Bereshit (Genesis) – die ethnische Vielfalt in Israel

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In Genesis 1, 27 heisst es „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Stop! Wir sind noch lange nicht bei Adam und Eva! Hier sprechen wir von Adam und Lilith! Erst bei Genesis 2,7 lesen wir „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ Ok, nun haben wir den Adam als Person. Dem Knaben wurde es bald langweilig, so alleine im Paradies umher zu wandeln. Gott hatte ein Einsehen. Genesis 2,21 ff berichtet von der Erschaffung der Frau: „Da liess Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss die Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, formte aus der Rippe, die er dem Menschen entnommen hatte eine Frau und führte sie dem Menschen zu.“

Ich halte fest: „Als sein Abbild“ schuf Gott den Menschen. Als ich ein kleines Kind war, war meine Welt weiss. Es gab noch kein Farbfernsehen und die fantastische Welt der Bücher war mir noch fremd. Bevor ich den ersten Afroamerikaner gesehen hatte, war ich erschüttert ob der vermeintlich „schmutzigen Haut“. Er trug es mit Fassung, lachte herzlich, hielt mir seinen Arm zum Rubbeln hin und schenkte mir eine Tafel Schokolade. Fortan war meine Welt viel farbiger.

Ein Blick in die dunkelste Zeit des letzten Jahrhunderts zeigt, dass gemäss der antisemitischen „Rassenlehre“ der typische Jude so auszusehen hatte: klein und untersetzt, olivfarbene Haut, krumme Nase, schwarze Haare, schwarze Augen. So wurde er karikiert. Ich lebe seit acht Jahren in Israel und sehe tagtäglich viele Menschentypen, nur diesen einen habe ich noch nicht gefunden. Gott ist, wie wir in der Schöpfungsgeschichte gelesen haben, viel fantasievoller.

Der Matnas stellt, je nachdem in welcher Gemeinde man lebt, den am wenigsten geliebten Ort dar, oder den, den man als das Zentrum des Lebens ansieht. Vielleicht ist es zu vereinfacht zu sagen, je reicher, je homogener eine Gemeinde ist, desto weniger wird der Matnas genutzt.Matnas kann man am ehesten noch mit „kommunalem Gemeindezentrum“ übersetzen.

Zichron Yaacov ist so ein Beispiel. Die Aufgabe vom Matnas beschränkt sich darin, während der ersten zwei Ferienwochen im Sommer Beschäftigungsangebote für Schüler anzubieten. Und ein Programm auszuarbeiten, das für alle ein bisschen was hergibt: ein bisschen Musik, Schauspiel, Ballett, Ausflug und Kino. Und wo meist auch die Räume für den verpflichtenden Iwrit-Sprachkurs für Neueinwanderer bereitgestellt werden.

Darüber hinaus träumt er gelangweilt vor sich hin.

Sehr lebendig ging es im Jahr 2014 hingegen im Süden des Landes zu, als ganz Israel für einige Wochen unter dem Dauerbeschuss der Hamas aus Gaza in den Süden des Landes litt. Die anschliessende Militäroperation „Fels in der Brandung“ blockierte hingegen nicht nur den Süden, sondern das ganze Land. Statt sich den uneingeschränkten Ferienfreuden hinzugeben, verbrachten die Kinder ihre freie Zeit in der Nähe von Bunkern und Sicherheitsräumen. Diese und der „Iron Dome“ trugen dazu bei, dass die Zahl der israelischen Zivilopfer relativ gering blieb.

Für 200.000 Beduinen im Süden Israels, die teils in nicht anerkannten Siedlungen im Negev leben, stehen nur wenige Bunker zur Verfügung. Ihre Siedlungen gelten als „offene Gebiete“, sodass der „Iron Dome“ dort nicht eingesetzt werden kann. Die Beduinen, die von jeher schon unter schwierigen Bedingungen lebten, waren der Bedrohung durch die Raketen um ein Vielfaches mehr ausgesetzt. Prozentual gab es mehr Verletzte und Tote, als im übrigen Israel, darunter auch vier Kinder.

Dank einer grosszügigen Spende war es möglich, dass die nationale Matnas Organisation für Kinder und Jugendliche aus fünf besonders betroffenen Siedlungen Freizeitaktivitäten anbieten konnten, die teilweise in privaten, sichern Häusern durchgeführt wurden, aber auch Ausflüge in sichere Regionen beinhalteten. Dort wurden dann Wasser- und Freizeit Parks besucht, Wanderungen und sogar Camping angeboten. Eine besondere Herausforderung war, dass die Operation „Fels in der Brandung“ genau während des Ramadan stattfand, was in die Planungen hineinfliessen musste.

Finanziert wird ein Matnas sowohl von der Gemeinde, als auch vom nationalen Zusammenschluss der Matnasim. Diese wiederum erhalten ihre Gelder vom Ministerium für Erziehung und Kultur, sowie von zahlreichen privaten Stiftungen. Einzelne Programme werden je nach Schwerpunkt von den zuständigen Ministerien unterstützt.

Die Hafenstadt Haifa verzeichnet derzeit eine Bevölkerungszahl von etwa 280.000. Die arabische und äthiopische Einwohnerzahl liegt bei je rund 40.000 (je 14,3%).

Das moderne Haifa breitet sich entlang des Nordausläufers vom Carmel, mit wunderbarem Blick auf das Mittelmeer und perfekter Anbindung an das Stadtzentrum. Die Wohngebiete der arabischen und äthiopischen Bevölkerung schliessen sich nördlich an das Stadtzentrum an. Der Blick geht, wenn das Wetter klar ist, hinauf bis zum Libanon. Vorher bleibt er aber am Containerhafen und den Chemiewerken hängen.

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Die Satellitenaufnahme der NASA zeigt die starke Besiedelung im NO der Stadt

Hier leben etwa knapp 100.000 Menschen, die es im Leben nicht wirklich geschafft haben. Sie arbeiten, sind teilweise Doppelverdiener. Das klingt gut. Trotzdem schaffen sie es nicht, mit beiden Einkommen zusammen den Familienunterhalt zu sichern. Die Zahl, der unterhalb der Armutsgrenze lebenden Familien steigt. Innerhalb der OECD zeigt nur noch die Türkei ein schlechteres Bild. Die Zahl der Kinder, die morgens ohne ausreichendes, oder ohne Frühstück zur Schule gehen, ist erschreckend hoch.

 

Sie sind arm, sie haben wenig Perspektiven.

Eines aber haben sie gerettet und erhalten: ihren Stolz.

Jonathan, ein Freund, wurde von der Stadt Haifa gebeten, ob er quasi die Schirmherrschaft über die drei Matnasim (einen arabischen, einen für äthiopische Einwanderer und einen für europäische Einwanderer) in diesem Stadtteil übernehmen würde. Wobei nur der arabische Matnas ein Eigenleben führt. Zwischen den beiden anderen findet ein reger Austausch statt. Er hat zugesagt, wohl wissend, dass ihm ein zäher Kampf bevorstehen würde. Neben der Organisation zusammen mit dem jeweiligen Team müssen Gelder aufgetrieben werden. Gelder, die helfen, aus einem leeren, oft hässlichen Gebäude ein Stück Zuhause zu schaffen.

Wir waren vor einigen Wochen im grössten der drei Matnasim zu Gast und wurden anlässlich eines Rundganges mit dem Angebot vertraut gemacht.

Grundsätzlich steht der Mannas „Neve Yosef“ allen Altersgruppen offen. Die alleinerziehende junge Mutter findet eine kurzfristige professionelle Betreuung für ihr Kind (ab 3 Monaten) ebenso unkompliziert, so wie sich auch die stimmgewaltigen Senioren zu einem Chor zusammen finden können.

Das Töpferatelier ist das neueste Projekt, das jedem offensteht, auch wenn er nicht in Haifa lebt.

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Das neue Töpferatelier

Während des Schuljahres stehen Lehrer kostenlos zur Verfügung, um Kindern und Jugendlichen bei Schulschwierigkeiten zu helfen oder gezielt auf Aufnahmeprüfungen für weiterführende Schulen vorzubereiten.

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Einzelplatz Lernkabinen für den 1:1 Unterricht

Professoren des Technions fördern interessierte Jung-Wissenschaftler ebenso, wie Mitarbeiter von INTEL mehrmals im Monat gratis Workshops für talentierte zukünftige IT Spezialisten anbieten.

Eine umfangreiche Bibliothek wird zur Zeit völlig neu konzipiert. Bücher können mit nach Hause genommen werden, die Quote der nicht zurückgekommenen Bücher tendiert gegen Null. Zu hoch wird der Wert eines Buches eingeschätzt.

Es gibt Spiel- und Sportplätze, auf Funktionalität wird mehr geachtet, als auf Design.

Nach der Schule kommen sehr viele Kinder und Jugendliche in „ihren Matnas“. Für viele ist das der Ort, wo sie Freunde treffen können, chillen und abhängen, wo es klare Regeln gibt, aber sie nicht eingeengt werden. Es ist der Ort, an dem sie in Ruhe aufwachsen können. Weg von der Strasse, an einem sicheren Ort. Die Eltern wissen das und sind froh.

Der eigentliche Anlass unseres Besuches war das Jahresschlusskonzert der Musikgruppen.

Vom ganz jungen Musikschüler, der gerade erst verinnerlicht hat, wie man seinem Instrument wohlklingende Töne entlocken kann, bis zum Halbprofi präsentierten alle ein wunderbares Programm. Von eingängigen klassischen Melodien, über israelische Volksmusik, Beat und Pop der 70er Jahre alles wurde mit viel Liebe und Engagement vorgetragen. Die Musik war so vielfältig, wie die Musiker. Solisten, gemischte Gruppen, Sängerinnen mit einem begleitenden Trio, der bereits oben genannte Senioren Chor, die jüdisch-arabisch gemischte Gruppe mit klassischen arabischen Instrumenten …..

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Spass und Freude – der Seniorenchor

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Eine der Jüngsten

 

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Fast schon Profis

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Die gemischte Band

Eye Catcher waren – wieder einmal – die Mädels aus Äthiopien, die im Winter schon einmal bei uns in der Gemeinde aufgetreten sind. Das ist einfach geballtes Temperament und Lebensfreude pur.

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Januar 2016 in Zichron Yaacov

Man spricht derzeit viel davon, Minderheiten, gleich welcher Art nicht nur zu integrieren, sondern sie zu inkludieren.

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Die Matnasim in Israel tragen dazu wesentlich viel bei. Jonathan erzählte uns, dass an den israelischen Feier- und Gedenktagen der Matnas ganz selbstverständlich nach draussen verlegt wird. Damit alle mitmachen können. Ob es die lauten und lustigen Feiertage sind wie Purim, oder die ruhigen, besinnlichen wie der Holocaust Gedenktag oder der Erinnerungstag an die Gefallenen der Kriege und Opfer der Terroranschläge. Die äthiopischen Jugendlichen sind der Meinung: „Der Holocaust traf Juden und unter den Gefallenen der Kriege und unter den Terroropfern sind auch Einwanderer aus Äthiopien. Und wir sind Juden wie alle anderen auch.“

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Die israelische Institution „Matnas“ ist für Kinder und Jugendliche eine wichtige Hilfe für gesellschaftliche Inklusion und ein Beispiel für Nachhaltigkeit. Deshalb bitte ich an dieser Stelle, die Matnasim finanziell zu unterstützen, danke.

 

© esther scheiner, israel

 

 

 

 

 

 

 

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