Allein aber nicht einsam – Lone soldiers in Israel

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Kaum eine andere Streitmacht als die IDF (Israel Defence Forces) steht permanent so intensiv im Zentrum des Interesses. Objektiv ist dieses Interesse selten. Es reicht von Zustimmung und Unterstützung, Gleichgültigkeit, übler Verleumdung (IOF = Israel Occupation Forces), bis hin zu nicht haltbaren Vorwürfen wie Kriegsverbrecher, Schlächter oder gar Massenmörder. Engmaschige Nachrichtensperren nach Terrorattacken oder im Kriegsfall verhindern, dass falsche oder verzerrte Informationen in die Presse kommen.

Nachfolgend ein hochaktuelles Beispiel, wie sich „Informationen“ im Netz verbreiten. Dieser Fall hat zwar nichts mit der IDF zu tun, als Beispiel ist er trotzdem geeignet.

So berichtete ynet am 10.06. um 10:56 „… dass einer der Terroristen im Haus eines Polizisten festgehalten wurde.“ SPON machte daraus um 17:21 eine ganze Story, die bis heute in keiner israelischen Zeitung aufgetaucht ist. Ynet nahm den SPON ähnlichen Artikel erst am 11.06. um 18:14 auf.

Oder der derzeit vor dem Gericht verhandelte Fall des „Hebron Soldaten“, der vor einigen Wochen einen bereits ausser Gefecht gesetzten Terroristen gezielt erschossen haben soll. B’tselem, unsere meistbekannte friedensbewegte und pro-palästinensische NGO war, wie immer, mit schussbereiter Kamera vor Ort und dokumentierte das Geschehen. Gerüchte, Meinungsmache, Anschuldigungen liessen die Gemüter wieder einmal überhitzen. Die Verhandlung dauert nun schon einige Wochen, ein Richter wurde wegen Befangenheit ausgetauscht, täglich melden sich neue pro und kontra „Zeugen“, manipulierte Videos, der auch solche, die angeblich unbearbeitet sind, werden dem Gericht als neue „Beweise“ vorgelegt. Tatsächlich gibt es schon seit Tagen keine neuen Pressemeldungen mehr und das ist auch gut so.

Oder die samt und sonders gewonnenen Kriege, die Israel gezwungen war, zu führen. Oft ein Ding der Unmöglichkeit, angesichts der erdrückenden Übermacht der Feinde. Die Kriege wurden zwar gewonnen, aber die Folgen belasten uns bis heute. Wo immer im Zuge eines Verteidigungs- oder auch Präventionskrieges Länder erobert werden, wird dies als ganz normales Ergebnis der kriegerischen Auseinandersetzungen angesehen. Überall, auf der ganzen Welt, nur bei uns spricht man von Okkupation. Ist das Gerechtigkeit?

So entstand im Laufe der Jahre das Mythos IDF. Aber gibt es das überhaupt?

Ich kenne kaum eine andere Organisation wie unsere IDF, die so transparent auftritt und so präsent ist. Die nachfolgenden Zahlen sind beziehen sich auf das Jahr 2014, sind aber immer noch aktuell. Veröffentlicht wurden sie vom Internationalen Institut für Strategische Studien.

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Mit 176.500 Aktiven verfügt Israel, gemessen an seiner Bevölkerungszahl über eine beachtlich grosse Streitmacht, die im Bedarfsfall innerhalb weniger Stunden bis Tage um 445.000 Reservisten aufgestockt werden kann. 2016 werden in etwa je 60.000 männliche und weibliche Rekruten eingezogen. Die Dauer des Militärdienstes beträgt seit 2015 für Männer 2 Jahre und acht Monate, wobei bei einzelnen Einsatzplätzen die Zeit um weitere vier Monate verlängert werden kann. Frauen dienen für zwei Jahre, ausser, sie verpflichten sich freiwillig bei einer kämpfenden Einheit. In diesem Fall dauert ihr Dienst drei Jahre. Anschliessend an diesen Basisdienst müssen, in der Regel bis zum 45. Lebensjahr jährliche Übungen absolviert werden. Ausnahmen gibt es bei Frauen.

Grundsätzlich gilt die Wehrpflicht für alle männlichen Israelis. Wer sich, aus welchem Grund auch immer, nicht der regulären Wehrpflicht unterziehen möchte, kann einen Ersatzdienst leisten. Dies ist eine Variante, die relativ oft von Kindern aus wirtschaftlich schwachen Familien gewählt wird. Im Gegensatz zum Dienst bei der IDF erhalten die Mitglieder der Grenzpolizei oder Polizei ein kleines Gehalt bereits ab dem ersten Arbeitstag. Damit kann für eine Familie zumindest ein kleines Einkommen erzielt werden, während der Sohn oder die Tochter als „Einkommensquelle“ ausfällt.

Während die Töchter der Drusen und Tscherkessen vom Wehrdienst ausgenommen sind, wird er von 83 % der drusischen und 100 % der tscherkessischen Wehrpflichtigen wahrgenommen. Einzig die drusische Bevölkerung vom Golan widersetzt sich dieser Pflicht. Vor wenigen Jahren wurden die existierenden „Minderheitenbataillone“ der IDF auf Wunsch der Soldaten aufgelöst und die Soldaten wurden in andere, entsprechende Einheiten integriert.

Für Beduinen und israelische Araber gilt die Freiwilligkeit. Für die Beduinen, die aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten auf diesem Gebiet oft grenznah als Fährtensucher eingesetzt werden, ist der Dienst bei der IDF auch oft die Chance, einen sozial höheren Status innerhalb der eigenen Gemeinschaft zu erreichen und damit als „Mentor“ bei immer wieder aufflammenden Konflikten rund um die Beduinengebiete im Süden des Landes zu dienen. Araber können, ebenfalls auf freiwilliger Basis, anerkannte Ersatzdienste absolvieren und erhalten dafür die gleichen Entschädigungen wie ihre jüdisch-israelischen Kollegen. Derzeit dienen in etwa 2.000 Araber in den IDF.

Über eine winzig kleine Minorität, die nirgendwo Erwähnung findet, möchte ich hier berichten. In den 60er Jahren wanderten evangelikale Schwaben, Mitglieder der Beth El Gemeinde, nach Israel aus und liessen sich in einer Art Kibbuz in Binjamina nieder. Heute leben dort, in Zichron Yaacov und auf dem Golan in etwas 1.500 Mitglieder. Dazu kommt eine weitere Gemeinde in Kanada.

Zunächst wurden die Neuzuzügler von der einheimischen Bevölkerung sehr skeptisch betrachtet. Man befürchtete, dass sie in missionarischer Absicht nach Israel gekommen wären, und machte ihnen das Leben unendlich schwer. Das Gegenteil ist der Fall. Sie lieben Israel und möchten uns, wo und wann immer es möglich ist, helfend zur Seite stehen. Das tun sie auch, in dem sie neben Lebensmitteln und Heimtextilien, ursprünglich nur für den Eigenbedarf gedacht, auch Luftfilteranlagen bauen, die im Falle eines entsprechenden Angriffes nicht nur öffentliche Gebäude, sondern auch private Wohnungen und Häuser sicher machen sollen.

Ihr Leben gleicht in seiner Anspruchslosigkeit ein wenig dem der Amish. Mittlerweile sind sie fester Bestand bei uns im Städtchen geworden. Sie haben sich ihre Lebenswelt erhalten, die Alten sprechen Schwäbisch, ihre Kinder und Enkel unterhalten sich zunehmend auch untereinander in Ivrith. Zum 60. Geburtstag nahm Israel die ehemals ungeliebten als Bürger auf. Derzeit sind etwa 30 der jungen Männer beim Militär, Tendenz steigend.

Hochinteressant ist eine andere Personengruppe, die seit vielen Jahren die IDF mit grossem Idealismus unterstützt. Jugendliche aus aller Welt, die nach Israel einwandern, um anschliessend sofort mit dem Militärdienst beginnen, oder solche, die nur für die Dauer des Dienstes kommen. In der Regel werden sie in ihren Heimatländern auf den Einsatz bei der IDF bestens vorbereitet, diese Aufgabe wird übernommen von der Jewish Agency in Zusammenarbeit mit privat geförderten Einrichtungen.

Durchschnittlich 5000 nicht-israelische Soldaten und Soldatinnen dienen im Jahresschnitt in der IDF. Sie können sich für alle Truppenteile bewerben und sind ihren israelischen Kollegen völlig gleichgestellt. Für die kämpfenden Einheiten bewerben sich um die 40 %.

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Lone Soldiers erhalten eine bessere finanzielle Unterstützung, als ihre aktiven Kameraden. Ohne diesen Anreiz würden weitaus weniger junge Menschen diesen bedeutenden Schritt wagen. Im Einzelnen erhalten sie:

(5 NIS = 1 €/ 4 NIS = 1CHF)

Höheren Basislohn nach dem Grundwehrdienst (3 Monate)

NIS 120 (!) monatlich als Warengutscheine für bestimmte Supermärkte (nicht für Alkohol und Tabak)

NIS 352 monatlich vom Ministerium für Einwanderung (gilt nur für reguläre Neueinwanderer) bis zur Höhe von NIS 19.000.

NIS 402 vom Ministerium für Wohnungen und Bautätigkeit (gilt ebenfalls nur für reguläre Neueinwanderer und wird ab dem zweiten Jahr für die Dauer von vier Jahren gezahlt.

NIS 1048 wird gegen Vorlage des Mietvertrages als Mietzuschuss gewährt.

Kostenlose Wohnmöglichkeit über einen eingeschränkten Zeitraum hinweg in speziellen Wohnheimen

Dazu kommt ein höheres Urlaubskontingent.

Ein Tag pro zwei Monate, um notwendige Amtsgänge o. ä. erledigen zu können.

Vier Tage pro halbem Jahr, wenn Eltern zu Besuch nach Israel kommen.

Pro Jahr 30 Ferientage, um die Familie im Ausland zu besuchen (wobei die Reise einmal während der Dienstzeit von der IDF gezahlt wird).

Zusätzliche Freistellungen vom Dienst, um dem Soldaten die Möglichkeit zu geben, unverschuldet entstandene finanzielle Probleme durch Annahme einer Arbeit zu beheben.

Für besondere Fälle besteht die Möglichkeit, dass ein israelischer junger Soldat als „irregulärer“ lone soldier anerkannt wird und in den Genuss der gleichen Unterstützung kommt. Dies ist meist dann der Fall, wenn junge Männer aus orthodoxen Gemeinden sich für den Wehrdienst entscheiden und von ihren Familien deshalb ausgestossen werden. Oder, wenn sich beide Elternteile berufsbedingt im Ausland befinden.

Trotzdem haben es Lone Soldiers nicht einfach, ihr Leben in einem neuen Land, mit einer neuen Sprache und Kultur von Grund auf selbst zu organisieren. Aber sie werden nie allein gelassen. Bereits nach kürzester Zeit werden sie von einer Familie „adoptiert“, die sich zur Betreuung der jungen Leute bereiterklärt haben, oder deren Sohn oder Tochter in der gleichen Einheit dient. Oder sie bleiben eine Zeit lang zusammen mit anderen, die gemeinsam mit ihnen die Vorbereitungskurse absolviert und anschliessend nach Israel gekommen sind. Sie finden oft Unterkunft und Betreuung in privat gesponserten „Lone Soldier Centers“.

Dass nicht alle immer nur glücklich sind, mit ihrem Leben in Israel und in der IDF versteht sich von selbst. Asher Lovesky beschreibt seine Hin- und Hergerissenheit in der Times of Israel und viele Soldaten erzählen ihre Geschichte hier

Sobald ein Lone Soldier heiratet, verliert er seinen Sonderstatus.

Von denen, die nach Israel kamen, um ihren Dienst bei der IDF zu absolvieren, gehen die meisten nach dem Ende der Dienstzeit wieder in ihre Heimatländer zurück. Viele entscheiden sich später in ihrem Leben, endgültig nach Israel auszuwandern. Einige bleiben auch. So wie Pablo Sazfran, der mit seiner schnellen Reaktion bei Terroranschlag in Tel Aviv in der letzten Woche vielleicht verhindert hat, dass noch Schlimmeres geschah.

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screenshot Facebook

Die Besuche bei den Familien im Ausland finden, wenn möglich um die Zeit der Feiertage im Frühling oder im Herbst statt. Ynet hat in der vergangenen Woche eine Serie von vier Geschichten veröffentlicht. In jeder Folge wird das Leben eines Lone Soldiers ausführlich beschrieben.

Isra-Li Shaked Cariazo, in Israel als Katholikin geboren und später zum Judentum übergetretene junge Frau trifft in Manila nach acht Jahren ihre Familie erstmals wieder.

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Isra-Li-Shaked mit allen Geschwistern

 

Die Eltern von Tomer Kay haben alles unternommen, um möglichst weit weg von Israel zu kommen. Wenn sie eines verhindern wollten, dann, dass ihr Sohn als Freiwilliger zu IDF gehen würde. Deshalb hatten sie, als er 12 Jahre alt was, Israel verlassen. Genutzt hat dieser Fluchtversuch nicht. Sein Besuch bei der Familie in Australien kommt unerwartet.

 

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Tomer mit seiner Mutter und den Geschwistern, in der Mitte sein Zwillingsbruder

A. möchte anonym bleiben, weder wird sein Name genannt, noch werden die Gesichter von ihm und seiner Familie publiziert. Im Sommer 2014 sah er die Raketen auf den Süden Israels fallen. Sein Vater und zwei jüngere Geschwister waren in Israel auf Urlaub. A. entschloss sich, seinen Dienst bei der IDF, und das war sein Traum bei den Golani zu absolvieren. Es braucht einiges an militärisch exakter Planung, um den Besuch in Casablanca möglichst bis zu Schluss vor der Mutter geheim zu halten.

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Tomer mit seiner Mutter und den Geschwistern, in der Mitte sein Zwillingsbruder

Yoni Weisinger musste seine Mutter in New Jersey zunächst einmal enttäuschen. Sie war traurig, dass ihr Sohn zum siebten Mal nicht beim Familienseder dabei sein würde. Hinter ihrem Rücken wurde geplant und organisiert, sogar der Gemeinderabbiner wurde mit in die Vorbereitungen einbezogen. Yoni, der seinen Namen in Erinnerung an den gefallenen Bruder von PM Benjamin Netanyahu erhielt, beschloss bereits mit 15 Jahren allein nach Israel auszuwandern.

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Tomer mit seiner Mutter und den Geschwistern, in der Mitte sein Zwillingsbruder

 

 

 

 

 

 

© esther scheiner, israel

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