„Hineni, hineni, I’m ready my Lord“

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Im Wochenabschnitt dieser Woche „Lech Lecha“ wird Avram aufgefordert, das Land seiner Geburt und sein Vaterhaus zu verlassen. Meist wird diese Aufforderung ganz korrekt als „Geh’ weg, verlasse deinen jetzigen Lebensraum“ verstanden. Das Hebräische lässt aber auch eine andere Interpretation zu, die genauso korrekt ist: „Gehe in dich! Finde dich!“ Die Aufforderung Gottes an Avram, prüfe dich noch einmal, ob du bereit bist, mit mir auf die lange Reise zu gehen. Selbstfindung also? Esoterik auf hohem Niveau? Weit entfernt. Im Gegenteil, es ist die bodenständige Aufforderung an einen Mann, immer wieder innezuhalten und in sich hinein zu horchen. Zu überprüfen, ob der eingeschlagene Weg noch stimmt.

Im Wochenabschnitt der kommenden Woche „Vayera“ lesen wir, wie Gott Abraham prüft, bevor er mit ihm, stellvertretend für das ganze Volk Israel, den Bund eingeht. Er verlangt von ihm, der bei der Geburt seines Sohnes immherin schon 100 Jahre alt war, dass er ihn opfern soll. Abraham gehorchte. Natürlich verlangte Gott dieses Opfer nicht wirklich, er wollte aber die Gewissheite haben, dass Abrahams Vertrauen und Liebe zu ihm gross genug war, um sich der Anordnung zu beugen. Zweimal ruft ein Engel (im Namen Gottes) Abraham und zweimal antwortet dieser: Hineni, Adonai! Hier bin ich, Herr!

Leonard Cohen hat viele Jahres seines Lebens damit gerungen, ob das was er tut, das ist was er tun will, oder das ist, was er tun muss. Seine Wege sind nie geradlinig verlaufen, es gab Schlangenlinien, Aufstiege, Abstürze, Rückzüge, Stolpern, Hinfallen und wieder Aufstehen.

Fast am Ende seines Lebens angekommen, mit sich im Reinen und in der Gewissheit alles getan zu haben, was er sich vorgenommen hatte nannte er sein letztes Album „You want it darker?“ In der Refrainzeile schreibt er vertrauensvoll: Hineni, hineni, I’m ready my Lord“.

Leonard Cohen wurde am 21. September 1934 in Montreal geboren. Der letzte Grandseigneur der Unterhaltungsmusik verstarb am Montag, den 7. November in seiner Wahlheimat Los Angeles.

Seine Familie waren Kaufleute, Rabbiner und Talmudgelehrte, die aus Litauen nach Kanada ausgewandert waren. Mutter Marsha, Tocher eines bekannten Rabbis legte grossen Wert darauf, dass er schon in jungen Jahren  an die Musik herangeführt wurde. Obwohl er Unterricht in Klavier und Klarinette erhielt, war später die Gitarre das Instrument, das ihn in seinen Chansons unterstützte.

Leonard Cohen begann seine Karriere nicht als Musiker, sondern als Dichter. In den 50er Jahren war er mit seinen Gedichten erfolgreich, erkannte aber bald, dass er mit diesem Kunstgenre seinen Lebensunterhalt nicht würde bestreiten können. So begann er, seine Gedichttexte zunächst mit einer in den 60er Jahren beliebten Musikform zu unterlegen. Ein Projekt, mit dem er, wie er sagte, sein finanzielles Portfolio sanieren wollte. Aus dem Kurzzeitprojekt wurde ein Lebenswerk.

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Als 1967 ein erstes Album „Songs of Leonard Cohen“ erschien drang seine relativ monoton erscheinende Stimme tief in den Räucherstäbchennebel unserer Jugendzimmer, Partykeller ein. Ganz gefangen im Dschungel unserer eigenen pubertären Emotionen rätselten wir, wer denn wohl die glückliche Marianne sei und ob es Szuanne auch in der Reatität gab. Oder bei wem er sich beschwerte, That’s not the way to say goodbye. Die Musik, geprägt von melancholischen Elementen und immer mit autobiografischen Zügen, half auch die eine oder andere Träne erst zuzulassen und dann energisch wegzuwischen.

1971 erschien das dritte Album „Songs of love and hate“. Es ist das vielleicht emotionalste Album. Den Hintergrund zu The famous blue raincoat schreibt Leonard Cohen in einem Interview in den 90ern dem Kauf eines Buberry Mantels in London zu. Als Alternative bietet er seine Erfahrung in einer Dreiecksbeziehung an. Ganz gentleman resumiert er nicht darüber, ob die dritte Person ein Mann oder eine Frau ist.

Für das Album „Death of a Ladie’s Man“ (77) wechselte Leonard Cohen das Plattenlabel. Phil Spector von Warner Brother liess die Stücke mit grosser Ochesterbegleitung einspielen, wie es dem europäischen Zeitgeschmack entsprach. Es ist das Album, das sein Musikverständnis am wenigsten unterstützte. Das Album floppte. Es wurde wenig später von seiner alten Plattenfirma erneut eingespielt.

Welthits gelangen ihm mit „Dance me to the end of love“(1984),  „Hallelujah“ (1984). Hallelujah ist das bisher weltweit am häufigsten gecoverte Musikstück, es sind über 100 Aufnahmen mit anderen Künstlern bekannt. Bob Dylan war der erste, der es bereits 1988 in Montreal in sein Repertoire aufnahm.  Leonard Cohen ist darüber nicht so glücklich: „Es ist ein guter Song, aber er wird von zu vielen Leuten gesungen.“ Dabei war der Start von Hallelujah alles andere, als vielversprechend. Der Musikverleger verweigerte die Veröffentlichung mit dem vernichtenden Urteil: „Was ist das? Das ist keine Pop Musik. Wir werden das nicht veröffentlichen.“

Leonard Cohen gestattete nur kleine Einblicke in sein Privatleben. Meist thematisierte er seine Beziehungen zu Frauen in den Texten seiner Lieder. Geplagt von tiefen Depressionen zog er sich für fünf Jahre in ein Zen Kloster zurück. Diese Zeit sah der gläubige und praktizierende Jude als in keinster Weise in Konkurrenz zu seinem Glauben stehend an. Sondern als Möglichkeit, sich und sein Leben neu zu positionieren.

Der wohl tragischste Rückschlag in seinem Leben war im Jahr 2005 die Erkenntnis, dass seine langjährige Mangerin, Kelley Lynch, ihn über die Jahre hinweg bestohlen hatte. Die fehlenden Gelder, die er als Altersrücklage angelegt hatte, liessen ihn ohne jedes Vermögen zurück.

Die Antwort war nicht ein Rückfall in die Depression, sondern ein Kampf gegen das Schicksal. Die Welttournee, die ihn 2009 noch einmal nach Israel führte, wurde zum Höhepunkt seiner Auftritte. Leonard Cohen widersetzte sich mit seinem Auftritt in Ramat Gan (Tel Aviv) den giftigen Versuchen der BDS-Bewegung, Kunstschaffende von Israel fernzuhalten. Vor 50.000 begeisterten Besuchern gab er eines seiner besten Konzerte.

Es war nicht der erste Besuch in Israel. 1973, sein Sohn Adam war gerade ein Jahr als, reiste er unmittelbar nach Ausbruch des Yom Kippur Krieges nach Israel und trat in zahlreichen improvisierten Konzerten als „Truppenbetreuer“ auf.

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Leonard Cohen links neben Arik Sharon

Im Sommer dieses Jahres verstarb seine langjährigen Lebenspartnerin Marianne, mit der er sechs Jahre lang auf der griechischen Insel Hydra gelebt hatte und die er 1972 für Suzanne, die Mutter seines Sohnes verliess. In einem berührenden Brief verabschiedete sich Leonard Cohen von ihr.

„Marianne, jetzt kommt die Zeit, in der wir wirklich so alt sind, dass unsere Körper uns ihren Dienst verweigern. Ich denke, ich werde dir sehr schnell folgen. Du musst wissen, ich stehe dicht hinter dir und wenn du deine Hände austreckst kannst du mich erreichen. (….) Leb wohl meine Freundin. In endloser Liebe, wir sehen uns am Ende der Strasse“

Mit seinem neuen und letzten Album „You want it darker“ rundet Leonard Cohen sein schöpferisches Werk ab. Das Lied in dessen Refrainzeile „Hineni, hineni, I’am read my Lord“.

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September 2016

Auch wenn er in seinem letzten Interview noch sagt, er neige einfach zur Selbstüberteibung und wolle sich 120 Jahre alt werden, der grosse Künstler wusste, dass sein Leben bald vorbei sein würde. Und er macht sich noch einmal selber ein grosses Geschenk. Er bitte den Kantor der Shaar Hashomayim Synagogue in Montreal ihn bei der Aufnahme zweier Lieder für das neue Album zu unterstützen. Gideon Zelermyer und Leonard Cohen, sie kennen sich nicht persönlich, aber beide wissen um die Verbindung, die zwischen der Shaar Hashomayim Gemeinde und der Familie Cohen besteht. Durch diese einzigartige Verbindung zwischen der spirituellen und der säkularen Welt in sich Leonard Cohen ein lang bewegte mutiert das Album zu einer Aussage, wie sie nur am Ende des Lebens stehen kann.

Leonard Cohen wurde am vergangenen Donnerstag auf dem Friedhof der Shaar Hashomayim Synagoge in Montreal beigesetzt.

©esther scheiner, israel

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