Deutschland – Israel, eine neue Freundschaft entsteht – Teil II von Weizsäcker bis Gauck (1984 – 2015)

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Richard von Weizsäcker (1984 – 1994) Sein Geburtsjahr, 1920, bescherte ihm noch nicht ganz das, was Kanzler Kohl, Geburtsjahrgang 1930 als „Gnade der späten Geburt“ bezeichnete.
1984 formulierte Kohl in seiner Rede anlässlich der Begrüßung am Flughafen Ben Gurion, er sei als Vertreter eines ‚neuen Deutschland‘ gekommen, als ‚erster Bundeskanzler aus der Nachkriegsgeneration‘, die einen unbefangeneren politischen Umgang zwischen Deutschen und Israelis wolle als frühere Generationen.“  Die Worte, die er in der Knesset fand, zeigten den etwas holzigen Oggersheimer als den Typus, den er bis zum Ende seiner politischen Karriere war: den etwas verschwurbelten Badenser. „Ich rede vor Ihnen als einer, der in der Nazizeit nicht in Schuld geraten konnte, weil er die Gnade der späten Geburt und das Glück eines besonderen Elternhauses gehabt hat.“ 
Während Kohl sich nonchalant selber entschuldete, stand von Weizsäcker zu seiner Vergangenheit.
Richard und Heinrich von Weizsäcker wurden gleich zu Beginn des Polenfeldzuges im September 1939 eingezogen und marschierten mit den Nazi Truppen nach Polen ein. Schon am ersten Tag der Kampfhandlungen musste Richard miterleben, wie sein Bruder in seiner unmittelbaren Nähe fiel. Er begrub ihn selber. Trotz diesem Verlust blieb ihm nichts übrig, als seinen Dienst fortzusetzen. Verwunden hat er dieses traumatische Erlebnis nie. 1945 wurde er in Ostpreußen verletzt und erlebte das Ende des Krieges in einem Hospital. Weizsäcker hat es in seinem Leben nie verleugnet, Offizier in Hitlers Kriegsmaschinerie gewesen zu sein. Später hat er seinen Vater verteidigt, noch als Student. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wurde der Vater wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig gesprochen und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Wie kann ein Sohn das als gerecht empfinden und zur Kenntnis nehmen?

Es sind gerade die Unebenheiten in seinem Leben, die Stolpersteine, die ihn glaubwürdig machten. Er war der Präsident der großen deutschen und europäischen Umbruchphase, ohne dass er die Wiedervereinigung Deutschlands archetektonisch forcierte, wie Kohl und Gorbatschow, ohne, dass er Zäune durchschnitt wie die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock und Gyula Horn. 
Er hielt eine Rede. Eine Rede in der er all das zusammenfasste, was sein Leben, seine Erlebnisse, seine Erkenntnisse waren. Eine Rede, die so ehrlich war, dass sie möglicherweise eine der Grundlagen schuf, dass nur wenige Jahre darauf die deutsche Wiedervereinigung möglich wurde. Eine Rede, die vielleicht das Vertrauen der westlichen Welt in ein neues, verändertes Deutschland schuf.

„…Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.
Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.
Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.
(…)
Gewiss, es gibt kaum einen Staat, der in seiner Geschichte immer frei blieb von schuldhafter Verstrickung in Krieg und Gewalt. Der Völkermord an den Juden jedoch ist beispiellos in der Geschichte.
Die Ausführung des Verbrechens lag in der Hand weniger. Vor den Augen der Öffentlichkeit wurde es abgeschirmt. Aber jeder Deutsche konnte miterleben, was jüdische Mitbürger erleiden mussten, von kalter Gleichgültigkeit über versteckte Intoleranz bis zu offenem Hass.
Wer konnte arglos bleiben nach den Bränden der Synagogen, den Plünderungen, der Stigmatisierung mit dem Judenstern, dem Rechtsentzug, der unaufhörlichen Schändung der menschlichen Würde?
Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten.
Mit diesen Worten nahm er vierzig Jahre nach Kriegsende den Druck aus allen Bemühungen der korrekten Formulierung indem er klar sagte: der 8. Mai 1945 war der Tag der Befreiung. Der Tag der Chance, hinter dem die Kapitulation zurücktreten konnte.

Was in den Geschichtsbüchern bestenfalls als nie gelesene Fussnote steht, 17 Tage zuvor hatte Helmut Kohl in Bergen-Belsen gesagt: „Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung.“
Auch in Israel wurde die Rede mit grosser Zufriedenheit zur Kenntnis genommen. Von Weizsäcker wurde als erster deutscher Bundespräsident zu einem Staatsbesuch nach Israel eingeladen. Chaim Herzog bezeichnete den Besuch als „historische Wendemarke in der Beziehung beider Staaten“.
Dem ersten Besuch von 1985 folgte im Jahr 1991 noch ein zweiter.
In seine Amtszeit fiel auch die grosse Zeit des Umbruches mit dem Fall der Berliner Mauer. Für ihn, der unmittelbar vor seinen Jahren als Bundespräsident Berlins regierender Bürgermeister gewesen war, waren die Nacht der Maueröffnung und die Tage darauf nicht nur ein politisches Erdbeben, sondern auch ein überwältigendes emotionales Erlebnis.
Von Weizsäcker hatte sich immer als Präsident aller Deutschen gefühlt, nun war dieser Wunsch Realität geworden.
Roman Herzog (1994 – 1999) Als erster Präsident hatte er seinen Amtssitz von Anfang an in Berlin. Seine Amtszeit war geprägt durch einschneidende Änderungen der Gesetzgebung, die durch die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 notwendig geworden war. Seine vorhergegangene zehnjährige Karriere als Vizepräsident und Präsident des Bundesverfassungshofes halfen ihm dabei massgeblich. Herzog war nach Weizsäcker der erste Präsident, der von den Deutschen eine deutliche Wandlung verlangte. Es müsse, so forderte er, „ein Ruck“ durch Deutschland gehen. Es dürfe nicht sein, dass Deutschland in Trägheit verharre, im Gegenteil, der Wille nach Reform- und Änderungsbereitschaft müsse schneller erkennbar werden, den Visionen müssten auch Fakten folgen. Klar, aber vor allem bei  den „Vertriebenen Verbänden“ nicht beliebt, war die Feststellung, dass Deutschland keinerlei Anspruch auf die im Krieg verlorenen Ostgebiete habe.


Die Rolle der deutschen Bundespräsidenten als aktive Politiker scheint nach diesen beiden hochpolitischen Präsidenten festgeschrieben.
Vielleicht hat sein Geburtsdatum, 1934, das neue Rollenverständnis als Bundespräsident ermöglicht. Er war der erste, der in seiner Biografie nichts verschleiern musste, was ihn und seine Rolle während der Nazizeit betrifft. Vielleicht hat es diese wohltuende Leichtigkeit erst möglich gemacht, unverkrampft mit dem neuen, nicht immer unkomplizierten Deutschland und seiner Beziehung zur globalen Staatengemeinschaft umzugehen.
1994 und 1998 besuchte Herzog Israel. Anlässlich eines Staatsbankettes fand er Worte, die auch heute noch gelten: „Deutschland hat sich in all diesen Jahren redlich bemüht, ein stetiger und verlässlicher Partner und Freund Israels zu sein. Daran wollen wir auch in Zukunft festhalten.“ Das klingt doch wie die Beteuerung von Kanzlerin Merkel, dass Israels Sicherheit nicht verhandelbar sei! Und „Mit besonderer Freude und Sympathie verfolgen wir in Deutschland den politischen Fortschritt im Nahen Osten, der erstmals seit der Gründung des Staates Israel für alle Völker der Region die konkrete Perspektive auf einen umfassenden, gerechten und dauerhaften Frieden und auf eine gedeihliche Entwicklung eröffnet. Unsere Hochachtung gilt dem Mut und der Weitsicht der Politiker, die diese Entwicklung ermöglichen und die sich auch durch Rückschläge und Gegenkräfte nicht von dem einmal eingeschlagenen Verständigungskurs abbringen lassen.“
Diesen Satz möchte ich dringend allen heutigen Antizionisten und Kritik nur um der Kritik willen Übenden ans Herz legen. 
Johannes Rau (1999 – 2004) „Bruder Johannes“, so der Spitzname dies volksnahen Politikers, versuchte mehrfach, eines der höchsten Staatsämter zu gewinnen. 1987 scheiterte er gegen Helmut Kohl bei der Wahl zum Bundeskanzler, 1994 unterlag er Roman Herzog bei der Bundespräsidentenwahl. Erst im dritten Anlauf gelang es ihm, die beiden Gegenkandidatinnen, Dagmar Schipanski (CDU) und Uta Ranke-Heinemann (PDS) aus dem Rennen zu  werfen.


Das Pikante an der Kandidatur Ranke-Heinemanns war, dass sie die Tochter des Alt-Bundespräsidenten Gustav Heinemanns und damit gleichzeitig die Tante von Raus zweiter Ehefrau war. Die wiederum war eine Enkelin Heidemanns.

Sein Leitsatz „versöhnen statt spalten“ beeinflusste seine gesamte Amtszeit. Ein Hauptaugenmerk lag innenpolitisch auf der Integration von Ausländern und Minderheiten, außenpolitisch im Einfordern von Menschenrechten.
Einen wesentlichen Schritt zur Normalisierung der Beziehungen Israel-Deutschland machte er mit seinem Besuch in Israel im Jahr 2000. Er hielt dort vor der Knesset eine vielbeachtete Rede in deutscher Sprache. Der Beginn einer neuen Aera. 
In dieser Rede ging Rau den nächsten Schritt in die richtige Richtung, um die Beziehung Israel-Deutschland weiter zu entkrampfen. Er bat stellvertretend die Knesset Mitglieder und die Regierung um Vergebung, weil es, wie er sagte, keine Gräber der Opfer gäbe, an denen er dies tun könne.
„Im Angesicht des Volkes Israel verneige ich mich in Demut vor den Ermordeten, die keine Gräber haben, an denen ich sie um Vergebung bitten könnte. Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben, für mich und meine Generation, um unserer Kinder und Kindeskinder willen, deren Zukunft ich an der Seite der Kinder Israels sehen möchte.
Ich tue das vor Ihnen, den Vertretern des Staates Israel, der nach 2000 Jahren wiedergeboren wurde und den Juden in der Welt, vor allem aber den Überlebenden der Shoah Zuflucht gegeben hat.“
Mit diesen Worten legitimierte er auch die Gründung des jüdischen Staates Israel.
Seine ganz besonderen Bemühungen waren es, die Jugendlichen beider Staaten, in denen er berechtigterweise die Zukunft beider Völker sah, miteinander zu verbinden, und so das gegenseitige Verständnis für die teilweise gemeinsame Geschichte zu vertiefen. So rief er im Jahr 2000 anlässlich seines Israelbesuches das Johann Rau Stipendium ins Leben 
Im Rahmen eines alljährlichen Wettbewerbes werden jeweils 20 SchülerInnen ausgewählt. Für zwei Wochen reisen sie nach Deutschland, leben dort bei Gastfamilien und besuchen mit deren Kindern gemeinsam die Schule. Anschliessend besuchen sie gemeinsam mit ihren neuen Freunden Berlin, wo ihnen ein massgeschneidertes historisch-touristisches Programm angeboten wird. Verwaltet wird das Stipendium vom Auswärtigen Amt.
Horst Köhler (2004 – 2010) war der erste der beiden nicht ganz glücklichen Präsidenten. Köhler, im Jahr 1943 in Polen geboren, erlebte das typische Schicksal der Kriegsflüchtlinge. 1944 floh die Familie vor den Truppen der Roten Armee nach Leipzig. 1953 flohen sie ein zweites Mal, diesmal vom Osten Deutschlands in den Westen, wo sie bis 1957 in verschiedenen Flüchtlingslagern unterkamen, bis sie sich 1957 in Ludwigsburg endgültig niederliessen.
Seine berufliche Vorgeschichte vor seiner Zeit als Bundespräsident prädestinierte ihn dazu, sich besonders der Entwicklung der Wirtschaft innerhalb Deutschlands, aber auch der Schwellenländer anzunehmen. Die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Synthese der Generationen und die menschliche Globalisierung waren seine Themen.
Diese Vorgeschichte, die fast ausschliesslich in der nationalen und internationalen Finanzwelt angesiedelt war, sorgte während der Vorbereitung zur Wahl für heftige Diskussionen. Er war der gemeinsam von CDU, CSU und FDP nominierte Kandidat, die Gegenkandidatin der Regierungspartei SPD war Gesine Schwan. Während der DGB und Attac http://www.attac.de/was-ist-attac/ seine Kandidatur heftig ablehnten, waren vor allem die Wirtschaftskreise glücklich über einen Kandidaten, der nicht aus der Politik, sondern aus der Wirtschaft kam.

Köhler wollte, so seine Ankündigung, ein unbequemer Präsident sein, er wollte sich nicht zum „Grussonkel“ degradieren lassen. Er wollte mitsprechen. Er wollte Gesetze nicht einfach nur durchnicken und abzeichnen, sondern er wollte über sie diskutieren. Obwohl seine politische Heimat die CDU war, bezeichnete er die der SPD als nicht weitreichend genug. Dieser Agenda „verdankt“ Deutschland u.a. auch das menschenverachtende Hartz IV Konzept, das so viele Probleme für die davon Betroffenen gebracht hat.
2004 drückte er seine Hoffnung aus, dass die CDU im Jahr 2006 die Wahlen gewinnen und Angela Merkel Kanzlerin werden würde. Am 22. November 2005 wurde diese Prophezeiung war, nachdem Merkels Vorgänger Schröder den Poker um sein Amt verloren hatte. Während Schröder sich in der sogenannten „Elefantenrunde“ nach der Wahl im ARD äusserst unhöflich der neuen Amtsinhaberin gegenüber verhielt, fand diese immerhin noch die Worte, die Agenda 2010 in ihren grundsätzlichen Strukturen zu loben.
Im Jahr 2005 verband Köhler seinen Staatsbesuch in Israel mit dem 40. Jahrestag der deutsch-israelischen diplomatischen Beziehungen. Sein Wunsch, die obligatorische Rede vor der Knesset auf Deutsch zu halten, wurden von zahlreichen Politikern abgelehnt, einige blieben sogar der Ansprache fern, da sie es nicht ertragen konnten, die „Sprache der Mörder“ in der Knesset zu hören. Köhler begann und beendete seine sehr emotionale Rede in Ivrith, hielt sie aber, wie geplant, auf Deutsch. 
„Ich verneige mich in Scham und Demut vor den Opfern und vor denen, die ihnen unter Einsatz ihres Lebens geholfen haben. Einer von ihnen war Raoul Wallenberg, an den Sie gestern erinnert haben.“ 

Beide Präsidenten, Katzav und Köhler waren sich darüber einig, wie positiv sich die Beziehung Israel-Deutschland in den vergangenen 40 Jahren entwickelt habe. „Mein Besuch steht im Zeichen des 40. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Staat Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen Deutschland und Israel kann es nicht das geben, was man Normalität nennt. Aber wer hätte vor 40 Jahren gedacht, wie gut, ja, wie freundschaftlich sich unser Verhältnis entwickeln würde? Heute arbeiten nicht nur die Regierungen gut zusammen. Unsere Beziehungen werden auch von der Freundschaft zwischen vielen Menschen in Ihrem Land und in meinem Land geprägt.“ Dass der Beziehung jedoch das Element der Normalität fehlt, bestätigten beide.
Köhlers Reise fiel in die Zeit um das Ende der zweiten Intifada. Er besuchte auf eigenen Wunsch und ausserhalb des offiziellen Programmes Sderot und erlebte dort selber einen Angriff mit Kassam Raketen aus dem Gaza Streifen. Bei einem Besuch der Eltern von Ayala Abukasis, die kurz zuvor bei einem Raketen Angriff getötet worden war sagt er: „Zu meinem Bedauern kann man die Toten nicht wiederbringen, doch ich hoffe, dass mit dem Voranschreiten des Friedensprozesses die Terrorangriffe auf israelische Zivilisten aufhören.“Ein Wunsch, der sich leider bis heute nicht erfüllt hat.


Köhler gewann die zweite Wahl zum Bundespräsidenten problemlos, trat aber dann knapp ein Jahr nach seiner Wiederwahl zurück. Auf dem Rückflug von einem Besuch in Afghanistan hatte er in einem Interview gesagt: “..im Notfall sei auch „militärischer Einsatz notwendig (…), um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege“.
Diese Verschmelzung von Politik und Wirtschaft wurde ihm zum Vorwurf gemacht. Ob sein Rücktritt die überspitzte Reaktion auf eine Kränkung war, ob er berechtigt war, niemand weiss es genau. Jedenfalls trat er mit den Worten „Es war mir eine Ehre, Deutschland als Bundespräsident zu dienen“ von seinem Amt zurück.
Christian Wulff ( 2010 – 2012) Mit ihm übernimmt erstmals ein Vertreter des neuen Deutschlands die Bürde des präsidialen Amtes. Anstelle das klassische Rollenbild zu erfüllen, wie in der Vorstellung der Bürger und wahrscheinlich noch viel mehr der Politiker die Präsidentenfamilie auszusehen habe zieht eine moderne Patchwork Familie nach Berlin, Wulff brachte eine Tochter mit in die Ehe, seine Frau einen Sohn, gemeinsam hatten sie noch einen weiteren Sohn. Wulff war der bis anhin jüngste Bundespräsident, seine Frau war die jüngste First Lady, er war nach sieben protestantischen Präsidenten der erste Katholik. Und er war der erste nach dem Krieg geborene Bundespräsident.

Seine Wahl zum Bundespräsidenten war ebenfalls in sofern ein Novum, als erstmals ein Kandidat der „LINKEN“ (PDS Folgepartei) antrat. Im dritten Wahlgang setzte sich Wulff gegen Joachim Gauck durch, der zwei Jahre später sein Nachfolger werden sollte.
Unvergessen bleibt eine Aussage anlässlich des 20. Jahrestage der Wiedervereinigung im Jahr  2010: Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

Diese Aussage, entstanden im Wirbel um Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, erregte damals die Gemüter quer durch alle politischen Farben hindurch und ist der Satz, der von seiner Amtszeit übrig geblieben ist. Leider!

Wulffs Nachfolger, Gauck schaffte es wohltuend unaufgeregt, dem Satz eine ganz andere, von Wulff möglicherweise gewollte, aber nicht implmentierte Bedeutung zu geben. „Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.“

Merkel griff den Satz ungeschickterweise, so möchte ich meinen, kurz nach den grauenhaften Terroranschlägen in Paris bei einer Pressekonferenz anlässlich des Besuches von Ahmet Davutoğlu erneut auf: Von meiner Seite möchte ich sagen, dass unser früherer Bundespräsident Christian Wulff gesagt hat: Der Islam gehört zu Deutschland. – Das ist so; dieser Meinung bin ich auch.“ 

Diese Stellungnahme brachte ihr erstmals Kritik in den eigenen Reihen ein……….
Zu seinem Antrittsbesuch in Israel nahm Wulff nicht seine Frau mit, sondern seine Tochter, die damals 17 Jahre alte Annalena und eine kleine Gruppe deutscher Jugendlicher. Der Schwerpunkt seiner Reise lag denn auch folgerichtig darin, zu betonen, dass Deutschland die Verantwortung seiner Geschichte von Generation zu Generation weitergeben müsse.
Nachdem es sich aus protokollarischen Gründen nicht um einen Staatsbesuch handeln konnte, sprach Wulff nicht, wie seine Vorgänger vor der Knesset, sondern nutzte die Tage, um zahlreiche alte Verbindungen zu vertiefen und neue zu knüpfen, um, wie er sagt, das Land besser kennen zu lernen und eine Vertrauensgrundlage zu schaffen.

Anlässlich der Gedenkfeier für die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 2011 fand er klare Worte, wo seine Vorgänger geschwiegen hatten: „Was die Opfer in Auschwitz erleiden mussten, sei „unfassbar, unsagbar, unbeschreiblich und dennoch muss es immer wieder erfasst, gesagt und beschrieben werden“, sagte Wulff, der bei der Gedenkfeier in Auschwitz als erster Bundespräsident eine Ansprache hielt.“

2011 verleiht der Zentralrat der Juden ihm den Leo-Baeck-Preis, um die „herausragende, von aufrichtiger Empathie und von tiefer Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, Israel und der Welt getragene Engagement des Bundespräsidenten“ zu würdigen. 

Und dann bricht ein medial verstärkter shit storm gegen Wulff los, der schlussendlich zu seinem Rücktritt führte. Von 21 Verdachtsmomenten, die von allen Seiten zu den Gerichten getragen wurden, blieb schlussendlich ein Vorwurf der Bestechlichkeit über € 400,– (!). Ein Angebot der Staatsanwaltschaft, gegen eine Geldauflage das Verfahren einzustellen, wies er ab. Und gut hat er daran getan! Er wurde freigesprochen.

Was blieb? Ein zurückgetretener Bundespräsident, eine gescheiterte Ehe, und bei zwei Menschen ein angekratztes Bild in der Öffentlichkeit. Und drei Scheidungswaisen, zwei davon bereits zweifach verwaist.

Trotzdem fuhr Wulff vor nur wenigen Wochen als offizieller Vertreter Deutschlands zu den Trauerfeierlichkeiten nach Saudi Arabien.
Joachim Gauck (seit 2012) Der derzeit amtierende Bundespräsident kandidierte als erstmals parteiloser Kandidat, aber unterstützt von nahezu allen Fraktionen des Bundestages gegen Beate Klarsfeld (Die Linke) und Olaf Rosen (NPD), wurde im ersten Wahlgang gewählt und trat, ebenso wie sein Vorgänger Wulff unmittelbar nach seiner Wahl sein Amt an, weil dieses auf Grund des Rücktrittes der Vorgänger vakant war.
Auch Gauck vereinte einige Novitäten in seiner Person. Als erster Präsident, der 1940 in der damaligen DDR geboren wurde, hatte er sich als Theologe stark in der Bürgerrechtsbewegung gegen die Diktatur des damaligen DDR Regimes betätigt, wurde nach dem Ende der DDR als Abgeordneter in die Volkskammer gewählt und wurde am Tag der formellen Wiedervereinigung in seiner Funktion als „Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes“ bestätigt. Mit dem 1991 verabschiedeten „StaSi Unterlagen Gesetz“ welches in der sog. Gauck Behörde umgesetzt wurde, konnten erstmals Betroffene der StaSi Machenschaften Einsicht in ihre Unterlagen nehmen. Die Aufzeichnungen die nicht nur Bürger der DDR betrafen, sondern auch Bürger anderer Staaten hatten teilweise zu Brüchen und Hindernissen in den Lebensläufen der Betroffenen geführt, ein Unrecht, dass nun, wo möglich wieder gutgemacht, oder doch zumindest gemildert werden sollte.
Ein anderes Detail seiner vitae stellte, bereits vor seiner zweiten Kandidatur (bei der ersten hatte man das wohl übersehen…..) zahlreiche Journalisten vor erhebliche moralische Herausforderungen. Nach dem Patchwork Familien Präsidenten Wulff stand nun ein Präsident zur Wahl, der in „wilder Ehe“ lebte, noch dazu, oh, in welche Niederungen der Menschlichkeit schaute man, obwohl er immer noch verheiratet war (und immer noch ist). Mittlerweile hat man sich an die gescheite und charmante Lebensfrau an seiner Seite gewöhnt, und, oh Wunder, es gab auch nie protokollarische  Unüberwindbarkeiten.

Im Mai 2012 reiste Gauck nach Israel. Sein Programm wich deutlich von dem seiner Vorgänger ab. Neben den standardisierten Pflichtprogrammen traf er sich mit Hinterbliebenen des Terroranschlages in München anlässlich der Olympiade 1972, besuchte Shoa Überlebende und deutsche Einwanderer, besuchte das Weizmann Institut in Rehovot, und eröffnete eine Mädchenschule in Burin im WJL.
In einem Interview mit der Zeit im Mai 2012 relativiert der Bundespräsident das immer wieder, sowohl in Israel, als auch in Deutschland zitierte Mantra von Kanzlerin Merkel, dass das Existenzrecht Israels zur deutschen Staatsraison gehöre. Er fühlt sich von diesem Anspruch überfordert, der so sagt er, vielleicht auch in ganz tiefen Schichten wurzelnde magische Beschwörung sieht: „Alles, was wir tun wollen, soll geleitet sein von dem Ziel, dass Israel als Heimstatt der Juden beschützt sein soll.“ 

Man spürte es bei einem Besuch in Israel, dass Gauck nicht aus dem politischen, sondern aus dem theologischen Umfeld stammt. Mit einem für den politischen Newcomer unglaublichen Gespür machte er aus seinem Herzen keine Mördergrube. Dass er z.B. unseren Alt-Präsidenten, Shimon Peres ganz besonders schätzt Mein Dank für die großzügige Einladung zum Staatsbesuch gilt allen voran Ihnen, hochverehrter Herr Präsident Peres: Wir Deutsche bewundern Sie als einen ganz außergewöhnlichen Vertreter Israels in der Welt. Wir danken Gott, dass es Sie gibt. Und wir schätzen Sie als großen Freund Deutschlands.“ 



Gauck erzählte bei diesem Bankett in Jerusalem auch davon, dass er sich sein Wissen um die Gräueltaten der Nazis selbst hat erarbeiten müssen, in der geschichtlichen Kultur der DDR gab es dafür keinen Raum und auch seine Eltern hätten ihn nicht an dieses Thema heranführen können. „Für all die Dinge fand ich kaum einen Gesprächspartner. Und ich fand auch keine verständnisvollen Worte für mein Entsetzen. Heute noch – mit 72 Jahren – ist mir dieser Schmerz und dieses Schweigen in bedrückender Erinnerung. Sie haben mein Verhältnis zu Israel und zum jüdischen Volk geprägt. Ich kann gar nicht anders als ein Freund Israels zu sein.

In seiner Rede anlässlich des 70. Jahrtages der Befreiung von Auschwitz vor dem Bundestag stimmte er durchaus kritische Töne an. „Die juristische Aufarbeitung sollte letztlich sehr unbefriedigend bleiben. Sehr viele Richter und Staatsanwälte waren an verantwortlichen Stellen des nationalsozialistischen Regimes tätig gewesen. Sie sahen keinen Bedarf für Strafverfolgung oder relativierten die strafrechtliche Verantwortung.“ 

Gauck ist überzeugt, dass nur die Zwei-Staaten-Lösung in Israel zu einem dauerhaften Frieden führen kann und spricht sich klar gegen eine Erweiterung und einen Ausbau der Siedlungen aus.  Er zeigt sich selbstbewusst als ein Partner, der auf Augenhöhe spricht.
Gauck ist ein hochpolitischer Präsident, der in den verbleibenden zwei Jahren seiner ersten Präsidentschaft und den wahrscheinlich darauf folgenden weiteren fünf Jahren der Beziehung Israel-Deutschland noch manchen Stempel wird aufdrücken können.
Es bleibt zu hoffen, dass er auch der Präsident sein wird, der den Frieden zwischen den Israelis und Palästinensern wird miterleben dürfen.

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