Wochenabschnitt: Wajigash, Bereshit 44:18 – 47:27

ב“ח

11./12. Tevet 5781    25./26.Dezember 2020  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 16:02

Schabbatausgang in Jerusalem:                              17:22

Nachdem der scheinbare Diebstahl eines Bechers durch Benjamin «aufgedeckt» wurde, kehren die Brüder beschämt zu Josef zurück. 

«Wajigasch», das Wort, mit dem dieser Wochenabschnitt beginnt, heisst: «Er trat näher» Juda trat an seinen Bruder Josef heran, den er immer noch als ägyptischen Vizekönig und damit als dem Pharao nahezu gleichgestellt wahrnimmt. 

Dieses Mal erzählt er die Geschichte seiner Familie ungeschminkt. Er erzählt von Josef, dem verlorenen Sohn und von Benjamin, der nun, da Josef tot zu sein scheint, der neue Liebling des Vaters ist. Der Widerstand des Vaters, ihnen Benjamin anzuvertrauen, sei gross gewesen. Immerhin sei ihm dieser Sohn erst im hohen Alter geboren worden. Seine Mutter sei bei der Geburt gestorben. Wenn sie nun ohne ihn nach Hause zurückkehren müssten, würde das den sicheren Tod des hochbetagten Vaters bedeuten. Er flehte Josef an, den Knaben frei zu lassen und stattdessen ihn als Sklaven zu behalten.

Hier wird das ganze Familiendrama, wenn auch teils unausgesprochen, erkennbar. Dramen, die sich bereits seit Generationen Schicht auf Schicht angehäuft haben. Dramen um Neid, Hass, Eifersucht, Gewalt, Intrigen und verdrängte Konflikte. Im Flehen, dem Vater doch diese letzte Pein zu ersparen, liegt das, was Juda in dem Moment wichtig ist. Lieber selber sterben zu wollen, als nochmals eine so grosse Liebe, wie die, die Israel für seine beiden Jüngsten und für ihre Mutter Rachel empfunden hat und immer noch empfindet, zu zerstören. 

Das ist der Augenblick, in dem Josef überwältigt wird. Er ist bereit, sich seinen Brüdern zu erkennen zu geben. Um in diesem sehr privaten, nahezu intimen Moment sich selbst zu schützen, aber auch seine Familie nicht fremden Augen preiszugeben, schickt er alle Fremden aus dem Raum. Er muss keine besondere Rolle als meistgeliebter Sohn mehr einnehmen, er darf endlich nur mehr eines sein: Ein Bruder! Juda hat den «Türöffner» gefunden. Er hat intuitiv die richtigen Worte gewählt, um das Herz Josefs zu erreichen. 

Ist das eine Versöhnung, die wir hier erleben? Ist es eine Ent-schuldigung von der Schuld, die die Brüder an Josef begangen haben? Diese ist nicht zu ent-schuldigen, die Spuren der Angst, der Unsicherheit, die Spuren der Hoffnungslosigkeit haben sich zu tief in Josefs Seele eingegraben. Eine Versöhnung ist es nicht. Aber dadurch, dass Juda das wohlgehütete Familiendrama nun endlich einmal verbalisiert hat, kann die Beziehung der Brüder auf eine neue Ebene gebracht werden. 

Gleiches haben wir vor wenigen Wochen erlebt, dass Israel, damals noch Jakov, nahezu angstzitternd auf seinen Bruder Esau traf, dem er so übel mitgespielt hatte. Auch hier waren es die richtigen Worte, die das Eis schmelzen liessen.

Josef nimmt ihnen ihre Angst. Statt sie zu beschuldigen, oder gar zu strafen, deutet er ihnen seinen Aufenthalt in Ägypten, den sie durch seinen Verkauf an die Händler provoziert hatten, als göttlichen Entschluss. Und er geht noch weiter. Gottes Plan sei gewesen, ihn quasi als Wegbereiter für sie handeln zu lassen. Er hätte mit allem, was er tat, ohne es zu wissen, die Basis zum Erhalt ihres Lebens gelegt.

Sie sollten heimkehren, dem Vater berichten und mit allem, was zu ihnen gehörte, zurückkehren. Als Siedlungsgebiet teilte er ihnen Goschen, eine Region zwischen dem Nildelta und dem heutigen Suezkanal zu. Während der weiteren Hungersnot würde er selber seine schützende Hand über sie halten.

Das Eis zwischen den Brüdern war gebrochen. Auch Pharao war mit dem Zuzug der Familie Josefs einverstanden. 

Mehr als das, er stellt ihnen Wagen und Lastentiere zur Verfügung und verspricht, sie mit dem Besten zu versorgen, was Ägypten zu bieten hat. Reich beschenkt und mit dem Rat, unterwegs nicht zu streiten, zogen die Brüder nach Kana’an zu ihrem Vater. Warum gibt Josef seinen Brüdern den Rat, nicht zu streiten? Er fürchtet wohl, dass alte Verhaltensmuster durchbrechen, wenn sie realisieren, dass er Benjamin weitaus mehr Geschenke gemacht hat als ihnen. 

Israel wollte und konnte zunächst nicht glauben, was er hörte. Sein Herz war noch zu sehr in Trauer und Sorge gefangen. Erst als er sah, wie reich beschenkt sie zurückgekommen waren, konnte er glauben. Und er beschloss sofort aufzubrechen, um vor seinem Tod noch einmal seinen jüngsten Sohn zu sehen.

Es ist eine grosse Familie, die sich auf den Weg macht. Insgesamt werden sich siebzig Personen aus dem Haus Israel in Ägypten aufhalten. Interessant ist es, dass hier auch Dina, die Tochter Leas erwähnt wird. Offensichtlich hat sie die ganze Zeit über bei ihrer Familie gelebt, (Ber. 46:15) ohne einer Erwähnung würdig gewesen zu sein. Nicht mitgezählt werden in dieser Auflistung die Ehefrauen der zwölf Söhne Israels.

Ganz der alte Patriarch lässt Israel seinen Sohn zu sich nach Goschen beordern. Er stellt damit die alte Familienhierarchie wieder her, macht dem Sohn klar, dass er immer noch der Clanchef ist. 

Als Josef seinen Vater wiedersieht, reagiert er genauso wie ein verlassenes Kind reagiert, das jetzt bei seinem Vater Schutz und Trost finden kann: Er fällt ihm um den Hals und weint. Mehr erfahren wir nicht über das Treffen. Haben die beiden sich ausgesprochen? Hat sich Josef mit seinem Übervater versöhnen können? Ob und wie die Vater-Sohn Geschichte ihren Ausgang findet, erfahren wir nicht. 

Israel trifft mit Pharao zusammen und begrüsst ihn mit einem Segensspruch. Auf die Frage nach seinem Alter gibt er eine befremdliche Antwort: «Die Zahl der Jahre meiner Pilgerschaft beträgt hundertdreißig. Gering an Zahl und unglücklich waren meine Lebensjahre und sie reichen nicht heran an die Lebensjahre meiner Väter in den Tagen ihrer Pilgerschaft.»Was will Israel damit sagen? Beklagt er sein Los, das ihm nur unglückliche Tage gebracht hat? Aber so, wie wir die Geschichte miterlebt haben, stimmt das doch nicht. Er hatte harte Jahre, ja, zugegeben, aber waren es wirklich nur unglückliche Jahre?

Auch die nachfolgenden Abschnitte scheinen zunächst befremdlich. Josef versorgt den ganzen Clan mit so viel Getreide, dass alle mehr als genug zum Essen haben. 

Dann aber zog er alle Geldmittel, die im Umlauf waren, von den Bürgern Ägyptens ein und lagerte sie im Palast von Pharao. Somit war des ihnen unmöglich, ihren Bedarf an Getreide auf regulärem Weg zu decken.

Die aufgebrachten Bürger wies er an, ihren gesamten Viehbestand zu bringen und ihnen dafür quasi als Tauschgeschäft Getreide zu verkaufen. Nach einem Jahr hatten die Menschen weder Geld noch Vieh, das sie eintauschen konnten. Sie boten ihm ihre Ländereien an, um an Getreide zu kommen. «Wir und unser Ackerland wollen dem Pharao dienstbar sein. Stell Saatgut zur Verfügung, so werden wir am Leben bleiben, wir müssen dann nicht sterben und das Ackerland braucht nicht zu verkommen.» 

Pharao war nun im Besitz allen Geldes, aller Felder und Ländereien. Das gesamte Volk war zu Leibeigenen des Herrschers geworden. Ausgenommen davon war nur die reiche und unabhängige Priesterkaste.

Für das Volk stellte er Saatgut zur Verfügung mit der Auflage, 1/5  des Ertrages an die Kasse von Pharao abzuliefern und 4/5 selber zu behalten. Davon konnten sie neues Saatgut kaufen und ihre Familien ernähren. Sie waren es zufrieden, weiterhin als Leibeigene des Herrschers zu leben. 

Shabbat Shalom!

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