Petra – ein Fels in der antiisraelischen Brandung

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Mittwoch, 30. Juli 1997, 13 Uhr 15, Jerusalem. Petra wacht auf der „falschen“ Strassenseite gegenüber des Machane Yehuda Marktes auf.  Für den Abend hat sie Gäste aus Kanada erwartet, wollte in einer Arbeitspause schnell noch frisches Obst und Gemüse einkaufen. Und wurde beim Doppelanschlag zweier Hamas Terroristen schwer verletzt. 16 Menschen starben beim Anschlag, 168 wurden verletzt. Ihre schweren Wunden an Armen, Händen und im Gesicht sind verheilt. Dank eiserner Disziplin und guter medizinischer Betreuung konnte sie sich innerhalb von fünf langen Jahren zurückkämpfen ins Leben.

1951 war Berlin physisch noch ungeteilt. Die Bundesrepublik existierte seit dem 2. Mai 1949, die DDR ab dem 7. Oktober desselben Jahres. Bis zur endgültigen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten mit ihren umfassenden Sperranlagen war ein Überqueren der Grenze in beide Richtungen noch möglich.

Westberlin leckte noch immer seine Wunden. Der Heilungsprozess lief nur langsam an. Zuerst konnte man die Veränderungen in der Innenstadt spüren und langsam zeigte sich die zunehmende Normalisierung auch in den Aussenbezirken. In der DDR fanden im August 1951 bereits wieder die „Weltjugendfestspiele“ statt. Ernst Honecker eröffnet die Spiele und beschreibt sie als das, was sie entsprechend präsentiert sein werden: Propagandaspiele der Sowjetunion. „Es lebe der Führer und Bannerträger des Friedens in der Welt, der Lehrmeister der Jugend aller Länder, unser geliebter Josef Stalin.

Der Stadtteil Charlottenburg, seit 1920 eingemeindet, umfasst die beliebten Quartiere rund um die Ruine der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche, Kudamm, Bahnhof Zoo, Messegelände und das heute quirligen Gebiet rund um die Kantstrasse. Auch das Jüdische Leben fand im Dreieck zwischen der Fasanenstrasse, Joachimstalerstrasse und Pestalozzistrasse statt.

In dieser Stadt des Aufbruchs wurde im Jahr 1951 Petra Heldt geboren und legt dort im Jahr 1971 ihre Matura ab.  

Es war die Zeit der 68er Studentenunruhen, die über nahezu ganz Europa hinwegfegte. Ein Aufbegehren gegen das Establishment, gegen das verzopfte Relikt der Weimarer Republik. Aber auch gegen die Verharmlosung der Schuldfrage der Elterngeneration während der NS Zeit. Petra ist sich nicht sicher, ob sie von diesen Umstürzen beeinflusst wurde. „Ob ich allerdings meinen Bakunin ausserhalb dieser Zeit gelesen hätte, ich weiss es nicht.“

Auch die Kirchen begannen sich, ausgehend von Lateinamerika zögerlich neu zu orientieren.  Unter Inkaufnahme der Kritik an herrschenden Kirchenhierarchien rückte der Fokus der Befreiungstheologie die Situation der unterdrückten Bevölkerung in den Vordergrund der Exegese. Es kam zu Kirchenausschlüssen und Predigtverboten.  Nicht selten nahmen im Zuge des Umbruches Priester auch politische Ämter ein, um die Forderungen der mündig werdenden Menschen gegenüber Diktaturen und Klerus zu stärken.

UnknownOffenbar war der kritische Zeitgeist für die junge intellektuelle Frau so anregend, dass sie sich während des Studiums die Zeit nahm, die sie brauchte, um ihren Weg und ihr eigentliches Ziel zu finden.  Sie nahm sich Zeit, ihr Wissen zu erweitern. Vielleicht war nicht immer gleich nachvollziehbar, wie sie dieses in ihr Ziel einarbeiten würde. Worin besteht der praktische Nutzen, die Keilschriften der Sumerer entziffern zu können? Worin der des Aramäischen oder dessen Vorgänger, dem Akkadischen? Aramäisch war im historischen Palästina die Alltagssprache und findet sich in den Schriften des Talmud und des Midrasch, sowie in einigen heute gebräuchlichen Gebeten des Judentums.

Ihre Studien führten sie an die Universitäten von Berlin und Heidelberg (vergleichende Religionswissenschaften und Sprachen des Altertums im levantinischen Raum), Amsterdam und schliesslich an die Hebrew University in Jerusalem.

Petra sah ihren Weg nicht in einer Position als Gemeinde- oder Schulpastorin. Sie sah von Beginn der Studien an ihren Weg in der Forschung. Die Ordination zur evangelischen Pastorin stand nie zur Diskussion. Ob es daran lag, dass eine ordinierte Pastorin, die gleichzeitig auch Forscherin war, besser in das Bild der offiziellen Kirche passte, als das einer, die sich der Forschung verschrieben, und sich damit ihre Autonomie erhalten hatte? 1985 beugt sie sich und wird in Berlin ordiniert.

Bereits seit 1979 lebt Petra in Israel. Sie studiert Talmud und Midrasch mit einem der damals bedeutenden deutschsprachigen Rabbiner, Tovia Ben Chorin, und lernt durch ihn zahlreiche Alltagsschriften, wie Siddur (Gebetbuch für den Alltag) und Machsor (Gebetbuch für die jüdischen Hohen Feiertage) kennen.

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In dieser Zeit lernt sie auch ihren Ehemann, Malcom Lowe kennen.  Malcom untersuchte damals gemeinsam mit seinem Kollegen und Freund David Flusser die „synoptische Problematik“ der drei frühen Evangelien von Markus, Matthäus und Lukas. In diesem Bereich der Religions- und Bibelwissenschaft geht es darum zu erforschen, welches der drei Evangelien in welchem Ausmass als Quelle für die beiden anderen genutzt worden ist. Frühchristliche schriftliche Umformulierungen, Neuanordnungen und Änderungen in der Gewichtung lassen die dahinterliegende mündliche tradierte Geschichte nur mehr verschwommen auftauchen. Sie wieder freizulegen ist spannend und wirft ein ganz neues Bild auf das frühe Christentum.

1980 legte Petra ihre Masterarbeit an der Kirchlichen Hochschule in Berlin vor. Der Titel lautete: The Reading of “ Ani” we “Ebion” in the Writings of Qumran. Beide Begriffe tauchen mehrfach in den Fragmenten der Qumran Rollen auf und werden oft synonym in der Bedeutung von „arm“ (im Sinne von erbärmlich, nicht im materiellen Sinne) gebraucht. Die Judenchristen um 100 CE gaben sich selbst den Namen „Ebioniten“, um sich von den „Nazarenern“ abzugrenzen. Zunächst durchaus als stolze Beschreibung der Gruppe gedacht, geriet der Name immer mehr in Verruf. Der Bezug zu Jesus, der zu den Armen eine ganz besondere Beziehung hatte trat in den Hintergrund. Sie wurden von ihrem Umfeld mindestens kritisch beobachtet. Obwohl sie sich selber als Juden betrachteten, akzeptierten die Juden sie nicht. Sie sahen in Jesus den Messias und lehnten die Tieropfer, die bis zum Ende der Tempelzeit an der Tagesordnung waren, ab. Die Christen nicht jüdischen Ursprunges lehnten sie ab, weil sie gegen das Missionswerk von Paulus waren und den Sühnetod Christi nicht als solchen anerkannten. Das Abendmahl, zentraler Punkt der christlichen Theologie geriet zu einer Erinnerungsfeier an Jesu.

Im Jahr 2002 erwarb sie ihr PhD an der Hebrew University in Jerusalem nach Vorlage der Arbeit: The Reading of the Epistle of Paul to the Galatians 4, 21-31 in the Writings of the Early Church. A Study in Patristic Exegesis. Dass Petra dieses Thema gewählt hat, ist auf dem Hintergrund ihrer Masterarbeit nicht verwunderlich.  Einer ihrer Forschungsschwerpunkte war der Einfluss der Juden auf das frühe Christentum. Eine der massgeblichen Personen dieser Zeit war Paulus, der auf seinen Reisen intensiv missionierte und versuchte, die Beeinflussung durch judenchristliche Missionare in dieser Region zu revidieren. In seinen Briefen betont er, dass die christliche Erlösung nur durch das Sühneopfer Jesu erlangt werden kann und stellte sich damit gegen anderslautenden Tendenzen in der frühen christlichen Gemeinde.

Man muss Petras’ professionellen Hintergrund zumindest in einigen Punkten andenken, wenn man begreifen will, was ihre Bestrebungen heute und für die Zukunft sind.

Seit 38 Jahren lebt sie mit ihrem Mann Malcom in Jerusalem. Das ist mehr als die Hälfte ihrer bisherigen Lebenszeit. Die beiden leben nicht in Ostjerusalem, so wie es vom Mainstream erwartet würde, sondern mitten im alten Jerusalem. Arnona, 1938 gegründet ist einer der südlichen Stadtteile. 1967 verlief die Kriegsfront mitten durch das Gebiet, das daraufhin kurzfristig aufgegeben werden musste. Das heutige Arnona ist auf dem besten Weg, einer der „gefragteren“ Vororte Jerusalems zu werden, die Luft ist hier, am höchsten Punkt der Stadt einfach ein bisschen besser, der Blick bis hinunter zum Toten Meer einfach unschlagbar. Irgendwo mittendrin wird immer noch ein grosser Bauplatz freigehalten, da soll einmal die US Amerikanische Botschaft entstehen, so ist es geplant.

Die Nachbarschaft ist gemischt, Orthodoxe und Säkulare leben in den klassischen 80er Jahre Gebäuden. Niemand stört sich, wenn Petra Klavier spielt oder „so laut singt, dass die Wände wackeln“. Die Wohnung ist der charmante Rückzugsort zweier liebenswerter Wissenschaftler. Überall stehen Bücher, die Regale sind oft von zwei Seiten begehbar. Erbauliche Literatur sucht man vergebens. Malcom sucht ein bestimmtes Buch und hat es mit einem Griff gefunden. Aber die Bücher erschlagen einen nicht, im Gegenteil, sie locken und laden ein zum Stöbern, wozu leider keine Zeit bleibt.

Petra will keinen Blick auf die Vergangenheit werfen, „die ist völlig unwichtig“. Ihr Blick geht nach vorne.

Sie sieht ihre Aufgabe darin, falsche Bilder von Israel, die in den Köpfen von jungen, noch leicht manipulierbaren Menschen ver-rückt, wurden, wieder gerade zu rücken. Die alten Verzahnungen zwischen der christlichen und der jüdischen Religionskultur wieder sichtbar zu machen. Diese werden auch dadurch aufgeweicht, dass offizielle christliche Besucher Israel gar nicht oder nur noch marginal auf ihrem Besuchsprogramm finden. Diese Besuche finden heute fast ausschliesslich in Yehuda und Samaria statt. Einer der gefährlichsten Brunnenvergifter ist der arabische Pastor Mitri Raheb, der die jüdischen Wurzeln Jesu’ verleugnet. Seine Aktivitäten sind strikt anti-israelisch und anti-jüdisch. Trotzdem gelingt es ihm immer wieder, Besucher jeglicher couleur von der Richtigkeit seiner Ansichten zu überzeugen. Auch hier bedarf es der korrigierenden Betreuung, sofern die Besucher ihren Weg doch noch nach Israel machen.

Petra ist unermüdlich unterwegs, bei Vortragsreisen, Schulungen, Diskussionen und natürlich mit ihren Publikationen. Israel darf, dass ist ihr Seelenwunsch, nie zu einem islamisch geprägten Terrorstaat werden. Die letzten Entscheidungen der UNESCO, Israel jeden Zusammenhang mit dem Tempelberg in Jerusalem abzusprechen sind ein Schritt in die falsche Richtung. Ebenso die Anerkennung historischer Orte der jüdischen Geschichte als „präpalästinensisch“ oder gar „palästinensisch“.

„Antisemitismus als Antiisraelismus“, so Petras’ düstere Voraussicht „wächst derzeit krakenartig und, wie jede Generation, so muss auch diese dem antibiblischen Geist Einhalt gebieten.  Jüdische und christliche Stimmen warnen vor dem islamistischen Aufruf, Israel zu zerstören. Die Shoah ist die ultimative Verpflichtung, Leben zu schützen. Wo Kirchenleitungen versagen, müssen einzelne Christen in die Bresche springen.“

Eine Aufgabe die viel Kraft braucht. Vor allem, weil die offizielle Kirchenmeinung nicht allem zustimmen mag.

csm_78806_78824_01_58c49dfe49Freitag, 14. April 2017, 12 Uhr 45, Jerusalem. Die Juden feiern Pessach, die Christen begehen den Karfreitag. Jerusalem erwartet an diesem Wochenende mehr als 150.000 Besucher. Hannah Bladon, Austauschstudentin aus Birmingham, steht kurz vor dem Ende ihrer Zeit in Jerusalem. Sie überlässt im vollbesetzten Tram ihren Platz einer Schwangeren. Neben ihr steht ihr Mörder. Hannah überlebt den Terroranschlag nicht.

Der Anschlag auf das eigene Leben im Jahr 1997 löste in Petra kein Trauma aus. Der Anschlag vom Karfreitag jedoch hat sie zutiefst erschüttert: Hannah war ihre Studentin.

„Hannah war eine von den wenigen Studenten, zu denen ich ein ganz besonderes Verhältnis aufgebaut habe. Das, was sie am Ende ihres Lebens getan hat, indem sie den Platz mit einer schwangeren Frau getauscht hat, ja, das war sie, immer hilfsbereit. Ihr Tod trifft mich so sehr, ich kann es noch gar nicht richtig glauben.“

Und trotzdem, Petras’ Blick geht nicht nach hinten, er geht in die Zukunft. Dahin, wo sie ihre Aufgabe sieht.

 

Links:

https://de.gatestoneinstitute.org/author/Malcolm+Lowe

http://www.jweekly.com/2005/12/23/pastor-argues-for-separation-of-church-and-hate-in-israel/

http://www.berliner-zeitung.de/46jaehrige-berliner-pastorin-bei-bombenanschlag-in-jerusalem-verletzt–israel-war-ihr-lebenstraum–16286474

http://www.etrfi.org/about-us.html

http://donatus-brand.kibac.de/nachrichtenansicht?id=2546813c-2a27-49fe-ae9b-de49b338a57c&view=detail

http://www.kath.net/news/58134

http://www.kasseler-sonntagsblatt.de/index.php/aktuelles/400

http://www.jpost.com/Diaspora/German-state-head-gives-BDS-Bethlehem-hate-preacher-nearly-32000-488053

https://www.breakingisraelnews.com/86578/palestinian-terrorist-kills-british-christian-woman-jerusalem-video/#BH0uTDquEp7SO2dS.97

https://de.wikipedia.org/wiki/Befreiungstheologie

http://blog.camera.org/archives/2012/04/malcom_lowe_on_mitri_rahebs_tr_1.html

https://books.google.co.il/books?id=a_kKgpyzc8UC&pg=PA213&lpg=PA213&dq=david+flusser+%2B+malcom+lowe&source=bl&ots=LC65IzNdP9&sig=TKtuHn2_7EgbplSjwOCfmwLjfKw&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjKiPugqrjTAhUSJ1AKHaW0BjoQ6AEIIzAA#v=onepage&q=david%20flusser%20%2B%20malcom%20lowe&f=false

 

© esther scheiner, israel

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