Gibt es Juden in Singapur?

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Dass wir im vergangenen Dezember erstmals dem vermeintlich kalten Winter in der Schweiz, der sich als Vorläufer des Frühlings entpuppte, entfliehen wollten, hatte mehrere Gründe; für Singapur sprachen dann konkret: Neugierde, Familienbande und der Reiz des noch nie Erlebten.

Singapur polarisiert. Von Einigen wird die „Gartenstadt“, die nur 147 KM nördlich des Äquators liegt, als notwendiges Übel beim Zwischenstopp auf dem Weg nach Australien oder Neu Seeland angesehen, manch einer spricht von einer unterkühlten Schönheit. Andere wiederum rühmen die Sauberkeit der Stadt und die angeblich preiswerten Shoppingmöglichkeiten in höchsten Tönen.

Ich war zum ersten Mal dort und war begeistert. Überwältigt. Ich gestatte mir, einige blinde Flecken zu haben, die ich mit dem Mäntelchen der Zuneigung zudecke. Aber ich habe mir auch einen kritischen Blick erhalten.

Das moderne Singapur wurde 1819 als Handelsniederlassung der Britisch East India Company gegründet. Partner des Vertrages waren der Sultan von Johor (Malaysia) und Sir Stamford Raffles. Erst 1965, nach einer turbulenten Geschichte, zu der auch die Japaner einen unrühmlichen Teil beitrugen, schied Singapur aus dem Vertrag aus und erlangte die volle Selbstständigkeit.

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Sir Stamford Raffles

An Raffles und die Zeit der Briten erinnern zahlreiche Gebäude im Inneren der Stadt.

Seit dem Beginn der Selbstständigkeit konnte das Gebiet des Landes um nahezu 25% vergrößert werden. Es beträgt nun ca. 719 Km2. Singapur besteht aus 50 Inseln, die größte erstreckt sich über 42 km von Ost nach West und über 22 von Nord nach Süd. Im Norden ist Singapur mit einer Brücke mit dem Nachbarland Malaysia verbunden. Der Grenzübertritt ist für alle – außer für Gäste mit einem israelischen Pass – problemlos. Malaysia ist völlig offen und liberal Juden gegenüber, hat aber eine starke Aversion gegen Israelis. So durften z. B. israelische Windsurfer nicht zur WM einreisen, nachdem sie sich geweigert hatten, auf das Zeigen der israelischen Fahne an den Segeln und in der Nationenbezeichnung zu verzichten.

Die Bevölkerung umfasst derzeit 5,4 Millionen, wobei nur 3,4 Millionen Staatsbürger sind. Die Chinesen stellen mit 74% die größte ethnische Gruppe, gefolgt von den Malaien mit 13%, Indern mit 9% und anderen Gruppen mit 4%.

Viele Einwohner Singapurs, die nicht über die Staatsbürgerschaft verfügen, arbeiten als Repräsentanten von ausländischen Unternehmen und verfügen über den Statut des „permanent resident“.

Mit Englisch, der Verkehrssprache kommt man überall gut durch. Allerdings ist es zweifelhaft, ob man den liebenswürdigen Taxichauffeur, der es ganz besonders gut meint, und der sich als Touristenführer betätigt, versteht. Der chinesische Zungenschlag, der sehr charmant klingt, macht es dem europäischen Ohr, das auf klare Laute konditioniert ist, nicht unbedingt leicht, den Ausführungen zu folgen. Macht nichts, die nonverbale Kommunikation funktioniert bestens, ein Lächeln, ein Nicken und schon folgt der nächste Erklärungsschwall.

Neben Englisch sind Mandarin, Mailisch und das südindische Tamil weitere Landessprachen.

Im Stadtstaat Singapur leben zahlreiche Religionen friedlich nebeneinander. Buddhismus/Taoismus 51 %; christliche Konfessionen 15 %; Islam 14 %; Hinduismus 4 %; Andere 1 %; ohne Religion 15 %.

Die Regierung versteht sich als parlamentarische Demokratie mit 90 Parlamentariern, einem Staatspräsidenten und einem Premierminister.

Die Medien, inklusive TV Sender werden von der Regierung kontrolliert. Empfangsanlagen für Satelliten Programme sind generell verboten, Ausnahmen werden nur für wenige internationale Hotels (und auch dort wieder nur reduziert) erteilt.

Wenn Ende Februar Madonna im grössten Stadion in Singapur auftritt, wo werden es nur die über 18 Jährigen Fans sein, die das Konzert life on stage besuchen dürfen. Jüngere Gäste werden von der Regierung verbannt.

Die Lebenshaltungskosten rangierten weltweit an Nummer 1, gefolgt von Paris, Oslo, Zürich und Sydney.

Und dies, obwohl 95% aller Wohnungen vom Staat errichtet und mit einer Vertragslaufzeit von 99 Jahren zugeteilt werden. Eine 3 Zimmer Wohnung kostet im besten Fall 250.000 Singapur $ (etwa 170.000 CHF), kann aber auch, je nach Ausbauqualität und Baujahr ein Mehrfaches kosten. Die Zuteilung erfolgt nach klar geregelten Richtlinien. Die Frage „Schatz, sollen wir einen Antrag für eine Wohnung stellen?“ darf deshalb durchaus aus Heiratsantrag interpretiert werden.

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Staatlicher Wohnungsbau

Auffallend ist, dass der innerstädtische Verkehr in Singapur im Gegensatz zu Tel Aviv, aber auch zu Zürich nahezu gemütlich verläuft. Hektisch und turbulent wird es erst wieder außerhalb der Innenstadt, wenn die vergleichsweise kleineren Straßen in die großen „Express Highways“ einmünden, die die Stadt mit den Wohngebieten außerhalb verbinden. Da führt ein simpler Auffahrunfall schon mal zu einem Riesenstau.

Wie konnte Singapur sich vor dem Verkehrskollaps schützen? Zum einen ist es das sehr effizient arbeitende ERP (Electronic Road Pricing) System, das jeden Autofahrer nur dann zur Kasse bittet, wenn er die Infrastruktur nutzt. Tut er dies zu einer niederfrequenten Zeit zahlt er weniger, möchte er aber mitten in der Rushhour von A nach B, so zahlt er mehr.

Der Neukauf von Autos ist in Singapur extrem teuer. Ein Neuwagen kann leicht doppelt soviel kosten, wie im Herkunftsland. Dies liegt zum einen am hohen Einfuhrzoll, aber auch an den weiteren zu zahlenden Gebühren, die teilweise pauschal und teilweise abhängig vom Hubraum zu leisten sind. Gebrauchtwagen dürfen bei Eigentümerwechsel nicht älter als drei Jahre sein.

Singapur erkennt keinen im Ausland ausgestellten Führerschein an, innerhalb eines Jahres muss eine Fahrprüfung inklusive des Theorieteils abgelegt werden. Wie glücklich durften wir uns hier in Israel schätzen, dass wir nur die praktische Prüfung ablegen mussten!!

Die Regierung in Singapur ist hart und schnell, wenn es um das Durchsetzen von Gesetzen geht. Kaugummi ist schlicht und einfach verboten, außer ein Tourist kann an Hand einer ärztlichen Bescheinigung belegen, dass er den Kaugummi aus medizinischen Zwecken braucht. In wieweit das Kauen von Nikotin Kaugummis damit gerechtfertigt ist, kann ich nicht sagen. Zigaretten dürfen nur in Minimalmengen (ein angefangenes Päckchen) importiert werden, Nachschub muss in Singapur gekauft werden. Die Zigaretten sind einzeln mit einem Zollstempel versehen. Zuwiderhandlungen sind teuer. Drastische Strafen kommen auch zur Anwendung, wenn man nicht, wie vorgeschrieben den Fußgängerüberweg benutzt, zahlreiche Hinweisschilder erinnern daran. Noch schlimmer ist es, wenn man lügt.

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Zwei „Fliegen“ mit einer Klappe: Alkoholverbot und Fussgängerüberweg

In „Little India“, neben „China Town“ das zweite pittoreske Stadtviertel (beide gefielen uns nicht besonders) ist der öffentliche Konsum von Alkohol von Samstag 7 Uhr bis Montag 7 Uhr, und rund um Feiertage verboten. Gleiches gilt auch für das Vergnügungs- und Rotlichtquartier Geylang. Auch der Verkauf von Alkohol als „Take-away“ wurde neu geregelt. Verstöße gegen dieses Gesetz werden mit S$ 1.000,– bei Privatpersonen (im Wiederholungsfall drohen bis zu drei Monate Haft) und bis zu S$ 10.000,– bei Händlern geahndet. Singapurer lieben es, am Wochenende in einem der zahlreichen Parks ein Barbecue zu organisieren. Für den Zeitraum des Barbecues können bei der Verwaltung Ausnahmebewilligungen eingeholt werden.

Neben den zahlreichen, meist kleinen Kirchen, die noch aus der Zeit der britischen Kolonialzeit stammen gibt es zahlreiche Tempel und Moscheen, die teilweise sehr farbenprächtig ihren Platz im ansonsten hypermodernen Stadtbild verteidigen.

Einer der ältesten Tempel von Little India ist der „Sri Veeramakaliamman“ Hindutempel, der auch gleichzeitig der älteste Tempel der Stadt ist. Erbaut wurde er 1881 von Arbeitern, die aus Bengal nach Singapur einwanderten. Geweiht ist er der Göttin Kali, von der sich die Arbeiter Schutz und Unterstützung erwarteten.

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Der Sri Veeramakaliamman Tempel

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Ein Blick in die Vorhalle

In China Town dominiert der erst im Jahr 2002 gegründete und im Jahr 2008 geweihte „Buddha Tooth Relic Temple“ mit seinem fünf Stockwerke hohen Gebäude die ansonsten niedrigen Häuserzeilen. In einer aus massivem Gold gearbeiteten Stuppah ruht im 4. Stock des Gebäudes ein Zahn, der Buddah Siddhartha Gautama zugeordnet wird. Der Zahn ist, entsprechend der buddhistischen Tradition Träger der spirituellen Kraft, die auf den jeweiligen Besitzer übergeht.

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Der Buddah Tooth Relic Tempel

 

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Die grosse Gebetshalle

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Detailansicht der „100 Buddhas“

 

 

Im Erdgeschoss findet jeder, der sucht und will, „seinen persönlichen“ Buddha, bei jeder der 100 dort befindlichen Miniaturen findet man eine Information, für welches Geburtsjahr und, für welche anderen Komponenten der jeweilige Buddha zuständig ist.

Die gesicherte Geschichte der Juden in Singapur beginnt im Jahr 1830, als neun jüdische Händler mit ihren Familien in Singapur lebten und registriert wurden. 1840 mieteten drei jüdische Geschäftsleute, inklusive einem Mitglied der berühmte Sassoon Familie, ein Grundstück an der heutigen Synagogue Street, um dort eine Synagoge für 40 Personen zu erbauen. Rund um diese Straße siedelten sich die jüdischen Bürger Singapurs an, um in der Nähe der Synagoge zu sein, die sie am Schabbat und an den Feiertagen in kurzer Zeit zu Fuß erreichen wollten. Wenige Jahre später befand sich das Gebäude aber in einem schlechten baulichen Zustand.

Manasseh Meyer, ein britischer Philantrop, erbat von der Regierung die Pacht eines neuen Grundstücks, um dort eine neue Synagoge zu errichten.

Die Maghain Aboth Synagogue, erbaut zwischen 1873 und 1878 an der Waterloo Street ist die älteste noch aktive Synagoge in Süd-Ost-Asien. Das zunächst einstöckige Gebäude wurde in den Folgejahren um ein zweites Stockwerk erweitert, in dem sich die Frauengalerie befindet. Im Keller des Gebäudes liegt die auch heute noch in Betrieb befindliche Mikwe. Der Baustil ist klassizistisch. Dem Gebäude vorgelagert erkennt man heute noch die breite, von Säulen eingerahmte und heute verglaste Zufahrt für die traditionell für Juden in Singapur auch am Schabbat erlaubten Rikschas. Von der Vorfahrt aus führen einige Stufen hinauf in die Synagoge.

Die jüdische Gemeinde in Singapur wuchs rasch und so waren die Platzverhältnisse, vor allem während der hohen Feiertage, bald recht beengt. Manasseh Meyer baute als Reaktion darauf für sich und seine Freunde eine eigene Synagoge, die Chesed El Synagoge, die sich in Gehweite der Hauptsynagoge befand und die 1902 eingeweiht wurde. Das Gebäude verfügte als eines der ersten in Singapur über eine Gaslicht Beleuchtung. Besonders schön sind die bunten Glasfenster, die in ihrer Farbenpracht deutlich an die Chagall Fenster im Fraumünster in Zürich und im Hadassah Hospital in Jerusalem erinnern.

Man erzählt, dass Meyer ältere jüdische Männer dafür bezahlte, als sogenannte Minjan-Männer bei ihm zu fungieren, um sicherzustellen, dass bei jedem Gottesdienst zehn erwachsene Männer anwesend waren. Es muss etwas dran sein, an dieser Erzählung, denn es gibt Berichte, dass die Minjan-Männer 1920 in Streik traten, um eine bessere Bezahlung für ihre Dienste zu erkämpfen.

1931 werden im Zensus 931 Juden als in Singapur lebend festgehalten. Zusammen mit den Arabern waren sie zu der Zeit die größten Grundbesitzer. Heute leben in Singapur ca. 2000 jüdische Familien, die aber großteils nicht in den beiden Gemeinden organisiert sind.

Doch es waren nicht nur die beengten Platzverhältnisse, die zu dieser Trennung führten. Zu den bisher in der Stadt ansässigen Juden aus Europa kamen nun die asiatischen Juden. Beide Gruppen hatten Probleme, ihre ureigensten Vorstellungen miteinander zu koordinieren. Heute wird in der Maghain Aboth Synagoge nach Chassidisch-Aschkenasischem Ritus gebetet, in der Chesed El Synagoge nach Sephardischem. Beide Synagogen sind aktiv, wobei in der Chesed El Synagoge die Gottesdienste am Montagvormittag und an den hohen Feiertagen stattfinden, während in der Maghain Aboth Synagoge am Freitagabend, Schabbat und an den Feiertagen gebetet wird.

In einem zweiten Teil werde ich über das Gemeindeleben in der Maghain Aboth Synagoge berichten, das wir an zwei Schabbatot erleben durften und auch von einigen interessanten Menschen berichten, die zu treffen wir die Ehre und das Vergnügen hatten.

Ein paar Bilder des modernen Singapur

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Blick vom 56. Stockwerk des Marina Sands Bay Hotels – links der Containerhafen, der Finanzdistrikt, rechts anschliessend im Vordergrund Teile des“alten Singapurs“ aus der Zeit der britischen Kolonialzeit, ganz rechts die Esplanade und der Marian Distrikt

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Das Marina Sands Bay Hotel, dahinter der „Garden at the Bay“ Park, im Vordergrund links die der menschlichen DNA Kette nachempfundene Helix Brücke, anschliessend der Eingangsbereich zur Marina Sands Mall

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Blick aus der weihnachtlich geschmückten Mall auf den Finanzdistrikt

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Das soll wohl an Venedig erinnern, „Gondelfahren“ quer durch die Mall

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„Vertical gardening“ im Finanzdistrikt

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Krombacher – eine Perle der Natur

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Sonnenuntergang, ganz links vorne das Fullerton Hotel, ganz rechts das Opernhaus

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50.000 handbeschriftete Kugeln als Teil des Projektes „50 Jahre Singapur“

2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Gibt es Juden in Singapur?

  1. Herzlichen dank für diesen seriös recherchierten, interessanten und aufschlussreichen einblick in diese stadt, die ich gerade zum ersten mal besuche

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  2. L.Brunzel

    Danke, es hat mir auch gefallen und geholfen.

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