Wochenabschnitt: Mikez, Bereshit 41:1 – 44:17

ב“ה

3./4. Tevet 5781    18./19.Dezember 2020  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 15:58

Schabbatausgang in Jerusalem:                               17:18

Mit dem heutigen Schabbat, einen Tag nach Ende des Chanukka Festes, kommt das Licht langsam wieder zurück zu uns. Gegenüber der vergangenen Woche ist der Schabbat um vier Minuten länger geworden, auch wenn der astronomisch kürzeste Tag erst am kommenden Montag sein wird. 

Nach einer Zeit relativen Glücks im Haushalt des Potiphar trifft Josef, der unschuldig im Gefängnis sitzt, auf zwei Beamte aus dem Hofstaat des Pharaos und deutet ihnen ihre Träume, die ihr Schicksal besiegeln. Es sind einfache Träume, leicht zu verstehen. Der Mundschenk, den er bat, sich nach seiner Freilassung für ihn bei Pharao zu verwenden, vergass ihn aber sehr schnell.

Trotzdem beginnt auch für Josef mit diesem Wochenabschnitt eine neue Zeit. 

Nachdem er zwei weitere lange Jahre im Gefängnis hatte verbringen müssen, erinnert sich der Mundschenk an das vor seiner Entlassung an das Josef gegebene Versprechen, nachdem der Pharao durch zwei Träume sehr beunruhigt ist.

Zum dritten Mal hat ein Traumpaar eine besondere Bedeutung für Josef. Erinnern wir uns, zuerst waren es die beiden Träume, die er als junger Mann hatte und die dazu geführt hatten, dass seine Brüder ihn zunächst umbringen wollten und ihn stattdessen verkauften.

Und nun sind es zwei Träume des Pharaos selber, die ihm keiner seiner Traumdeuter deuten kann oder deuten will. Pharao lässt Josef holen und fordert ihn auf, ihm eine Deutung der für ihn verwirrenden Träume zu geben. Und wieder weist Josef drauf hin, dass nicht er diese Aufgabe erfüllen kann, sondern dass nur Gott über diese Fähigkeit verfügt und er nur dessen Werkzeug ist. 

Josef erkennt, dass dies ein Traum in zwei Versionen ist, die beide die gleiche Bedeutung haben. Zuerst sieben gute Jahre im Überfluss und daran anschliessend sieben Jahre Elend und Hunger. So hat es Gott für Ägypten vorgesehen, so wird es sein. Daran besteht für Josef kein Zweifel. Träume galten in der Torah auch als direkte Verbindung des Träumenden zu Gott. In ihnen offenbart sich sein Plan und Wille. Der doppelt geträumte Traum Pharaos verstärkt diese göttliche «Willenserklärung», die nicht abgewendet werden kann. Gott lässt fast nie mit sich handeln!

Aber er gibt dem Pharao durch Josef auch eine Möglichkeit an die Hand, wie er die ärgsten Folgen der Hungersnot mildern kann. Er solle so handeln wie ein guter Familienvater und überall im Land Vorratslager anlegen und durch einen guten Logistikfachmann überwachen lassen.

Pharao erkennt, dass Josef der richtige Mann für diese Aufgabe ist und ernennt ihn zum Vizekönig. Alle anderen müssen seinen Weisungen unbedingte Folge leisten. Damit endet für Josef die dunkle Zeit in seinem Leben und er wird zum, heute würde man sagen, Superman Ägyptens. 

Allerdings hat er sich so weit von seinen Wurzeln entfernt, dass er sogar den neuen Namen Zafenat-Paneach annimmt und seine Muttersprache zu Gunsten der Landessprache aufgibt. Aus Josef dem Kana’aniter ist Josef der Ägypter geworden. Aber tief in seinem Herzen ist er doch ein gottestreuer Hebräer geblieben.

Sechs Jahre später wurde er Vater zweier Söhne: Menasche und Efraim. 

Warum er in dieser Zeit nie die Reise in den Norden unternahm um seine Familie, oder zumindest seinen Vater zu treffen, erfahren wir nicht. Hat er sein Kindheitstrauma endgültig überwunden, oder hat er sich durch die völlige Assimilation in Ägypten eine eigene Parallelwelt aufgebaut? Menasche, der Name, den er seinem älteren Sohn gibt, bedeutet «er macht es vergessen». Was hat er durch seinen Sohn vergessen? Seine Heimat? Seine Wurzeln? Seine Familie, vor allem aber seinen Vater? Oder hat ihn seine neue Stellung, seine eigene Familie von seinem Trauma geheilt?

Wie von Gott geplant, begannen die sieben schreckliche Jahre mit einer grossen Hungersnot. Doch Gott hatte Josef vorausplanend handeln lassen. Und so gab es nicht nur genug Getreide für das ganze Land. 

Die Hungersnot wütete auch in den umliegenden Staaten, sodass immer mehr Menschen herbeieilten, um einzukaufen.

Israel, dessen Clan ebenfalls unter dem Hunger litt, schickte zehn seiner Söhne nach Süden, um dort ihren Bedarf zu decken. Nur Benjamin behielt er bei sich, er hatte Angst, dass seinem Nesthäkchen unterwegs etwas zustossen könnte. 

Josef erkannte seine Brüder sofort, die sich vor ihm auf den Boden warfen, gab sich ihnen aber nicht zu erkennen. Damit ist der erste seiner Träume, in dem er sie als Korngarben träumte, die sich vor ihm beugten, Wahrheit geworden. 

Doch so einfach lässt Josef seine Brüder, die ihn vor Jahren wie etwas Wertloses weggeworfen hatten, nicht davonkommen. Der Stachel der damaligen Verletzung sitzt tief. Zwar ist Josef kein Mensch, der blindwütige Rache übt und sie ohne Getreide fortjagt. Aber er lässt sie zappeln, packt sie bei ihrer Ehre. Er wirft ihnen vor, nicht nur einfache Händler, sondern Spione zu sein, die die Schwachstelle in der ägyptischen Verteidigung ausspionieren wollten. 

Sie erniedrigen sich in ihrer Verzweiflung erneut vor ihm. Ursprünglich, so erzählen sie ihm auf seine Frage hin, seien sie zwölf Söhne eines Vaters gewesen, der jüngste sei bei ihm zu Hause geblieben und ein Sohn sei bereits verstorben. Der Vater selbst wäre zwar alt, aber noch gesund und rüstig.

Josef, der sich durch einen Dolmetscher vertreten liess, obwohl er ihre Sprache perfekt beherrscht, weint, als er ihre Worte hört. Mitlleid? Dankbarkeit, weil er entdeckt, dass sie doch menschliche Gefühle haben? Seine Gefühle ihnen gegenüber, betrachtet man sie angesichts der Tatsache, dass er sich nie die Mühe gemacht hat, zu seiner Familie zu reisen, bleiben unklar. Immerhin war er doch der Lieblingssohn seines Vaters und musste wissen, dass es ihm unendlich viel bedeuten würde, ihn, den scheinbar verlorenen Sohn gesund und sogar erfolgreich vor sich zu sehen. Hat er aber seinen Vater genauso geliebt, wie dieser ihn geliebt hat? Kann es vielleicht sein, dass ihn die Liebe seines Vaters erdrückt hat und er in Wirklichkeit gar nicht so unfroh darüber war, ihm ausweichen zu können?

Josef fordert sie auf, den jüngsten Bruder herbeizuschaffen oder zu sterben. Nach drei Tagen Haft ändert er jedoch seinen Plan für sie. Er lässt alle ziehen. Nur einer, Simon, soll als Pfand im Kerker zurückbleiben. Er gibt ihnen das Getreide, das sie gekauft haben und verbirgt das Kaufgeld in ihren Säcken. Dann gibt er ihnen Verpflegung mit und lässt sie ziehen.

Einer der Brüder entdeckt das Geld und ist verzagt. Die Brüder, vor allem aber Reuven, befürchten, dass sich nun ihre Untat an Josef rächen wird. Oder ist es gar nachträgliches, unbestimmtes Schamgefühl, dass den ältesten der Brüder befällt?

Er versteht nicht, warum der scheinbar fremde Beamte so gehandelt hat und sieht darin eine ihm unverständliche Tat Gottes. Womit er ja nicht so weit weg von der Wahrheit ist, denn jedes Handeln Josefs ist von Gott beeinflusst. 

Auch Israel, dem sie zu Hause ihre Erlebnisse in Ägypten schildern, bekommt Angst.

Aus ihm spricht die pure Verzweiflung. Einen Sohn glaubt er verloren zu haben, ein zweiter sitzt im Gefängnis in Ägypten und nun soll ihm auch noch sein jüngster Sohn Benjamin genommen werden. Er klagt seine Söhne an, ihm seine Söhne nach und nach zu nehmen.

Reuven, der älteste, wurde nicht im Zusammenhang mit den Morden von Sichem genannt und war der, der sich als Einziger gegen die Ermordung Josefs ausgesprochen hatte. Wenngleich auch er ein moralisches Vergehen gegen seinen Vater Israel begangenen hatte, als er mit dessen Nebenfrau Bilha ein Verhältnis begann, scheint er doch der moralisch gefestigtste der Söhne Israels zu sein. 

Er schlägt seinem Vater vor, persönlich für die Sicherheit Benjamins zu garantieren. Gleichzeitig bietet er seinem Vater an, er können seine beiden Söhne töten, wenn Benjamin unter seinem Schutz ein Leid geschehen würde. Aber Israel blieb hart.

Doch der Hunger nagt bald wieder am Familienclan, so dass Israel seinen Widerstand aufgibt. 

Allerdings weigert er sich nach wie vor, Benjamin mit auf die Reise zu schicken und hinterfragt, was dazu geführt hat, dass der Fremde so harsch reagiert hat. Er bekommt keine Antwort. Die Brüder kenne sie nicht, sie sind sich keiner Schuld bewusst, ausser der, die sie vor vielen Jahren an Josef begangen haben. 

Schliesslich gibt der Vater seine Zustimmung. Aber um nicht als Bittsteller dazustehen und schon gar nicht als Betrüger, stellt er Bedingungen: Die Brüder müssen das Geld zurückgeben und auch die neue Ware ordnungsgemäss bezahlen. Und sie müssen Geschenke mitnehmen, darunter wertvolle Harze und beliebte Früchte.

Juda, jener Bruder, der sich ebenfalls gegen die Ermordung Josefs ausgesprochen hatte, verspricht Israel, sich für die Sicherheit Benjamins zu verbürgen und stellt sich selber als Pfand zur Verfügung.

Nachdem sie wieder bei Josef angekommen sind, der sich ihnen immer noch nicht zu erkennen gibt, lässt dieser für sie ein Festmahl in seinem Haus zubereiten. Sie fürchten sich immer noch, weil sie glauben, ihnen sei mit dem Geld eine Falle gestellt worden. Josef nimmt ihnen diese Angst und sagt, dass das Geld, das sie in den Säcken vorgefunden hatten, ein Geschenk Gottes an sie gewesen sei. Gott hatte offensichtlich seine schützende Hand nicht von ihnen abgezogen und ihnen verziehen. Auch er hat ihnen verziehen und hält sein Versprechen. Simon wird aus dem Gefängnis zu ihnen gebracht.

Noch zweimal neigen sich die Brüder vor ihm, unterwerfen sich ihm damit völlig. Als er seinen jüngeren Bruder Benjamin sieht, übermannt ihn die Rührung und er segnet ihn.

Am kommenden Tag liess Josef ihre Säcke füllen und jedem das Geld, das er wiederum nicht annahm, dazu legen. Im Sack von Benjamin aber liess er zusätzlich einen Silberbecher verstecken. Wollte er sie nochmals auf die Probe stellen?

Er lässt seinen Hausverwalter hinter ihnen her reiten und sie stoppen. Er soll ihnen vorwerfen, den Becher, aus dem Josef trank und weissagte, gestohlen zu haben. In diesem Fall wäre es ein übler Dank für all das Gute, das er ihnen hatte angedeihen lassen. Josef hatte offenbar einen genauen Plan, den er aber noch nicht enthüllt. 

Die Brüder öffnen arglos ihre Säcke und finden zuoberst das Geld. Ihre Aussage ist schlüssig: «Warum sollten wir ihm das Geld, das wir irrtümlich wiedererhalten hatten, bringen und ihm dann einen Becher stehlen?» Sie fühlen sich sehr sicher und wiederum keiner Schuld bewusst. Deshalb fordern sie, dass der, der diesen Diebstahl begangen hätte, sterben solle. Sie selbst wollten in dem Fall als Sklaven in Ägypten bleiben. Heim zum Vater hätten sie sich wohl nicht mehr zu gehen getraut.

Die systematische Durchsuchung ergab, dass Benjamin der scheinbare Übeltäter gewesen war. So kehrten sie diesmal als völlig zu Unrecht geschlagene Männer in das Haus Josefs zurück. Wieder ergreift Juda das Wort. Er ist überzeugt, dass es Gottes Wille war, den Becher im Sack des Jüngsten zu finden. Er kann sich nicht erklären, wie er dort hingekommen war. 

Aber er steht zu seinem Wort, ist schon überzeugt, dass sie nun alle als Sklaven enden werden und, dass das Lebens Benjamins nichts mehr wert ist.

Josef zeigt Milde und lehnt das Angebot ab. Nur Benjamin soll als Sklave bei ihm bleiben, die anderen sollen ungehindert zu ihrem Vater zurückkehren. 

Ähnlich wie sein eigener Vater, der erst in der Fremde zu einem verantwortungsvollen Mann heranreifte, hat auch Josef in seiner Zeit in Ägypten eine enorme Wandlung vollzogen. 

Daheim war er der naive, vielleicht auch arrogante und verwöhnte Knabe, der bei seinen Brüdern hasserfüllten Neid auslöste. Sein Leben in Ägypten, in dem ihn Gott immer wieder mit sich selbst konfrontierte, als er im Gefängnis war, alleingelassen mit der Dunkelheit und der Angst, verloren zu sein, brachte ihn aber auch zu grosser Macht und Ehre. Mit der er durchaus verantwortungsvoll umgehen kann. Josef ist am Ende dieses Wochenabschnittes zu einem gottesfürchtigen Mann herangereift.

Shabbat shalom!

© esther scheiner, israel

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