Wochenabschnitt: Wajeschew, Bereshit 37:1 – 40:23

ב“ה

25./26.Kislev 5781    11./12.Dezember 2020  – 2. Abend von Chanukka

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 15:56

Schabbatausgang in Jerusalem:                              17:16

Man könnte diesen Wochenabschnitt mit der Überschrift «Alles nur Schein» betiteln.

Wir treffen Israel mit seiner Familie in Kanaan, wo er sich, so wie sein Grossvater Abraham niedergelassen hatte. Israel könnte sich eigentlich unter seinen Feigenbaum und neben seinen Weinstock setzen, um sein Leben als Patriarch zu geniessen. Wenn da nur nicht die nächste Generation wäre, die für Spannung sorgt.

Israels Lieblingsfrau Rachel ist bereits verstorben, wie wir in der vergangenen Woche gelesen haben. Ob Lea, seine erste Frau noch lebt, erfahren wir hier nicht. Über ihren Tod lesen wir erst in drei Wochen. Offensichtlich spielt sie keine Rolle im sich nun anbahnenden nächsten Akt von Bruderneid, versuchter Tötung, Täuschung und Lügengespinsten. 

Wie so oft im tatsächlichen Leben ist ein Kind das, das von den Eltern oder von einem Elternteil bevorzugt wird. Israel liebte Josef, den zweitjüngsten seiner zwölf Söhne ganz besonders. So sehr, dass er ihm, für damalige Zeiten selten, einen Umhang aus gestreiftem Stoff schenkte. (In der heutigen Literatur wird er oft als mehrfarbig beschrieben.) 

In seinen Brüdern gärte der Neid. Neid darauf, dass der Vater ihn mehr liebte als sie. Neid darauf, dass er noch so jung war. Oder darauf, dass er, wie wir später erfahren, ein sehr gut aussehender, charmanter junger Mann war? Vielleicht auch darauf, dass er einen so schönen Umhang hatte, während sie sich mit ihren einfachen Kleidern begnügen müssten. Bestimmt auch auf seine Fähigkeit, Träume deuten zu können. Träume sind unverstellt und geben viel von der Person des Träumers bekannt. Sie nennen ihn auch «בַּעַל הַחֲלֹמוֹת» (37:19) Herr der Träume. 

Josef war entweder grenzenlos naiv, oder er ist sich seiner besonderen Stellung bewusst gewesen. Warum sonst hätte er ihnen zwei Träume erzählen und sich damit verletzbar machen sollen? In den Träumen gibt er sein Innerstes preis, stellt sich quasi über sie. Er träumt sich selber als unbeugsame Getreidegarbe zwischen elf sich vor ihm verbeugenden

Garben. Und, um es noch schlimmer zu machen, träumte er, dass sich Sonne und Mond (seine Eltern Rachel und Israel), sowie elf Sterne (seine Brüder) vor ihm verneigten. Das konnte nicht ohne Folgen bleiben. Träume kommen tief aus dem Unbewussten und frei von den Einschränkungen, die tagsüber unser Tun beherrschen. In den Träumen findet das Wunschdenken oft seine Erfüllung. Josef träumt, wie wir später erfahren werden, hier von seiner Zukunft. 

Doch bis es so weit ist, ist Josef noch einigen Gefahren ausgesetzt. 

Scheinbar spielt Israel dem Schicksal in die Hände, als er Josef zu den Brüdern schickt. Diese entdecken ihn frühzeitig und fassen einen mörderischen Plan, dem sich Reuven, der erste Sohn Leas und damit der älteste der Brüder widersetzt. Man solle ihn doch einfach in einen Brunnen werfen, seinen geliebten Umhang mit dem Blut eines Tieres tränken und dem Vater gegenüber behaupten, ein wildes Tier habe ihn zerfleischt. Wenn sie den Umhang quasi als Beweis für Josefs Tod zerfetzt und blutig dem Vater brächten, dann würde sich die Liebe des Vaters wieder ihnen zuwenden. 

Hier mischt sich Gott, der andere Pläne mit Josef hat, in das Geschehen ein. Nachdem sich ein weiterer Bruder, Jehuda, gegen den Mord ausgesprochen hatte, 

verkaufen sie Josef kurzerhand an eine vorbeiziehende Karawane, die ihn in Ägypten auf dem Sklavenmarkt an Potiphar, einem hohen Beamten am Hof des Pharos, verkauft. 

Nachdem die Brüder mit dem blutbefleckten Umhang zu ihrem Vater zurückgekehrt sind, zerreisst sich dieser, wie zuvor schon Reuven, seine Kleider zum Zeichen der Trauer. Die äussere Hülle, der Umhang ist zerstört. Er hat keine Bedeutung mehr. Aber der scheinbar tote Josef, der geliebte Mensch, bleibt in der Erinnerung. Für Israel versinkt die Welt in tiefer Trauer um seinen geliebten Sohn. Sein Leben verliert seinen Sinn.

Josefs Schicksal in Ägypten scheint sich zum Guten zu wandeln. Ihm gelingt alles, was er tut. Schnell kann er sich das Vertrauen Potiphars erarbeiten. Schon bald steigt er, gestützt durch die Gunst Gottes zum Verwalter dieses einflussreichen Mannes auf. Es gelingt ihm, den Besitz Potiphars zu vermehren, sodass dieser ihm schliesslich völlig freie Hand gibt. 

Doch die Versuchung nähert sich in Person von dessen Gattin. Sie bedrängt ihn, mit ihr ein Verhältnis anzufangen. Josef bleibt stark, auch dann, als sie sich einer gewaltsamen List bedient und ihn so energisch an seiner Kleidung festhielt, dass er unbekleidet davonlaufen musste. Nun hatte sie den «Beweis» in der Hand, um Josef bei Potiphar und seinem gesamten Hausstand anzuschwärzen. Potiphar glaubt seiner Frau, ohne Josef zu befragen. Er glaubt seiner Frau, weil er ihr glauben will. Und auch, weil er nun in Josef auf einmal nicht mehr den hochgeachteten Mitarbeiter sieht, sondern nur mehr den Sklaven. Er fällt dem Schein anheim, reduziert Josef auf das, was er in ihm sehen will.

Josef wird ins Gefängnis geworfen. 

Doch wieder wendet sich sein Schicksal zum Guten. Gott beeinflusst den Aufseher, ihm zu trauen. Bald hatte er erneut einen wichtigen Posten und wurde zu dessen rechter Hand. Als der Mundschenk und der Bäcker des Pharaos sich gegen ihren Herrn versündigten, wurden auch sie eingekerkert und der Betreuung durch Josef unterstellt.

Beide Gefangenen haben während ihrer Haftzeit Träume, die Josef, nach dem Hinweis, dass das Traumdeuten die Sache Gottes sei, ihnen deutete. Er erkennt sich in dieser Situation als der, der Gottes Auftrag ausführen darf, und nimmt die Aufgabe, ohne zu zögern an. Ohne Rücksicht darauf zu nehmen, welche Folgen dies für ihn und die zwei Gefangenen haben wird. 

Dem Mundschenk deutet er, dass er bald wieder in seine Position eingesetzt werden wird. Er bittet ihn, Pharao von seiner Deutung zu berichten und hofft, so ebenfalls das Gefängnis verlassen zu können.

Dem Bäcker hingegen muss er mitteilen, dass er für seine Taten gehängt werden wird. 

Und so geschah es. Drei Tage später liess der Pharao beide vorladen und urteilte so, wie Josef es gedeutet hatte. 

Der Mundschenk aber vergass, sich für Josef zu verwenden. Josef muss im Gefängnis bleiben.

Wir lesen noch einen zweiten, unvermuteten Erzählstrang, die Geschichte von Jehuda. Es gibt keinen Hinweis im Text, aber vielleicht verübeln die Brüder es ihm, dass Josef «nur» verkauft wurde. Vielleicht hätten sie ja den üblen Scherz mit ihrem Bruder auch beendet, wenn Jehuda nur energisch genug darauf gedrungen hätte, ihn heimzubringen. Aber, das ist nicht geschehen und Jehuda hat seine Familie verlassen. Jehuda ist noch nicht gewillt, Verantwortung für sein infames Handeln zu übernehmen. Er muss erst reifen an seiner Geschichte, um seiner für ihn von Gott vorgesehenen Stellung gerecht werden zu können. Zunächst macht er alle Fehler, die man nur machen kann. Menschen sind für ihn nichts als Objekte. Sein Bruder Josef, seine Schwiegertochter Tamar und letztlich auch seine Söhne. Er reduziert sie auf das, was er sieht, ohne sich die Mühe zu machen, ihr wahres Ich kennenzulernen. 

Er heiratet und zeugt drei Söhne, Er, Onan und Shela. Seinen Erstgeborenen verheiratet er mit Tamar. Dieser verstirbt jedoch, ohne Kinder zu hinterlassen. Daher fordert Jehuda, dass Onan seine Schwägerin heiratet und mit ihr Kinder zeugt, um die Erbfolge für Er zu erhalten. Eine damals absolut akzeptierte Vorgangsweise. Onan aber ist ungehorsam und «liess seinen Samen zur Erde fallen und dort verderben». (37:9) Dafür bestraft ihn Gott mit dem Tod. Nun müsste der jüngste Sohn, Shela, mit Tamar verheiratet werden. Er ist aber noch zu jung und bis zu seiner Volljährigkeit muss Tamar als Witwe leben. Tatsächlich fürchtet Jehuda, auch den dritten seiner Söhne zu verlieren und schickt Tamar zurück ins Haus ihres Vaters. Jehudas Ehefrau stirbt und er zieht nach Süden. 

Tamar wendet eine List an, um nun Jehuda für sich gewinnen. Immerhin hatte sie gesehen, dass der ihr versprochene Shela erwachsen geworden war und Jehuda sich nicht an sein Versprechen, ihn ihr zum Ehemann zu geben, gehalten hatte. Als Dirne verkleidet wartet sie auf ihn. Die List gelingt, sie wird von ihm schwanger. Sie verlangt als Pfand für die Bezahlung sein Rollsiegel und seinen Stab. Eindeutige Identifikationsmöglichkeiten, so wie heute eine Identitätskarte. Als er seine Pfandstücke auslösen will, ist Tamar, die angebliche Dirne, unauffindbar. Sie hatte lange schon die Scharade aufgegeben und lebte wieder als Witwe.

Monate später erfährt Jehuda, dass sie schwanger ist. Er verlangt nun, dass seine, mittlerweile als seine Schwiegertochter identifizierte Frau, die den Ruf der Familie geschändet hat, getötet wird. 

Er verurteilt sie, statt sie anzuhören. Auch er fällt auf den äusseren Schein herein und begeht grosses Unrecht an ihr. Doch Tamar kann mit den Pfandstücken kurz vor ihrer Hinrichtung ihre Unschuld beweisen. Jehuda muss das anerkennen, verstösst sie aber aus seinem Umfeld. Interessant ist hier (38:26), dass die hebräische Version

וַיַּכֵּר יְהוּדָה, וַיֹּאמֶר צָדְקָה מִמֶּנִּי, כִּי-עַל-כֵּן לֹא-נְתַתִּיהָ, לְשֵׁלָה בְנִי

in der Regel übersetzt wird «sie ist gerechter als ich, weil ich sie nicht meinem Sohn Shelah gegeben habe.»

Onkelos übersetzte die Thora ins Aramäische und interpretierte den Vers in einer verständlicheren Sprache «Sie ist im Recht, sie ist von mir schwanger.» und wird damit seinem Ruf, die Thora auf der «einfachen Ebene» zu lesen und zu verstehen, gerecht. 

Tamar schenkt Zwillingen das Leben, die sie Perez und Search nannte. Mit dem Ende des Wochenabschnitts beginnt die Wandlung des Jehuda vom charakterschwachen jungen Mann zu einem reifen Erwachsenen, der in der Lage sein wird, die ihm von Gott vorgesehene Position einzunehmen.

Shabbat Shalom

© esther scheiner, israel

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