Fels in der Brandung Tag 50 und 51, 26.& 27. August 2014, 1.Tag der Feuerpause

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Der Grenzübergang Erez im Norden des Gaza Streifens ist für Grenzübertritte auf Grund von medizinischen Notwendigkeiten nahezu 24 Stunden am Tag passierbar. Er liegt unmittelbar neben dem von Israel erbauten Feldlazarett, das von der Hamas und anderen Terrororganisationen boykottiert wird. Mehr als das, es wird gemeinsam mit dem Grenzübergang immer wieder heftig attackiert.
Bereits am Sonntag wurden vier israelisch-arabische Taxifahrer, die auf ihre Kunden warteten, um sie zur Behandlung in ein israelisches Krankenhaus zu fahren, Opfer der Gewalt. Zwei von ihnen wurden schwer und zwei mittelschwer verletzt, als der Platz vor dem Gebäude unter Beschuss geriet. Sie wurden erstversorgt und anschließend nach Ashkelon gebracht. Ein Mitarbeiter der Grenzstation, ebenfalls ein israelischer Araber machte seiner Wut Luft: „Das ist eine Organisation, die um das Wohlergehen des palästinensischen Volkes besorgt ist?“ Er betonte, dass trotz des Dauerbeschusses der Übergang für medizinische Notfälle nicht geschlossen worden sei, und dass gerade vor 20 Minuten zwei Frauen aus Gaza evakuiert worden seien, um sich in Israel einer lebensrettende Operation zu unterziehen und dass andere Taxifahrer bereit stünden, um wie immer wieder Notfallpatienten zu transportieren.
Einer der Freiwilligen, die dort arbeiten ist Inbar Buma, dessen Sohn 1995 als Mitglied der Golani Truppen fiel. Er kennt keinen Hass, heute hilft er den Palästinensern, die seine Hilfe dringend brauchen, um sich durch den bürokratischen Dschungel zu kämpfen.
Erez ist auch offen, um gespendete Hilfsgüter nach Gaza zu transportieren. Es ist mühsam. Alles wird auf der israelischen Seite von den LKWs geladen und von Freiwilligen zu Fuß nach Gaza gebracht, wo die Güter wieder auf LKWs aufgeladen werden, es sind Spenden aus Jordanien und aus Jerusalem. 
Auch die Verletzten, die in die Türkei ausgeflogen wurden, reisten über diesen Grenzübergang. Der Wechsel von den palästinensischen Fahrzeugen in die israelischen gestaltet sich manchmal sehr schwer. Immer dann, wenn wieder eine Salve des möglicherweise tödliche Beschusses aus Gaza kommt.
Dann müssen sie in einem der Bunker warten, bis es sicher ist, weiter zu reisen.


Nachdem es dem ganzen Tag über äußerst widersprüchliche Meldungen gab, trat um 19:00 die neue Feuerpause in Kraft. Dieses Mal gibt es keine zeitliche Begrenzung, innerhalb eines Monats ab heute sollten die Verhandlungen fortgesetzt werden, die dann, so der Plan, in einem Waffenstillstandsabkommen enden werden. Die detaillierten Inhalte (hier)sind noch nicht veröffentlicht, wohl aber die Tatsache, dass nicht alle Minister im Kabinett der Vereinbarung zustimmten. Es ist nur der Regelung geschuldet, dass für eine solche Entscheidung keine Abstimmung notwendig ist, dass PM Netanyahu mehr oder weniger im Alleingang das OK geben konnte. Es steht außer Frage, dass jeder Einzelne im Land glücklich ist, dass nun ein paar ruhige Tage, ohne Beschuss, ohne Sirenengeheul bevorstehen. Und dennoch bleibt ein bitterer Beigeschmack.
Es ist offensichtlich, dass nicht die gesamte Regierung hinter der Entscheidung steht, auch die Menschen im Süden, die schon einmal in ihre Häuser zurückgekehrt sind, weil man ihnen sagte, es sei sicher, und dann kam der Terror schlimmer denn je zurück, sind ein zweites Mal geflohen. Und sie fühlen sich düpiert. Auch wenn der IDF Sprecher, Brigade General Motti Almotz versucht sie zu beruhigen: „Wir sind rund um Gaza herum präsent und wir werden  nicht weggehen, bevor nicht die Situation stabil ist. Wir sind mit dem ganzen Herzen dabei und es gibt keine Unstimmigkeiten oder Missverständnisse mit den Bewohnern dort. Sie haben eine Menge mitgemacht, nun liegt es an uns zu beweisen, dass wir unsere Arbeit gut machen. Wir sind uns dessen bewusst. Wir werden keinen cm abrücken, bevor nicht das Vertrauen wieder hergestellt ist.“ 
In  diesem Fall von Sieg oder Niederlage zu sprechen erübrigt sich. Keine Seite hat auch nur den Hauch dessen bekommen, was in den Verhandlungen so vollmundig  verlangt wurde: die Hamas und die ihnen nahestehenden Gruppen bekommen derzeit weder einen See- noch einen Flughafen, die Grenzen waren für humanitäre Hilfe und alle möglichen Güter sowieso immer offen (Außer sie wurden gerade von aus Gaza beschossen!), Gefangene werden nicht freigelassen, weder Katar noch die Türkei waren, wie verlangt bei den Gesprächen dabei… von Sieg kann also keine Rede sein. Und Israel? Bekommt auch nichts, Gaza wird nicht demilitarisiert, also auch kein Sieg.
Also eine Null Null Situation?
Je nachdem,  ob positiv oder negativ denkend kann man auch von einer Win Win Situation sprechen. Weil beide Seiten nun hoffentlich einen Monat der Ruhe vor sich haben und sich bis dahin hoffentlich alle Köpfe beruhigt haben, so dass die nachfolgenden Verhandlungen schnell und zielführend in einer anhaltenden Waffenruhe enden. 
Dann ist tatsächlich ein Doppelsieg erreicht, den es zu feiern gilt. In Ruhe und leise im Respekt vor den Toten und Verletzten. Und keinesfalls so.


Zwei der größten Unterstützer der Hamas, der Iran und Katar, lobten das Abkommen, das die Hamas mit Israel (!) erreicht hatte als Sieg der Gaza Terrororganisation. 
Der Iran betonte, dass die Palästinenser als Sieger aus dem 50 Tage dauernden Konflikt hervorgegangen seien und ihren israelischen Feind auf die Knie gezwungen hätten. „Das heroische Palästinensische Volk hat mit dem Sieg des Widerstands eine neue Ära geschaffen, die das Zionistische Regime auf die Knie gezwungen hat. Dieser Sieg bereitet den Weg für die endgültige Befreiung von allen besetzten Gebieten, besonders von Jerusalem.“
Und auch die GröFaZe tauchen nun, da es ruhig ist, langsam aber sicher wieder aus ihren Verstecken auf!


Gestern Nachmittag wurde ein Wohnhaus in Ashkelon durch einen Volltreffer zerstört. Durch diese Raketensalve wurden in der Nachbarschaft 12 weitere Häuser mit insgesamt 50 Wohnungen beschädigt. Dass es keine Toten, sondern „nur“ 28 Verletzte gab, ist fast als Wunder anzusehen. 
Jene junge Frau, deren Haus komplett zerstört wurde, sieht es als großes Geschenk an, dass sie alle ein zweites Leben erhalten haben.

Liam Atzion, neun Jahre alt, hat in seinem Leben bisher keine guten Erfahrungen gemacht. „Wir sind erst vor kurzer Zeit hierher gezogen. Von den drei Monaten waren wir zwei im Krieg. Die Sicherheitssituation ist nicht wirklich gut, es dauert alles schon viel zu lange. Ich wurde in Ashkelon geboren, ich bin hier aufgewachsen. Ich bin jetzt neun Jahre alt und es geht weiter und weiter. Es macht doch keinen Sinn, dass wir hier fortgesetzt so leben müssen.“
Liam Atzion

Knapp vor dem Inkrafttreten der Feuerpause geriet der Kibbuz Nirimebenfalls unter heftigen Beschuss. Der Sicherheitschef des Kibbuz, Ze’ev Etzion (55) und sein Stellvertreter, Shahar Melamed (43) kamen bei diesem Angriff um, sechs weitere wurden verletzt. 
Ze’ev Etzion

Shahahar Melamed

Heute rollte der erste Hilfskonvoi seit 2007 über den ägyptischen Grenzübergang Rafah. In jenem Jahr hatte Ägypten die Grenzen zu Gaza geschlossen und damit die Versorgungssituation drastisch verschärft. Als Teil des aktuellen Abkommens hat sich Ägypten ebenfalls verpflichtet, den Import von Lebensmittel und anderen Waren nach Gaza zu vereinfachen. Laut Bericht des World Food Program (WFP) lieferte dieser erste Transport genügend Mahlzeiten, um damit 150.000 Personen fünf Tage zu verpflegen. Den heute gelieferten 16.500 Paketen sollen in den kommen Tagen 10.000 folgen. Während der Gesamtzeit der Operation Fels in der Brandung hat das WFP täglich Verpflegungseinheiten für 350.000 Menschen geliefert und Lebensmittelgutscheine für weitere 120.000 ausgegeben. Diese Lieferungen kamen über den Übergang Kerem Shalom. 
 

Grenzübergang Rafah

Nachreichen möchte ich gerne ein kurzes Video, in dem das Interview, welches Khaled Mashaal vor wenigen Tagen Yahoo News gab, analysiert wird.

Heute am Vormittag schrieb mir ein Freund aus der Schweiz: „Hoffen wir, dass die unbeschränkte Feuerpause hält. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele in Israel noch Zweifel daran haben.“
Ja, es stimmt, so richtig glücklich und gelöst ist hier niemand. Business as usual ist immer noch ganz weit weg. Es ist die elfte (!) Vereinbarung dieser Art, zehn wurden seitens von Hamas und ihren Terrorkollegen gebrochen. Warum sollten sie also diesmal etwas anderes machen? Vereinbart wurde, dass innerhalb von 30 Tagen ab Beginn der Feuerpause weiterverhandelt werden soll. 30 Tage sind viel Zeit. Da können die Beduinen aus dem Sinai viele Waffen liefern. Ich möchte es glauben, dass es diesmal ruhig bleibt, aber die Erfahrung ist eben anders.
Damit beende ich meine Berichte und hoffe, dass wir uns alle nun wieder anderen, positiveren, spannenderen, lustvolleren Dingen zuwenden können.

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