Wir müssen Muslime akzeptieren – sie uns aber auch

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Dieser Artikel erschien in der Welt am 15.10.2015 und wird hier mit freundlicher Bewilligung des Autors veröffentlicht. Unter dem Titel: „Warum immer tolerant sein?“ erschien er am 16. Oktober auch in der Printversion der Welt.

Ins Englische übersetzt wurde der Text von Translation International, Tel Aviv und erscheint in der Form auch in meinem englischsprachigen Blog.

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Im Multikulti-Staat ist die Achtung des Einzelnen wichtiger als die Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Das setzt eine Offenheit und Kritikfähigkeit voraus, die auf der islamischen Seite oft fehlen.

Der Flüchtlingsstrom aus Syrien und anderen muslimischen Ländern hält an und stellt Deutschland nicht nur vor logistische Schwierigkeiten. Brennende Flüchtlingsheime auf der einen und „Refugees Welcome“-Banner auf der anderen Seite sind die sichtbarsten Zeichen einer Auseinandersetzung über der Frage, wie man mit Neuankömmlingen aus einem so anderen Kulturkreis umgehen soll. Den Bedenkenträgern wirft man oft Islamophobie vor, und es wird mehr Toleranz gefordert.

Das klingt richtig, aber es bekommt einen schalen Beigeschmack, wenn man bedenkt, dass der in Deutschland real existierende Judenhass, der durch den von den Flüchtlingen mit eingeschleppten Hass noch verstärkt werden wird, keinen Aufreger mehr wert ist. Schon lange müssen unsere Gebetshäuser, Kindergärten, Schulen und Gemeinden von Polizisten mit Maschinenpistolen bewacht werden.

Für diesen Schutz bin ich natürlich sehr dankbar. Auch wenn es dadurch für jüdische Kinder in Deutschland kein unbeschwertes Aufwachsen gibt: Jeder Gang in den Kindergarten, zur Schule und in die Synagoge geht an schwer bewaffneten Männern und Frauen vorbei.

 

Rassismus und Fußball

Es ist also eigentlich an der Zeit, mehr Toleranz für deutsche Juden einzufordern, vor allem von den Neuankömmlingen. Aber: Will ich tatsächlich als Jude in Deutschland toleriert werden? Nein! Niemals!

Ich bin von Beruf Techniker, daher verstehe ich Toleranz zuvorderst als maximal zulässige Abweichung von der Norm. Ein Blatt Papier gilt nur dann als DIN A4, wenn es tatsächlich 210 Millimeter breit und 297 Millimeter hoch ist. Ein zehntel Millimeter mehr oder weniger wird toleriert, weil das Blatt dann noch in jedem A4-Drucker sauber eingezogen wird. Toleranz ist also immer eine hingenommene Abweichung von der Norm und eine sehr einseitige Sache. Das Papier beziehungsweise sein Hersteller muss sich der Norm fügen.

Toleranz ist auch im weniger technischen Umfeld kein eindeutig positiver Begriff. Im Profifußball werden Spieler von Managern danach ausgewählt, wie gut sie spielen und was sie kosten. Nach Hautfarbe geht es dabei offenbar nicht, denn es gibt zahlreiche farbige Spieler in der Bundesliga und noch viel mehr Nazis auf den Rängen. So kommt es immer wieder zu widerwärtigen Ausbrüchen von Rassismus. Der DFB und die Vereine starten dann Kampagnen für mehr Toleranz im Fanblock.

 

Juden und Toleranz

Versetzen Sie sich mal in die Lage eines farbigen Spielers, der von irgendwelchen Nazis aus den Rängen mit Bananen beworfen und beschimpft wurde. Wären Sie glücklich, wenn die Nazis die Bananen in Zukunft lieber aufessen und Sie, wie gefordert, tolerieren?

Nein! Sie wollen von den Fans akzeptiert oder, besser noch, geachtet sein, ja gefeiert werden für Ihre sportlichen Leistungen! Denn wenn man Sie toleriert, obwohl Sie schwarz sind, dann erhebt man „Weiß“ zur Norm und „Schwarz“ zur tolerierten Abweichung. Der Spieler aber will, dass nicht die Hautfarbe, sondern Spielstil, Ausdauer, Lauffreude, Torgefährlichkeit und Zweikampfstärke Teil der Norm sind.

Ich will als Jude in Deutschland auch nicht toleriert werden. Ich will als Ich, als Mensch akzeptiert, bestenfalls geschätzt sein. Religiöser Jude zu sein bringt manchmal Schwierigkeiten mit sich. Etwa, weil ich nur koscheres Essen esse oder am Freitagabend wegen der Sabbatruhe nicht mit ins Kino gehe. Mein religiöses Verhalten kann man gerne beknackt finden und dann gnädig tolerieren, aber mich als religiöse Person und Mensch bitte nicht. Meine Religion sollte nicht Teil der gesellschaftlichen Norm sein, gemeinsames Essen und ins Kino gehen schon eher.

 

Akzeptanz aber ist keine Einbahnstraße wie die Toleranz. Sie funktioniert nur gegenseitig

Es ist die schwere Aufgabe der Politik, diese Normen zu finden. Das Grundgesetz ist dabei die Grundlage, die wichtigste existierende Normsammlung in Deutschland, und sie lässt richtigerweise keine große Toleranz zu.

Tolerieren wir also die Muslime, alteingesessene oder neu eingewanderte, in Deutschland nicht, sondern akzeptieren wir sie. Denn Muslime gehören zu Deutschland genau wie jeder andere hier lebende Mensch. Akzeptanz aber ist keine Einbahnstraße wie die Toleranz. Sie funktioniert nur gegenseitig. Vielleicht rufen deswegen so viele nach bedingungsloser Toleranz? Weil sie dann zwar von den Tolerierenden alles, von den Tolerierten aber nichts fordern müssen?

Genauso schlimm wie die herablassende Toleranz für einen Menschen ist der Respekt, den eine Religionsgemeinschaft einfordert. Das Wort Respekt hat vielerlei Facetten: Ich respektiere etwa Leistungen oder die Privatsphäre anderer. In den meisten Fällen aber ist Respekt ein Synonym für Angst oder Furcht: Ich habe Respekt vor den Reißzähnen eines großen Hundes.

 

Nicht die Religion, der Mensch muss respektiert sein

Ist es das, was verlangt wird, wenn ich aus Respekt vor dem Islam keinen Mohammed malen soll? Was sind das für Gläubige, die, statt sich gelassen ihren Teil zu denken, zu einer gewaltbereiten, beleidigten Leberwurst mutieren, weil jemand despektierlich von ihrem Propheten spricht? Sie wollen keinen Respekt. Sie wollen, dass wir Angst haben!

Auch andere Religionen sind auf den Trip mit dem Respekt und der Leberwurst gekommen. Lasst den Unfug! Ich respektiere Menschen für ihre Leistungen, ihre Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Kritikfähigkeit und mehr, aber nicht für eine religiöse Überzeugung. Wenn jemand als Muslim einem Propheten hinterherläuft, der ein Analphabet war, einen Krieg nach dem anderen angezettelt hat, und seine Lieblingsfrau war neun Jahre alt bei ihrer Deflorierung, dann verdient er meinen Respekt?

Soll man mich dafür respektieren, dass ich mit Moses einen Propheten habe, der einen Ägypter erschlagen und heimlich verscharrt hat, furchtbar stotterte, den direkten Weg nach Israel nicht gefunden hat und deshalb ein ganzes Volk 40 Jahre lang quer durch die Wüste hat irren lassen? Verdient ein Christ Respekt dafür, dass er einen Propheten vergöttert, der elendig am Kreuz gestorben ist und vorher der Welt eine Erbsünde eingeredet hat, die er dann durch seinen erbärmlichen Tod heldenhaft auf sich nehmen konnte? Nein! Respekt muss man sich mit eigenen Taten, mit eigenen Errungenschaften verdienen. Als Mensch und als Gruppe. Wer bedingungslosen Respekt einfordert, der meint mit Respekt Furcht und Angst.

 

Ein Zusammenleben zwischen Menschen und Kulturen funktioniert nur, wenn alle Seiten es mitgestalten

Toleranz und der unterwürfige Respekt sind zwei Seiten derselben vergifteten Medaille. Die Toleranzgrenzen werden aus Respekt gedehnt und von diesem Erfolg ermuntert, wird noch mehr Respekt gefordert. Ein Teufelskreis. Die gnädige Toleranz ist hierbei eine Selbsterhöhung und der Respekt eine Unterwerfung. Die Spannung, die sich beim Wechsel von einem zum anderen aufbaut, entlädt sich irgendwann zwangsläufig in einem Knall.

Ein Zusammenleben zwischen Menschen und Kulturen funktioniert nur, wenn alle Seiten es mitgestalten. Das bedeutet nicht, dass Zuwanderer sich komplett integrieren oder gar assimilieren müssen. Im Gegenteil: „Bunt“ funktioniert ja nur, wenn Farben harmonisch nebeneinander ein schönes und buntes Bild von Deutschland ergeben. Zu sehr vermischt werden die Farben ein hässliches, dreckiges Leberwurst-Nazi-Braun, und das will ja keiner. Oder etwa doch?

 

 

Der Autor, Eliyah Havemann, 40, arbeitet derzeit als IT-Spezialist in Israel. 2014 erschien sein Buch: „Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum?“

 

Das ausschliessliche Copyright liegt beim Autor!

 

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