„…. solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die Hoffnung, zweitausend Jahre alt, ein freies Volk zu sein, in unserem Land, im Lande Zion und in Jerusalem!“

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Nach all den schlimmen Meldungen der letzten Tage kommt hier ein ganz anderer Beitrag, nicht weniger politisch, aber dafür um so jüdischer, israelischer und zionistischer.
HaTikwa – Hoffnung die Geschichte unserer Nationalhymne
Die Besucher, die sich im Beit Nir, dem Kulturhaus von Zichron Yaacov einfinden, warten gespannt auf den Beginn der Veranstaltung. „Ich habe von Freunden, die diese Veranstaltung in Tel Aviv erlebt haben, gehört, dass dies ein ganz besonderer Abend werden wird. Ich bin gespannt.“ sagt Amoz. Arbel, Schülerin an einem privaten Gymnasium, erzählt, dass sie im Unterricht das Buch von Astrith Baltsan, das der Veranstaltung zu Grunde liegt, benutzen. „Wir haben gelernt, dass unsere Nationalhymne eine hochinteressante Geschichte hat. Diese Geschichte hat mich begeistert. Nun bin ich hier, um Astrith Baltsan, die das Buch geschrieben hat, auf der Bühne zu erleben.“ Neugierig sind auch Ariel und Denise, die mit ihren drei Kindern erst vor zwei Jahren aus den USA nach Israel gekommen sind. „Das Hebräisch von mir und Denise ist noch alles andere als perfekt. Wir sind gespannt, wie viel wir verstehen werden. Unsere drei Kids haben es leichter, sie lernen die neue Sprache in der Schule.“
Im Foyer drängen sich die Gäste um das Buffet, balancieren einen Teller mit hausgemachtem Kuchen und frischem Obst in der einen, und ein Glas Wein in der anderen Hand. Im Hintergrund stimmt Debbie, die selber Konzertpianistin ist, die Besucher musikalisch auf den Abend ein.
Neuankömmlinge werden lebhaft begrüßt, jeder scheint jeden zu kennen. Kein Wunder, denn der Anlass der Veranstaltung ist der 10. Geburtstag der lokalen Masorti Gemeinde, die mit ca. 80 Familien zu den eher kleinen, dafür aber sehr persönlich geführten Gemeinden von Zichron Yaacov gehören. Die Grußworte von Rabbiner Elisha Wolfin nehmen darauf Bezug: „Vor zehn Jahren haben wir im Wohnzimmer von Baruch und Ariella die Gemeinde gegründet. Damals gab es dort genügend Platz für alle Mitglieder. Im Laufe der Jahre sind wir gewachsen und wir sind stolz auf das, was wir gemeinsam erreicht haben. Und, wir sind stolz darauf, dass wir uns diese Besonderheit erhalten haben: das Persönliche, das Familiäre. Unsere Mitglieder kamen aus vielen Ländern zu uns, sie haben alle ihren Platz gefunden, hier in Zichron Yaacov und in unserer Gemeinde „Veahavta!“
Während der Rabbiner seine Ansprache hält, hat eine unauffällig aussehende, leicht hinkende, kleine und eher rundliche Dame das Foyer betreten. Das einzig Auffallende an ihr ist der kupferrote Lockenkopf. Sie zieht einen kleinen, froschgrünen Rollkoffer hinter sich her und bahnt sich ihren Weg durch die Menge. Vor einem Tisch bleibt sie stehen, öffnet den Koffer und entnimmt ihm ein Päckchen Papier, das sie auf den Tisch legt. Anschließend verschwindet sie über Treppe in das Untergeschoss. 
Im diesem Moment werden die Türen geöffnet und die Zuhörer strömen in den Saal, um sich einen Platz zu suchen.
Auf der Bühne steht nur ein Flügel, die drei Beine jeweils auf einem Rollbrett befestigt, das mit einfachen Bremsen versehen ist. An der Rückseite hängt eine große Leinwand. Auf knallblauem Hintergrund stehen einige einleitende Worte, aber auch der Hinweis, die Handys doch bitte auszuschalten. Von den Publikumsplätzen aus kann man die Gebrauchsspuren auf den schwarzen Bühnenbrettern deutlich erkennen. Nüchterner kann keine Bühne sein!
Unmittelbar, nachdem alle ihren Platz gefunden haben und die letzten Begrüßungen über die Reihen hinweg lautstark ausgetauscht werden, ergreifen nacheinander der amerikanische Konsul für den Norden Israels, Jonathan Friedland, der Bürgermeister des Ortes, Eli Abutbul und abschließend noch einmal Rabbiner Elisha Wolfin das Wort. Alle drei loben die Bedeutung der pluralistischen Gemeinde für den Ort und vor allem auch für die überwiegend aus englischsprachigen Heimatländern stammenden Neueinwanderer.
Nun endlich ist die Bühne frei für Dr. Astrith Baltsan! In dem Moment, in dem sie von links auf die Bühne tritt, ändert sich die Atmosphäre im Raum spürbar. Ihre graue Hose und das graue Top werden eingerahmt von einer knallroten, taillenkurzen Jacke und gleichfarbigen High Heels, sowie einem entsprechenden Gürtel. Beherrscht wird ihr Erscheinungsbild aber von ihrem kupferroten Lockenkopf! Und von ihrem Lächeln, das im Laufe des Abends viele Facetten zeigen wird. 
Als “Halb-Halb” Theorie bezeichnet Dr. Astrith Baltsan  ihre Theorie zur Entstehungsgeschichte der „Hatikva“. Halb – Halb sei bezeichnend für die Teilung des Landes in Jehuda und Israel zur Zeit der Bibel, aber auch heute in die Gruppen der Sfaradim und  Aschkenasim, die einander in so vielen Bereichen des Alltags fremd geblieben seien. Aber auch ihre persönliche „Teilung“. Die eine Hälfte von ihr sei die klassische Pianistin, die andere die sehr zionistische Musikerin.
Und als solche hat sie vor acht Jahren begonnen, die Geschichte unserer Nationalhymne „Hatikva“ zu erforschen.
Astrith Baltsan nimmt am Flügel Platz, ohne vorher ein Wort an das Publikum zu richten und beginnt das Nocturne Op 9, Nr. 2 von Chopin zu intonieren. Ihre schlanken, langen Finger werden eins mit den Tasten. Die Überleitung zu Smetanas Moldau gelingt perfekt. Während sie mit der linken Hand die begleitenden höchsten Töne spielt, nimmt die Künstlerin mit dem Spiel der rechten Hand, die die Hauptmelodie spielt, ihr Publikum mit auf die Reise der Moldau von ihren Quellen im Böhmerwald und im Bayerischen Wald bis nach Prag. Und hier beginnt Astrith Baltsan, nun dem Publikum zugewendet, mit ihren Erklärungen zur Musik. Von den ersten leicht hingetupften Stakkati, die das Tropfen des Quellwassers wiedergeben, bis zu den breiten auf- und absteigenden Sequenzen, die den ruhigen, stetigen Fluss der Moldau beschreiben. In dem Moment, in dem der Fluss Prag erreicht, ertönt zu ersten Mal das Motiv, das unserer Nationalhymne zu Grunde zu liegen scheint.
Ein erster Beifall brandet auf, bevor die Künstlerin vor den Flügel tritt und beginnt, Erstaunliches zu erzählen. 
Der Text der Hatikva stammt aus der Feder von Naphtali Herz Imber, der 1882, dem Gründungsjahr von Zichron Yaacov, von Galizien nach dem damaligen Palästina auswanderte. Er arbeitete als Sekretär eines englischen Diplomatenpaares, das neben seinem Wohnsitz in Haifa auch ein Ferienhaus im Drusenort Daliyat al-Karmel besaß. Er verlor seine Arbeitsstelle, nachdem er mit der Ehefrau seines Arbeitgebers ein Verhältnis angefangen hatte, und begann auf der Suche nach einem Broterwerb für sie beide, kreuz und quer durch Palästina zu reisen. Auf seinen Reisen verkaufte er einen Gedichttext, die „Hatikva“ an die Bürger mehrerer Orte. Er erzählte ihnen, diesen Text speziell als Hymne für ihren Ort geschrieben zu haben. Einer der so bedachten Orte war Daliyat al-Karmel, nur wenige Kilometer entfernt von hier. 
Während sie die Entstehung der Hatikva erforschte, war Astrith Baltsan auf ein mehr als 600 Jahre altes Gebet gestoßen, welches heute noch im Frühling in der ältesten Synagoge Europas, der  Portugiesischen Synagoge Amsterdams, genannt Esnoga, gesungen wird.  Dieses Gebet markiert den Übergang vom Winter zum Frühling, die Zeit in der die Winterregen enden und um Tau gebetet wird, der ausreichend Wasser für die Landwirtschaft bringen soll. Entsprechend der großen Bedeutung des Wassers ist das Gebet musikalisch sehr liebevoll ausgestaltet. Die Übernahme der ersten Notenzeile des Gebetes als erste Zeile der Hatikva schlägt, so erklärt Astrith Baltsan, den Bogen zwischen der Verbundenheit zum historischen Land Zion und der Landwirtschaft als Lebensgrundlage in diesem kargen Land. Darauf bezieht sich auch die zweite Zeile, die im Original das Leben von freien Bauern in Rumänien beschreibt und dieser lebensfrohen Melodie die Sehnsucht gegenüberstellt, einst freie Menschen im eigenen Land Zion zu sein. 
Während sich im Hintergrund auf der Leinwand Bilder aus Israel mit Bildern aus Prag, aus der Esnoga Synagoge und aus Rumänien mischen, erläutert Astrith Baltsan, worin die größte Herausforderung für alle Sänger der Hatikva besteht: „In dem Moment, wo der Text auf die 2000 Jahre alte Hoffnung hinweist,  muss der Sänger von einem Ton zum anderen eine ganze Oktave überwinden. Das klingt dann manchmal sehr komisch.“

Auf der Leinwand erscheint dazu ein original Tondokument aus dem Jahr 1933 aus einer Schule aus Munkatch (Ungarn). Schulkinder, nicht älter als sieben, acht Jahre alt singen die Hatikva. 
Bilha, eine der Zuhörerinnen des Konzerts ist von diesem Video ganz aufgewühlt: „Mein Ex-Mann wurde in Munkatch geboren, wenn ich mir vorstelle, dass entweder er, oder sein Bruder sich unter den Kindern, die da gesungen haben, befand…. Ich kann es einfach nicht glauben! Es ist so berührend!“
Die Melodie, die Bedrich Smetana im Jahr 1878 geschrieben hatte erweist sich bei genauerer Betrachtung also als zumindest teilweise „entliehen“. Er selbst hat dies, das muss man ihm zugestehen, auch irgendwann zugegeben. Er habe sie von einer „faszinierenden Melodie, die sich über ganz Europa verbreitet habe geliehen“.
Astrith Baltsan muss wirklich gründlich nachgeforscht haben. Wie sonst wäre es ihr möglich gewesen, das nächste, erschütternde Filmdokument der BBC zu finden, das seinen Weg nie in die Programme der TV Sender fand? 
Bergen Belsen, April 1945. Die britischen Truppen haben das KZ erreicht. Das, was sie erwartet ist grauenhaft.  Vielleicht das bedrückendste Zeugnis des Holocaust. Die Befreier kamen am Freitag, vor Beginn des Schabbat. Die Überlebenden baten darum, eine kurze, letzte Kabbalat Shabbat Feier abhalten zu dürfen, bevor sie evakuiert wurden und das Typhus verseuchte Lager niedergebrannt werden musste. Sie sahen, dass BBC live in die USA und nach GB übertrugen und begannen spontan, die Hatikva zu singen. Die ausgemergelten Gesichter, die Körper, die nur mehr Skelette in einer Hauthülle waren.
Während diese Bilder über die Leinwand laufen, sind im Raum Schluchzer zu hören, niemand schämt sich seiner Tränen. Auch in Zichron Yaacov, dem Ort mit überwiegend amerikanischen Einwanderern gibt es kaum jemanden, der nicht einen Teil seiner Familie im Holocaust verloren hat.
Drei Jahre später, am 14.Mai 1948 verkündete David Ben Gurion in Tel Aviv die Gründung des Staates Israel. Während draußen auf den Straßen die Menschen tanzten und feierten, dirigierte der italienische Dirigent Bernadino Molinari das Israel Philharmonic Orchestra. Es war die Uraufführung seiner Hommage an Israel, der eigens für diesen Anlass komponierten Symphonie „Hatikva“.
„In dieser wunderbaren Orchestrierung klang die Hatikva wie ein Choral von Bach, gespielt in einer Oper von Verdi!“ beschreibt die Künstlerin ihre Empfindungen. Molinari ließ in seiner Interpretation die sanft fließende Melodie Smetanas einer kraftvolleren Tonfolge weichen und verstärkte damit den Inhalt des Textes, die Sehnsucht nach etwas, was noch in weiter Ferne  zu sein schien. Der eigene Staat, in dem das Volk Israel nach den Qualen der Shoa frei und autonom würde leben können. 
Smetanas Arrangement ist immer noch klar erkennbar, erst in der zweiten Hälfte verändert sich die Musik. Astrith Baltsan erklärt: “Die dramatische Abfolge von Dissonanzen, die erst in der allerletzten Silbe des Textes im Wort Jerusalem – aufgelöst werden, der dreimalige dramatische Einsatz der Zimbeln, die fünf aufeinander folgenden Akkordverstärkungen bei den Schlussworten „im Land Zion und in Jerusalem“; welch großartiger Moment des Stolzes in der schmerzhaften Geschichte!“  Gleichzeitig intoniert Astrith Baltsan die letzten Takte der Hatikva Symphonie aus dem Arrangement für Klavier. Auch ohne den Einsatz eines großen Orchesters ist der Eindruck der Musik überwältigend! Im Publikum ist nichts mehr zu hören, die sich aufbauende Spannung ist fast greifbar und entlädt sich in einen donnernden Applaus!
Unmittelbar nach dem Konzert anlässlich der Staatsgründung verschwand Molinari. In Italien wurde er der Kollaboration mit den Faschisten und Nationalsozialisten angeklagt. Ihm war nachgewiesen worden, jüdische Mitglieder seines eigenen Orchesters an die Nazis verraten zu haben. Er wurde schuldig gesprochen und verstarb in Einzelhaft. Für einige Jahre durfte seine Musik in Israel nicht mehr aufgeführt werden. 
Die Geschichte der israelischen Nationalhymne endete damals nicht, sie geriet nur ein wenig in Vergessenheit.
Ein neuer Star am israelischen Musikhimmel stieg auf, Naomi Shemer. Sie stürmte mit ihrem Lied „Jerusalem of Gold“ nicht nur die Hitparaden, sondern gewann auch die Herzen aller Israelis. 
Im Jahr 1967, als die Truppen der IDF die jüdische Altstadt zurückeroberten, sangen die Soldaten nicht nur die Hatikva, sondern auch Hymne der Herzen „Jerusalem of Gold“.
Am 09. Juli 1967 gab Leonard Bernstein anlässlich des Endes vom Sechstagekrieg ein großes Konzert im Amphitheater der alten Universität am Skopus Berg in Jerusalem. Nach der Befreiung Jerusalems war auch dieser Ort, der jahrelang von Jordanien besetzt war, wieder an Israel zurückgefallen. Bernstein war der erste, der die Hatikva von Molinari  gemeinsam mit dem Israel Philharmonic Orchester wieder aufführte.
„Schauen Sie“, sagte er, „vielleicht ist Molinari nach Palästina gekommen, um Ihre Vergebung zu erbitten.“ 
Beide Lieder, die Hatikva und Jerusalem of gold wurden als neuen Nationalhymne diskutiert. „Jerusalem of gold schien den meisten Israelis als zu wenig „staatstragend“ und wurde deswegen rasch aus der Diskussion genommen. Blieb also noch die Hatikva. Doch auch die stieß nicht auf ungeteilte Zustimmung. „Den religiösen Israelis war sie zu unreligiös, zu unjüdisch. In liberalen Kreisen hörte man genau das Gegenteil, sie sei  zu jüdisch. Ein anderer Kritikpunkt war, dass der Text nur über die „jüdische Seele“ spricht. Dadurch werden Minderheiten in Israel vernachlässigt.“ ergänzt Astrith Baltsan.
Und dann der nationale Schock: eine Woche vor ihrem Tod im Jahr 2004 gab Naomi Shemer bekannt, sie habe die Melodie wohl irgendwo einmal gehört und unwissentlich in ihre Musik eingeflochten.
Sollte Israel niemals eine eigene Nationalhymne bekommen?
Im Jahr 2004 wurde in der Knesset darüber abgestimmt, welche Melodie in Zukunft ganz offiziell die israelische Nationalhymne sein sollte.
Ein Knesset Angeordneter aus Daliyat al-Karmel war es schließlich, der den Ausschlag gab: „Das ist die Hymne unseres Dorfes, sie wird auch als Hymne des Staates passend sein.“
Wie sehr die Hatikva die Hymne nicht nur eines Staates, sondern auch eines Volkes ist, zeigt sich am Ende des Konzertes, als alle Zuhörer sich erheben und die Hatikva singen, begleitet von einer wunderbaren Pianistin und großen Lehrerin.


 

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