Eine Woche Jerusalem – und kein Hauch von Langeweile! Zweiter Teil

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Teil II – Das Leben außerhalb des Pessach Kokoons
 
In der vorvergangenen Woche quälten ARTE und BR ihre Zuschauer mit einer 24-Stunden-Reportage aus und über Jerusalem. Wir in Israel konnten sie, wieder mal „aus rechtlichen Gründen“ nicht im Fernsehen anschauen und auch die Livestreams waren abgeschaltet. Die Sendung war, je nachdem mit wem ich sprach, langweilig, öd, oder auch eine einseitige Propagandasendung. Ein desinformatives und verleumderisches Meisterstück.
 
Ich war schon einige Male in Jerusalem. Einmal an einem Shabbat, als es noch wirklich ein wenig problematisch ist, irgendwas zu unternehmen. Und ich war gespannt, wie es diesmal werden würde. Mit dieser Abfolge von Feiertagen, Halbfeiertagen und Shabbat. Noch dazu, wenn zeitgleich Ostern stattfinden und die Altstadt sich als Ziel von Spaziergängen nicht wirklich anbieten würde.
 
Um es voraus zu nehmen: Es war alles andere, nur nicht langweilig! Im Gegenteil, es gab so viel Neues zu entdecken, dass einfach keine Zeit für Langeweile blieb.
 
Etwa zehn Gehminuten vom Hotel entfernt liegt der alte Bahnhof von Jerusalem, mittlerweile bekannt als „First Station“. Es ist einfach großartig, was aus dieser Bauruine, die ich von meinen ersten Besuchen hier in den späten 70er Jahren noch kannte, gemacht wurde. Da reihen sich Kunstgalerien, Delimärkte, Cafés und Restaurants aneinander, Velos, Kettcars, Tandems werden vermietet, vor einem Geschäft mit Holzspielzeug basteln Kindern und Eltern einträchtig an verzwickten Modellen.
 
Der alte Bahnhof am Feiertag….
…und einen Tag später am Halbfeiertag

 

 

Der Hit scheint die Eislaufbahn zu sein, ich traute mich einige Meter in das extrem gekühlte Zelt hinein, floh dann aber vor dem infernalischen Lärm aus den Lautsprechern – andere mögen es Musikuntermalung genannt haben.

 
Noch ein wenig abseits steht ein verrotteter, verrosteter Waggon und wartet darauf, in irgendeiner Form wieder in das neue Leben integriert zu werden. Derzeit allerdings ist er so unansehnlich, dass er noch nicht einmal dem legendären „Nichtraucher“ aus Kästners „Fliegendem Klassenzimmer“ als Quartier gedient hätte.
 
Einer der ersten Wagen der Eisenbahn Tel Aviv/Jaffo – Jerusalem
 
Und das ist der Wagen des „Nichtrauchers“ aus dem Film
„Das fliegende Klassenzimmer“
 
 
Alle scheinen hier ihren Platz zu finden, das Sprachgewirr ist wahrhaft babylonisch!
 
 
 
 
Dieser Gastronom ist sehr kreativ: auf der Karte stehen Pizza, Nudeln,
Quiche und Salate – und das alles Kosher le Pessach!
Unmittelbar neben dem Bahnhof, dessen ursprüngliches Hauptgebäude stark vom Stil der Templer geprägt war, beginnt die ehemalige „Deutsche Kolonie“, die auch heute noch so heißt, obwohl seit dem Zweiten Weltkrieg keine Deutschen mehr dort wohnen. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts hatten sich deutsche Siedler, der Templergemeinden, vor allem aus Schwaben, in Jerusalem, Haifa und Bethlehem im Galil angesiedelt. Ihre Siedlung lag außerhalb der Mauern Jerusalems und trug zu einer sich rasant entwickelnden Strukturverbesserung von Jerusalem bei. Neben einem deutschen Gymnasium und einer Kirche gab es auch ein Schwimmbad, das Erste in Jerusalem. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges wurden die Templer aufgrund ihrer extrem nazifreundlichen Einstellung von den Briten vertrieben. Die deutsche Kolonie mit ihrem typischen Baustil ist heute, in Jerusalem, aber auch in Haifa, ein überaus beliebter Treffpunkt. Die Preise für Wohnungen und Häuser liegen in der Regel jenseits alles Bezahlbaren.
 

 

 

 

 

 

Auf dem Weg zurück ins Hotel passiert man den „Liberty Bell Park“, der anlässlich des 200. Geburtstages der USA eingeweiht wurde. Im Mittelpunkt dieser weitläufigen Parkanlage befindet sich die Replik der Liberty Bell von Philadelphia mit dem Text: „Verkünde Freiheit im ganzen Land für alle seine Bewohner.”
 

Die diversen Sportplätze, aber auch die Grünanlagen werden während der Feiertage gerne von Familien aufgesucht, um zu grillen, zu picknicken, sich auszutoben oder auch einfach, um sich mit Freunden und der Familien ungezwungen zu treffen.
 

 

 
Auf der anderen Straßenseite erstreckt sich, sollte man jemals dort ankommen, ohne unter die Räder zu kommen, das für mich ganz besonders pittoreske Miniviertel der Stadt.

Hier muss man sich die Geräuschkulisse dazu-
denken

Jeder Fahrer hupt  zweimal kurz und einmal lang. Es grenzt
an Wunder, dass es kaum Unfälle gibt.




Das Gebiet rund um die Windmühle wurde vom geliebten, wie umstrittenen Lord Moshe Montefiori (1784 -1885) urbar gemacht. Israel und die in vielen Ländern von Pogromen bedrohten Juden lagen Montefiori sehr am Herzen. 1857 ließ er an dieser Stelle eine Wohnsiedlung mit Kleinwohnungen bauen. Dies war die erste jüdische Siedlung der Neuzeit außerhalb der Stadtmauern. Zunächst wurde die Siedlung aus Sicherheitsbedenken nicht akzeptiert, die Bewohner kehrten nachts lieber in die vermeintlich sichere Stadt innerhalb der Mauern zurück. Die Windmühle, die sich an prominenter Stelle über die Gebäude hinaus erhebt, wurde wahrscheinlich nie in Betrieb genommen.

 

Dies ist das ursprüngliche Langhaus, heute im Privatbesitz

 

 

 

 

 

Während des Unabhängigkeitskrieges nutzte die Israelische Armee die logistisch günstige Lage zum jordanischen „Grenzverlauf“ um den westlichen Teil Jerusalems zu verteidigen. Nach dem Ende des Krieges verkam das soziale Wohnprojekt mehr und mehr zu einem Slum. Erst nach dem Ende des 1967 Krieges wurden die Gebäude revitalisiert und nach Norden hin um weitere Wohnhäuser erweitert. Die ehemaligen Wohneinheiten beherbergen heute ein weltweit bekanntes Kulturzentrum.
Im Norden schließt sich eine kleine Künstlerkolonie an, die sich zu den Altstadtmauern hin zum Teddy Park öffnet. Dieser, vor allem dem Thema Wasser gewidmete Park liegt unterhalb des Jaffa Tores. Teddy Kollek (1911 – 2007), Bürgermeister von Jerusalem von 1965 bis 1993 ist der Namensgeber des Parks. Sein Wunsch Jerusalem möge ein Ort des gemeinsamen Lebens zwischen Juden, Christen und Moslems sein, wird an diesem Ort immer wieder erfüllt. Immer dann, wenn sich in den heißen Sommermonaten alle hier treffen, um die abkühlende Wirkung des Wassers zu genießen. So hat der Teddy Park denn auch schon einen Spitznamen bekommen: „Strand von Jerusalem“.
 
Die Künstlerkolonie

Teddy Park

 
Vom Teddy Park ist es nur ein Katzensprung zum Jaffa Gate, also das Tor, durch das ich in der Regel die Altstadt betrete.
 
Am Karfreitag war kein Durchkommen mehr dort. Abertausende von Touristen und Pilger haben sich auf den Weg gemacht, nach der Gründonnerstagsprozession heute die Karfreitagsprozession zu erleben. Hier treffen sie alle aufeinander: Juden auf dem Weg zur Klagemauer, Christen auf dem Weg zur Via Dolorosa. Der Kollaps ist vorprogrammiert! Sie alle müssen, wenn sie durch das Jaffa Gate gehen wollen, dem schnellsten und kürzesten Weg zu beiden Orten, dieses Nadelöhr zu durchqueren.
 

 
Dass es etwa zeitgleich wieder einmal zu Wurfattacken von steinewerfenden Palästinensern auf dem Tempelberg kommt, lesen wir erst später in den Nachrichten. Die Polizei sperrt daraufhin das Gelände bis nach den Osterfeierlichkeiten für jeden Besuch.
 
Auch der folgende Samstag gehört den Christen in und um die Grabeskirche. Es gilt, das Fest des Feuers zu feiern. Und wieder machen sich alle auf den Weg. Während in früheren Jahren der Zugang zur sehr beengten Grabeskirche unbeschränkt war, wird er seit einigen Jahren von der Polizei reglementiert, um die Sicherheit der Touristen zu gewährleisten. Diese Zeremonie, die jeweils am Karsamstag um 14 Uhr stattfindet, wenn die Sonne in der Kirche auf einen bestimmten Stein trifft, geht auf eine uralte mystische Legende der orthodoxen Ostkirche zurück.
 
 
Während der anschließende Sonntag bei den Christen den eigentlichen Höhepunkt des Osterfestes, die Auferstehung markiert, ist dieser Tag bei uns ein sogenannter Halbfeiertag, der mit Sonnenuntergang in den letzten Tag des Pessachfestes, also wieder einen Feiertag überleitet. In diesem Jahr fällt dieser Tag zusammen mit dem Ostermontag.
 
Am Montagabend leert sich die Stadt. Vor den Hotels stehen Busse bereit, um die Gäste an den Flughafen zu bringen, die Schnellstraße Nr 1 von Jerusalem nach Tel Aviv wird in weniger als einer Stunde wieder völlig verstopft sein.
 
Am Ende des Pessachmahls wünschen wir uns, sofern wir im Ausland leben: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“
 
In diesem Sinne: save the dates!
Pessach        03. – 11.04.2015
Ostern            02. – 06.04.2015
Orthodox       09. – 13.04.2015


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