Israel brennt

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Seit Montag fegt ein Nordost Sturm mit um die 100 Stundenkilometer über das Land. Der übliche Winterregen ist bisher ausgeblieben.

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr betrug der Niederschlag hier in Zichron in den Monaten Oktober/November 120 ml, bisher nur 1ml. Der Wasserstand des Kinneret liegt bei -213,805 m unter dem Meeresspiegel. Das ist der niedrigste Wert, seit ich im Januar 2011 mit den Aufzeichnungen angefangen habe. Und bereits um 80,5 cm unterhalb der roten Grenze.

Um unser Trinkwasser (ebenso wie um das der Jordanier und der Palästinenser in Judäa und Samaria, denen wir entsprechend der Oslo-Verträge Wasser liefern) müssen wir uns keine Sorge machen. Sagt man. Das gewinnen wir schon lange mittels Entsalzungsanlagen aus dem Meerwasser.

Also kein Problem für die Menschen, aber für die Natur.

Seit Tagen brennt es in Israel. Das ist an und für sich etwas, an das wir uns, so wie jedes andere Land, das unter Trockenheit leidet, gewöhnt haben. Mal ist es Funkenflug, der entlang der Bahnlinien Brände auslöst, mal ist es die Unachtsamkeit von Menschen.

Mit dem letzten grossen Brand auf dem Carmel mussten wir im Jahr 2010 fertig werden. Zwischen dem 2. und 6. Dezember hatte sich aus einem zunächst kleinen Brandherd ein Grossbrand entwickelt, der grossflächig in etwa 40 % der gesamten Flora zerstörte. Bei der Evakuierung des Carmel-Gefängnisses kamen 41 Justizangestellte ums Leben. Drei weitere Personen starben beim Versuch, die in ihrem Bus vom Feuer eingeschlossenen Männer zu befreien. Unterstützt wurden die israelischen Feuerwehren von Löschflugzeugen aus verschiedenen Staaten. Jordanische Feuerwehrgruppen und zwanzig Palästinenser mit vier Löschfahrzeugen ergänzten die im Einsatz befindlichen Helfer auf insgesamt 3.000 Personen.

2015 fielen in einem wahrscheinlich durch Unachtsamkeit entstandenen Buschfeuer 170 Hektar zum Opfer. Das beliebte Naherholungsgebiet in unmittelbarer Nähe von Jerusalem mit Grillplätzen und Velostrecken blieb für den Rest des Sommers geschlossen.

Und jetzt brennt es wieder. Die versuchte Chronologie einer nationalen Katastrophe.

Montag 21.11.:

In der Nacht bricht in Neve Shalom in der Nähe von Jerusalem ein Feuer aus, das von der Feuerwehr schnell gelöscht werden kann. Die Einwohner können bereits am Dienstag wieder in ihre Häuser zurückkehren.

Dienstag 22.11.:

Die mysteriöse Serie von Bränden beginnt hier in Zichron Yaacov. Nachdem in zwei benachbarten Wohngebieten gleichzeitig Brände ausbrachen, wurden um 13:30 sämtliche Gas- und Stromleitungen abgeschaltet. Insgesamt 40 Löschfahrzeuge sind schnell vor Ort. 160 Feuerwehrleute werden in ihren Bemühungen den Brand unter Kontrolle zu bekommen von acht Löschflugzeugen unterstützt. Die Bewohner der beiden Wohngebiete, sowie der angrenzenden Strassen werden evakuiert.

Insgesamt müssen zehn Personen mit Rauchvergiftungen behandelt werden.

Die Zufahrtsstrassen rund um Zichron werden gesperrt, nur Einwohner der Stadt dürfen an den Sperren weiterfahren.

Mindestens zwölf Häuser wurden völlig zerstört, nach intensiven Untersuchungen werden vermutlich noch weitere dazu kommen.

Etwa zeitgleich mussten die Feuerwehren einen Brand in der Nachbarstadt Atlit bekämpfen. Dort musste eine Schule mit zweihundert Schülern evakuiert werden. Der Brand konnte schnell gelöscht werden, es gab keine nennenswerten Schäden.

Ebenfalls schnell gelöscht war ein kleinerer Waldbrand nahe Hadera.

Auch in Nesher, einem Vorort von Haifa, konnte ein aufflammender Brand schnell gelöscht werden.

Mittwoch 23.11.:

In der Nacht auf Mittwoch hiess es in Zichron „Feuer aus“. Doch dann frischte der Wind wieder auf und liess die Flammen wieder aufflackern. Das Feuer breitete sich schneller und grossflächiger aus, als noch am Abend zuvor. Gotteiseidank waren die Feuerwehren noch vor Ort, so dass ohne Verzögerung die Löscharbeiten wieder aufgenommen werden konnten.

PM Netanjahu bittet befreundete Staaten um Hilfe, um die Feuer löschen zu können und weiteren Schaden zu verhindern.

Donnerstag 24.11.:

Bereits in der Nacht ist aus dem Ausland Hilfe angekommen. Die Löschflugzeuge werden auf verschiedenen Basen der IAF stationiert, wo auch die Piloten und die Crews für die Dauer des Einsatzes untergebracht werden.

Vier Flugzeuge sind bereits angekommen. Es handelt sich dabei um einen „Air Tractor“ von Zypern, zwei Bombardier 415 und ein Herkules aus Griechenland. Insgesamt sind mehr als 60 Spezialisten an Bord.

Weitere Flugzeuge werden im Laufe des Tages von Kroatien, Italien, der Türkei und Russland erwartet. Die aus Russland erwartete Beriev BE-200 kann bis zu 12 Tonnen Wasser direkt aus dem Meer aufnehmen. Dieses Flugzeug, das bereits auf dem Carmel 2010 zum Einsatz kam, könnte einer der „Joker“ unter den Hilfsflugzeugen werden.

Die in israelischem Besitz befindlichen 14 Löschflugzeuge sind, und das zeigt sich nun zum zweiten Mal, bei weitem nicht ausreichend, um bei einer solchen Gefahrensituation, wie wir sie jetzt haben, zu helfen.

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Heute dürfte der bisher schlimmste Tag der Brandserie gewesen sein. In Haifa, einer Stadt mit etwa 300‘000 Einwohnern, brachen an mehreren Stellen nahezu zeitgleich Brände aus. Insgesamt mussten im Laufe des Tages 75.000 Personen evakuiert werden. Die Universität stellte bereits am Vormittag den Lehrbetrieb ein und wird am Sonntag entscheiden, wann er wieder fortgesetzt werden kann. Nachdem diese grosse Zahl von Evakuierten nicht mehr lokal untergebracht werden kann, wurden in (noch) nicht von Bränden betroffenen Städten Notpläne erarbeitet, um die Menschen möglichst schnell unterbringen zu können.

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Löschflugzeug in Haifa

Das ist ein System, welches in Israel immer sehr schnell greift, wenn es darum geht, vorübergehend heimatlose Mitbürger aufzufangen. Die letzten Migrationen verliefen allerdings von Süd nach Nord, als der Süden des Landes unter Beschuss von Gaza kam und die Menschen flüchteten. Es gibt gar keine Diskussion, wer ein, zwei oder mehr Betten anbieten kann, der tut es!

Insgesamt wurden gestern 220 Brände gemeldet. 189 davon befanden sich im „ungefährlichen“, unbebauten und offenen Gelände und konnten schnell gelöscht werden.

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Die Zugstrecke Binyamina – Hadera musste unterbrochen werden, nachdem ein Brandherd nahe der Gleisanlagen in der Nähe von Caesarea ausgebrochen war.

Die Wettervorhersagen für die nächsten Tage sind alles andere als gut. Die starken Winde werden kurzfristig zusammenfallen, dann aber wieder erstarken und Geschwindigkeiten bis zu 60 – 80 Km/h erreichen. Nachdem bis zur Mitte der kommenden Woche kein Regen in Aussicht ist, wird es mit 5 – 10 % Luftfeuchtigkeit extrem trocken werden. Auch angekündigte Sandstürme dürften nicht gerade dazu beitragen, die Stimmung im Land zu heben.

Nachdem ein Feuer in der Nähe von Modi’in (vor Jerusalem) ausbrach, wurde die Strasse 443, die zweite Verbindung zwischen Tel Aviv und Jerusalem gesperrt.

Auch Samaria blieb nicht verschont. In Talmon, in der Nähe von Ramallah musste eine Schule geräumt werden, es gab starke Beschädigungen an Gebäuden.

Im Netz machten sich sehr schnell Stimmen breit, die die Schuldigen für alle Brände schon kannten. Alles Brandstiftung, alles Rache, alles irgendwie angekündigt. Kurzum, es handelt sich um eine neue Art von Intifada.

In Zichron sprach man zuerst von Wanderern, die unachtsam gewesen sein. Dann gab man an, Reste einer Wasserpfeife und Tabak gefunden zu haben und fantasierte von Schülern einer evakuierten Schule, die sich, statt die Schulbank zu drücken, einen netten Nachmittag gemacht hatten. In der Nähe von Jerusalem wurden vier Arbeiter festgenommen. Und wieder freigelassen.

Bis vor wenigen Tagen gab es eine nationale Diskussion, ob der Ruf des Muezzin, fünfmal täglich, davon mindestens einmal in der Nacht als Ruhestörung angesehen werden muss/kann/darf. In jedem Ort wurde eine Hotline aufgeschaltet, wo sich Bürger, die sich gestört fühlten, beschweren dürfen. Es gibt ein klares Gesetz, ab wann und unter welchem Umständen Lärm Lärm ist. Sorry muslimische Mitbürger, aber der Muezzin gehört dazu. Sofern er sich der Lautsprecher bedient. Denn die machen die Schikane aus. Nicht der Muezzin, sondern der oft überdimensionierte Lautsprecher.

Ein arabischer Knesset Abgeordneter konnte diese völlig korrekte Interpretation wohl nicht akzeptieren und meinte (frei übersetzt): „Jetzt werdet ihr sehen, was ihr davon habt“

Es ist jetzt 22 Uhr abends. Der Himmel, der sich in den letzten Tagen beim Sonnenuntergang regelmässig kitschig rosa verfärbte, ist heute kupferfarben. Es sind die Rauchwolken, die von Haifa aus nach Süden getrieben werden. Der Brandgeruch dringt durch die kleinsten Ritzen. Mir tun die Menschen, die von irgendwo zuschauen müssen, wie alles vor ihnen verbrennt, unendlich leid.

Freitag 25.11.:

 Im Moshaw Beit Meir in den Hügeln vor Jerusalem brach über Nacht ein Feuer aus und schloss zunächst die Einwohner des Moshaws und die 400 Gäste des Gästehauses ein. Bei den Gästen handelte es sich um aus Haifa geflohenen Menschen, die am Donnerstag ihre Häuser und Wohnungen bei den Bränden verloren hatten. Es gelang der Feuerwehr, alle Eingeschlossenen zu befreien, es gab keine ernsthaften Verletzungen. Das Ministerium für Umweltschutz gab eine besondere Warnung heraus, nachdem eine starke Luftverunreinigung durch Asbest gemessen wurde.

Schnell gelöscht werden konnte ein Feuer in Sha’ar HaGai das nur 23 km vor Jerusalem an der Hauptverbindungsstrasse 1 zwischen Tel Aviv und Jerusalem liegt. Hier halfen palästinensische Feuerwehren mit eigenen Löschfahrzeugen bei der Brandbekämpfung. Sicherheitshalber wurden nicht nur die Bewohner der betroffenen Gebiete von Sha’ar HaGai, sondern auch Bewohner aus umliegenden Dörfern evakuiert, nachdem das Feuer drohte, sich weiter auszubreiten.

Zwischenzeitlich haben Ägypten und Jordanien Hilfe angeboten. Aus Ägypten werden zwei spezielle Löschhelikopter erwartet, Jordanien wird über den Landweg Löschfahrzeuge schicken. Azerbaijan hat die Ankunft eines Löschflugzeuges angekündigt. Am Abend dürfte der Super Tanker, der 74 Tonnen Löschwasser aufnimmt, aus den USA eintreffen. Der grosse Vorteil dieses Löschgerätes der Superlative ist, dass es auch in der Nacht operieren kann.

Die Bahnstrecke zwischen Lod und Beer Sheva wurde in Höhe von Kiryat Gat unterbrochen, nachdem in unmittelbarer Nähe der Gleise ein Feuer ausgebrochen war. Auch die Hauptverkehrsstrasse 6 wurde kurzfristig für den Verkehr gesperrt.

Die Bewohner von Häusern in Haifa, die aus Vorsichtsmassnahmen evakuiert worden waren, durften im Laufe des heutigen Vormittages in ihre Wohnungen zurückkehren.

Im Laufe des Vormittags brachen neben einigen kleinen Bränden in der Region um Haifa weitere Feuer in der Nähe von Harashim im Norden des Landes und in einer bewaldeten Region in der Nähe von Haifa aus. Die Einwohner von Harashim wurden sicherheitshalber evakuiert. Die Brände scheinen unter Kontrolle zu sein.

Jetzt, am frühen Nachmittag scheint es keine weiteren Brände zu geben. Israel bereitet sich auf den Schabbat vor. Alle, die geholfen haben, Israel vor noch grösserem Schaden zu bewahren, haben die Ruhepause mehr als verdient.

Es ist unmöglich hier über jedes Ereignis zu berichten. Ich wollte einen Überblick geben.

In den sozialen Medien sieht man lachende, feiernde Araber, die sich freuen, dass „Gott Feuer auf Israel herabregnen lässt“. Der Begriff „Feuerintifada“ wurde von Israels Rechten geprägt und nur zu gerne aufgenommen. Hamas ist auf den Zug aufgesprungen und hetzt junge Araber auf, sich diesem Aufstand, der sich scheinbar gerade entwickelt anzuschliessen. Seit Donnerstagabend gibt es eine Facebook-Gruppe, die sich „Die Koalition der Intifada Jugendlichen“ nenne und die Verantwortung für die bisherigen Feuer übernimmt. Und hat weitere ankündigt.

Schnell war auch der Begriff vom Feuer Terrorismus geprägt. Es gab Vermutungen, Verhaftungen, Entlassungen.

Der erste Brand in Zichron wurde bereits ausführlich untersucht. Hier scheinen sich die Hinweise zu verdichten, dass es Brandstiftung gewesen sein könnte. Verdächtige gibt es noch nicht. Auch bei einigen anderen Feuern könnte Brandstiftung die Ursache gewesen sein.

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Wald bei Zichron

In anderen Fällen war es einfach Unachtsamkeit. So hat in Haifa ein Mann eine Zigarette entsorgt, sprich auf den Boden geworfen. Das dort ausgelaufene Öl hat sich entzündet und zumindest einen der Brände verursacht.

Es kann aber auch ganz einfach das Wetter gewesen sein, das für einige Brände verantwortlich war.

Wenn es Brandstiftung war, dann gibt es eine Rechtsgrundlage, wie diese zu beurteilen ist. Und jeder, ob es ein hirnloser Jugendlicher oder Erwachsener war, der mit seinem Zündeln einen Riesenschaden angerichtet hat, ob es ein Verbrecher war, ob es sich um einen Terroranschlag oder einen Racheakt handelt, jeder hat den Anspruch auf ein faires, korrektes Rechtsverfahren.

Und jeder hat a priori das Recht darauf, dass die Unschuldsvermutung auch bei ihm angewandt wird.

Und jeder an einen Anspruch darauf, nicht Opfer der Lynch Justiz zu werden, zu der jüdische Extremisten aufrufen.

 

©esther scheiner, israel

2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Israel brennt

  1. Pingback: War 2016 ein Luxusjahr für Israel? | estherstagebuchauszichronyaacov

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