Eine Woche Jerusalem – und kein Hauch von Langeweile! Ein Bericht in zwei Teilen.

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Teil I – Beobachtungen zu Pessach
 
Gerne folgten wir der Idee und Aufforderung, die Pessach Woche in einem Hotel in Jerusalem zu verbringen. Acht Tage dauert das Pessach Fest, heuer begann es am Abend des 14.04. und endete am Abend des 21.04.
 
Was das Hotel hier von vielen Hotels der gleichen Kategorie in Europa unterscheidet, war sofort augenscheinlich: die aussergewöhnliche Kinderfreundlichkeit. Zu den ca. 400 erwachsenen Gästen kamen noch einmal ca. 200 Kinder, nicht mitgerechnet die Teenies, die eine fast ebenso große Gruppe darstellten. Auch wenn das Gewusele manch Erwachsenen zu einem Spontanstop zwang, niemand regte sich auf, niemand wurde laut! Wunderbar!
 
Pessach ist auch ein Familienfest. Alle kommen zusammen, auch über die Kontinente hinweg wenn notwendig. Wer das Pech hat, im allerletzten Moment einen Flug nach Tel Aviv buchen zu müssen, der wird, sofern er überhaupt noch einen Platz ergattert, mit einem stark überteuerten Preis rechnen müssen.
 
Im Ausland wird Pessach in nicht-jüdischen Kreisen fast nicht wahrgenommen. Es beginnt am ersten Abend, dem Seder Abend, der voller Symbolik ist. Nach der Erzählung des Auszuges aus Ägypten beginnt das umfangreiche Festmahl mit den traditionellen Speisen. Abgeschlossen wird der Abend, der sich über mehrere Stunden hinzieht mit dem gemeinsamen Wunsch „Nächstes Jahr in Jerusalem“.


 
 
 
Der Abend spiegelt den Aufbruch der Hebräer aus der Versklavung unter Pharao in die Freiheit unter der Führung von Moses wider. Entsprechend soll auch die Kleidung sein: locker und für einen langen Marsch geeignet.
 
Hier klaffen aber Tradition und Wirklichkeit weit auseinander! Bei den überwiegend amerikanischen Gästen (aus Kanada, den USA, und auch aus Südamerika) bot der Abend DIE Gelegenheit, die neueste Mode vorzuführen.
 
Bei den Herren war schwarz die Farbe der Wahl, nur selten unterbrochen durch goldfarbene Kaftane. Die Unterschiede in der Herrenmode bestanden hauptsächlich im Design der Jacken, die vom klassisch gerade geschnittenen, hüftlangen Einreiher über leicht taillierte Zweireiher bis zu gerade geschnittenen oder auch schwalbenschwanzigen Gehröcken reichte. Zu Letzteren wurden gerne Lackschuhe getragen, während zum regulären Anzug der einfache matte Schnürschuh bevorzugt wurde. Dazu überwiegend weiße Hemden und dezente, nicht zu breite Krawatten.
 
Ganz wichtig ist die Wahl der Kopfbedeckung. Hier sind die Herren ein wenig eingeschränkter, als bei der Wahl ihrer Oberbekleidung! Die Farbe und das Material der Kipa werden in der Regel bestimmt durch die religiöse Einstellung und die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Es überwogen uni-schwarze Kipot aus Samt oder Taft, kombiniert mit schwarzen Hüten. Es würde den Rahmen dieses Blogs sprengen, auf die verschiedenen Formen einzugehen und auf die Art, wie sie getragen werden. Auf den Bildern kann man vielleicht den einen oder anderen Unterschied erkennen. Die zweitgrößte Gruppe trug dezent gemusterte Hälkelkipot ohne zusätzlichen Hut.
 
Übrigens, diese Traditionen gelten für alle Männer, ab dem zarten Alter von 13 Jahren, sie werden aber auch zu Trainingszwecken manchmal schon im jüngeren Alter ausgeübt.
 
Nicht nur, dass es bei den Damen etwas, ich betone, etwas bunter zugeht, nein die Damenkleidung ist weit mehr den jeweiligen Modeströmungen unterworfen. Bei den jungen Damen derzeit sehr begehrt sind hinten bodenlange Kleider, die vorn knapp oberhalb des Knies enden. Oder die an die 50er Jahre erinnernden Kleider mit eng anliegenden Oberteilen, oft hinten geknöpft und weit gebauschten Röcken, die deutlich oberhalb der Knie enden. Hier sind alle Farben und Muster erlaubt, besonders begehrt sind gestreifte Stoffe. Auch beliebt scheinen in diesem Jahr enge Röcke zu sein, deren Unterröcke nur knapp bis zum halben Oberschenkel reichen: Das Oberteil des Kleides und der gesamte, knöchellange Rock,  besteht aus halbtransparentem einfarbigen Spitzenstoff. Und dazu High Heels! Gehen können die wenigsten Frauen darauf, aber, sie müssen einfach sein!
 
Bei den auch mit der Kleidung selbstdefinierten religiösen Frauen überwiegt nach wie vor der Mehr-Lagen-Look. Über einem gemusterten waden- bis knöchellangen Kleid wird eine Art cremefarbene Tunika getragen. Der Kopfschmuck wird farblich abgestimmt gewählt und reicht vom locker geschlungenen Tuch, über die Kappe und das Stirnband bis hin zum Hut.
 
Bis zur Ehe sind noch alle Farben erlaubt. Aber dann wird es trist: dunkelblau, dunkelgrau, schwarz………. Zwar meist hochelegant, aber eben: Bonjour Tristesse!
 
Diese Zurschaustellung der Eitelkeiten, der Schönheiten, der Betonung der Vorzüge wozu dient das alles???? Ja, richtig geraten: Der größte Heiratsmarkt hat seinen alljährlichen Höhepunkt erreicht!!!!! Acht lange Tage haben die Kandidaten und Kandidatinnen ausgiebig Zeit, zu schauen, zu vergleichen, vielleicht auch schon mal die Tante zur Tante zu schicken….. „Matchmaker, matchmaker, make me a match..“
 
 
 
Um das Thema Mode damit abzuhaken, im Laufe der Woche gibt es gleichförmige Wellen von normaler Freizeitkleidung und festlicher Kleidung. Heute, am vorletzten Abend der Woche, ein Abreisetag, werden mir auch die Koffermengen klar, die jeder einzelne Gast mit sich bringt. Pessach ist auch die Zeit der neuen Mode, man deckt sich ein für alle Feste, die im Laufe des Sommers kommen werden. Und bei denen man sich doch, Gott behüte, nicht blamieren möchte.
 
Was bietet Pessach kulinarisch? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Ohne jetzt hier in Details der verschiedenen (Ess) Kulturen eingehen zu wollen, allen gemeinsam ist: Brot und Getreide und alle Produkte, die auf deren Basis hergestellt werden, sind während sieben Tagen (außerhalb Israels während acht Tagen) tabu. Also: kein Brot, kein Gebäck, keine Pizza, kein Bier, aber auch kein Whiskey/Whisky. Dazu kommt noch eine erkleckliche Zahl von Produkten, die, wenn man sie scharf genug anschaut, gären könnten. Auch die sind tabu.
 
Während sieben Tagen wird stattdessen Mazze serviert. Jener staubtrockene Brotersatz, den unsere Vorfahren angeblich gerade noch backen konnten, bevor sie sich aus Pharaos Zugriff davon machten. Am ersten Abend freue ich mich darauf, Mazze schmeckt so himmlisch nach …… NICHTS! Und, da gibt es Köstlichkeiten, die ich zusammen mit Mazze einfach nicht missen mag: Mazze  bestrichen mit Charosset (eine Mischung aus Nüssen, Apfel, Zimt, Feigen, Zucker, Rotwein); jede Hausfrau hat ihr eigenes Rezept, welche köstliche Geschmacksverführung!
 

Heuer wurde ich überrascht: Neben Mazze Bagel und Mazze Grissini gab es auch Mazze Brötchen und, man mag es nicht glauben: Mazze Luxemburgerli! Wirklich unübertroffen waren aber die Mazzebrownies mit Schoko Chips.


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