Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – Erkenntnisse der OECD zur Situation von Bildung und Erziehung in Schulen

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Heute veröffentlichte die OECD die Ergebnisse der PISA 2018 Studie. Darin wird alle drei Jahre die Entwicklung von Bildung und Erziehung in Schulen bei 15-Jährigen untersucht. Überprüft wird, inwieweit sie die wesentlichen Kenntnisse und Kompetenzen erworben haben, die eine volle wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration ermöglichen. Grundsätzlich beziehen sich die Daten auf Schüler am Ende der Schulpflicht, es werden aber zusätzlich auch Schüler von weiterführenden Schulen befragt. Neben den erworbenen Kenntnissen und Kompetenzen soll auch herausgefunden werden, in wieweit diese auch ausserhalb der Schule und in bisher ungewohnten Umgebungen angewendet werden können. Hier sind alle Publikationen zur PISA Studie, einige davon nur in Englisch.

Die Ergebnisse sollen auch als Basis für politische Entscheidungen gelten, wo und wie im Bildungssektor Verbesserungen notwendig sind. Teilnehmer der Studie waren alle 37 OECD Staaten und 42 Partnerländer.

Die Datenerhebung fand in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften statt.

Klassenbeste sind die vier chinesischen Provinzen: Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang, (PSJZ) die in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften deutlich besser als alle anderen abschnitten. Diese vier Regionen wurden ausgewählt, weil jede in etwa so gross wie ein typischer OECD Staat ist. Insgesamt leben dort 180 Millionen Menschen. Das Einkommensniveau ist deutlich niedriger, als im OECD Durchschnitt.

Es ist hinreichend belegt, dass die wirtschaftliche Prognose für eine derzeit noch schwache Region von einer höheren Bildung positiv beeinflusst wird. Für den Wirtschaftsstandort China eine durchaus erfreuliche Erkenntnis.

Die um mehr als 15% gestiegenen Ausgaben innerhalb der OECD im primären und sekundären Bildungsbereich haben offensichtlich seit der ersten PISA Erhebung im Jahr 2000 nicht zu einer Verbesserung der Kompetenzen geführt. Nur sieben der getesteten Staaten, darunter als einziges OECD Land Portugal, wiesen durchwegs Verbesserungen auf. Kein gutes Zeichen.

Seit der ersten PISA Studie hat sich für die Schüler viel geändert. Das Internet stellt heute eine Flut von Daten und Informationen zur Verfügung. Jeder kann schnell und umfassend nach nahezu jedem Thema suchen.

Allein die Frage „Wie lange dauerte der Hundertjährige Krieg?“ bringt 1,65 Millionen Ergebnisse in 0,54 Sekunden. Möchte man eine Hilfestellung bei der Konjugation des französischen Verbes „travailler“ haben, werden 1,06 Millionen Seiten angeboten. Schüler gehen davon aus, dass die gesuchten Informationen korrekt sind. Was aber ist mit den „Fake News“, also den Informationen, die auf Grund schlechter Recherche veröffentlicht werden, oder in manipulativer Absicht gezielt erscheinen. Dies meist in den sogenannten „social media“ – den Lieblingsmedien von Jugendlichen.

Es kann also nicht mehr nur darum gehen, einen Text zu erfassen, sondern sich diesem auch kritisch zu nähern, auf den Wahrheitsgehalt und die Seriosität hin zu überprüfen und entsprechend einzuordnen. Oder, um es vereinfacht zu sagen, zu unterscheiden, ob es sich um eine Tatsache oder eine Meinung handelt. In den OECD Ländern schafften das weniger als 10%.  In den vier PSJZ Provinzen und Singapur waren es immerhin 14,28%.

Die zweite bedeutende Veränderung in der Kommunikation kam mit den, von Jugendlichen heiss geliebten, Smartphones. Die digitalisierte Unterhaltung verläuft auf einer sprachlichen Sparflamme. Lernten wir doch, dass ein Satz immer, ob mündlich oder schriftlich formuliert, die sprachlichen Elemente Subjekt, Prädikat, Objekt enthält. Heute gilt das nicht mehr. Beispielsweise: «Ich gehe ins Büro.» oder «Ich bin noch im Büro.» verkürzt man gerne zu «Ich Büro.» Oder die Frage, wer was zu einer Party mitbringen soll wird knapp mit «Soll ich Salate?» beantwortet. Was früher die Kiez- oder Migrantensprache war, wird heute gesellschaftsfähig. Bei Jugendlichen als Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen ist das in Ordnung. Aber was wird später?  Wenn die heute 15-Jährigen bereits einige Jahre im Berufsleben stehen?

PISA 2018 trug der immer stärker vernetzten Wirtschaftswelt Rechnung und legte einen Schwerpunkt auf den Bereich „Globale Kompetenz“. China, das bereits mit den Ergebnissen von PISA bewiesen hat, dass es sich sehr gut auf die Zukunft vorbereitet, plant bis 2030 von der bisher zweitgrössten zur dann grössten Marktwirtschaft aufzusteigen. Die entsprechende Infrastruktur entsteht bereits. China verfügt schon jetzt über unglaublich viele Startup und Digital Investment Unternehmen. Auch die USA sind für die digitale Zukunft gut aufgestellt. Auch hier fliessen nahezu unendlich hohe Beträge in den Bereich der Erforschung und Umsetzung der künstlichen Intelligenz (KI). Und Europa? Ist weit abgeschlagen.

Um möglichst gerechte und aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen, wurde die Zuteilung der Aufgaben entsprechend dem Ergebnis des ersten Tests zugeteilt. Je schwächer das Ergebnis war, desto einfacher waren die Folgeaufgaben und umgekehrt.

Hier ein paar Vergleichswerte (alle in alphabetischer Reihenfolge) der OECD Länder.

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Den Zahlen liegen Tabellen der PISA Studie zu Grunde

Warum hat Israel im internationalen Vergleich so schlecht abgeschnitten? Klare Gründe gibt es nicht. Als eine der vordringlichsten Aufgaben der kommenden Regierung steht es sich dieser untragbaren Situation anzunehmen und schnellstmöglich für eine nachhaltige Verbesserung zu sorgen.

Es ist klar erkennbar, dass der Unterschied zwischen Hebräisch und Arabisch sprechenden Schülern signifikant ist, und sich gegenüber 2015 sogar noch verschlechtert hat.  Als erste Reaktion verkündete der noch amtierende Erziehungsminister Rafi Peretz: «Die Ergebnisse zeigen, dass die Unterschiede zwischen Schülern von höheren und tieferen sozioökonomischen Hintergründen grösser geworden sind. Das ist unakzeptabel. Die Ergebnisse, die sich in den arabischen Gemeinden präsentiert haben, erfordern eine genaue Untersuchung.» Er kündigte die Bildung einer Arbeitsgruppe an, die einen detaillierten Plan erarbeiten wird, um die Bereiche Sprache, Mathematik und Naturwissenschaften zu fördern. Insgesamt lagen die Ergebnisse zwischen den Arabisch und Hebräisch sprechenden Schülern  im Bereich Lesekompetenz bei 144 Punkten, bei 111 in der Mathematik und bei 116 in den Naturwissenschaften auseinander.

Die Ergebnisse riefen natürlich heftige Kritiken bei den arabischen Politikern hervor. MK Ahmad Tibi sprachen von «…einem Versagen des Erziehungsministeriums die Arabische Gesellschaft in die Israelische zu integrieren.» Benny Gantz hielt fest: “Wir werden keine Situation zulassen, in der Israel ganz weit oben steht, wenn es darum geht, Ungleichheiten in der Ausbildung zu schaffen. Israel sollte ein Vorbild sein. Die PISA Studie zeigt Verschlechterungen in den meisten Themen, und mehr als das, es zeigt, dass die Bildungsschere sich noch mehr geöffnet hat.  Wir müssen innehalten, eine neue Richtung bestimmten und ein einheitliches Programm erarbeiten und auf den Weg bringen, das gleiche Chancen für alle sicherstellt.» 

Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf einige Beduinengemeinden im Süden des Landes gelegt werden müssen. In der beduinischen Kultur ist die allgemeine Schulpflicht noch nicht in allen Köpfen angekommen, vor allem, wenn es um die Ausbildung der Mädchen geht.

Leider waren keine Informationen zu finden, wie die religiösen Schulen abgeschlossen haben, die im Jahr 2000 an der PISA Studie teilgenommen hatten. Im Prinzip gelten dort die allgemeinen Lehrpläne, die je nach Bedarf mit religiösen Fächern ergänzt und umgewichtet werden.

Die Ergebnisse einer weiteren, für Israel typische Gruppe, die der Neueinwanderer wird leider auch nirgendwo thematisiert. Es wäre sicher sehr spannend gewesen, wie es 15-Jährige schaffen, mit der neuen Sprache zurecht zu kommen.

Israel, das noch vor wenigen Jahren und zu Recht stolz auf seine Schulbildung war, ist leider auf dem Weg, ins untere Mittelfeld der OECD abzugleiten. Die Auswirkungen werden sich in einigen Jahren zeigen, wenn die Zahl der innovativen Startups, der bahnbrechenden Forschungsergebnisse und der Niederlassung von globalen Hi-Tech Unternehmen drastisch nachlassen wird. Einfach deshalb, weil es hier keine jungen Menschen mehr geben wird, die fit sind für die neuen Herausforderungen der Wirtschaft und der Wissenschaften.

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nota bene: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde auschliesslich die männliche Form gewählt.

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Das grandiose Selbst des Benjamin Netanyahu – ein Narzisst demontiert sich selbst

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Der interimistische PM Netanyahu sieht sich derzeit, nach den beiden Wahlniederlagen vom April und September mit der wohl grössten Herausforderung seines Lebens konfrontiert. Der Anklage in den drei in Israel unter den Namen «Causa 1000, 2000 und 4000» bekannt gewordenen Rechtsfällen.

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GStA Avichai Mandelblit bei der Ankündigung 

Am vergangenen Donnerstag, nur einen Tag, nachdem das Mandat der Regierungsbildung von Benny Gantz ablief, trat Generalstaatsanwalt (GStA) Mandelblit vor die Kameras. Der sichtlich zeitweise um Fassung ringende GStA verkündete, dass die Entscheidung, die Anklage in «Namen des Staates Israel gegen Benjamin Netanyahu» nicht politisch motiviert sei. «Das ist ein schwieriger und trauriger Tag. Heute habe ich das Büro des PM über meine Entscheidung, ihn in drei Fällen anzuklagen, informiert. Ein Tag, an dem der GStA sich entscheidet, eine Anklage in schwerwiegenden Rechtsfällen gegen einen PM zu erheben, ist ein trauriger Tag für die Öffentlichkeit in Israel – und für mich persönlich.» Er habe die Entscheidung schweren Herzens getroffen.

Avichai Mandelblit verbindet ein langer gemeinsamer politischer Weg mit PM Netanyahu. Nachdem er seit Eintritt in die IDF 1985 im Büro des militärischen GStA diente, hatte er selbst von 2004 bis 2011 diese Position inne. Bevor er von PM Netanyahu im Jahr 2013 als Staatssekretär in die Regierung berufen wurde, leitete er zwei Jahre das Institut für nationale Sicherheitsstudien an der Universität Tel Aviv. Im Feburar 2016 wurde er von PM Netanyahu und der damaligen Justizministerin Ayelet Shaked zum GStA ernannt. Schnell machte er sich einen Namen als akribischer Ausleger der Gesetze, ohne Rücksichtnahme auf politische Seilschaften. Entsprechend fiel auch sein Kommentar aus: «Deshalb ist es meine gesetzliche Pflicht, Anklage zu erhaben. Es ist keine Wahl, es ist eine Verpflichtung. So ist es bei jedem Bürger und entsprechend habe ich hier gehandelt.»

Bereits im Dezember 2016 begann die Polizei mit den ersten Untersuchungen der fraglichen Fälle. Im Januar 2017 fanden die ersten Befragungen durch die Polizei statt.
Bis zur Ankündigung, dass er nun Anklage in drei von vier Fällen erheben müsse, vergingen also drei Jahre.

Um die beiden wesentlichen Punkte vorwegzunehmen: Selbstverständlich gilt für PM Netanyahu die Unschuldsvermutung, bis die Urteilsfindung und –verkündung stattgefunden hat. Das kann noch Monate bis Jahre dauern. Darüber hinaus gibt es, auch das stellte GStA Mandelblit fest, für den PM keinerlei gesetzliche Verpflichtung, von seinem Amt zurückzutreten. Ob die Anklage einen Hindernisgrund darstellt, eine neue Regierung zu bilden, liess er noch offen.

Das Originalschriftstück, in dem die Absicht der Anklage auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, wurde dem Büro des PM am 28. Februar 2019 zugestellt. Der volle Text (englisch) kann hier nachgelesen werden. [das Datum in der Zeitung ist falsch, es handelt sich nicht um den 28 Februar 2018, sondern wie aus dem hebräischen Jahr 5779 ersichtlich wird um das Jahr 2019.]

Eine Petiton des Likud, die allgemeine Veröffentlichung zu verhindern, wurde vom Obersten Gerichtshof zurückgewiesen. Mit der zeitlichen Verzögerung sollte erreicht werden, dass es zu keiner negativen Beeinflussung der Wähler vor den bevorstehenden Wahlen am 9. April käme.

Bereits am 15. Mai gab PM Netanyahu bei einer Versammlung seiner Likud eine Erklärung ab. «Die Bürger von Israel verdienen einen fulltime PM. Ich werde mich um meine rechtlichen Dinge kümmern, wenn ich meine Zeit [als PM] vollendet habe. Die Bürger von Israel kennen meine rechtliche Situation und haben mich gewählt. Wenn ich auf meine bestmöglichen persönlichen Interessen fokussiert wäre, würde ich meinen Kampf mit dem Gesetz als PM und nicht als einfacher Bürger austragen, aber ich erkenne, dass dies nicht im Interesse des Staates ist.»

Netanyahu hatte also schon damals beschlossen, im Amt zu bleiben, um eine weitere Verfolgung für die Dauer seiner Regierungszeit zu vermeiden. Bei einem ehemaligen deutschen Bundeskanzler nannte man das Verhalten: Aussitzen eines Problems. Nun, auch der musste seinen Sessel räumen.

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MK Gideon Sa’ar

Hier strebt jetzt Gideon Sa’ar, der ewige Zweite des Likud das Erbe Netanyahus’ an. Er gilt als liberal-konservativ, lehnt die Zwei-Staaten Lösung ab, ebenso die Beteiligung der Vereinigten Arabischen Liste an einer Regierung. Auch eine Minderheitsregierung ist für ihn kein Thema. Sein kurzfristiges Ziel ist eine Vorwahl, in der über den neuen Parteivorsitz abgestimmt werden soll. Er wird sich der Wahl stellen. Sollte er gewinnen, wäre das der Moment, eine Grosse Koalition mit Blau-Weiss zu bilden. Ohne Netanyahu. Sollte er verlieren, so wäre es möglich, sich mit einigen Mitstreitern von Likud abzuspalten und eine neue Partei zu gründen. Nach dem Beispiel von Ariel Sharon, der im Jahr 2005 zusammen mit Tzipi Livni die neue Partei «Kadima» gründete und zu den Wahlen antrat und gewann. Die rasch aufeinanderfolgenden Schlaganfälle liessen Sharon amtsunfähig werden, Ehud Olmert übernahm interimistisch das Amt des PM.

Und was sagt der eigentliche Protagonist, PM Netanyahu? Er sieht sich nach wie vor als Opfer eine Intrige gegen ihn. Er sieht sich völlig zu Unrecht angeklagt. Weder Betrug, noch Bestechung, noch Vertrauensbruch, nichts von allem hätte er sich zu Schulden kommen lassen. Unmittelbar nach der Übertragung der Rede GStA Mandelblits’ trat auch er vor das Mikrofon. Wie in seinen vielen Stellungnahmen im Vorfeld lamentierte ein sichtlich angeschlagener und weit von seiner sonstigen Eloquenz entfernter PM

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Der Oberste Gerichtshof (Symbolbild)

„Wir (!) werden die Entscheidungen des Gerichts akzeptieren, keine Frage. Wir (!) werden, von Anfang bis Ende, in Übereinstimmung mit dem Gesetz handeln.“ Allerdings, so betonte er, die Untersuchungen gegen ihn seien nichts als eine Hexenjagd und Fehleinschätzungen, die nicht die Wahrheit in der Sache suchen, sondern nur gegen ihn gerichtet seien. „Das bedeutet aber auch, dass die, die sich nicht an die Grenzen des Gesetzes gehalten haben, sei es bei der Polizei oder bei den Staatsanwälten, ebenfalls untersucht werden müssen. Man muss sich darum kümmern und eine entsprechende Korrektur muss gemacht werden.“

So spricht nur einer, der den Bezug zur Realität verloren hat, zumindest partiell.

Wenn er auch das Amt des interimistischen PM behalten darf, so wird er doch seine Ministerämter zurücklegen müssen. Das sind derzeit: Ministerium für Fragen der Diaspora (seit 28.10.19), Gesundheit (seit 28.11.17), Arbeit und Soziales (seit 15.11.19) und Landwirtschaft (seit 15.11.19). Warum es zu einer solchen Anhäufung an Ämtern kam, liegt in der Rechtsvorschrift, die besagt, dass der amtierende PM jedes freiwerdende Ministeramt übernimmt…… Kein Wunder, dass ihm da kaum noch Zeit zum Regieren blieb!

NOTHING BUT TROUBLE, Stan Laurel, Oliver Hardy (Laurel and Hardy), 1944

Im Übrigen wünsche ich dem wirklich einst hochgeschätzten und hervorragenden PM, der nicht einsehen will, dass seine politische Amt Zeit sich dem Ende nähert, den Galgenhumor eines König Friedrich August III. von Sachsen der sich nach seiner Abdankung mit den Worten „Nu da machd doch eiern Drägg alleene!“ in den Ruhestand verabschiedete.
© esther scheiner, israel

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Am Ende des Tages…..

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Nach PM Netanyahu hat heute auch Benni Gantz zugeben müssen, dass es ihm nicht gelungen ist, eine Koalition zu bilden. Weder die von ihm angestrebte Grosse Koalition mit Likud, noch die als Alternative angedachte Minderheitsregierung.

Bis zum Schluss hatte er alles versucht, um das eigentlich Unmögliche doch noch möglich zu machen. Die Grosse Koalition war an zwei Punkten gescheitert. Zum einen dem Wahlversprechen, nicht mit PM Netanyahu als Regierungschef zusammen zu arbeiten, solange nicht geklärt ist, ob der von Generalstaatsanwalt Mandelblit nun angezeigt wird, oder nicht. Zum anderen dem zweiten Wahlversprechen, nicht mit den ultrarechten und religiösen Parteien eine Koalition bilden zu wollen. Beides eine conditio sine qua non für ihn und für seine drei Mitstreiter an der Führungsspitze von Blau-Weiss.

PM Netanyahu lehnte beides bis zur letzten Sekunde strikt ab und beschuldigte Benni Gantz immer wieder, keinerlei Interesse an einer Lösung zu haben.

Als Antwort dazu fand auch Benni Gantz stets klare Worte.

PM Netanyahu wurde es auch nicht müde, unermüdlich zu betonen, welche furchtbare Folgen eine Minderheitsregierung, die von der arabischen Liste gestützt werden würde für Israel haben würde.

MK Avigdor Liberman, bis vor wenigen Tagen noch als Königsmacher eingeschätzt, teilte erbost mit, er würde weder eine Minderheitsregierung, wie sie von Blau-Weiss angepeilt wurde, unterstützen, aber auch nicht einer Koalition von Likud und seinen «natürlichen Partnern» angehören.

Somit war jede Chance auf eine Einigung geplatzt.

Wie geht es nun weiter?

Während der kommenden 21 Tage, also bis zum 11. Dezember müssen die Knesset Abgeordneten versuchen, sich auf einen beliebigen Kandidaten zu einigen und dem sozusagen 61 Sitze als Morgengabe präsentieren. Der wird dann der neue PM von Israel. Eine Verlängerung hierbei gibt es nicht.

Falls das, was zu vermuten steht, auch nicht klappen wird, muss es innerhalb von 90 Tagen Neuwahlen geben. Vielleicht hat Präs. Rivlin aber auch die Weisheit, dass auch die 21 Tage nicht hilfreich sein werden. Dann kann er auch sofort Neuwahlen ansetzen.

Eine in Israel bisher unbekannte Situation.

Hier einige Stimmungsbilder der vergangenen Tage in ungeordneter Reihenfolge.

©screenshots: Times of Israel, Ynetnews, Arutz Sheva

© esther scheiner, israel

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Hass, Liebe und Egoismus – wenn Politik zur Posse mutiert

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Herbst 2018

Noch liegt knapp ein Jahr vor der regierenden Likud & Partner Koalition, bevor Israel wieder zu den Wahlurnen gerufen wird. Alles scheint eitel Wonne und Sonnenschein zu sein.

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Raketenbeschuss aus Gaza 2006 – 2018

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Ein Haus in Ashkelon nach einem Volltreffer

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Soldaten der IDF schützen ein Kind vor dem Beschuss

Doch dann beginnt der Hamas Terror. Angeblich ausgelöst durch eine undercover Aktion der IDF im Gazastreifen, die vereitelt wurde. In der Nacht vom 12. auf den 13. November 2018 werden mehr als 460 Raketen aus Gaza abgeschossen. Israel reagiert mit der Zerstörung von 100 Zielen. Es gibt Tote, zahlreiche Verletzte und grossen Sachschaden auf beiden Seiten. PM Netanyahu muss einen Aufenthalt in Paris abbrechen. Und dann plötzlich Waffenruhe. Einseitig ausgesprochen von der Hamas. Das offizielle Israel schweigt dazu, beendet aber die Vergeltungsschläge. PM Netanyahu gerät unter Druck, die Opposition verurteilt dies als «Einknicken» vor der Hamas, auch aus den eigenen Reihen kommt Kritik.

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Avigdor Lieberman bei seiner Rücktrittsrede

Nur einen Tag später, am 14. November verkündet Verteidigungsminister Avigdor Lieberman seinen Rücktritt. Nach dem Austritt von Liebermans’ Partei «Israel beitenu» (5 Sitze)  schrumpft die Regierungsmehrheit auf 61 Sitze. Lieberman fordert Neuwahlen. Nicht nur Lieberman votiert gegen die Annahme der Waffenruhe, auch MK Naftali Bennett, Vorsitzender der nationalreligiösen Partei «Ha beit ha yehudi» (8 Sitze) und Erziehungsminister stimmt dagegen. Und mehr als das; er strebte den freigewordenen Ministerposten an. Würde PM Netanyahu dieser Ernennung nicht zustimmen, würde er die Koalition verlassen. Das wäre das Ende der Regierungsmehrheit.

Offensichtlich zog PM Netanyahu es vor, den Posten selber zu übernehmen und damit Neuwahlen zu riskieren. Zu sehr war sein Verhältnis zu MK Bennett gestört. Am 30. Dezember verliess der gemeinsam mit der Parteifreundin und Justizministerin Ajelet Shaked und einer weiteren Abgeordneten die Koalition, die damit regierungsunfähig wurde. Die drei reaktivierten die Partei «Tzalash», ein Akronym für: Zionismus, Liberalismus, Gleichheit. Die Fraktion erhielt den Namen «Ha jamin ha chadasch» (Die neue Rechte).

Wahlen April 2019

Die neugegründete Partei «Ha jamim ha chadash» scheiterte mit 3.22% sehr knapp und zog nicht in die Knesset ein. Weitere rechtsgerichtete Parteien waren schon frühzeitig von PM Netanyahu gedrängt worden, sich zusammen zu schliessen, um den Einzug in die Knesset nicht zu verpassen. Nur so würde sichergestellt, dass seine Likud Partei mit ihren «natürlichen Partnern» ein tragfähiges Regierungsbündnis bilden könnte.

Zu diesem Zweck formte «Ha jamim ha chadash» mit «Ha beit ha yehudi» und «Otzma jehudit» als reines Wahlbündnis die «Union der rechten Parteien». Der Plan ging auf. Mit 3.7% zog sie mit 5 Sitzen in die Knesset ein. Kurz darauf verliess die ultra-rechte «Otzma jehudit» das Bündnis und machte damit den Weg frei, bei den Wahlen im September gemeinsam als «Jamina» anzutreten. Angeführt wurde die Liste von MK Ayelet Shaked.

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Naftali Bennet und Ayelet Shaked nach der Entlassung durch PM Netanyahu

Am 2. Juni beschloss PM Netanyahu, Ayelet Shaked und Naftali Bennett aus ihren Ministerposten zu entlassen. Obwohl ihre Partei es nach den Wahlen nicht in die Knesset geschafft hatte, hatten beide ihre Plätze innerhalb des Kabinetts behalten und dienten in der «Übergangsregierung» weiterhin als Erziehungs- und Justizminister. Nach dem Rauschschmiss übernahm PM Netanyahu das Erziehungsministerium kurzfristig bis zu Neuernennung von Rafi Peretz selber. Das verwaiste Justizministerium überliess er am kommenden Tag seinem Parteifreund Amir Ohana. Es selbst zu übernehmen schien wohl selbst ihm doch zu geschmacklos, nachdem er sich immer noch mit einigen offenen Anklagen konfrontiert sieht.

Wahl September 2019

Während die «Otzma jehudit» weit abgeschlagen den Einzug in die Knesset verpasste, erreichte «Jamina» mit 5.87% insgesamt 7 Sitze. Nachdem die Union, wie vereinbart unmittelbar nach den Wahlen wieder aufgelöst wurde gibt es nun wieder zwei eigenständige Parteien.

«Ha jamim ha chadash» mit Naftali Bennett, Ayelet Shaked und Matan Kahana.

Bennett und Shaked kann man als Politiker bezeichnen, die mit ihren Vorstellungen kaum hinter dem Berg halten. Als Justizministerin wollte Shaked die Macht des Obersten Gerichtshofes, einer Bastion der Demokratie abwerten.

 «Ha beit ha yehudi» verfügt über vier Plätze. Mitglieder sind: Rafi Peretz, Moti Yogev, Bezalel Smotrich und Ofir Sofer.

Bezalel Smotrich ist amtierender Verkehrsminister. Immerhin kann er auf dem Posten mit seinen radikalen und menschenverachtenden Ansichten gegenüber den Palästinensern weniger Schaden anrichten, als in einer anderen Position. Die grössere Gefahr geht möglicherweise von Rafi Peretz aus, der als Bildungsminister immerhin für die nächste Generation verantwortlich ist. Seine Meinung zu Homosexualität und «interreligiösen» Ehen ist einfach skandalös. Moti Yogev und Ofir Sofer sind noch politisch recht unbeschriebene Blätter.

Nach der Wahl

28 Tage nachdem PM Netanyahu das Mandat der Regierungsbildung übertragen wurde, gibt er es an Präs. Rivlin zurück. Wie bereits im Sommer ist es ihm nicht gelungen, eine regierungsfähige Koalition zu bilden.

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Hilfe von oben? 

Den zweiten Versuch hat nun Benny Gantz. Auch er hat 28 Tage Zeit. Noch bleiben ihm davon 10 Tage.  Und die Zeit läuft und läuft. Auch wenn er nicht müde wird zu betonen, dass die meisten Treffen und Verhandlungen ausserhalb der Öffentlichkeit stattfinden, scheint er von einer Lösung weit entfernt zu sein.

PM Netanyahu aber schmiedet weiter seine Ränkespiele.

Am Samstag, 2. November hatte MK Naftali Bennett noch grossspurig in einem Interview gesagt: «Wenn ich das Hindernis für eine Regierungsbildung bin, dann entbinde ich Netanyahu von seinen Verpflichtungen mir und der Neuen Rechten gegenüber und bin bereit in die Opposition zu gehen. Die Hauptsache ist nun, eine Regierung zu bilden.»

Zuvor wurde berichtet, dass sowohl Bennett, als auch Shaked von Blau-Weiss verschiedene Ministerposten angeboten worden seien. Die Gegenleistung wäre die Beteiligung an einer Minderheitsregierung unter MK Gantz. Es gab keine Bestätigungen, es gab keine Dementi.

Prompt dachte PM Netanyahu laut darüber nach, wie es möglich sei, die beiden doch wieder ganz fest an sein Lager zu binden. Dazu befragt, beteuerte MK Bennett jedoch, kein Angebot von dieser Seite bekommen zu haben.

Ayelet Shaked gefiel sich derweil in der Rolle der beleidigten Geliebten. «Er (Netanyahu) hat beschlossen, nur mit Bennett zu sprechen. Gespräche mit Bennett sind aber besser, als keine Gespräche.”

Dabei war am Samstag schon alles gelaufen. Bereits am Freitag, 8. November,  lange vor Schabbat Eingang hatten sich PM Netanyahu und MK Bennett in Jerusalem getroffen. Das einzige Thema war nicht ob, sondern welche Ministerien zur Wahl standen. «Netanyahu bot uns drei Ministerien an: Landwirtschaft und Soziales oder eben Verteidigung. Wir haben gemeinsam beschlossen, dass Bennett zum Verteidigungsminister ernannt wird, bis ein neues Kabinett gebildet wird.» liess Shaked auf ihrem Twitter account wissen «Ich bin sicher, das ist zum Besten für Israel. 

Man muss nicht alles gut finden, was aus der Parteizentrale von Blau-Weiss kommt. Aber die Einschätzung dieser allez-hopp Aktion ist korrekt: «Immer wieder hat er [Netanyahu] Bennett als kindisch und verantwortungslos bezeichnet. Und jetzt legt er das System, das die Leben unserer Kinder schützen soll, in seine Hände. Wegen seiner kriminellen Probleme stellt Bibi [Netanyahu] seine eigenen Interessen über die des Staates.»

Auch von Ehud Barak kommen klare Worte: «Er missbraucht seine Macht, indem er Bennett ernennt. Das ist kein korrekter Schritt einer Übergangsregierung. Netanyahu zeigt immer wieder, wie recht er hatte, als er sagte, ein PM der bis zum Hals in kriminellen Verdachtsmomenten (sic!) steckt, kann keinen Staat regieren. Traurig und mies.»

Heute, am Sonntag 10. November wurde Naftali Bennett als Verteidigungsminister bestätigt. Damit hat sich sein Wunsch erfüllt, den er bereits im April geäussert hatte. Bereits vor den Wahlen trat er damit an PM Netanyahu heran und versprach: «Ich werde den palästinensischen Terrorgruppen die Tore der Hölle öffnen!» 

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Generalstabschef Aviv Kochavi

Ein weiterer Grund, auf eine baldige Regierungsbildung zu hoffen. Ohne ihn, ohne PM Netanyahu. In dem Fall, so hat er versprochen, wird er sofort wieder zurücktreten. Ich hoffe, dass es nicht notwendig werden wird, dass er eine sicherheitspolitische Entscheidung treffen muss. Und dass Generalstabschef Aviv Kochavi in allen Auseinandersetzungen mit ihm die besseren Argumente hat.

Hätte Naftali Bennett auch nur das kleinste bisschen Ehrgefühl im Bauch, so würde er dankend abgelehnt haben. Hätte PM Netanyahu auch noch nur das kleinste bisschen Ehrgefühl im Bauch, so hätte er dieses infame Schmierentheater, das nur seinem Wohl dienen soll, gar nicht erst inszeniert.

 

© esther scheiner, israel

© screenshots: Ynetnews, Times of Israel, Art Sheva

 

 

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Happy birthday Herr Netanyahu!

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Am Montag, den 21. Oktober, unmittelbar nach Ende des letzten Feiertages, am Ausgang von Simchat Thora, machte der noch immer amtierende PM Netanyahu sein womöglich grösstes Geschenk sich selber und den Israelis. Er gab das Mandat, eine Koalition zu bilden, an Präs. Rivlin zurück. Damit machte er den Weg frei, nun selber als 70 jähriger Polit Rentner sein Leben, zusammen mit Sarah und seinen Söhnen zu geniessen. Die Privatvilla in Caesarea bietet dazu jeden Komfort.

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Die Villa der Familie Netanyahu in Caesarea

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Orientierungshilfe für den nächsten Besuch

Nun ja, dass dies die beste Option für ein noch langes und vor allem unaufgeregtes Leben sein würde, das hatte er wohl noch nicht verinnerlicht. Statt schon mal die Möbelpacker zu bestellen, wetterte er sofort und ungebrochen in Facebook gegen seinen Herausforderer Gantz.

«Wie will eine Regierung, die von der (arabischen) Vereinigten Liste unterstützt wird, in der Lage sein, Terror, Hamas, Hisbollah und den Iran zu bekämpfen? Falls Gantz versucht ist, eine so gefährliche Regierung zu bilden, werde ich der Opposition vorstehen und sehr hart daran arbeiten, sie zu stürzen. Noch ist es nicht zu spät, die Ratschläge von Lieberman und Lapid abzuschütteln und eine Einheitsregierung zu bilden, die alle die einschliesst, die an Israel als einen jüdischen und demokratischen Staat glauben.»

Damit ist klar, dass die Worte im Kampf um den Sitz des PM von Netanyahu noch härter werden. Die Antwort aus Gantz’ Büro kam prompt: «Die Zeit der Tricks und der Spielchen ist vorbei. Jetzt muss gearbeitet werden.» Die Absicht sei, so die offizielle Reaktion, die Bildung einer breiten liberalen Einheitsregierung. In der wird, so der Plan, Gantz die erste Hälfte der Regierungszeit als PM dienen.

Auch Gantz verfügt nicht über die notwendigen 61 Plätze, die es braucht, um eine «regierungsfähige» Koalition zu bilden.

Deshalb erging auch sofort die Einladung von Blau-Weiss an alle Parteichefs, sich mit seinem Team und ihm zu treffen, um entsprechende Möglichkeiten auszuloten. Die erste Partei, die eine Einladung erhielt, war Likud. Das Treffen findet derzeit (Sonntag 27.10.) , wie geplant im IDF Hauptquartier in Tel Aviv statt. Vorgesehen ist das Treffen ausschliesslich zwischen Netanyahu und Gantz.

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Beni Gantz und Präs. Rivlin nach der Übergabe des Mandates

Nachdem er das Mandat zur Regierungsbildung erhalten hatte, sagte Gantz in einer vielbeachteten Rede: «Ich habe versprochen, eine liberale Einheitsregierung zu bilden – das ist das, was ich vorhabe. Eine nationale Regierung der Versöhnung, die die Risse zwischen den politischen Lagern kitten wird. Wir kennen uns schon seit so vielen Jahren. Ich kenne deine Verdienste sehr genau. Du hast uns in zahlreiche militärische Operationen geführt. Ich wünsche mir, dass du völlig vorbehaltlos kommst. Es ist uns beiden klar, dass die Ergebnisse der Wahl und die rechtliche Situation ein Umdenken erfordert.»

Das Treffen, von dem man im Vorfeld vermutete, dass es im letzten Moment von Netanyahu abgesagt werden könnte, endete mit der Ankündigung eines weiteren Treffens der beiden. Immerhin darf es als positives Zeichen gewertet werden, dass die zwei Parteichefs es erstmals geschafft haben, sich an einen gemeinsamen Tisch zu setzen. Verhandlungserfolge wurde laut offiziellen Berichten, nicht erreicht.

Die Einladung, die Gantz an die «natürlichen Partner» Netanyahus’ ausgesprochen hatten, wurde zwar von jedem einzeln aber mit einem nahezu gleichen Wortlaut beantwortet: «Wir verhandeln nur mit unserem gemeinsamen Verhandlungsteam des 55 Sitze Blocks.»

Jetzt bleibt abzuwarten, ob sich Netanyahu entschliessen kann, seinen Sessel zu Gunsten von Likud und einer dann problemlos zu erreichenden Koalition zu räumen. Dies ist die conditio sine qua non, die Gantz seinen Wählern versprochen hat: Er werde nicht in einer Koalition mit einem unter Verdacht stehenden PM sitzen. Genau das aber der Punkt. Netanyahu ist vor einer Anklage nur dann geschützt, wenn er aktiver PM ist. Dann könnte er sein Amt für die Zeit des Verfahrens ruhen lassen. Als einfacher Abgeordneter geniesst er dieses Privileg nicht.

Lieberman wirft beiden Parteiführern vor, zu sehr auf ihre Egos bedacht zu sein und zeigt « drei schlechte und eine gute Option» auf. Die schlechten sind Minderheitsregierungen, die entweder von Likud oder von Gantz geführt werden und Neuwahlen. Als gute Option benennt er die Einheitsregierung. Mit Netanyahu geht er hart ins Gericht und wirft ihm vor, ausschliesslich aus persönlicher Motivation heraus zu handeln und sich dabei nicht um Israel zu kümmern. Des Weiteren sei er «eine Geisel der Religiösen», die ihn immer wieder zwingen, bereits getroffenen Vereinbarungen zu kippen, um ihren Willen durchzusetzen. Alles keine guten Voraussetzungen für eine erneute Regierungszeit!

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

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Das Land Kanaan – Phantasie oder Realität?

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Ganz so romantisch, wie in Andrew Lloyd Webbers’ Musical aus dem Jahr 1968 ist es im alten Kanaan sicher nicht zugegangen.  Als Jakob und seine Söhne dort lebten, sein Sohn Josef nach Ägypten verschleppt wurde und dort zu hohem Ansehen kam, hatte bereits die mittlere Bronzezeit begonnen.  (2.110 – 1.550 BCE)

Als «älteste Stadt der Welt» bezeichnet sich Jericho. Immerhin gehen die ersten Nachweise von Siedlungen dort bis auf 10.000 BCE zurück. Eine Stadtmauer, deren Zweck nicht gänzlich geklärt ist, wird auf etwas 8.000 BCE datiert, der berühmte Turm von Jericho lag interessanterweise innerhalb der Mauer. Die Funktion des acht Meter hohen Turmes, in dessen Inneren sich die erste bekannte Treppe mit 22 Stufen befindet ist unklar. Er könnte ein Versammlungsraum gewesen sein, er könnten rituellen Zwecken gedient haben. Zu der Zeit hatte Jericho geschätzte 3.000 Einwohner. In den kommenden Jahrhunderten wurde die Stadt immer wieder verlassen und neu besiedelt. Um 4.000 BCE endete die bewohnte Zeit und die Stadt verfiel. In der Frühbronzezeit (3.300 – 2.100 BCE) legten neuen Bewohner den Grundstein einer ganz neuen Stadtkultur. Nach einer Abfolge weiterer Zerstörung durch Erdbeben und verheerende Brände kamen um 1.500 BCE kanaanäische Siedler und nahmen die Stadt für sich ein.  Kurze Zeit zuvor hatte ein gewaltiger Vulkanausbruch auf Santorin unermessliche Auswirkungen auf die Tektonik bis in das Gebiet vom Gaza bis in die Region von Jericho.

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Luftaufnahmen der Ausgrabungen von Jericho

 

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Der Überreste des „Turm von Jericho“ und die Treppe

Ob es die Posaunen von Jericho waren, die die Mauern zum Einsturz brachten, oder ob es ein erneutes Erdbeben oder Grossbrand war, niemand weiss es genau. Funde aus der Zeit der ägyptischen Pharaonen Hatschepsut, Thutmosis IIi und Amenophis  belegen, dass Jericho bis um 1.300 BCE bewohnt war, dann aber für einige Jahrhunderte unbesiedelt blieb.

Machen wir einen gewaltigen Sprung in die Neuzeit.

Jede Grossbaustelle in Israel gleicht, bevor sie tatsächlich in Angriff genommen werden kann, einer archäologischen Ausgrabungsstätte. Jede Strasse, jede Siedlung, jede Bahntrasse, kurz alles, was über ein Privathaus hinausgeht, wird untersucht.  Die israelische Antiquitätenbehörde kommt, vermisst, gräbt und trägt vorsichtig einige Meter tief den Erdboden ab. Deshalb sieht man auch an allen geplanten neuen Projekten die schwarzen Sonnenschutzplanen, die aufgestapelten Sandsäcke zum Beschweren der Fundstellen,  provisorische Büros und Laboratorien und natürlich heute auch die allgegenwärtigen «Toi Toi» Kabinen. Finden sie nichts von Bedeutung, wird die Stelle wieder geschlossen und es darf gebaut werde. Doch wenn sie fündig werden, dann gibt es strikte Regeln. Friedhöfe und antike Grabfelder sind eine absolute «No-Go-Zone». Die Grabesruhe gilt im Judentum als unantastbar. Es gibt Fälle, in denen der Verlauf einer Schnellstrasse geändert werden musste, um diese zu gewährleisten. Bei archäologischen Funden wird abgewogen, ob es sich um einen wirklich wichtigen Fund handelt, oder ob es ein eher unbedeutendes, weil schon oft in der Art vorhandenes Objekt ist. In dem Fall wird die Probegrabung wieder geschlossen.

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Seit den 50er Jahren ist bekannt, dass nahe der Strasse zwischen Hadera und Afula eine Fundstelle liegt. Was jedoch vor gut zwei Jahren in unmittelbarere Nähe eines neuen Wohnprojektes etwas 30 km südöstlich von Zichron Ya’acob gefunden wurde, sprengte den Rahmen des bisher Dagewesenen. In der Nähe der Neubausiedlung «Harish» entdeckte man eine Stadt, die in den Medien bereits als «New York Kanaans» bezeichnet wurde. Teile der Geschichte werden neu belegt werden, andere werden neu geschrieben.

Harish,  im Dreieck zwischen der Autobahn Nr. 6 und der Schnellstrasse Nr. 75 zwischen Caesaria und Afula gelegen, ist eine typischen Reissbrettsiedlung, die nun an das Verkehrsnetz angeschlossen werden soll. Unmittelbar hinter Harish beginnt Shomron. Ich bin sicher, es wird nur wenige Wochen dauern, bis die PA die Ausgrabungen als «Prä-Palästinensisch» definieren wird, oder gar „Prä-Islamisch“.  Systematisch eliminiert die PA die israelische und jüdische Geschichte aus ihren Schulbüchern. Auch die Existenz dieser Stadt, ein weiterer Beweis der jüdischen Geschichte, wird nie in die palästinensischen Lehrpläne aufgenommen werden. Die Palästinenser sind derzeit wieder eifrig bemüht, alles, was mit der Jahrtausende alten Geschichte Israels zu tun haben könnte, aus den Unterrichtsbüchern zu entfernen. Nach dem Motto «denn nicht sein kann, was nicht sein darf» wird alles, was sich nicht als «präislamisch» definieren lässt, einfach ausgelöscht.

Die bisher grösste und komplexeste Stadt aus der Zeit der frühen Bronzezeit hatte alles, was eine Stadt ausmachte: Schutzmauer, Wachtürme, Wohngebiete, öffentliche Zonen, Strassen und Alleen.  Noch ist die Fundstelle nicht zur Gänze geöffnet.  Die Archäologen schätzen, dass auf einer Gesamtfläche von 64 Ha in etwa 6.000 Menschen andauernd lebten. Die Stadt «En Esur» ist damit in etwa zehnmal so gross wie Jericho.

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Luftaufnahme der Grabunsfelder

Auf den Bildern erkennt man ganz klar, dass sowohl die Gebäude, als auch die Strassenkreuzungen in akkuraten rechten Winkeln zueinander stehen. Eine unglaubliche  Meisterleistung der frühen Baumeister und Arbeiter. Vor allem, wenn man bedenkt, dass man im heutigen Israel im Häuserbau kaum gerade Wände mit sauberen Ecken findet. Da ist alles ein wenig windschief, teilweise sogar mit dem Auge erkennbar, spätestens aber dann, wenn man z.B. Klimaanlagen aufhängen, oder Rollläden einbauen will. Da muss alles nachgebessert werden.

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Detailaufnahme

Erste tiefere Grabungen unter einigen Häusern legten eine deutlich frühere, darunter liegende Siedlung frei. Diese wird auf die Kupferzeit zurückdatiert, die etwa vor 7.000 Jahren stattfand.

In der Stadt entdeckte man zwei Quellen, die offensichtlich ergiebig genug waren, um die Wasserversorgung für diese grosse Menschenanzahl abzudecken.

Die Stadt schliesst eine Lücke in der Geschichte Israels. Zu einer Zeit, in der die Menschen eine dramatische Veränderung des Lebensstandards – weg von der reinen Landbevölkerung und hin zum städtischen Leben – durchliefen.  Das Gebiet des heutigen Israel wurde damals noch Kanaan genannt. Die Kanaaniter hingegen waren kein einheitliches Volk, sondern es waren einfach die Menschen, die in dieser Region lebten. Im Laufe der Bronzezeit begannen sie, sich über die Gemeinsamkeit ihrer Kultur neu zu definieren.

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Das Gebiet von Kanaan währen der Bronzezeit

Offensichtlich betrieben sie neben der Landwirtschaft auch Handel mit den umliegenden Ländern. Dies wird durch Werkzeuge belegt, die offensichtlich aus Ägypten stammen.

Eine Stadt dieser Grösse braucht eine Verwaltung, wenn sie erfolgreich sein will. Die Komplexität der öffentlichen Zonen zeigen, dass es dort Gebäude gab, die möglicherweise eine Art Verwaltungsgebäude darstellen. Auch die Grösse und Anordnung der Häuser lässt vermuten, dass es in dieser Stadt eine durchaus geplante soziologische Hierarchie gab.

Dazu wurde eine recht grosse Tempelanlage gefunden. Ein ausgehöhlter Stein mag dazu gedient haben, eine Flüssigkeit aufzunehmen, ein weiterer hohler Stein barg verkohlte Tierknochen. Beide Funde lassen vermuten, dass es zu der Zeit bereits Brandopfer gab. Ein weiterer Beweis ist das Abbild eines Mannes, der in seinen erhobenen Händen ein Tier trägt.

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Der zu einem Becken ausgehöhlte Stein im Bereich des Tempels

Schriftzeichen wurden in den ausgegrabenen Ruinen nicht aufgefunden, wohl aber jede Menge an einfachen, aber deutlich erkennbaren Figurinen. Jedes Fundstück wird am Fundort mit modernster Technik fotografiert und mit den exakten geografischen Daten versehen. Wichtige Informationen bleiben auf diese Art erhalten und dienen der weiteren Erforschung.

Selbstverständlich wird der Bau der Strasse, die Harish mit den beiden Schnellstrassen verbinden soll, neu angelegt.  Die Ausgrabungen selber werden nach Beendigung der Arbeiten sorgsam abgedeckt, ohne dass die Strukturen irgendeinen Schaden nehmen.

Dieser Fund ist so wichtig, dass er komplett erhalten bleiben muss. Die Strasse, die für Harish von so grosser Notwendigkeit ist, wird dann über eine Brücke geführt werden.

© der Bilder: Ynet, Times of Israel, Ha‘ aretz, Arutz 7

© esther scheiner, israel

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Die Ereignisse überschlagen sich

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Was sich nach den Wahlen mit dem denkbar knappsten Ergebnis bereits abgezeichnet hat, wurde in den vergangenen Tagen immer klarer.

Es ist sowohl für den noch im Amt befindlichen PM Netanyahu, also auch für seinen Herausforderer Benny Gantz unmöglich, eine Regierung zu bilden. Die müsste mindestens 61 Sitze in der Knesset haben, um, zumindest rein rechnerisch über eine Mehrheit zu verfügen.

Einige kurze Verhandlungsrunden zeigten jedoch, dass keiner gewillt ist, von seinen Wahlversprechen auch nur einen Iota abzurücken.

Netanyahu will nur gemeinsam mit seinen «natürlichen Partnern» antreten, Gantz besteht darauf, dass genau die nicht Teil der Regierungskoalition werden.

Netanyahu besteht darauf, die erste Hälfte der Regierungszeit als PM zu übernehmen. Warum das so ist, ist klar, nur so kann und wird er versuchen, die vollständige Immunität für seine Person zu erhalten. Immerhin droht ihm Anklage in drei nicht geringen Fällen. Generalstaatsanwalt Mandelblit hat heute, am 2. Oktober,  mit der Anhörung dazu begonnen.

Gantz weigert sich, mit einem PM in einer Regierung zu sitzen, dem drei Rechtsfälle drohen.

Präsident Rivlin, dem die nicht leichte Aufgabe zukam, einen der beiden mit der Bildung einer tragfähigen Regierung zu betrauen, hatte versucht, einen Kompromiss auszuarbeiten und vorzuschlagen. Netanyahu solle als PM beginnen und im Falle einer Anklage für die Zeit bis zur Urteilsfindung Gantz den Posten überlassen. Der würde dann als «Interims PM» mit allen Rechten, die diese Aufgabe mit sich bringt, ausgestattet werden.  Allerdings müsse Familie Netanyahu die Residenz in Jerusalem nicht räumen. Für Netanyahu ein grosses Zugeständnis, für Gantz ein No-Go. Warum Präsident Rivlin so viele Zugeständnisse macht, ist für mich unerklärlich.

Heute war geplant, dass die Gantz und Netanyahu sich ein letztes Mal treffen, um den gordischen Knoten noch zu lösen. Gantz hat das Treffen abgesagt. Er geht davon aus, dass sein Kontrahent nicht bereit ist, doch noch einzulenken.  Der verhandelt nun auch schon wieder mit seinen «natürlichen Partnern», den rechten und ultrareligiösen Parteien.

Fällt Lieberman nicht um, wird es Netanyahu nicht gelingen, seine „sicheren“ 55 Sitze auf 61 auszubauen. Seit dem Wochenende heisst es bereits, er würde sein Mandat in dem Fall an Präs. Rivlin zurückgeben, der dann wohl Gantz eine Chance geben wird.

Auch der wird leider keinen Erfolg haben, denn selbst wenn Lieberman sich ihm anschliesst käme er nur auf 51 Sitze.

Und so heisst dann: «Gehen Sie zurück auf Los!»

 

© esther scheiner, israel

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