Der Feiertagsmarathon beginnt morgen

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Am kommenden Mittwochabend, dem 24.09. beginnt bei uns Rosh HaShana, das Fest zum Jüdischen Neujahr des Jahres 5775. 
Der 1. Tischri, der Beginn unseres neuen Jahres fällt entsprechend dem bürgerlichen Kalender jeweils auf den Zeitraum zwischen dem 05. September und dem 05. Oktober. Im Jahr 2013 fiel er auf den 05.09., im Jahr 2043 wird er auf den 05.10.fallen. Unser Kalender basiert auf Mondmonaten, er umfasst 12 Monate mit 29 oder 30 Tagen. Damit die Feiertage nicht, wie im Islam rund um das Jahr laufen, wird alle drei Jahre ein Schaltmonat mit 30 Tagen eingefügt.
Nachdem wir unserer Familie und den Freunden „ein gutes und süßes neues Jahr“ gewünscht haben, tauchen wir Apfelschnitze in Honig. Unser Neujahr ist ein ruhiges, wenngleich auch fröhliches Fest. Es gibt keine Bälle, kein Feuerwerk, kein Bleigießen, keine Schornsteinfeger inmitten von vierblättrigem Glücksklee. Übrigens, sowohl der 31. Dezember, als auch der 1.Januar sind hier einfache Arbeitstage.
Rosh HaShana bedeutet in der Übersetzung „Kopf des Jahres“, der Gute Rutsch, den man sich in deutschsprachigen Gebieten anlässlich des Neuen Jahres wünscht, ist wahrscheinlich eine Verballhornisierung des hebräischen Begriffs. Zwar haben die Gebrüder Grimm in ihrem Deutschen Wörterbuch das „Reisen“ auch als „Rutschen“ bezeichnet, so dass auch eine symbolische gute Reise in das Neue Jahr als Herkunft möglich wäre.

Ich oute mich jetzt als Liebhaberin des bayerisch-deutschen Kriminologen „Pfarrer Braun“ (Ottfried Fischer) – in „Grimms Mördchen“ spielt dieses Wörterbuch eine maßgebliche Rolle. Allerdings war Kassel als Drehort keine gute Wahl. Steinau ist mit seinem Gebrüder Grimm Museum wesentlich authentischer und auch dem Burgmannenhaus gelingt es, die Gäste ein wenig in die Zeit der Gebrüder Grimm zurück zu beamen, keine Wand im Haus ist gerade, kein Boden ist plan….


Gemäß unserer Tradition sind die Tage zwischen Rosh HaShana  und Yom Kippur auch die Tage, an denen Gott uns und unser Verhalten im letzten Jahr beurteilt. Die drei Bücher Gottes sind in der Zeit geöffnet, jeder hat in den Tagen die Zeit, zu erkennen, was nicht so toll gelaufen und durch ein entsprechend korrektives Verhalten einen Eintrag in einem „besseren“ Buch zu bekommen. 

Ob die drei Bücher (für die nahezu Guten, die Gerechten gibt es das Buch des Lebens, für die ganz Schlechten und Verderbten gibt es das Buch des Todes. Das dritte Buch enthält die Einträge all jener, die sowohl gute, als auch schlechte Taten begangen haben) im Christentum als Himmel, Hölle und Fegefeuer Eingang gefunden haben, können mir vielleicht die hier mitlesenden Theologen beantworten.
Sollte das so sein, gäbe es dennoch einen bedeutenden Unterschied: bei uns werden die Bücher in jedem Jahr an Rosh HaShana geöffnet und erst nach zehn Tagen, am Yom Kippur, wieder geschlossen. Die Beurteilung des Menschen durch Gott findet bei uns als jährlich statt und wir haben die Möglichkeit, sie durch Einsicht und entsprechende Veränderung und Umkehr zu verbessern.


An Rosh HaShana ertönt auch zum ersten Mal das Shofar, das Widderhorn. Die Töne sind sehr archaisch, es ist eine Kunst, dieses natürliche Instrument in Perfektion zu spielen. Es gibt vier Grundtöne:
Teki‘a                                ein langer Ton                     der König kommt
Schewarim                       drei kurze Töne                   Gott erbarme Dich
Teru‘a                               9 – 12 sehr kurze Töne        gebrochenes Herz
Teki‘a gedola                    ganz langer Ton                  der HERR kommt 
                                                                                     wieder
Der Vorbeter gibt die jeweiligen Tonfolgen vor, während der Shofarbläser versucht, sie sauber zu blasen, fürwahr, eine echte Kunst.

Die Shofarim werden von Generation zu Generation weitergegeben, über das Jahr hinaus sorgsam verpackt, damit dem fragilen Horn nichts passieren kann. Ein wohltönendes Widderhorn ist der Stolz jeder Familie.
Zehn Tage später folgt unser wichtigster Feiertag, Yom Kippur, der Tag der Versöhnung. Das Urteil, das zu Rosh HaShana in das entsprechende Buch eingetragen wurde, wird nun, nachdem es sich vielleicht noch verbessert hat, festgeschrieben, gesiegelt.
Leonhard Cohen hat eines der bedeutenden Gebete von Rosh HaShana und Yom Kippur schon sehr früh in seinen Liederzyklus aufgenommen. „Who by fire“.
Yom Kippur ist der Feiertag, der von den meisten Juden, auch den ganz säkularen, eingehalten wird. In Israel ist das Autofahren zwar nicht explizit verboten, wird aber vielerorts, vor allem in Wohngebieten mit vielen Familien eingehalten. Für 25 Stunden gehören die Straßen den Kindern mit ihren Trottinettes, Velos, Skateboards…Wer dennoch fahren muss, tut dies im Schleichgang und mit schlechtem Gewissen. 
Fernsehen und Radio stellen für 25 Stunden alle Sendungen ein, dass die Bahn ihren Betrieb einstellt, kennen wir von jedem Schabbat, auch von den Autobuslinien. An Yom Kippur ruht aber auch der Flughafen. Israel ist an diesem Tag ganz besonders verwundbar. Diese Tatsache machten sich unsere Nachbarn Ägypten und Syrien 1973, unterstützt von acht weiteren Ländern zu Nutze, als sie uns am 06. Oktober angriffen. Der Krieg dauerte zwar nur drei Wochen, forderte aber auf allen Seiten furchtbar viele Opfer. Die IDF war zum ersten Mal verletzbar. Ohne die US amerikanische Hilfe wäre dieser Krieg vielleicht das Ende des modernen, demokratischen Israel gewesen. Um nicht ein zweites Mal mit einer derart desaströsen Situation konfrontiert zu werden, gibt es heute das „stille“ Radio, Fernsehen und Internet, das nur im Alarmfall automatisch auf „laut“ stellt……..
Zur Zeit des zweiten Tempels in Jerusalem, also bis zum Jahr 70 C.E. war dieser Tag der einzige im Verlauf des Jahres, an dem der Hohe Priester, und nur er, das Allerheiligste des Tempels betreten durfte. Dies war der Ort, wo die Bundeslade mit den zwei Tafeln stand, verborgen hinter einem monumentalen Vorhang. Er besprengte die Bundeslade mit dem Blut zweier Opfertiere, ein Bock wurde in die Wüste geschickt (Sündenbock), nachdem er virtuell mit den Sünden des Volkes beladen wurde.


Yom Kippur ist „der lange Tag der Synagoge“. Er beginnt am Vorabend des Tages bei Sonnenuntergang mit dem Kol Nidrei.

Mit dem Kol Nidrei sollen alle unwissentlichen und unüberlegten Eide und Versprechungen gegenüber Gott getilgt werden. Alle wissentlich und absichtlich abgelegten Eide und Versprechungen bleiben aufrecht. Meineide vor Gericht, oder ausgehandelte Verträge zwischen Juden und Nichtjuden bleiben weiterhin aufrecht.
Der folgende Tag stellt eine Mischung aus kollektiven Sündenbekenntnissen und Erinnerungen an Vorverstorbene dar. Wir kennen das individuelle Schuldbekenntnis, das im Christentum aus der Ohrenbeichte und der daran anschließenden individuellen Busse besteht nicht. Wir bekennen unsere Sünden kollektiv, schließlich trägt jeder einen kollektiven Teil der Verantwortung an den Sünden der anderen.
Am Nachmittag lernen wir die Geschichte von Yonas und dem Walfisch.
Nachdem bei Sonnenuntergang das Shofar zum letzten Mal geblasen wurde, endet nach 25 Stunden der Feiertag. Man wünscht sich noch einmal „rosh hashana tova umetuka, ve gmar chatima tova!“ (Ein gutes und süßes Neues Jahr und möge die Einschreibung eine gute gewesen sein). Anschließend trifft man sich mit Freunden zum gemeinsamen Fastenbrechen.
Sukkot,  das Laubhüttenfest, das erste im Jahreskreislauf, vor Pessach und Shavuot. Es findet fünf Tage nach Yom Kippur statt und dauert, wie alle Wallfahrtsfeste, sieben Tage. Aber nur der erste Tag und der achte Tag sind echte Feiertage. 
Unmittelbar nach Ende von Yom Kippur macht sich jeder, der plant, eine Sukka (Laubhütte) in seinem Garten oder irgendwo auf dem Grundstück aufzustellen, daran, diese zu bauen. 


Die  Laubhütten müssen nach ganz speziellen Vorschriften gebaut sein, kein Element darf fest mit einem Haus, einer Pergola oder was auch immer verbunden sein, dass Dach muss sich öffnen lassen, sie müssen minimalen Schutz vor den Unbillen des Herbstwetters geben. In der Regel sollte man in den Laubhütten die Malzeiten einnehmen, aber nicht wohnen können. Wie unterschiedlich diese Voraussetzungen sein können, habe ich selber schon erlebt. Ich saß in Bludenz in einer Sukka, bei gefühlten 0° und strömendem Regen und ich saß hier in Zichron in einer Sukka bei gemessenen 28° und genoss den eisgekühlten Tee.
An Sukkot erinnern wir uns an die Zeit, als unsere Vorväter 40 Jahre durch die Wüste wanderten, nachdem sie aus der Versklavung in Ägypten geflohen waren. Wir erinnern uns aber auch daran, wie sie, als sie im Land Israel angekommen waren, als Bauern arbeiteten und zur Zeit der Ernte in einfachsten Hütten auf den Feldern übernachteten, zum Einen, um die Früchte des Feldes vor Dieben zu schützen, aber auch, um bei der Ernte keine Zeit zu verlieren und quasi „vor Ort“ zu übernachten.
Einen wesentlichen Aspekt der Gottesdienste bestimmt an Sukkot der Lulaw.

Dieser Strauß aus dem Wedel einer Dattelpalme (Lulaw), Myrten-  und Weidenzweigen wird in einer vorgegebenen Art gebunden. Dazu kommt eine Etrogfrucht, die ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, um für den Strauß geeignet zu sein. Wir haben im Garten derzeit noch zwei Früchte, ich hoffe, sie halten durch. Ganz wichtig ist es, dass sie nicht vom Baum gefallen, sondern von dort abgeschnitten worden sind. Das Ritual des Etrogschüttelns ist ein sehr archaisches, was ich mich in der Schweiz stets geweigert habe mitzumachen. Hier werden in den Gemeinden die Sträuße einfach weitergereicht, man kann sich der Tradition nicht entziehen.
Auf der Webseite der Chabad Organisation fand ich einen wunderbaren Artikel zu Sukkot mit dem Titel „Außen Einstein, innen Freud“. Gerade die Kombination dieser beiden Wissenschaftler hat mich berührt. 
Einstein wollte ich immer verstehen und doch gelang es mir bis heute nicht, die angeblich so schlüssigen Forschungsergebnisse zu begreifen. In diesem Artikel wird er folgendermaßen zitiert: „Das Unbegreiflichste an der Welt ist, dass sie begreifbar ist.“
Freud hat mich mit seinen Theorien, Erkenntnissen und Schriften seit Jahrzehnten begleitet und maßgeblich dazu beigetragen, dass ich heute der Mensch bin, der ich bin. Freud selbst bezeichnete sich als „gottlosen Juden“ und doch schrieb er 1882 seiner Braut: „…. Wenn die Form, in der die alten Juden sich wohlfühlten, auch für uns kein Obdach mehr bietet, etwas vom Kern, das Wesen des sinnvollen und lebensfrohen Judentums, wird unser Haus nicht verlassen.“
Der achte Tag, Simchat Thora (Freudenfest der Thora) ist der fröhlichste Tag, den wir in der Synagoge feiern.
Sowohl am Vorabend des Feiertages, als auch am Morgen, werden alle Thorarollen, die im Besitz der Gemeinde sind, aus dem Thoraschrein herausgenommen. Jeder der mag, nimmt eine Rolle und „tanzt“ mit ihr im Arm einige Minuten durch die Synagoge, bis die Rolle weitergegeben wird.


Die Lieder die dabei gesungen werden sind nicht zwangsläufig religiös, es sind auch durchaus traditionelle Volkslieder dabei. Die Stimmung ist an diesem Tag ausgelassen. Auch der eine oder andere Schluck Whisky darf durchaus genossen werden….
Auch die Aufrufe zur Thora, in der Regel eine sehr ernsthafte und ehrenvolle Sache, wird an diesem Tag ein wenig lockerer genommen. Sieben Aufrufe gibt es. An diesem Tag kann es sein, dass es heißt:
1.    Wer hat schon einmal beim Lehrvortrag des Rabbiners geschlafen?
2.    Wer hat in diesem Jahr ein Kind/Enkelkind bekommen?
3.    Wer ist schon  mehrfach zu spät zum Gottesdienst gekommen?
Und der letzte Aufruf heißt: Und wer wurde bisher noch nicht aufgerufen? Spätestens dann wird es voll am Vorlesepult.
Irgendwann ist auch dieser Festtag vorbei.
Heuer wird es der 16.Oktober sein. 
Bis dahin plätschert das Leben in Israel leicht schaumgebremst vor sich hin. Welchen Handwerker, welchen Techniker man derzeit braucht, ich glaube, das Hausdach müsste einbrechen, um nicht die freundliche Antwort: „Ja ich komme, nach den Feiertagen.“ hören zu müssen.
Ich wünsche allen meinen Lesern:
„Chag sameach, shana tova u metuka ve gmar chatima tova!“

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