Klassenreise nach Berlin 1974 und Busfahrten im WJL 2015

ב“ה

Als wir uns 1974 auf die damals obligatorische Klassenreise nach Berlin aufmachten, kam eine unserer Mitschülerinnen in den Genuss eines Fluges. Sie war Armenierin mit französischem Pass und durfte deshalb nicht gemeinsam mit uns mit dem Zug anreisen. Während wir uns noch durch die mühsamen, stundenlangen Kontrollen am Bahnhof Friedrichstrassen quälten, wartete sie schon vor unserer Unterkunft, dem Jugendgästehaus Henry Dunant in Berlin Kreuzberg, in Sichtweite des Springer Hauses, des Anhalter Bahnhofs und … der Mauer. Auch für den Übergang zwischen West- und Ostberlin mussten wir uns von ihr trennen und konnten nur hoffen, sie am Checkpoint Charly auch wirklich wieder zu treffen.

Auf der Fahrt nach Berlin, es war der schneereiche Februar im Jahr 1974, blieb unser Zug plötzlich aus unerklärlichen Gründen stehen. Nach einer Stunde verloren wir, d. h. ca. 200 SchülerInnen, die Geduld und verliessen den Zug. Warum? Ganz einfach, wir wollten die Zeit für eine zünftige Schneeballpartie nutzen! Aber, da hatten wir die Rechnung ohne die VOPOs gemacht. Unsere „Gegner“ waren offensichtlich Strafgefangene eines Lagers, auf dessen Grund unser Zug nun stand. Die Gefangenen hatten offensichtlich gerade Hofgang (in dem Fall „Feldgang“) und hatten ebenso viel Spass wie wir an dieser unvorhergesehenen Abwechslung. Die VOPOs fanden es gar nicht lustig, fuchtelten mit ihren Gewehren vor uns herum und liessen ihre Hunde auch gefährlich nahe an uns heran. Mit dem Ergebnis, dass wir zack zack wieder in den Waggons verschwanden. Und sie uns weitere Stunden schikanierten und in der Kälte stehen liessen.

In Berlin selbst war es dann ganz schlimm.

War das Foto auf dem Ausweis zu alt, folgte eine gesonderte Befragung über eine Stunde lang.

Hatte man etwas Unerlaubtes dabei, wie ich einen DPA Presseausweis, folgte eine gesonderte Befragung über eine Stunde, Einzug des Ausweises, Rückgabe erst auf Antrag nach mehreren Stunden.

Auf Mitführen von politischen Schriften folgte die Verweigerung der Einreise.

Auf Mitführen von nicht erlaubter Musik auf Tonträgern, folgte die Verweigerung der Einreise….

Es gäbe noch jede Menge Beispiele.

So geschehen anno 1974: Deutsche besuchen Deutsche.

Niemand sprach von Apartheid, niemand sprach von Separatismus.

Mai 2015 Israel. Ein Sturm der medialen Entrüstung überzieht Israel und Europa. „Netanyahu nimmt die neue Regelung zurück, die für die Palästinenser im WJL separate Busse vorsieht.“ Habe ich etwas verpasst? Obwohl ich die Nachrichten aus Israel regelmässig mehrmals am Tag checke, war mir eine entsprechende Nachricht, die diese neue Vorschrift ankündigte nicht aufgefallen, es gab sie nicht.

Im Haaretz,  dem zuverlässigsten israelischen Medium für innere Israelkritik finde ich tatsächlich einen Artikel vom 20. Mai (Mittwoch) 12:14, der berichtet, dass diese Vorschrift bereits im Januar hätte realisiert werden sollen, damals aber an organisatorischen Hindernissen gescheitert sei.

Um was geht es bei diesem „Skandal“ genau? Wer die in den letzten Wochen bei mehreren TV Sendern ausgestrahlte Reihe „24h Jerusalem“ gesehen hat, erlebte in der ersten Folge, wie anstrengend und zeitaufwendig es für einen Arbeiter aus dem WJL ist. Er muss morgens kurz nach vier Uhr sein Haus verlassen, fährt dann mit dem Auto bis in die Nähe von Bethlehem, von wo aus er mit einem Freund weiter mitgenommen wird. Irgendwann erreichen sie einen der Checkpoints.

Arbeitnehmer die über eine „Bleibebewiligung“, die sie berechtigt während eines genau definierten Zeitraumes in Israel nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu übernachten, sowie Inhaber einer israelischen ID können durch einen eigenen Durchgang den Checkpoint passieren. Dort ist die Abfertigung schnell und unkompliziert. Wer „nur“ über ein Arbeitsvisum verfügt, muss sich in der langen Schlange anstellen. Wie schnell es geht, niemand weiss es, die Kontrollen sind umfangreich und ganz sicher auch manchmal schikanös.

Arbeitsbewilligung

Arbeitsbewilligung

Schlangen vor dem Checkpoint

Schlangen vor dem Checkpoint

Hinter dem Checkpoint warten Busse, mit denen die Arbeiter zu ihren Arbeitsplätzen gefahren werden.

Bisher war die Rückreise um ein Vielfaches einfacher. Jeder konnte mit dem Transportmittel fahren, das ihn am schnellsten zu einem Checkpoint brachte. Ob dies ein israelischer öffentlicher Bus war, ein Sammeltaxi, ein Privatwagen, alles war erlaubt.

Die neue Bestimmung besagte nun, dass für die Ein- und Ausreise derselbe Checkpoint benutzt werden muss. Hierfür stehen einige spezielle Übergänge zur Verfügung. Eine gute Übersicht über alle Übergänge findet man hier.

Das alleine wäre vielleicht nicht so schlimm, wenn auch u. U. zeitaufwendig für die Pendler. Die zweite Veränderung war es, die die Gutmenschenseele zum Überkochen brachte: das Verbot, für die Fahrt zur Grenze einen der israelischen Busse zu nehmen.

Palästinensischer Bus im WJL

Palästinensischer Reisebus

Ist z. B. jemand über Eyal ausgereist, weil er dort abgeholt wird, so konnte er bisher die im WJL fahrenden israelischen Busse benutzen, die von Jerusalem aus auf der Schnellstrasse 5 bis nach Ariel (in der Nähe von Kfar Saba) verkehren. Mit diesen Bussen konnte er jeden beliebigen Übergang nutzen. Nun muss er schauen, wie er weiter nach Norden kommt, um wieder über Eyal einzureisen. Das braucht nicht nur Zeit, sondern auch logistische Vorausplanung, wer welches Auto wo parkt, um abends rasch weiter zu kommen.

Verhindert werden sollte mit dieser, zunächst für drei Monate geplanten Massnahme, dass potenzielle Terroristen ihre Anschläge in genau diesen Bussen ausüben. Das scheint mir aber unwahrscheinlich zu sein. Der potenzielle Terrorist könnte, da er sich ja bereits in Israel befindet, jederzeit zu jedem Ort fahren und seinen Anschlag dort ausüben. Warum sollte er dies gerade auf der Heimreise tun?

Die letzten der Terrorattacken in Jerusalem wurden von Palästinensern aus Ostjerusalem begangen, die bequem mit ihrem Auto oder mit jedem beliebigen anderen Transportmittel von Ost- nach Westjerusalem fahren können und nicht von Bewohnern des WJL. Ich erinnere an die schrecklichen Terrorattacken, die mit riesigen Baufahrzeugen ausgeübt wurden, oder auch die letzten „hit and run“ Attacken auf unschuldige Menschen, die an den Haltestellen auf den Light Train warteten. Auf den meisten Baustellen in Jerusalem sind die Arbeiter zu 99% arabisch, die meisten von ihnen kommen aus Ostjerusalem, nur wenige aus dem WJL. Wer aus diesem Gebiet eine Arbeitsbewilligung haben möchte, muss warten, obwohl die Kontingente nicht ausgeschöpft sind. Hindernisgrund ist oft ein fehlendes Führungszeugnis. Oder eines, das bereits Einträge aufweist….

Bereits im vergangenen Oktober hatte der damalige und jetzige Verteidigungsminister Moshe Ya’alon sich dem Druck des Siedlerkommitees gebeugt, das verlangte den „unhaltbaren Zustand“ in den Linienbussen von Tel Aviv, Jerusalem und Petach Tikva zu beenden. Das Transportministerium reagierte darauf, indem es die Frequenz der entsprechenden Linien erhöhte, um die Situation zu entflechten, und sagte dazu, dass es ungesetzlich sei, die Palästinenser von der Benutzung dieser Busse abzuhalten. Weiterhin wurde festgehalten: „Wir werden es keinem Palästinenser verunmöglichen, sein Fahrtziel zu erreichen.“

Ya’alon stellte sich damals, ebenso wie in dieser Woche klar gegen die Aussage der IDF, die in der Gruppe der palästinensischen Arbeiter die legal hin- und herreisen kein Sicherheitsrisiko sehen. Es ist sein Tanz um das Goldene Kalb der Koalitionspartner. Ein Kotau vor der Siedlerpartei HaBayit HaYehudi.

Kaum war die Meldung bei twitter, facebook, und anderen Medien gelandet, war es, als hätte er Öl in ein bereits hell brennendes Feuer gegossen: Israel, das, allen voran von der UNO als Apartheidstaat bezeichnet wird, schien seinen Anklägern Recht zu geben!

PM Benjamin Netanyahu zog darauf kurzfristig die Rettungsleine: „Diese Pläne entsprechen nicht den Vorstellungen des PM.“ lautete der knappe Kommentar, nachdem die Anweisung „auf Eis gelegt“ worden war.

Schlechter gewählt hätte der Termin für eine dermassen anfechtbare Anweisung nicht gewählt werden können. Am selben Tag weilte der Präsident der FIFA, Sepp Blatter in Israel. Er versuchte, bisher ohne wirklichen Erfolg, den palästinensischen Antrag zu kippen, mit dem Israel aus der FIFA verbannt werden soll. Der Grund für den Antrag sind „ungerechtfertigte“ Reisebehinderungen der palästinensischen Fussball Stars. Mindestens einer von ihnen ist ein verurteilter Terrorist.

Blatter bei einem Freundschaftsspiel Palästina-Dakar im WJL 2011

Blatter bei einem Freundschaftsspiel Palästina-Dakar im WJL 2011

Auch der Besuch der neuen EU Aussenministerin Frederica Mogherini begann am gleichen Tag. Ganz weit oben auf der Liste ihrer Aktivitäten steht ISRAEL und die Wiederaufnahme der israelisch-palästinensischen Verhandlungen. Netanyahu, an diesem Tag voll auf Schadensbegrenzung eingestellt, beeilte sich denn auch, zu versichern, dass er eine nachhaltige Zwei-Staaten-Lösung anstrebe. Morgherini freute sich über diese Zusage, aus Washington kam ein eher dem des Theaterdirektors im Faust gleichender Kommentar, der Netanyahu zum Handeln bringen will:

Der Worte sind genug gewechselt, 


Lasst mich auch endlich Taten seh’n! 


Indes ihr Komplimente drechselt, 


Kann etwas Nützliches gescheh’n.

Was hilft es, viel von Stimmung reden? 


Dem Zaudernden erscheint sie nie.

(Faust 1, Kap. II, Vorspiel auf dem Theater)

So beeilte sich Verteidigungsminister Ya’alon am Montag, nachdem der mediale shitstorm über ihn hereingebrochen war, zu erklären: „Jeder gut geführte und verantwortungsbewusste Staat wird, vor allem wenn er ein Sicherheitsproblem hat, sowohl die Ein-, als auch die Ausreisen an den Grenzen überprüfen. Es gibt keine Trennung zwischen Juden und Arabern in den öffentlichen Transportmitteln in Judea und Samaria. Darüber haben wir nicht diskutiert. Wir haben keine solche Entscheidung getroffen und planen auch keine dieser Art.“

ShowImage.ashx

Vom Oppositionsführer Isaac „Buji“ Herzog war zu hören, dass man in diesen sensiblen Zeiten alles vermeiden muss, um den Namen und den Ruf Israels zu beschädigen.

Recht hat er!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s