Analyse einer Entführung: Gebt uns unsere Brüder zurück – Hamas und Fatah haben gemeinsame Ziele. Das ist jetzt offensichtlich.

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Am Donnerstag, den 12. Juni, erschien die wöchentliche Ausgabe der IDF Zeitung, Bamachane (wörtlich “im Trainingslager”). Auf dem unteren Teil des Titelblattes erschien der folgende Satz: “Treffen Sie Sicherheitsmaßnahmen. Gefahr von Entführungen. Eine große Zunahme der Zahl der per-Anhalter-fahrenden Soldaten…” Noch in derselben Nacht wurden Eyal, Gilad und Naftali entführt, als sie auf eine Mitfahrgelegenheit an der Straßenkreuzung Gush Etzion warteten.

Seitdem ist eine Woche vergangen und zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels haben wir keine Kenntnis darüber, wie die Entführung stattgefunden hat, wer genau es tat, wo die Jungen sind und was die Entführer wollen. Der Mangel an Informationen weist hin auf eine gut durchdachte Operation, die keine Spuren hinterließ. Er weist auch hin auf eine erfahrene Organisation und führt zu einem anklagenden Finger, der auf die Hamas zeigt und speziell auf die Izz-a-Din Al-Kassam-Brigaden.
Die israelische Regierung hat öffentlich bekannt gegeben, dass die Hamas die Entführung begangen hätte und startete eine Welle von Verhaftungen von Hamas-Führern und -Aktivisten in Judäa und Samaria. Ich bin der Meinung, dass die IDF Beweise für die Beteiligung der Hamas hat, aber Details derzeit unter Verschluss hält, um die Ermittlungen geheim zu halten.
Außerdem untermauert die von der Hamas geschaffene Atmosphäre die Vermutung, dass sie der Entführer war. Reden von Hamas-Führern, vor allem die von Khaled Mashaal, enthielten Hinweise, dass die Organisation Entführungen von Soldaten oder Zivilisten wiederholen würden, wie sie es mit Gilad Shalit und anderen vor ihm getan hatten, sie halten Israelis in ängstliche Spannung, verlangen exorbitantes Lösegeld, verhandeln zäh, machen Gebrauch von emotionaler Erpressung und fordern eine massenhafte Freilassung von Gefangenen. Der Erfolg der Organisation bei der Freipressung von mehr als tausend Häftlingen für Shalit hat die Hamas gelehrt, dass das eine Methode ist, die funktioniert.
Darüber hinaus spaltet diese Methode die israelische Öffentlichkeit, indem sie einen Streit darüber auslöst, ob man Gefangene mit Blut an den Händen befreien sollte oder nicht. Diese Debatte bringt Gesetze hervor, die mit der Frage der Freilassung von Terroristen zusammenhängen, Initiativen, die den laufenden Meinungsstreit vertiefen – ein weiterer Erfolg für die Hamas.
In den letzten Jahren sind Israelis zu der Überzeugung gelangt, dass der räumliche Abstand zwischen Gaza und Judäa-Samaria die politische Situation wiederspiegelt; das heißt, Hamas regiert Gaza und Fatah regiert Judäa und Samaria. Selbst israelische Gesetzgeber glauben an diese Unterscheidung mit dem Ergebnis, dass die IDF keine klaren und eindeutigen Aufträge zur Bekämpfung der Hamas-Infrastruktur in Judäa und Samaria erhalten hat, so dass es bis zur Entführung fast keine Aktivitäten gab, die auf das Hamas-Organisationsnetzwerk in der Region ausgerichtet gewesen wären. Koordinierte Aktivitäten mit PA-Kräften vermittelten den Eindruck, dass die Dinge unter Kontrolle wären und dass Israel sich um die Organisation oder ihren militärischen Flügel keine Sorgen machen müsste.
Die Aussöhnung zwischen Fatah und Hamas hat auch eine Rolle gespielt. Israel nahm an, dass die Hamas zur politischen Bühne zurückkehren würde, zu Verwaltung, zu Wahlen und vielleicht zur friedlichen Übernahme der PA [Palästinensische Autonomie]und dem Verzicht auf die Fortführung des Krieges gegen Israel. Die relative Ruhe an der Gazafront in den vergangenen Monaten hat die Sorge Israels angesichts der militärischen Aktionen der Hamas gesenkt, zweifellos im Hinblick auf Judäa und Samaria.
Der Nachweis für die Stärke der Hamas in der Bevölkerung wurde gerade erst im letzten Monat bei den Studentenschaftswahlen an der BirZeit-Universität erbracht. Die PLO erhielt 23 der 51 Sitze, die Hamas 20, die Volksfront 7 und die Demokratische Front einen [1] Sitz.
Es gab diejenigen in Israel, die das als besorgniserregendes Zeichen für die wachsende Stärke der Hamas sahen, andere wiederum sahen es als Zeichen des Wechsels von einer Terrororganisation hin zu einer politischen Einheit. Israel erkannte nicht, dass die Hamas das macht, was die Hisbollah im Libanon getan hat: in die Politik eintreten, aber den Terror fortsetzen.
Nach dem Wahlerfolg der Hamas trat der Hamas-Führer Hassan Youssef vor die 20 gewählten Delegierten der Hamas. Seine Rede ist im Web, jeder kann sein Geschrei hören und die folgenden Auszüge lesen – mit meinen Kommentaren in Klammern.
“Sie sagen, die Hamas ist am Ende, es gibt Versöhnung. Aber ich sage Ihnen, so dass alle Studenten es hören können, die ganze Welt, damit sie es hört, alle Medien, damit sie es hören, wir sind die einzigen, [der] Gaza[streifen] ist der einzige, der neue Waffen hat. Jeder weiß, dass Gaza eines Tages, an einem gewissen Punkt, unter dem Deckmantel des Widerstandes, in der Lage sein wird, derjenige zu sein, der den Feind überrumpelt und einen Angriff mit Hilfe Allahs ausführt.” (Wilder Applaus).
“Und ich sage das nicht, ohne darüber ernsthaft nachgedacht zu haben (wiederholt das), denn der Widerstand (der Hamas) in Gaza ist bedeutsam, und das heutige Gaza, ganz Palästina, jeder Zentimeter Land des historischen Palästinas [sic] in Gaza ist in Reichweite der Raketen aus Gaza, Ehre sei Allah (lauter Applaus und Schreie) … Oh Brüder und Schwestern, lasst mich ein Letztes sagen: Es gibt keinen Weg, diese Versöhnung (mit der PLO) um jeden Preis zu akzeptieren, wenn sie das Gleichgewicht unserer Sicherheitsvorkehrungen zur Folge hat (d.h. die gemeinsamen Sicherheitsvereinbarungen mit Israel, worunter die PA Terror aufhebt), wir werden unter keinen Umständen zulassen, dass hier in der Westbank (das Publikum applaudiert) … meine Brüder und Schwestern, ihr seid stark, ihr seid großartig, ihr seid mächtig, ihr legt den Grundstein für die nächste Etappe. Ihr werdet es bald sehen, ich schwöre euch bei Allah, dass, so wie ich euch (vor mir) sehe, so werdet ihr den kommenden Sieg sehen, durch den Willen Allahs, und an diesem Tag werden sich die (muslimischen) Gläubigen an dem Sieg Allahs erfreuen, der die unterstützt (und den Sieg bringt) die er [unterstützen] will. Möge Allah euch segnen …
Die Tatsache, dass der Kopf einer Terrororganisation in einer akademischen Institution auftauchte und die Genehmigung erhielt, von einem Rednerpult aus zu sprechen, das mit der Hamas-Flagge bedeckt war, führte zu keiner Reaktion der Liebhaber der “akademischen Freiheit“ in Israel oder der Welt, diejenigen, die Israel bekämpfen, nennen Israel einen “Apartheidsstaat“ und rufen zu Boykott, Sanktionen auf und gliedern es aus.
Hassan Youssef legte großen Wert auf die Verbindung zwischen der Hamas in Gaza und der gegenwärtigen Präsenz der Bewegung in Judäa und Samaria, aber Israel sah es nicht so, weil es einfacher war, alles aus der Perspektive der Versöhnung zu sehen – “es ist nicht im Interesse der Hamas, zu diesem Zeitpunkt Terror zu betreiben”, sagten diejenigen, die die Hamas mit israelischen Augen betrachteten und versuchten, das Verhalten dieser Bewegung mit israelischer Logik auszuwerten.
Leider war die Situation da draußen ganz anders, da das Sicherheitssystem der PA die Pläne der Entführer nicht aufdeckte oder sie ignorierte, um die Bemühungen um Versöhnung nicht zu stören. Unter den “wachsamen Augen” des palästinensischen Sicherheitsapparats entwickelte sich eine massive Hamas-Infrastruktur, eine, die eine fast perfekte Entführung, Flucht, ein Versteck der Jungen oder ihren Transport nach irgendwohin realisierte. Nahezu perfekt wegen der Tatsache, dass eines der Opfer in der Lage war, die Polizei anzurufen und etwas zu flüstern, das nicht genau verstanden wurde. Eine perfekte Entführung hätte die Opfer an der Verbindung zu jeder externen Quelle gehindert.
Im Anschluss an die Entführung beschloss Israel etwas zu tun, was die PA nicht tat: Israel inhaftierte wieder ziemlich viele von denen, die im Shalit-Deal freigelassen worden waren, mit der schlichten Logik: Ihre Freilassung erfolgte unter der Bedingung der Freilassung von einem Israeli, und Israelis zu entführen rechtfertigt ihre Rückkehr ins Gefängnis. Israel verhaftete auch parlamentarische Vertreter der Hamas, stellte den Betrieb von “Wohltätigkeits“-Organisationen und Kommunikationsmitteln der Hamas ein. Kurz gesagt, Israel tut das, was es tun muss, um zu verhindern, dass Judäa und Samaria zu einem Gaza-ähnlichen Staat wird.
Israels Aktionen finden in einem relativ günstigen internationalen Klima statt, denn die ganze Welt ist auf den Irak fokussiert, dessen Land rasch von ISIS erobert wird, und die Organisation stellt eine Bedrohung für die nordirakische Ölindustrie dar. Iran ist beteiligt, die USA entsendet Truppen und die Welt hofft, dass der Irak als ein vereintes Land überlebt. Was in der Ukraine los ist, steht auch im Mittelpunkt, umso mehr, als es den Rebellen gelungen ist, ein ukrainisches Flugzeug abzuschießen und fast 50 Regierungstruppen zu töten. In Kenia schlachtete die somalische “Shabbab Almujaddin”-Miliz Massen von Menschen, und die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien ist viel interessanter als die Entführung dreier Israelis und Israels Aktionen gegen die Hamas in Judäa und Samaria.
Es gibt zunehmende Spannungen an der Grenze zum Gazastreifen, und es gibt bereits diejenigen, die vor einer drohenden Intifada warnen. Die Ereignisse der letzten Woche sind ein weiterer Beweis dafür, dass, wenn es um Sicherheit geht, Israel sich nur auf sich selbst verlassen kann, nicht auf die PA und nicht auf die einvernehmlichsten Verträge mit den arabischen Ländern. Kein arabisches Regime wird mit der Entschlossenheit handeln, die notwendig ist, um Israel vor Terror-Organisationen wie der Hamas zu schützen, deshalb muss Israel für immer in Judäa und Samaria bleiben. Es ist möglich, aus den Städten wegzuziehen, um die Zunahme von Emiraten zuzulassen, die auf Großfamilien basieren, aber die ländlichen Gebiete müssen unter israelischer Kontrolle bleiben.
Der Zusammenbruch der irakischen Armee angesichts der Kämpfer des “islamischen Staates” beweist allen, dass man sich im Nahen Osten nicht auf künstliche Kräfte verlassen kann, selbst wenn die Amerikaner diese geschaffen, bewaffnet, trainiert und finanziert haben. Das Gleiche wird sich in Afghanistan abspielen, sobald die Koalitionsstreitkräfte abziehen, das bedeutet, dass Israel den Amerikanern in klarer und direkter Sprache sagen muss: “Wir leben und möchten das auch weiterhin tun in einem Gebiet, in dem wir verstehen – besser als jeder andere – wie wir uns zu verhalten und wie Dinge zu laufen haben. Wir sind nicht in Europa oder Amerika. Bitte lasst uns allein, um das zu tun, was getan werden muss, und wenn ihr euch als unsere Freunde betrachtet, helft uns statt Terrororganisationen wie die Hamas zu bestärken.” Im Kongress und in der amerikanischen Öffentlichkeit gibt es viele Menschen, die sich mit dieser Aussage identifizieren und ihr beipflichten werden.
Vorherige Entführungsversuche
Nach der Entführung wurde daran erinnert, dass es im vergangenen Jahr eine große Anzahl von Entführungsversuchen gegeben habe und dass das der Grund sei für das Titelblatt von “Bamachane”, das versehen ist mit einer Warnung vor den Gefahren von Entführungen. Unser Problem ist, dass wir nicht auf die gescheiterten Versuche achten und keine operativen Schlüsse daraus ableiten. Eine gescheiterte Entführung muss die gleiche Aufmerksamkeit verdienen wie eine Erfolgreiche: sorgfältige Untersuchung, Festnahmen, die Beseitigung von Infrastrukturen und ständige Prozesse. Auch die Medien betrachten gescheiterte Versuche als nicht beachtenswert, denn wenn sie gescheitert sind, ist eigentlich nichts passiert. Nichts passiert? Ganz im Gegenteil! Die Entführer, die scheiterten, analysieren ihr Scheitern, finden ihre Fehler, korrigieren, was zu korrigieren ist, verbessern ihre Pläne und versuchen es immer wieder, bis sie Erfolg haben. Demzufolge scheint es so zu sein, dass sie gelbe Nummernschilder der israelischen Staatsbürger verwendeten, Kippa trugen, chassidische Musik hörten und mit ihren Opfern Hebräisch sprachen, damit sie spürten, es wäre sicher, in das Auto zu steigen.
Trampen als kulturelles Problem
Seit der Entführung haben die Medien das Thema Per Anhalter fahren (“Trampen“) nonstop diskutiert und der Punkt, der immer und immer wieder zur Sprache kam, ist der, dass in Judäa und Samaria sowie an Orten fernab der wichtigsten Stadtzentren (als “Peripherie“ bezeichnet) die Leute keine andere Wahl hätten als aufgrund des Mangels an geeigneten öffentlichen Verkehrsmitteln auf’s Trampen zu setzen. Ein Bus, der eine Stadt zweimal am Tag anfährt, erfüllt nicht die Bedürfnisse von jemandem, der kein Auto besitzt. Das ganze Problem des “Trampens”, das längst vergangen in den Hauptstädten, aber wachsend außerhalb von ihnen, vor allem in Judäa und Samaria ist, kam ins Gespräch. Die Bewohner des “Staates Tel Aviv” kritisieren scharf das für Entführungen verantwortliche Phänomen, aber die Bewohner des “Staates Judäa” verteidigen es leidenschaftlich, weil “es keine andere Wahl gibt.”
Unausgesprochen ist, dass dieses Argument tiefe kulturelle Grundlagen hat: Im “Staat Tel Aviv” lebt jeder für sich selbst und durch sich selbst, arbeitet und findet Unterhaltung an vielen Plätzen, die die Stadt bietet – Kaffeehäuser, Restaurants, Kinos, Theater und Konzerthallen. Die fehlende Verbindung unter der Bevölkerung schafft eine Situation, in der jeder seinen eigenen Weg von einem Ort zum anderen findet und nicht begreifen kann, warum die Menschen sich auf’s Trampen verlassen müssen. Im “Staat Judäa und Samaria” ist die Atmosphäre ganz anders – dort gibt es ein starkes Gefühl von Gemeinschaft, Solidarität, gegenseitigem Vertrauen und Offenheit, und das “Trampen” basiert auf dem Gefühl des Trampers, dass der Fahrer “einer von uns” ist und ihn nie verletzen würde genau so wenig wie er den Fahrer verletzen würde.
Der Unterschied ist, dass zwei Gruppen von Bürgern im selben kleinen Land leben, aber kulturell liegen Welten zwischen ihnen.

Originalartikel: Analysis of an Abduction: Return Our Brothers by Mordechai Kedar
19. Juni 2014
Übersetzung: faehrtensuche. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Übersetzerin

2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Analyse einer Entführung: Gebt uns unsere Brüder zurück – Hamas und Fatah haben gemeinsame Ziele. Das ist jetzt offensichtlich.

  1. Barbara

    liebe Esther,
    danke für den großartigen Artikel. 1972/1973 als ich in Israel im Kibbutz war, konnte man noch ohne Sorgen durch das ganze Land trampen. Seither hat sich vieles geändert und ich würde mich heute nicht mehr getrauen zu trampen. Es ist so traurig. Ich hoffe sehr, dass die IDF die Jungen bald findet und nach Hause bringen kann.
    Überall in Deutschland finden Mahnwachen und Infostände statt. Aber leider ist ein Großteil der deutschen Bevölkerung nicht sonderlich interessiert. Eher im Gegenteil. Es findet nicht mal Mitgefühl für die Jungen und ihre Familien statt. Presse und Medien melden jeden Palästinenser der zu Tode kommt, ohne zu berichten, wie der Hergang war. Es heißt einfach nur israelische Soldaten haben einen Palästinenser erschossen. Ich kann mich nicht beruhigen und bin nur noch wütend. Wenn dann auch noch kommt, Israel reagiert unverhältnismäßig, dann kann man nur noch verzweifeln. Das wollte ich dir nur mal erzählen, was hier so los ist.

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  2. Anonym

    Hallo Barbara,
    ich kann jedes Deiner Worte unterstützen!
    Ich war 67/68 in einem Kibbutz in der Nähe Gaza und da war Trampen ganz normal, obwohl der Krieg gerade vorbei war.
    Rudi

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