf seine persönliche Sicherheit zu achten, erbat ein Vertreter der Kultusgemeinde von der Gestapo die Erlaubnis, die im Zuge der Grabungen aufgefundenen Gebeine einsammeln zu dürfen. Nach zwei Wochen hatten er zusammen mit drei weiteren Gemeindemitgliedern die Gebeine der 2.000 Verstorbenen einsammelt. Nachdem eine Zuordnung  nicht mehr möglich war, wurden sie sorgsam eingesargt und in einem Sammelgrab am Zentralfriedhof erneut beigesetzt.

Viel schlimmer und pervertierter war die Exhumierung von Hunderten von Verstorbenen, die zu pseudowissenschaftlichen Untersuchungen in das naturhistorische Museum gebracht wurden. Der Rassenwahn der Nationalsozialisten machte vor nichts Halt! Ob sich heute noch Gebeine in den Lagern des Museums befinden, ist ungeklärt.

Im Jahr 1955 wurde das Friedhofsareal an die Kultusgemeinde zurückgegeben. Seither wäre diese auch wieder für den Unterhalt und Erhalt des Friedhofes zuständig. Allerdings ist die Gemeinde durch Überalterung der Mitglieder und zahlreiche Zuwanderungen aus der ehemaligen Sowjetunion heute finanziell nicht dazu in der Lage. Immerhin wären im gesamten Stadtgebiet von Wien mehr als 200.000 Gräber aus der Zeit von vor 1938 unterhaltsbedürftig.

69_bild35

Aus sicherheitstechnischen Gründen ist der Friedhof nicht zugänglich

Tina Walzer führte für das Institut „Geschichte der Juden in Österreich“ von 1997 – 2001 ein aufwendiges Forschungsprojekt durch. Erstellt wurde eine detaillierte Datenbank, in der erstmals weitgehend alle persönlichen Daten von 8.600 auf dem Währinger Friedhof beigesetzten Personen erfasst wurden. ihren Besuchen auf dem Friedhof musste sie feststellen, dass sich der Zustand von Besuch zu Besuch verschlechterte. Winterstürme hatten Äste abbrechen lassen und Bäume gefällt. Moos und Verwitterung haben die Beschriftung der Grabsteine teilweise unlesbar werden lassen.

Doch wie konnte der Verfall gestoppt werden?

 

Alle Stellen, die vielleicht hätten helfen können, hatten ihre Ohren dicht verschlossen. Aufmerksam wurden die Politiker erst, nachdem in der Presse im September in einer Sondernummer über den Friedhof berichtete. Ein halbes Jahr später berichtete der NZZ-Korrespondent Charles Ritterband von den schlimmen Verhältnissen auf dem Friedhof.

Auch wenn noch keine konkreten Gelder eingegangen sind, der damalige Wiener Vizebürgermeister und Finanzstadtrat Seppo Rieder hielt immerhin eine Stiftungslösung für vorstellbar. Was ja in Wien schon fast einer Zusage gleichkommt, von der aber niemand weiss, wann es denn so weit sein wird.

Bis dahin hofft Tina Walzer, dass sich jedes Jahr erneute möglichst viele Volontäre auf dem Friedhof einfinden, um dort eine gärtnerische „Putzete“ durchzuführen. Heuer waren es mehr als 250.

Eines ihre Ziele ist es, von den Nachfahren der dort beerdigten so viele, als möglich ausfindig zu machen.

Um die Geschichte lebendig zu halten. Um die Erinnerung aufrechtzuerhalten. Um zu verhindern, dass eine wichtige Bevölkerungsgruppe in Wien endgültig in der Vergessenheit versinkt. Um zu verhindern, dass die Nationalsozialisten schlussendlich ihr Ziel, alle Juden zu ermorden, doch erreicht hätten.

69_walzer1

Ein erster Erfolg. Die Nachfahren des Verstorbenen haben sich der Grabstelle angenommen und einen neuen Stein mit dem Originaltext des ursprünglichen aufstellen lassen.

 

Einige von Tina Walzer verfasste Schriften zum Thema sind:

Walzer, Tina: Broschüre „Der Währinger jüdische Friedhof“, Rundgang durch ein verfallenes Kulturdenkmal, Hg.: Grüner Klub im Rathaus, Wien 2008

Walzer, Tina: „Der Währinger jüdische Friedhof“, historische Entwicklung, Zerstörungen der NS-Zeit, Status quo. Forschungsprojekt des Zukunftsfonds der Republik Österreich in Kooperation mit der IKG Wien, August 2006 – September 2007, 2. März 2008 (noch unveröffentlicht)

Walzer, Tina: Rundgang durch den Währinger jüdischen Friedhof, 4. Mai 2008

© alle Bilder vom Währinger Friedhof: „Tina Walzer 2016. All rights reserved“

 

© esther scheiner, israel

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein