Ungleiche Nachbarn, aber Nachbarn

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24628154Jisr az-Zarqa könnte ein schöner Ort sein. Es ist die einzige rein arabische Siedlung in Israel, die gänzlich am Mittelmeer liegt. Im Norden begrenzt von den Fischteichen des Kibbutz Ma’agan Michael, im Süden von Caesarea. Im Nord-Osten liegt der Naturpark “Taninim Stream” was soviel bedeutet wie Krokodil Fluss. Das letzte dort lebende Krokodil wurde Ende des 19. Jahrhunderts getötet. Seither muss kein Tourist mehr um sein Leben bangen.

Der “Krokodilfluss”, der die Grenze zwischen Jisr und Ma’aganz Michael bildet, gilt als einer der saubersten Flüsse Israels. Der Name Jisr az-Zarqa leitet sich vom Begriff “Brücke über das Blau (… den blauen Fluss)” ab.

Jisr Karte

Bei dem dünnen Rinnsal, das schlussendlich an der Küste ankommt, ist das eine etwas fragwürdige Auszeichnung. Als fliessendes Wasser nehme ich es immer nur während der wenigen Wochen wahr, in denen es Regenfälle gibt.

Im Osten wird das Ortsgebiet von einer Schnellstrasse begrenzt.

Im 4. Jahrhundert BCE gab es hier eine Stadt mit Namen “Crocodilopolis”, einige wenige Überreste können heute noch im Nationalpark entdeckt werden.

Tatsächlich wurde der Ort schon sehr früh besiedelt. Etwa 700 Siedler kamen mit dem Heer von Muhammad Ali im Jahr 1834, der das Land in Folge der Bauernaufstände gegen die ägyptischen Machthaber für sich als Vizekönig besetzen wollte.

Die Mehrheit der ursprünglichen Bevölkerung gehörte dem Beduinen-Clan der Ghawarina an. Diese kamen Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Jordan Tal und siedelten in den malariaverseuchten Sümpfen, die den Küstenstreifen unbewohnbar machten. Nicht so für die Beduinen, sie schienen vom Malariaerreger verschont zu bleiben. Ein Umstand, den die Siedlerfamilien, die sich ab 1882 im Gebiet des heutigen Zichron Ya’acov ansiedelten, zu Nutze machten. Ein weitläufiges Gebiet an der Küste und entlang der Ausläufer des Carmel Gebirges war vom Baron Edmond de Rothschild rechtmässig erworben und besiedelt worden.

Am Eingang zum Friedhof von Zichron Ya’acov erinnert heute noch eine Tafel daran, dass eine grosse Zahl der ersten Siedler von der Malaria hinweggerafft worden war. Die mitten im Sumpfgebiet lebenden Beduinen wurden angestellt, um die Sümpfe trocken zu legen.

Das Projekt war im Jahr 1928 beendet. Als Dank für die unschätzbare Hilfe, die eine andauernde Besiedelung erst ermöglicht hatte, wurde ihnen ein an die ehemaligen Sümpfe angrenzendes Gebiet übertragen. Das Gebiet umfasste 12.000 Dunam, also etwa 150 ha, auf einem Hügel unweit des Strandes gelegen.

Damit war das bisher endgültige Gebiet von Jisr festgelegt.

Und damit begann das erste Dilemma, aus dem sich Jisr bis heute nicht hat befreien können.

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Auch wenn man in anderen, ähnlichen Fällen davon spricht, dass ein Ort „eingebunden ist zwischen…“ so kann man das in diesem Fall nur als zynisch bezeichnen. Es gibt derzeit nur eine Möglichkeit in den Ort hinein zu fahren. Das Strässchen führt viel zu eng, viel zu niedrig unter einer Brücke hindurch. Kunstbeflissene Bürger haben das Portal verziert. Die Keramik ist schon lange angeschlagen, jeder LKW hinterlässt seine Spuren im Zement.

Früher einmal gab es eine zweite Brücke, die anlässlich des Besuches von Kaiser Wilhelm II im Jahr 1898 gebaut wurde. Sie spannte sich über die Mündung des Krokodil Flusses, und sollte den Kaiser trockenen Fusses auf dem Weg von Haifa nach Jerusalem bringen. Ob er jemals über diese Brücke geritten ist, ist nicht dokumentiert. Erkennen kann man ihren ehemaligen Standort nur mehr an den Ruinen.

Das zweite Dilemma begann mit der angeblich völligen Vertreibung der arabischen Bevölkerung aus ihren Wohnsiedlungen anlässlich des Krieges von 1948 durch Juden. „Nakba“ – Katastrophe nennen sie es. Tatsache ist, dass in den meisten Fällen die Araber von ihren eigenen Anführern aufgefordert wurden, ihre Siedlungen zu verlassen. Man würde, so die dahinterstehende Idee, die Juden in wenigen Tagen besiegt und vertrieben haben. Anschliessend könne die zwischenzeitlich geflohene Bevölkerung zurückkehren und grössere und ertragreichere Pfründe übernehmen. Ein Fehlentscheid der nicht zum Ziel führte. Die Armee des jungen israelischen Staates gewann den Krieg und etwa 750.000 Araber hatten, durch Intervention ihrer eigenen Landsleute und auch durch Vertreibung, ihre Heimat verloren.

Aus den seinerzeit 750.000 Flüchtlingen sind heute, 69 Jahre später, mehr als 5 Millionen geworden. Betreut von der UN Organisation UNWRA und finanziert von Steuergeldern aus aller Welt und durch Spenden von israelfeindlichen NGO‘s.

Dass zeitgleich im Jahr 1948 etwa 780.000 Juden aus arabischen Ländern vertrieben wurden wird dabei gerne vergessen. Sie kamen nach Israel und wurden schnellstmöglich völlig in die Gesellschaft integriert. Ohne, dass für sie eigens eine UN-Organisation gegründet wurde.

Doch nicht überall mussten die Araber fliehen. In den beiden Orten Jisr az-Zarqa und dem benachbarten Fureidis sorgten die Bürgermeister von Binjamina und Zichron Ya’acov dafür, dass die Menschen in ihren Orten blieben. Fureidis, einige wenige Kilometer im Landesinneren gelegen, hat sich zu einer prosperierenden Stadt entwickelt. Bevölkerungsmässig sind beide in etwa gleich gross, Fureidis verfügt allerdings über die fast doppelt so grossen Grundfläche.

Ein drittes Dilemma lag in den guten Beziehungen, die beide arabischen Orte während der britischen Mandatszeit mit den jüdischen Nachbarn hatten. Während dieser Umstand den Bürgern von Fureidis rasch verziehen wurde, werden die Menschen aus Jisr von Palästinensern heute immer noch als Kollaborateure verurteilt.

Ein viertes Dilemma liegt in der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung. Sowohl von Juden, als auch von Arabern gab es jahrzehntelang die Zuschreibung „schwarz und sudanesisch“, obwohl die Bevölkerung sich aus Beduinen, Jordaniern, Irakern, Syriern, Ägyptern und eben auch aus Sudanesen zusammensetzte. Sie wurden als Afrikaner bezeichnet, oder auch als Sumpfmenschen. Bis vor Kurzem gab es praktisch keine Eheschliessungen zwischen Bürgern aus Jisr und aus anderen arabischen Orten.

Bedingt durch all diese Umstände hat es Jisr nicht geschafft, sich zu einem modernen Ort zu entwickeln.

Einen Anschluss an das öffentliche Verkehrsnetz gibt es schon lange nicht mehr. Wer einen Bus erreichen will, muss einige Kilometer laufen. Das Meer vor der Küste ist schon lange überfischt, an manchen Tagen kommen die Fischer mit einem so kleinen Fang heim, dass es knapp für das eigene Essen reicht.

Bis vor wenigen Jahren gab es nur eine Grundschule. Wer eine weiterführende Schule besuchen wollte, musste lange Schulwege mit dem Schulbus in Kauf nehmen. Nun gibt es zumindest eine Junior High School. Trotzdem ist die Zahl der Schulabbrecher und Analphabeten sehr hoch. Nur wenige haben es bis zum Uniabschluss geschafft.

Ungenutzte Bauplätze gibt es nicht. Vergrössert sich die Familie, so wird auf das bestehende Haus ein zweiter oder gar dritter Stock aufgebaut.

Die Kriminalitätsrate ist hoch, israelische Taxis versuchen, Fahrten nach Jisr zu vermeiden.

Die Lebensbedingungen in Jisr sind wirklich nicht dazu angetan, wirtschaftliche Erfolge zu erringen. Und so rangiert der Ort auch als rote Laterne ganz am Ende der Skala vom Bruttosozialprodukt.

Caesarea, eine der reichsten Gemeinden Israels hat sich vor einigen Jahren demonstrativ vom armen Nachbarn abgeschottet. Zwischen den Gemeindegebieten wurde in einer Nacht- und Nebelaktion ein Damm aufgebaut. Angeblich, um die Lautstärke des Muezzins abzumildern, der fünfmal täglich die heilige Ruhe der Villenbesitzer stört.

Naheliegender ist es, um den Blick auf die nackte Armut zu blockieren.

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Dabei gäbe es ein Potential. Der Strand, der sanft ins kristallklare Wasser hineinführt und ausbaufähig wäre. Der Israel Trail  , jener Weg, der vom hohen Norden bis ganz in den Süden verläuft, passiert auch Jisr.

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Vor einigen Jahren wurde mitten im Ort ein Guest House  eröffnet, dass für Backpacker Touristen einen idealen Zwischenstop darstellt. Die Idee dazu hatte Neta Hanien, jüdisch-israelische Rechtsanwältin. Sie fand in Ahmad Juha, Besitzer einer Eisdiele und eines Cafés einen Partner, der ihr die misstrauisch verschlossenen Türen in Jisr öffnete. Beide bastelten an der Idee, sammelten das notwendige Geld mittels Crowdfunding. Scheinbar ging der Plan auf. Das kleine Hostel mit zwei Schlafräumen und zwei Doppelzimmern wird von den Rucksacktouristen gerne angenommen.

Zweimal kamen Filmteams vorbei. Sie suchten die „perfect location“, um in einem Film das „Flüchtlingscamp in Gaza“ zu drehen.

Aber das alleine wird Jisr noch nicht retten.

Zweimal tauchte der Name in den letzten Jahren in den Medien auf. Einmal, als die möglicherweise älteste Frau der Welt, Mariam Anmash im Jahr 2012 im Alter von 124 Jahren verstarb. Ihre israelische ID Karte gibt als Geburtsjahr 1888 an, der Tag und Monat der Geburt sind nicht vermerkt, sie waren unbekannt. Sie hinterliess zehn Kinder und etwa 300 Enkel und Urenkel.

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Als im Jahr 2016 der israelische Fussballnationalspieler Taleb Tawatha zu Eintracht Frankfurt wechselte, brachte ihm das sogar eine Eintragung in Wikipedia als „berühmter Bürger“ auf der Seite von Jisr.

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Kein gutes Zeichen ging von einem Schulausflug aus, als Kinder aus Caesarea den Nachbarort Jisr besuchten. Organisiert worden war der Ausflug von der im Programm des Erziehungsministeriums fest verankerten Organisation „New Way“. Kinder aus Jisr zeigten Kindern aus Caesarea ihre Mosche, soweit so gut. Und zeigten ihnen ihre Gebetsrituale. Dazu aufgefordert oder nicht, die jüdischen Kinder knieten auf den Gebetsteppichen und verneigten sich zu den Gebeten gemäss islamischem Ritual. Erwachsene haben die Freiheit zu entscheiden, wieweit sie sich auf neue Erfahrungen einlassen wollen. Kinder sind leicht beeinflussbar. Sie können diese Entscheidung nicht treffen. Und deshalb ist diese Vorgangsweise zumindest äusserst fragwürdig.

Ungeheuerlich wird dieser Vorfall, wenn man zu Kenntnis nimmt, dass einer der notorisch anti-israelischen NGOs, der „NIF“, (New Israel Fund) New Way allein im Jahr 2015 mit US$ 94.000 unterstützt hat. Es bleibt zu hoffen, dass Minister Naftali Bennet die Botschaft erkannt hat und die Zusammenarbeit mit „New Way“ sofort beendet.

Hoffentlich werden sich die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarorten nach diesem durch den NIF provozierten Vorfall nicht verschlechtern.

© esther scheiner, israel

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