Wochenabschnitt: Bo, Shmot 10:1 -13:16, 2. Buch,

ב“ה

9./10. Schwat 5781    22./23. Januar 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 16:24

Schabbatausgang in Jerusalem:                              17:44

Im letzten Wochenabschnitt haben wir erlebt, wie Gott Pharao, dem er das Herz verschlossen hatte, mit sieben Plagen überzog, eine schlimmer als die andere. Und immer wieder zieht der, kurz nachdem die Plage vorbei ist, seine Zusage, die Kinder Israel ziehen zu lassen, zurück. 

Hier beginnt die eigentliche Geschichte des Volkes der Kinder Israel. Dies ist auch der Beginn des jüdischen Jahreskalenders. «Dieser Monat soll für euch der Anfang der Monate sein, er soll der erste in eurem Jahr sein.» (Ex 12:2)

Aber Gott ist auch nicht zufrieden mit den Kindern Israel. Er erkennt, dass auch sie noch nicht so sehr unter ihrem Sklaventum leiden, dass sie einsichtig wären und seine Bemühungen irgendwie unterstützten. Sie haben sich irgendwie eingerichtet in ihrem Leben. Aber Pharao ist ihrer überdrüssig. Er will sie loswerden. 

Gott muss ihnen den Weg dazu bereiten. Aber Gott will, dass sie ihn endlich als ihren einzigen Gott anerkennen. Stattdessen klagen sie weiter und beschweren sich, dass Moses scheinbar nichts für sie erreicht. Nun ist aus dem Jammern und Wehklagen ein lautes Schreien geworden. Trotzdem werden sie von sich aus nicht aktiv.

Bo, der Name des Wochenabschnitts heisst: «Komm!» Gott fordert Moses und seinen Bruder Aaron nicht auf «Gehe zu Pharao!», sondern «Komme zu Pharao!» Wir wissen, dass Gott den beiden versprochen hat, er werde bei ihnen sei. So gesehen kann die mehrfache Aufforderung «Komme zu Pharao!» nur bedeuten «Komme zu Pharao, denn ich bin schon dort und warte auf dich!» So wird auch klar, dass Gott selber es ist, der Pharao als Werkzeug für seine Zwecke einsetzt. 

Die bisherigen sieben Plagen, über die wir in der letzten Woche gelesen haben, waren vergleichsweise harmlos zu denen, die nun noch auf Pharao und Ägypten zukamen. Heuschrecken lassen nichts, aber auch gar nichts übrig, wenn sie erst einmal in ein Gebiet eingefallen sind. Was der Hagel verschont hatte, fiel nun den gefrässigen Insekten zum Opfer.

Moses streckte auf Gottes Geheiss wiederum seine Hand aus und sofort breitete sich überall, ausser im Siedlungsgebiet der Kinder Israel, absolute Finsternis aus. Drei Tage blieb es stockfinster. 

Die Sonne selber war der Sonnengott Re und galt den Ägyptern als Erschaffer und Erhalter der Welt. Ohne den Sonnengott war kein Leben möglich. Das blutige Wasser des Nils war ein Angriff auf den Fruchtbarkeitsgott der Ägypter, auf den Krokodilgott gewesen. Drei Tage ohne Sonnengott muss auf die Ägypter wie ein Angriff auf ihr Leben gewirkt haben. Und es muss wirklich so dunkel gewesen sein, dass keinerlei Bewegung mehr möglich war. 

In Ex 10:22 heisst es חֹשֶׁךְ-אֲפֵלָה   sinngemäss mit «absolute Finsternis» übersetzt. Dieser dreitägige Zustand muss als lebensbedrohlich empfunden worden sein. Im Jüdischen Museum von Berlin steht der «Holocaust-Turm», ein in sich geschlossener nackter Raum ohne Beleuchtung. Sobald es draussen dunkel ist, befindet man sich dort auch in absoluter Dunkelheit, in der absoluten Finsternis. Nach kurzer Zeit setzt ein Gefühl von Beklemmung, Angst und Bedrohung ein. Es gibt keine Möglichkeit mehr, sich zu orientieren. Ich musste mich langsam Richtung Türe entlang der Wand vortasten, um den Raum wieder verlassen zu können. 

Die weltliche Allmacht Pharaos ist kurz davor, sich aufzulösen. Er bietet an, die Menschen ziehen zu lassen, nicht aber ihr Vieh. 

Moses erklärt, dass dies unmöglich ist, denn sie werden erst vor Ort erfahren, welche Tiere als Brandopfer von Gott gefordert werden. Pharao ist wütend, dass es ihm nicht gelingt, bei Moses seinen Willen durchzusetzen und jagt ihn fort. Sollte er ihn noch einmal sehen, so drohte er, würde er ihn töten. 

Doch das Ende der Sklavenzeit kommt immer näher. Gott kündigt noch eine letzte Plage an. Danach würde Pharao die Kinder Israel nicht nur ziehen lassen, sondern sogar fortjagen. In der Tora finden wir an dieser Stelle eine interessante Aussage

אַחֲרֵי-כֵן, יְשַׁלַּח אֶתְכֶם מִזֶּה:  כְּשַׁלְּחוֹ—כָּלָה

«Danach wird er euch fortschicken, wie eine Braut, die man fortjagt»(Ex 11:1). Die Trennung zwischen den Kindern Israel und dem ägyptischen Despoten wird so sein, wie die Trennung von einer ungeliebten Braut oder Ehefrau. Keine Gedanken wird Pharao mehr daran verschwenden, dass es die Vorfahren der jetzigen Kinder Israel sind, die vor vielen Jahren bei seinen Vorfahren freudige Aufnahme erfahren hatten. Dass Josef seinerzeit das ägyptische Volk vor den Folgen der Hungersnot bewahrt hatte. Dass ein Teil des Reichtums und der Macht, die er nun geniesst, auf ihren Einsatz zurückzuführen ist. Zu tief ist er verletzt, so wie ein Partner, der verlassen wird.

Sodann erklärte Gott, wie er die Plage über Ägypten kommen lassen würde. Um Mitternacht werde er selbst durch ganz Ägypten ziehen und jeder Erstgeborene, gleich aus welcher Familie, ob Mensch oder Tier, werde sterben. Die Kinder Israels aber würden verschont bleiben. 

Nun endlich war Pharao so weit, dass er die Kinder Israel nicht nur ziehen liess, sondern sie verjagte. Die Kinder Israel waren nun ebenfalls bereit, sich fluchtartig auf den Weg zu machen. Und auch die zweite Prophezeiung erfüllte sich, die Ägypter gaben ihnen, wie verlangt, Gold und Silber mit auf den Weg. Ganz freiwillig wird es nicht gewesen sein, denn es steht zu lesen: «Sie plünderten sie aus» (Ex 12:6).

So verliessen die Kinder Israel das Land ihrer Versklavung.

600.000 Menschen sollen es gewesen sein, die sich, 430 Jahre nachdem Israel mit seiner Familie und 70 Personen angekommen waren, nun auf den Weg machten. Dazu eine grosse Menge an Viehzeug. Die Zahl erscheint unglaublich gross, die logistische Herausforderung, diese Menschenmengen für 40 Jahre zu führen ist nicht erfüllbar. Aber es ist nicht wichtig, die genaue Zahl zu benennen. Wichtig ist, zu zeigen, dass sich die Kinder Israel von einem kleinen, bescheidenen Stamm tatsächlich zu dem grossen Volk entwickelt hat, wie Gott es den frühen Vorvätern versprochen hatte. 

Es ist Zeit, die Trennung zu beenden. Die Kinder Israel haben sich aus den Fesseln der Sklaverei befreien können, oder besser, sie wurden aus ihnen befreit. Es ist Zeit zu gehen, ohne sich umzudrehen. 

Und tief im Herzen ein Stück Dankbarkeit mitzunehmen. Ohne die Aufnahme bei den Ägyptern, die so dramatisch mit der Verschleppung Josefs begann, hätten auch sie die Hungerjahre nicht überlebt. 

Bis Israel, dann schon ein ebenbürtiger Staat, mit Ägypten eine neue  Beziehung eingehen wird können, wird es viele, viele Jahre dauern. 

Shabbat Shalom

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