Ein gutes Glas Wein ist geeignet, den Verstand zu erwecken

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Dieses Zitat wird Altkanzler Dr. Konrad Adenauer zugeschrieben. Welcher Wein es war, den unser erster PM, David Ben-Gurion mit dem Besuch aus Bonn im Jahr 1966 trank, ist nicht überliefert. Der «Alte aus Rhöndorf»und der Visionär in der Wüste hatten beide einen hellen Verstand, mit oder ohne Wein. Sie waren, ebenso wie später Golda Meir, Shimon Peres und Franz-Josef Strauss, Wegbereiter der neuen israelisch-deutschen Beziehung. Wein wurde bei all diesen historischen Treffen getrunken. Vielleicht war es sogar manchmal Wein aus Zichron Ya’acov, vielleicht auch aus meiner Heimatstadt Wittlich. Auf diesem Bild ist es ein Carmel Wein.

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Ben Gurion und Adenauer in Sde Boker am 9. Mai 1966

Wein und Deutschland, na gut, das muss gar nicht hinterfragt werden. Deutschland ist ein Weinland. Auf 102.000 Hektar Rebland in 13 Weinanbaugebieten werden jährlich etwa 10 Millionen Hektoliter Wein produziert. Bis zu 98% davon sind Qualitätsweine.

Wein braucht ganz bestimmte Voraussetzungen, um die Trauben optimal reifen zu lassen. Auf der nördlichen Halbkugel zwischen dem 30. und 51. Grad, sowie dem 30. bis 40. südlicher Breite. Dass die Klimaänderung auch den Weinanbau beeinflusst, zeigt ein kleines Gebiet auf der schwedischen Insel Gotland. Hier auf dem 57. Breitengrad baut seit 1995 ein ehemaliger Verleger erfolgreich Wein an. Einige Tausend Liter Rot- und Weisswein produziert das Weingut. Technisch seit 2001 durch ein Unternehmen aus Wittlich, Clemens Weinbautechnik, unterstützt. Lauri Pappinen wartete vier Jahre, liess den Rebstöcken Zeit, sich im Boden fest zu verankern und sich an das Klima zu gewöhnen, bis er die ersten Trauben las. Im Süden Schwedens haben sich mittlerweile weitere Weingüter etabliert, die pro Jahr etwa 18.000 Liter produzieren.

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Lauri Pappinen

Lauri Pappinen weiss es nicht, aber damit, dass er die Rebstöcke in Ruhe reifen liess, hat er eine der unabdinglichen Voraussetzungen erfüllt, wenn es darum geht, koscheren Wein zu produzieren.

Die in Israel nicht koscher ausgebauten Weine decken einen verschwindend geringen Marktanteil ab, einerseits weil kaum Bedarf da ist, aber auch, weil alle Lebens- und Genussmittel die in den gewerblichen Verkauf kommen, koscher sein müssen. Klar, es gibt auch Geschäfte, auch Weinbauern, die kein Koscher Zertifikat haben.

Koscherer Wein kann grundsätzlich aus allen Rebsorten gekeltert werden. Auch sind alle Geschmacksrichtungen von trocken, über halbsüss bis zum süssen Dessertwein möglich. In den späten 70er Jahren, bei meinem ersten Besuch in Israel gab es nur zwei Varianten: knacksüssen Rotwein oder essigsauren Weisswein. Nachdem aber Wein sowieso nur zu den Feiertagen und am Schabbat getrunken wurde, war das nicht weiter schlimm.

Alle Geräte im Zusammenhang mit der Weinproduktion, also Tanks, Fässer und Silos und Flaschen von der Lese bis zum Abfüllen müssen unter Aufsicht eines Rabbiners geprüft werden. Die Flaschen dürfen nur einmal verwendet werden. Mischkulturen auf den Feldern sind verboten. Alle sieben Jahre, im sogenannten Schmitta Jahr (das nächste beginnt im September 2021) soll der Boden ruhen und sich erholen dürfen. Das bedeutet, dass die Weinstöcke nicht geschnitten, gebunden und gedüngt werden und am Stock gewachsene Trauben nicht geerntet werden dürfen. Diese halachische Vorschrift gilt für die gesamte Landwirtschaft in Israel.

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Mordechai, der „Koscher Supervisor“ der Carmel Winery

Zur Beschleunigung des Reifeprozesses dürfen keine Enzyme oder Bakterien zugefügt werden, nur die auf den Traubenschalen lebenden Bakterien setzen den Gärungsprozess in Gang. Geklärt werden darf nur mit Bentonit. Fischgelatine, Hausenblasen oder Eiweiss darf nicht verwendet werden. Alles in allem ist der Keltervorgang wesentlich aufwendiger, als bei nicht koscheren Weinen. Dass ein «Koscher Supervisor», der Maschgiach, den Prozess stets begleitet, ist klar, wenn man die strikten Regelungen der Halacha anerkennt. Dass aber auch das Öffnen und Ausschenken von Wein nur jüdischen, männlichen Kellern zugestanden wird, sorgt in Restaurants und bei Banketten oft für eine schwierige Mitarbeiterplanung.

Archäologische Funde beweisen, dass zu biblischen Zeiten der Weinanbau in Israel durchaus florierte. Zwischen 3300 und 1750 BCE fand ein reger Handel mit Wein zwischen Kreta und dem damaligen Gebiet von Kanaan statt. Mit dem Aufkommen des Islams fand er sein vorläufiges Ende.

Carmel Winery istder grösste Weinproduzent in Israel. Gegründet wurde das Qualitätsunternehmen im Jahr 1882 von Edmund Baron de Rothschild in Zichron Ya’acov. Die Geschichte geht also zurück in die Zeit der Osmanen und des britischen Mandates 66 Jahre vor der Staatsgründung im Jahr 1948. Keine einzige Ernte wurde ausgelassen.

Von den Dörfern, die mit Hilfe vom Baron und seiner grosszügigen finanziellen Unterstützung gegründet wurden, waren 1882 zunächst Rishon Le Zion und später im Jahr Zammarin, das heutige Zichron Ya’acov. Die ersten Siedler kamen aus Rumänien und hatten kein Glück. Die Ebene im Tal zwischen dem Carmel Gebirge und dem Meer war sumpfig und moskitoverseucht. Die meisten Kinder, aber auch zahlreiche Erwachsene fielen der Malaria zum Opfer. Um die Ebene zu entwässern und damit die Moskitopopulationen weitgehend zu eliminieren, liess Baron de Rothschild Eukalyptusbäume importieren und pflanzen. Nach wie vor gehört Zichron Ya’acov zu einem der Orte, die in jedem Sommer von Schwärmen von Stechmücken heimgesucht werden. Es sind keine Moskitoschwärme mehr, sondern Stechmücken, die in den Fischteichen rund um den Kibbutz Micha’el heimisch sind.

Baron de Rothschild, ein Unterstützer des zionistischen Projektes in Palästina und Eigentümer des weltberühmten Château Lafite in Bordeaux, liess im Jahr 1882 das Klima und die Bodenbeschaffenheit in Israel im Hinblick auf möglichen Weinanbau untersuchen. Seine Önologen erkannten die klimatischen Ähnlichkeiten zwischen Bordeaux und einigen Regionen Israels. Nachdem auch die Böden für den Weinanbau gut geeignet schienen, übergab er im Jahr 1889 insgesamt 25.000 ha Agrarland mit den darauf befindlichen Siedlungen an die Jewish Colonization Association und liess die ersten Weingärten anlegen. Im Jahr 1924 gründete er die Palestine Jewish Colonization Association. In deren Namen erwarb er insgesamt 50.000 Km2 und gründete dort nach und nach weitere, oft nach seinen Familienangehörigen benannten Siedlungen.

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Die erste Weinhandlung in Rishon le Zion

Nachdem die ersten Weingärten bereits um 1882 angelegt worden waren, erfolgte die Eröffnung des ersten Weingutes in Rishon le Zion. Die erste Ernte fand im Jahr 1890 statt. Im darauffolgenden Jahr wurde der zweite Standort in Zammarin eröffnet. Dort fand die erste Weinlese im Jahr 1892 statt. Dies war die Geburtsstunde des gewerblichen Weinanbaus in unserem Städtchen.

Doch nicht nur die Weinbauern, auch alle anderen Einwohner konnten von diesem neuen und für damalige Zeiten bereits sehr modernen Betrieb profitieren. Er verfügte über einem eigenen Brunnen, dessen Wasser zusätzlich eine grosse Mühle betrieb, in der Mehl produziert wurde. Das Wasser wurde vom Brunnen mit einer ausgetüftelten dampfbetriebenen Pumpe in die Produktionsstätten geleitet. Schon nach der ersten Lese sorgte eine Eismaschine dafür, dass der Traubensaft während der Fermentierungsphase gekühlt wurde. Ab der zweiten Lesezeit sorgte ein Leistungssystem dafür, dass auch die grossen Holzfässer in den insgesamt sechs Kellern in einem der Weinproduktion angemessenen Raumklima standen. In der Folge wurde das nicht benötigte Wasser in einen zentral im Ort stehenden Brunnen gepumpt, sodass auch dort den Einwohnern immer frisches Wasser zur Verfügung stand.

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Der Benjamin Brunnen in Zichron Ya’acov

Heute steht die Fassade als nationales Landschaftsdenkmal auf der Hauptstrasse von Zichron Ya’acov. Noch vorhandene Teile des Aquäduktes belegen, dass diese 1891 gebaute Anlage die erste ihrer Art war. Die erste mittels Dampfenergie betrieben Bewässerungsanlage Israels.

Doch das war noch nicht alles, neue Technologien fanden schnell Einlass. Das erste dokumentierte Telefon erleichterte die Kommunikation zwischen den Verwaltungs- und Produktionsräumen. Ein Stromgenerator elektrifizierte die Produktionsräume und Keller. Unmittelbar neben der Wasserpumpe und dem Wasserspeicher, sorgte er während der gesamten Produktionszeit für eine angenehme, helle Arbeitsumgebung.

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Edmond Baron de Rothschild und seine Frau Adelaide Baronesse de Rothschild in Palästina

Zwischen 1887 und 1925 besuchte Baron de Rotschild insgesamt fünfmal Palästina. Besonders verbunden blieb er während seines Lebens einer «seiner» Pionierstädte, Zichron Yaa’acov, wie er den Ort ab seinem ersten Besuch nannte. Bei seinem letzten Besuch legte er den Grundstein für die von ihm gewünschte Grabstätte auf den Ausläufern des Carmel Gebirges.

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Der Parkeingang in Zichron Ya’acov mit dem Wappenschild der Familie Rothschild

Sein Sohn James de Rothschild erfüllte den Wunsch seines 1934 verstorbenen Vaters. 1954 wurde der wunderschöne «Park HaNadiv»(Park des Wohltäters) eröffnet. In der Mitte des Parks befindet sich das Mausoleum, in dem Edmond Baron und dessen Frau Adelaide Baroness de Rotschild mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt wurden. Zuvor waren beide auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise beigesetzt.

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Die Niederlassung in New York

 

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Preisliste der Niederlassung in Wien, angeboten wurden 1/1 und 1/2 Flaschen Weiss- und Rotwein, sowie Cognac in 1/1, 1/2 und 1/4 Flaschen.

Ab dem Jahr 1896 begann «Carmel Mizrahi» mit dem Export seiner schnell bekannt gewordenen Weine. Niederlassungen gab es in Warschau, Odessa, Hamburg, New York, Berlin, Wien und London. Ein zweiter Zweig des Unternehmens «Carmel Oriental» unterhielt Handelsagenturen unter anderem in Yaffa, Jerusalem, Haifa, Beirut, Damaskus, Kairo, Alexandria und Port Said.

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Abtransport der Fässer in Yaffo

Der Zweite Weltkrieg brachte den europäischen Weinmarkt zum Straucheln. Doch es gab nach wie vor Nachfrage nach gutem Wein, sodass sich «Carmel Mizrahi»zu einer globalen Führungsmarke entwickelte.

2004 erhielt das Unternehmen seinen nun endgültigen Namen «Carmel Winery». Seit 1957 befandsich das Unternehmen im Eigentum der israelischen «Winegrowers Association», bis es im Jahr 2013 von «Kedma Capital» 

Im Jahr 2015 endete eine lange Geschichte. Die ursprüngliche Produktionsstätte in Rishon le Zion wurde geschlossen. Was nicht bedeutet, dass damit die Produktion endete. Vor die Frage gestellt, ob man die in die Jahre gekommene Infrastruktur und Technik komplett erneuern, oder ob man nicht an einen zentraleren Betriebsort übersiedeln solle, war die Antwort einfach. Mit einer Investition von 90 Millionen Schekel entstand eine hochmoderne, leistungsstarke Anlage in Tabor, inmitten eines weiteren klassischen Weingebietes.

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Der junge Mann in der Mitte des Bildes mit den aufgerollten Hosen ist der erste PM von Israel, David Ben Gurion im Jahr 1907

Die Carmel Winery nennt drei prominente Namen, die, und damit schliesst sich der Kreis wieder, in jungen Jahren dort arbeiteten. David Ben Gurion arbeitete in der Produktion, Levi Eshkol in der Buchhaltung und Ehud Olmert, der im benachbarten Binjamina aufgewachsen ist, fand dort während der Schulferien einen interessanten Ferienjob. Alle drei waren später Premier Minister von Israel.

Bilder von einst….

….. und von jetzt

© Bilder: Mit freundlicher Bewilligung von Carmel Winery http://www.carmelwines.co.il Screenshots und entnommen dem Buch „120 Harvests – Carmel Winery“

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

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