Shlomo Sand – das Ende eines langsamen Outings

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Als Shlomo Sand 1946 als Kind polnischer Juden in Linz geboren wurde, so lebte er, wenn auch nur für sehr kurze Zeit, tatsächlich unter einer Besatzungsmacht. 
Sand hatte Glück, falls er im südlich der Donau gelegenen Teil von Linz auf die Welt kam. Die Donau bildete an dieser Stelle die Grenze zwischen der Russischen und der US-Amerikanischen Besatzungszone. Die Zustände in den Teilen Österreich, die unter der sowjetischen Besatzung litten, müssen schlimm gewesen sein. 
Besatzungszonen in Österreich
Überhaupt war Österreich, das Land, das dem Gröfaz am 13. März 1938 zugefallen war, wie eine überreife Frucht, nach dem Krieg arg gebeutelt. 
Innsbsruck jubelt

Wie schlimm es nach dem Krieg um Österreich stand, kann der Weihnachtsrede 1945 des damaligen Bundeskanzlers Leopold Figl entnommen werden: „Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben. Ich kann Euch für den Christbaum, wenn Ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben. Kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich!“ (Was Figl mit „Einschneiden“ gemeint haben könnte, wurde vielerorts diskutiert. Nachdem durch die Bombenschäden noch viele Häuser ohne Fenster waren, geht man davor aus, dass er Glasscheiben meinte, aus denen man Fenster herstellte.)
Die Nibelungenbrücke in Linz heute

Nachdem die Familie aber die Zeit bis zur Aliya nach Israel im Jahr 1948 in einem Flüchtlingslager nahe München verbrachte, liegt die Vermutung nahe, dass er eher im nördlichen Teil von Linz, der unter sowjetischer Besatzung stand, auf die Welt kam und die Familie sich erneut auf die Flucht nach Norden machte.
Er hat von den schlimmen Verhältnissen damals im zarten Babyalter nichts mitbekommen, ebenso wenig, wie er etwas von der anstrengenden Überfahrt im Jahr 1948 nach Jaffo mitbekommen haben dürfte. 
Leopold Figl sprach noch ein weiteres Male historische Worte. Am 15. Mai 1955 trat er mit dem Dokument auf den Balkon vom Schloss Belvedere, das Österreich von den Repressalien der Besatzung befreite: dem Staatsvertrag. Mit den Worten „Österreich ist frei!“ begann die Zeit der Zweiten Republik.
Der Staatsvertrag ist unterschrieben
Neun Jahre war Shlomo Sand alt, als sein ursprüngliches Geburtsland befreit wurde.
Sieben Jahre alt, fast auf den Tag genau, war seine neue Heimat, Israel an diesem Tag.
Von den beiden großen Kriegen hat er bewusst nichts mitbekommen. Der grausame Weltkrieg­ forderte insgesamt mehr als 53 Millionen Opfer. Die größte Opferzahl einer Gruppe waren die 6 Millionen Juden, die während der Shoa ermordet worden waren (abgesehen von den Zivilopfern in China).
Mit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 wurde der zionistische Traum wahr: die Juden hatten ihr eigenes Heimatland erhalten, den Staat Israel. Geformt innerhalb der Grenzen, die der UNO Teilungsplan vorgegeben hatte, und der von den Arabern abgelehnt worden war. Dieses Gebiet entspricht genau dem, was wir Juden seit mehr als 2000 Jahren andauernd besiedeln. 
Die Reaktion darauf blieb nicht lange aus. Der Israelische Unabhängigkeitskrieg begann wenige Stunden nach der Staatsgründung. Ägypten, Syrien, Transjordanien, Libanon, Irak und Saudi Arabien griffen Israel an. Eigentlich ein aussichtsloser Kampf. David gegen Goliath. Der Glaube an den zionistischen Traum und die Unterstützung mit tschechischen und russischen Waffen und Geldern aus den USA drehten die Kräfteverhältnisse völlig um. Auch als Jemen und Marokko auf arabischer Seite in den Krieg eintraten, konnte Israel nicht mehr gestoppt werden und gewann den Krieg, der mit den verschiedenen Waffenstillstandsabkommen zwischen Februar und Juli 1949 endete. Die Waffenstillstandslinien blieben, als de facto Grenzen bis zum Ende des Sechs Tage Krieges (1967) aufrecht.
Arabische Angriffe ab dem 15. Mai 1948
Während Europa sich irgendwann von den Folgen des Krieges erholt hat, leidet Israel heute noch unter den Fehlinterpretationen, absichtlichen Falschmeldungen, Verdrehungen und Klitterungen vor allem aus dem arabischen Raum. 
Auf der Fahne des palästinensischen Narratives leuchtet das Wort „NAKBA“(Katastrophe) weltweit in grellen Farben. Die Nakba ist bis heute neben dem Status von Jerusalem der Hinderungsgrund für ein Friedensabkommen. Die Nakba ist der Grund, warum es der UNWRA gelang aus 700.000 Vertriebenen im Jahr 1948 heute eine Zahl von mehr als 5 Millionen Flüchtlingen zu kreieren, die ein Rückkehrrecht nach Israel haben. Die Nakba ist der Grund dafür, den heute wieder erstarkenden Antisemitismus hinter den Begriffen Antiisraelismus und Antizionismus zu verbergen.
Die Nakba ist auch der Grund, warum es immer mehr Juden als opportun betrachten, sich als Antizionisten zu bezeichnen und in Wahrheit antisemitisch zu handeln.

Die Zahl der zur gleichen Zeit aus arabischen  Ländern vertriebenen und sofort in Israel integrierten Juden fällt für sie alle einfach weg, ist irrelevant.

Jüdische Flüchtlingsströme ab 1948


Die ersten Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg war das Ansehen Israels in der Welt noch groß, dass dieser Krieg ein für Israel ein echter Verteidigungskrieg war, war unbestreitbar. Ganz anders sah es mit den Folgekriegen aus. Der Suezkrieg (1956/57) und der Sechstagekrieg (1967) werden in vielen Kreisen als Angriffskriege Israels bewertet, obwohl in beiden Fällen eine echte Bedrohung für Israel bestand. In den Augen von immer israelkritischer werdenden Gruppen wäre es wohl besser gewesen, die erste Welle über sich ergehen zu lassen und erst dann zu reagieren – falls das dann noch möglich gewesen wäre. Ich neige dazu, beide Kriege als Präventivkriege zu bezeichnen, also einen als Verteidigung gedachten Angriff durchzuführen. Ein durchaus legitimer, auch vom Völkerrecht akzeptierter Sachverhalt. 
 

Die sog. „Grüne Linie“

Die Waffenstillstandslinie von 1967, die sogenannte Grüne Linie, ist neben der Nakba der große Diskussionspunkt bei den israelisch-palästinensischen Friedensverhandlungen.
1967 war der Zeitpunkt, an dem Shlomo Sand begann sich politisch zu orientieren. Er war jetzt 21 Jahre und dürfte den Militärdienst hinter sich gehabt haben. Er selbst sagt in einem Interview, er habe 1967 Jerusalem miterobert und habe in zwei Kriegen gekämpft.
Er trat der antizionistischen Gruppe Matzpen (Kompass) bei, die sich um die Knesset Partei herum gruppierte, deren prominentestes Mitglied der antizionistische Friedensaktivist Uri Avnery war. 
Shlomo Sand bezeichnet sich selber als weder zionistisch, noch antizionistisch. Als die Gruppe Matzpen Israel eindeutig das Existenzrecht absprach, eine Einstellung, der er nicht folgen konnte, verließ er die Gruppe. Er bezeichnet sich als „postzionistisch“.
Doch weil, so wie das Postmoderne erst einsetzen konnte, als das Moderne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beendet wurde, das Postzionistische erst dann beginnen kann, wenn das Zeitalter des Zionismus abgeschlossen sein wird, werden Wissenschaftler und Aktivisten aus dem Umfeld von Shlomo Sand noch lange auf ihren Einsatz warten müssen. Jedoch findet er sich mit Ilan Pappe, Avi Shlaim, Tom Segev, Uri Ram oder Baruch Kimmerling wirklich in einer äußerst prominenten Gruppe von Wartenden. Allesamt links, anti-zionistisch und pro-palästinensisch.
Seine Bücher wie „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ (2009) katapultierten ihn innerhalb kürzester Zeit auf die Bestsellerlisten zahlreicher Länder.
Die Gründung des Staates Israel bezeichnet er als in einem Interview im Jahr 2012 als einen Akt der Vergewaltigung
„Betrachtet man die Motive für eine Vergewaltigung, falls diese vorliegen, kann man eine Vergewaltigung trotzdem niemals rechtfertigen. Warum halte ich die Gründung Israels für einen Akt der Vergewaltigung? Nun, mit der Verkündung der Balfourdeklaration, als Großbritannien sich 1917 theoretisch mit den zionistischen Vorstellungen nach einer jüdischen Heimstätte in Palästina einverstanden erklärte, lebten dort etwa 700.000 Araber. 1948, mit der Gründung Israels, lebten in dem Gebiet zwischen dem Meer und dem Fluss Jordan etwa 1,3 Millionen Araber und etwa 200.000 Juden. Die Umsetzung der Idee, in Palästina einen jüdischen Staat zu gründen, wo die Bevölkerungsmehrheit aus Arabern besteht, ist für mich nichts anderes als ein Akt der Vergewaltigung. Aber auch wenn man diese historischen Fakten zugrunde legt, auch wenn es sich um einen Akt der Vergewaltigung handelte, haben die Kinder, die aus dieser Vergewaltigung hervorgegangen sind, ein Recht auf Leben. Bei diesen Kindern handelt es sich um die Nation Israel sowie um die Nation Palästina. Ich gehe nicht davon aus, dass es eine palästinensische Nation vor der zionistischen Gründung Israels gab.“
Meine Frage an Shlomo Sand, wie schaut es mit der Gründung der anderen Staaten aus, die aus den Besatzungen den frühen 20. Jahrhunderts hervorgingen: Syrien, Libanon, Jordanien, Irak. Gibt es da ähnliche Bedenken? Ich denke vor allem an Jordanien, als den klassischen palästinensischen Staat. Alle diese Staaten sind doch auf dem Reißbrett entstanden, ohne Rücksichtnahme auf die Lebensräume der dort lebenden Ethnien. Wo bleibt da die große Kritik?
2013 schrieb Sand ein Buch „Warum ich aufhöre, Jude zu sein.“
Arn Strohmeyer klatscht laut Beifall für die Vertreter der Anti-Israel-Lobby: “Gäbe es die brutale und völkerrechtswidrige Besatzungspolitik nicht, man müsste Sympathie haben für dieses Land – allein schon wegen seiner kritischen Intellektuellen. Man kann dieses komplexe und schwierige Gebilde Israel erst verstehen, wenn man die Bücher und Aufsätze seiner besten oppositionellen Köpfe gelesen hat. Um nur ein paar Namen zu nennen: Uri Avnery, Abraham Burg, Aktiva Eldar, Simcha Flapan, Amira Hass, Jeff Halper, Jeshajahu Leibowitz, Gideon Levy, Reuven Moskovitz, Ilan Pappe, Tom Segev, Israel Shahak, Idith Zertal, Moshe Zuckermann und eben Shlomo Sand, wobei diese Liste bei Weitem nicht vollständig ist. Die Ausführungen dieser intelligenten und human gesinnten Aufklärer haben mein Israelbild geprägt, das natürlich ein Gegenentwurf zum zionistischen Mainstream ist.“
Nein die Liste ist tatsächlich nicht vollständig, es fehlen die zahlreichen europäischen und amerikanischen Juden, deren erklärtes Ziel es ist, dem Staat Israel so viel wie möglich zu schaden. Auf dieser Liste finden sich Personen, die auch von meinen Steuergeldern gezahlt werden, weil sie entweder immer noch aktiv an israelischen Universitäten lehren (?) oder mittlerweile emeritiert sind. Oder sie sind antiisraelisch schreibende Journalisten der linken Hofpostille, dem Haaretz. Als solche findet man sie regelmäßig als Gastautoren z. B. im schweizerischen Wochenblatt für das unverbindliche Judentum, „Tachles“.
Ein Name steht zu Unrecht auf dieser Liste, der von Jeshajahu Leibowitz. Zwar wird er gerne von den Linken in ihr Boot geholt, weil seine radikale Kritik an der Israelischen Politik und die Forderung sich in die Grenzen von 1967 zurückzuziehen, so wunderbar in das Bild der antiisraelischen Agitatoren passt. 
Leibowitz lässt sich nicht in einen Rahmen, von welcher Seite auch immer gezimmert, pressen. Warum er Zionist sei, wurde er gefragt. „Weil ich mich nicht von Nichtjuden regieren lassen will.“ War seine, nicht ideologisch gefärbte, sondern ganz pragmatische Antwort. Leibowitz hatte seinen Platz im Leben, als Jude, Zionist und Kritiker innerhalb von Israel gefunden.
Shlomo Sand blieb es offensichtlich vorenthalten, so einen Platz zu finden. 
Am 10. Oktober erschien im Guardian ein langer Artikel, in dem er ausführlich darlegt, warum er nun, als Ultima Ratio eines unruhigen Leben aus dem „Exklusiven Klub des Judentums“ austritt.
Sand begründet seinen selbstinszenierten Austritt aus dem Judentum mit markigen Worten: „Ich sehe es meinerseits als moralische Pflicht an, mich endgültig vom tribalistischen Judozentrismus zu verabschieden. Heute bin ich mir voll bewusst, dass ich im Grunde nie ein säkularer Jude war; ein derartiges imaginäres Subjekt entbehrt nämlich jeglicher eigener kultureller Grundlage oder Perspektive und basiert auf einem hohlen ethnozentrischen Standpunkt.“
Er hofft, so schreibt er weiter, dass freundliche Philosemiten, engagierte Zionisten, begeisterte Antizionisten seine Entscheidung respektieren und ihn nicht mehr weiter als Juden schubladisieren. In einem Rundumschlag von Selbstbefreiung fährt er fort, dass es ihn herzlich wenig interessiere, was sie über ihn denken und noch weniger interessiere ihn das, was die „antisemitischen Idioten“ über ihn denken.
Immerhin macht es seine Entscheidung, sich nicht mehr als Juden zu definieren, leichter, ihn als das zu sehen, was er seit geraumer Zeit schon war: als einen Israel-Hassenden, antizionistischen Agitator, der seinen Antisemitismus so viele andere seines Umfeldes gut hinter gesellschaftlich akzeptableren Begriffen versteckt.
Shlomo Sand, der in Europa verfolgt wurde, weil er Jude war, das Land hasst, das ihn aufgenommen hat, weil er Jude ist, der sich vom Judentum ablöst, damit er nicht als Prototyp des selbsthassenden Juden herhalten muss.
Shlomo Sand, der in Israel studieren und lehren durfte, und es diesem Land, mit politischem Schaden heimzahlt.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Shlomo Sand – das Ende eines langsamen Outings

  1. Hans

    Liebe Esther,

    Ich bin überrascht über Deine Direktheit in deinem Blog, die Du an den Tag legst und das umfassende Wissen das Du hast.

    Auch dass Du aus den Namen Uri Avnery, Abraham Burg, Aktiva Eldar, Simcha Flapan, Amira Hass, Jeff Halper, Jeshajahu Leibowitz, Gideon Levy, Reuven Moskovitz, Ilan Pappe, Tom Segev, Israel Shahak, Idith Zertal, Moshe Zuckermann und eben Shlomo Sand feststellst, dass Jeshajahu Lweibovitz zu Unrecht auf dieser Liste steht, beeindruckt mich als Aussenstehenden. Dies zeigt mir wie tiefgründig Du an die Sache heran gehst. Du siehst in Deinem Schreiben eine Berufung die Sache richtig darzustellen. Auch stellst Du Tacheles in den Senkel.

    Esther mach weiter so!

    Herzlichst
    Hans

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  2. Ekkehard

    Liebe Esther

    Sehr gut. Vielen Dank. Sende Dir eine Rezension zu Sands erstem Buch von meinem Bruder und mir.
    http://www.kirche-und-israel.de/index.php?option=com_content&view=article&id=13&Itemid=1
    Hag Sameach – für Dich und Alexander
    Herzlich
    Ekkehard

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