Die Morde von Jerusalem – Kommentare von der Frau eines meiner Freunde

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Jeder von uns muss in sich hineinschauen, fragen „Was kann ich besser machen?“ Jeder von uns muss ein paar kleine, aber wirksame Änderungen machen.
Gepostet von meinem Freund und Lehrer David Olesker in facebook am 20.November 2014
Wir hörten die Krankenwagen. Wir hörten, dass es einen Terroranschlaggegeben hatte. Dann erfuhren wir, dass er in unserer Synagoge ein wenig weiter unten auf der Straße stattgefunden hatte. Wir bekamen einen Anruf von Chaya Levine, die meinen Mann bat, in der unmittelbar benachbarten Synagoge nachzuschauen, ob Rav Kalman dort war. Mein Mann hatte noch vor kurzem zusammen mit ihm gebetet. Rav Kalman bedankte sich herzlich für den Priestersegenund ging fort, um weiter zu lernen. 
Mein Mann kam heim, um Benjamin David für den Schulbus fertig zu machen. Dienstag ist immer Vater-Tag. Benjamin David freut sich die ganze Woche auf diesen Tag, vielleicht, weil sein Vater mehr Ketchup auf das Käsesandwich gibt, oder weil er mehr Brezeln in den Beutel füllt, als ich es mache, oder mehr Salz auf den Salat. Oder einfach, weil er seinen Vater und ihren gemeinsamen Morgen so liebt. Weil der Dienstag ein besonderer Tag ist, betet mein Mann in der kleinen Synagoge nebenan und nicht in der „Bnei Torah“ Synagoge, die etwas entfernt liegt. Möglicherweise wäre mein Mann doch in seine reguläre Synagoge gegangen. Er war sehr oft der einzige Kohen. Deshalb ist er dienstags oft zur Wiederholung des Hauptgebetes dort aufgetaucht, um den Priestersegen zu erteilen.
Das Massaker fand genau zu dieser Zeit statt.
Aber Gott hatte andere Pläne mit meinem Mann. Seit einigen Monaten ist ein Mitglied der Gemeinde, ebenfalls ein Kohen, in Trauer und bat ihn, ob er die Gebete leiten könne. 
An diesem Dienstag wusste mein Mann, dass ein anderer Kohen da sein würde, und ging daher nicht dorthin. Also kam er gleich nach dem Gebet in der HaGra Synagoge heim.
Aber Kalman, wo war Kalman? Mein Mann ging zurück und schaute, ob er dort gewesen sei. Aber er war schon von dort fortgegangen. Er war in die Synagoge von Rav Rubin gegangen, um den Rav etwas zu fragen. 
Und Kalman kam nicht heim.
Wir hörten Namen und Gerüchte – wir wollten nicht glauben, dass sie wahr wären. Rav Moshe Twersky, der gütige Talmudgelehrte, der niemals auf die Uhr schaute, wenn jemand ihn um Rat bat, oder eine halachische Erklärung suchte. Der lehrte und bis spät in die Nacht lernte. Er war derjenige, an den sich mein Mann wenden würde, wenn Fragen in der Gemeinde auftauchten. Es war Rav  Moshe, der anlässlich des Aufgebotes für die Hochzeit seines Sohnes sagte, dass die Gemeinde wie eine Familie sei. Wir haben ein Familienmitglied verloren.
Rav Aryeh Kupinski. Rav Aryeh? Nein, nicht Rav Aryeh! Haben sie nicht genug gelitten? Als seine Tochter Chaya den plötzlichen Kindstod starb, nahm er dies aus seinem tiefen, unbeirrbaren Glauben heraus an und, mehr als das, er half anderen, neue Perspektiven zu finden. Immer half er anderen, immer hatte er ein Lächeln im Gesicht, trotz der andauernden Herausforderungen. Rav Aryeh war der, der schrie „ Ihr lauft, ich werde kämpfen!“ Er stellte sich mit einem Stuhl der Schusswaffe entgegen und konnte ein wenig Zeit gewinnen, so dass die anderen fliehen konnten. Die absolute Sorge und Liebe für den Menschen.
Wir beten für: Shmuel Yerucham ben Baila. Chaim Yechiel ben Malka. Eitan ben Sarah und  Yitzchak ben Chaya. Alle verdienen die überaus große Gnade des Himmels. Bitte lasst nicht nach damit, die Tore der Himmelsgnade für sie zu bestürmen. 
Dann wandelten sich die Gerüchte in lähmende Wahrheit.
Avraham Shmuel ben Aharon, Mr Goldberg. Der Herr mit dem warmen Lächeln im Gesicht, der die Torah und die Torah Schüler liebte, der jeden einzelnen Juden liebte. Der keinen Tag ausließ, um vor der Arbeit zu lernen. Mein Mann stellte ihm das Lesepult hin und er wiederum bereitete das Gebetbuch für Rav Twersky vor. Das war der Geist der Gemeinde. Es kann nicht sein, aber es war so.
Was ist mit Rav Kalman? Wir wussten nichts Genaues – es gab Gerüchte – aber Rav Kalman war die lebhafteste Person auf der Welt. Er war der Grund, warum an Simchat Torah so viele Menschen in seine Synagoge kamen. Um ihn mit seiner geliebten Torah im Arm ekstatisch tanzen zu sehen. Wir hätten es wissen müssen, dass etwas fürchterlich falsch war, als er nicht heimkam und auch niemanden anrief. Aber wir konnten nicht glauben, dass es so sein könnte. Und dann hörten wir es. Die Bestien schossen und schrien ihren grauenhaften Kampfruf hinaus. Sie schlachteten Rav Kalman ab, als er, vertieft in ein Buch, im Flur stand. Diese wenigen Sekunden gaben anderen Männern der Gemeinde die Chance, durch eine andere Türe zu fliehen. Die letzte Liebestat von Rav Kalman war es, das Leben seiner Freunde zu retten.
Und jetzt sind Rav Moshe, Rav Aryeh, Rav Avraham, Rav Kalman im himmlischen Bethaus – zusammen mit ihrer geliebten Torah.
Zwischen Hoffnung und Tränen redeten wir: „Chaya, erinnerst du dich…“ Benjamin David war ein kränkliches Kind mit Down Syndrom und anderen medizinischen Problemen und ich brauchte Unterstützung. Ich machte mich auf nach Bnei Brak, um die Rebbetzin Kanievsky zu konsultieren. Ich wartete draußen, bis ich an der Reihe war. Ich trat ein, ein schlafendes Baby auf dem Arm. Rebbetzin Kanievsky schaute ihn nur kurz an und sagte „Du weißt nicht, welch starken Schutz du in deinem Haus hast.“ Ich dachte, ich hätte sie verstanden. 
Vielleicht, dachte ich, dass andere Dinge leichter sein würden, weil dies so tragisch war. Aber jetzt, fast 13 Jahre später, verstehe ich sie wirklich. Benjamin David war der Grund, dass mein Mann heute nicht in  seine Gemeinde gegangen ist. Und weil man dort wusste, das er heute nicht kommen würde, hat die Gruppe, die sich sonst immer nach den Gebeten zum gemeinsamen Lernen trifft, sich entschlossen, heute in einer anderen Synagoge zu beten. Wir konnten uns über die Jahre hinweg nicht vorstellen, dass unser Sohn eines Tages das Leben seines Vaters und dessen Lerngruppe retten würde.
Es gibt so viele Geschichten. 
Von denen, die gerettet wurden. 
Rav E, ein älterer Herr, nimmt jeden Morgen das Taxi für den Weg, aber heute ist das Taxi nicht gekommen. Rabbi L war auf dem Weg in die Synagoge, aber aus nicht erklärbaren Gründen, ging er zu seiner näher gelegenen und blieb dort. A. war die ganze Nacht wach, um seine Frau, die sich nicht wohlfühlte zu helfen, und betete woanders. S., der einem Terroristen zweimal mit einem Stuhl auf den Kopf schlug, um ihn am Schießen zu hindern konnte unverletzt hinausrennen. Rav P, Reb B, Rav Pr und Rav F konnten unbeschadet durch die Schusslinie hindurch zur Türe hinaus rennen. Rav S versteckte sich hinter dem Lesepult bis ihm irgendetwas einsagte, jetzt hinauszukommen. Und er schaffte es, durch die Seitentüre zu fliehen. Rav I sah, als er hereinkam, einen der Terroristen in der Küche. Er dachte, das sei einer derjenigen, die am Morgen hereinkommen, um sich eine kostenlose Tasse Cafe zu holen. Warum wurde er dort nicht erschossen? Er konnte durch die Seitentüre fliehen, als die Schießerei in der Synagoge anfing. Dr. H und Rav W, rannten hinaus, nachdem sie einen Tisch gegen die Terroristen geschleudert hatten. Der große Rav B, wirklich kein junger Mann mehr, hörte den Aufruhr und kam herunter. Während er versuchte, den Opfern zu helfen, schoss man mehrfach auf ihn. Aber die Schusswaffe hatte vier Fehlzündungen. Als sie dann ein Messer zückten, rannte er die Treppe hinauf. Ein alter Mann läuft zwei Terroristen davon?
Und von denen, die nicht gerettet wurden. 
Rav Kalman, der normalerweis das Morgengebet woanders betet, und der nur hierherkam, um mit einem Rav, den er nicht kannte, und der noch nicht da war, eine Frage zu diskutieren. Rav Aryeh kam vielleicht ein- bis zweimal im Monat hierher. 
Der erste Rettungssanitäter, der vor Ort eintraf, trägt immer eine Waffe auf sich. Aber an diesem Morgen hatte er sie daheim gelassen.
Eines ist klar, es war ein Zufall, aber nur in den Augen der Welt war es ein Zufall. Aber wir müssen wissen, dass es in den Augen Gottes vorbestimmt ist und dass wir, während wir möglicherweise den Hintergrund nicht verstehen, wissen, dass dies die Wahrheit ist. 
Für uns ist es klar, dass die Welt mit Genauigkeit gelenkt wird – und, dass dieses brutale Abschlachten von unschuldigen Seelen eine Absicht und Bedeutung hatte. Wir müssen uns auf unser Inneres fokussieren, und dabei Politik und Zorn außen vor lassen. Wir müssen uns auf unsere innere Energie fokussieren und uns fragen, was jeder von uns besser als vorher machen kann. Das ist die Jüdische Antwort.
Am Mittwoch Morgen hat mein Mann in seiner Synagoge gebetet, Er hat kein Lesepult aufgestellt und kein Gebetbuch bereitgelegt. Rav Chajim, kämpfte um sein Leben, er konnte die Kohanim nicht aufrufen.  Rav Moshe war nicht da, um aus der Thora vorzulesen. Er wird auch nicht darum bitten, anlässlich des Todestages seiner Großmutter zur Torah aufgerufen zu werden. Mein Mann nahm das Registerbuch der Synagoge heraus und  schrieb das Todesdatum neben vier Namen
Wie Rav Rubin bei der Beisetzung sagte, wir müssen uns bemühen, unseren Glauben, unsere tiefsten Überzeugungen und Erkenntnisse zu stärken. Wir müssen das Wissen verinnerlichen, dass es keine Zufälle gibt, dass nichts ohne Absicht und Bedeutung geschieht. 
Wir müssen uns bemühen die Grundlagen der jüdischen Ethik mehr und mehr zu erfüllen; die nach außen so unterschiedlich erscheinen und sich dabei doch so ähnlich sind. Jeder soll ein wahrer Liebhaber der Torah sein, ein kluger Schüler, jeder muss seinen Gefährten lieben, jeder muss voll Gnade und Güte sein, jeder ein Mensch voller Lebensfreude.
Jeder von uns muss in sich hineinschauen, fragen „Was kann ich besser machen?“ Jeder von uns muss ein paar kleine, aber wirksame Änderungen machen.
Die Familien baten die, die zum Trauerbesuch gekommen waren, sich weiter mit der Torah für das Volk Israel zu engagieren. Das wird den Witwen und Waisen Trost geben. Das wird zur Gesundung der Verletzten beitragen.
Und wir können nur beten, dass dies das letzte Kapitel der langen und schmerzhaften Geschichte sein wird und Erlösung schnell und in diesen Tagen bringen wird. 
Nachtrag 1:  Unter den Toten sind zwei sehr gute Freunde von meinem Freund David, der hier genannten Rav Chajim ist sein Nachbar. Er selbst betet regelmässig in dieser Synagoge, warum er es am vergangenen Dienstag nicht tat, weiss er selber nicht zu sagen. Seine Tochter war mit ihrem Baby  genau dort unterwegs, wo Minuten später der Anschlag stattfand. 

Nachtrag 2: Der erste, der  vor Ort ankam, war der drusische Offizier der Verkehrspolizei, Sidan Sayaf. Er erschoss nicht nur zumindest einen der Terrorristen, sondern rettete auch seinem Kollegen das Leben. Zu seiner Beisetzung kamen neben den drusischen Trauernden auch Hunderte von religiösen Juden. 

Nachtrag 3: Die ranghöchsten Vertreter der jüdischen und moslemischen Gemeinden in Israel fehlten zwar, zwischen ihnen sind die Gräben noch zu tief, um sich zu treffen. Aber es war ein Zeichen von Respekt und Bemühung um Veränderung, als sich am Mittwoch vor der Synagoge hochrangige Vertreter aller Religionen trafen um gemeinsam der Opfer zu gedenken und aufriefen, jeden Extremismus zu beenden.

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