Sie hatten keine Chance auf ihr Leben – die Kinder von Izieu

 
 
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Ziemlich genau auf den Tag vor 70 Jahren fiel der Gründonnerstag des Jahres 1944 auf den 6. April. Zwei Tage später, unmittelbar nach Ende des Schabbat, begann das Pessachfest.
Die Kinder und ihre Betreuer im Maison d`Izieu werden an diesen Tagen besonders intensiv an die vergangenen Jahre gedacht haben. Die ältesten Kinder haben sich wahrscheinlich noch an den festlich gedeckten Tisch erinnert, an das Vorlesen der Pessach Haggada und an die ganz spezielle Stimmung an diesem einen Abend im Jahr, die in der Frage gipfelt: „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?“ Das Wort Pessach leitet sich sprachlich vom Verb vorübergehenab. פָּסַח = passach, er ging vorüber. Das erinnert an die gekennzeichneten Türstöcke der Hebräer in Ägypten, die ihre Erstgeborenen schützten, während in allen anderen Häusern die Erstgeborenen starben.
 
Die Haggada beschreibt den Exodus der Hebräer aus Ägypten, den Anfang eines langen Weges, der die Sklaven Pharaos unter der Führung von Moses während 40 Jahren in der Wüste zu einem Volk mit einer eigenen Identität formt. Am Ende werden sie als freies Volk das ihnen verheißene Land betreten.
 
Die Kinder von Izieu sollten das Pessachfest 1944 nicht mehr erleben. Sie durften den Geschmack der Freiheit nicht mehr kennenlernen.
Seit 1943 lebten insgesamt 105 Kinder im Alter zwischen 4 und 16 Jahren, versteckt vor den Nazischergen in einem alten Bauernhaus in Izieu, einem kleinen Weiler hoch oben im Rhonetal, 80 südlich von Lyon. Ihre Eltern waren interniert, verschleppt und großteils ermordet worden.
Gegründet wurde das Haus von Sabine und Miron Zlatin mit Unterstützung des Oeuvre de Secours aux enfants, welches 1912 als jüdisches Kinderhilfswerk gegründet wurde und heute noch aktiv ist.
Sabine und Miron Zlatin
 
Ebenfalls maßgeblich beteiligt an der Gründung des Kinderheimes war Pierre-Marcel Wiltzer, der Unterpräfekt von Belley. Sowohl ihm, als auch anderen Lokalpolitikern war zu jedem Zeitpunkt bekannt, dass es sich bei den Kindern um jüdische Halbwaisen und Waisenkinder handelte.
Izieu befand sich 1943 in der von Italien besetzten Zone Frankreichs und war so vor den Zugriffen der Nazis relativ gut geschützt. Insgesamt finden 105 Kinder und Jugendliche an diesem angelegenen Ort Schutz. Sofern es möglich ist, werden sie an sicheren Orten zu Familien gebracht, die sie aufnehmen, oder können in die Schweiz geschleust werden.
 
 
Die Kinder von Izieu kamen aus ganz Europa. Einige blieben nur wenige Wochen und Monate, für andere wurde der Hof das letzte Zuhause.
Bereits im September 1943 kapitulierte Italien, Deutschland marschierte in die ehemalige italienische Zone ein. Wieder begann die Angst, entdeckt oder verraten zu werden.
Betreut wurden die Kinder von sieben Erwachsenen:

Sabine Zlatin, 44,  hielt Kontakte mit Hilfsorganisatoren und soweit als möglich mit kommunalen Behörden.

Miron Zlatin, 47, Leiter des Hauses und Verantwortlicher für alles Organisatorische
Lea Feldblum, 27, Betreuerin, für die Kinder die unmittelbare Bezugsperson
Suzanne Reifmann, 36, Ärztin
Eva Reifmann, 61
Moise Reifmann, 63
Lucie Feiger, 49
Mina Friedler, 32
 

Dazu kamen noch Mitarbeiter, die nur zeitweise auf dem Hof arbeiteten. Eine von Ihnen war Renée Pallares, der es gelang, die 3 Jahre alte Diane Popowski zu verstecken. Bei zwei anderen Familien im Weiler wurden drei weitere Kinder versteckt. Ihre Namen standen nie auf den Listen von Miron Zlatin, die Namen der mutigen Familien sind leider nicht bekannt.
 
Das Leben auf dem Hof war hart, es gab keinen Luxus. Und trotzdem sind die Kinder zufrieden mit dem, was sie haben. Geheizt wird im Winter 43/44 mit wenigen Heizöfen, fließendes Wasser gibt es nicht. Waschen konnte man sich nur am Brunnen im Hof. Im Winter wurde ein Kessel mit Wasser in die Eingangshalle gebracht und aufgeheizt. Längst nicht jedes Kind hat ein Bett, die Spendenfreudigkeit ist zu diesem Zeitpunkt des Krieges schon deutlich eingeschränkt. Auch mit den vierzig zugeteilten Essensmarken konnten die Kinder nicht ausreichend ernährt werden.
 
  
 
 
 
 
 
 

So sah man Miron tagtäglich in der mit dem Velo erreichbaren Umgebung, um zusätzliche Lebensmittel zu finden. Die Kinder lernten auch, einen eigenen kleinen Gemüsegarten anzulegen.
 
 
 
Während die älteren Kinder sich durchaus der Gefahr, in der sie permanent schweben und der Aussichtslosigkeit bewusst sind, verstehen die jüngeren Kinder die Tragik nicht. Berührendes Zeugnis davon legen Zeichnungen und Aufzeichnungen ab, die nach der Deportation im Maison d’Izieu gefunden werden und die heute den Grundstock der Sammlung bilden.
 
Georges Halpern aus Wien
 
Eines der Kinder, Georges Halpern, geboren in Wien, damals 8 Jahre alt, schrieb an seine Mutter: „Chère Maman! Ich sende dir 10.000.000.000 Küsse, dein Sohn, der dich sehr lieb hat. Es gibt große Berge und das Dorf ist sehr hübsch. Es gibt viele Bauernhöfe und wir suchen Schwarzbeeren und Himbeeren und weiße Maulbeeren. Ich umarme dich von meinem ganzen Herzen. Georgy.“
Eine der Betreuerinnen aus dem Sommer 1943, Paullette Pallarés-Roche, ich weiß nicht, ob sie ident ist mit der oben genannten Renée, schreibt: „Jeden Abend ging ich von Matratze zu Matratze, ich musste Geschichten erzählen, denn die Jungs wollten alle eine Geschichte erzählt bekommen, jeder wollte seine eigene Geschichte haben. Und da unter dem Fenster stand dann Emil, 5 Jahre (Zuckerberg). Hier ging meine Tournee dann zu Ende, ich musste Emil beim Einschlafen helfen. Es war ein kleiner blonder Junge mit blauen Augen, er trug immer blaue Kleidung. Er war goldig und einfach reizend. Er war so geschockt, weil er mit ansah, wie seine Eltern verhaftet wurden.“
Ein anderer Jugendlicher, Henry Alexander dürfte wohl nur für kurze Zeit in Izieu gewesen sein, sein Name steht nicht auf den Deportationslisten. Offensichtlich war er befreundet mit dem etwa gleichalten Theodore Reis. „Sprachen wir über unsere Eltern oder unsere Vergangenheit, über solche Dinge? Ich weiß, dass wir über die Zukunft sprachen, unsere Hoffnung war groß. Wir sprachen über unsere Zukunft, dass wir überleben würden, heiraten würden und eine Familie gründen würden. Theo und ich wussten, dass wir unsere Familie nicht mehr wiedersehen würden, sollten wir sie wiedersehen, wäre das wirklich ein Wunder.“
Am Morgen des 6. April 1944 verließ der Mann, der als Schlächter von Lyon bekannt wurde, sein luxuriöses Quartier in Lyon und machte sich auf den Weg nach Izieu. Wer die Kinder verraten hat, ist bis heute nicht endgültig geklärt.
Klaus Barbie brüstete sich noch am gleichen Abend in einem Fernschreiben:
 
LYON 6. April 1944 – 20h10
 
An: BDS – ABTL 4B – Paris
 
Betreff: Jüdische Kinderkolonie – Izieu – Ain
 
Heute Morgen ist das jüdische Kinderheim „Kinderkolonie“ in Izieu-Ain abtransportiert worden. Insgesamt einundvierzig Kinder im Alter von drei bis dreizehn Jahren. Ferner ist das gesamte jüdische Personal, d. h. zehn Personen, davon fünf Frauen, verhaftet worden. Es konnten weder Bargeld noch sonstige Wertgegenstände sichergestellt werden.
 
Der Abtransport nach Drancy findet am 7. April 1944 statt.
 
Der Befehlshaber der Sipo-SD, Lyon 4 B 61/43, im Auftrag von SS Leutnant Barbie.
 
Damit war das Schicksal der Kinder von Izieu besiegelt. Es wurde präzise angeführt, welches Kind mit welchem Transport nach Auschwitz gebracht wurde.
Am 13. April 1944 werden im Transport Nr. 71 34 Kinder und 4 Betreuer von Drancy nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Unter ihnen auch Lea Feldblum, die noch an der Rampe von Auschwitz versuchte, die Kinder zu retten. Sie überlebte im Arbeitslager und wird Jahre später eine der wichtigsten Zeugen im Prozess gegen Klaus Barbie sein.
Die anderen Kinder und Betreuer werden mit den Transporten 72, 74, 75 und 76 nach Auschwitz Birkenau gebracht und gehen bereits an der Selektionsrampe den Weg in den Tod.
Miron Zlatin und die zwei ältesten Kinder werden mit dem Transport 73 nach Estland deportiert und dort erschossen.
Bei den Erwachsenen gab es zwei Überlebende.
Sabine Zlatin, die sich am Tag des Überfalls nicht in Izieu befand. Als sie mit einem Telegramm von der Deportation erfuhr, versuchte sie alles Menschenmögliche, die Transporte zu stoppen. Aber, man muss es sagen, die Versuche waren gut gemeint, aber naiv. Sie wird später im Prozess gegen Klaus Barby aussagen.
Lea Feldblum wurde gemeinsam mit den Kindern deportiert. Ihre gefälschten Papiere, die ihr das Leben hätten retten können, benutzte sie nicht. Im Gegenteil. Sie gab sich als Jüdin zu erkennen. In Auschwitz angekommen, kam sie in das Arbeitslager und wurde medizinischen Tests missbraucht. Nach der Befreiung des Lagers im Januar 1945 kehrte sie über Odessa nach Frankreich zurück und wanderte von dort aus nach Palästina aus. Auch sie sagte 1987 im Prozess gegen Barbie aus.
Zu Schluss möchte ich Reinhard Mey Raum geben für sein Chanson: „Die Kinder von Izieu.“
 
 
 
Ich verzichte diesmal wegen der Vielzahl der Quellen auf eine direkte Verlinkung und führe die Links hier an:
 


Ein Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Eine Antwort zu “Sie hatten keine Chance auf ihr Leben – die Kinder von Izieu

  1. Sandra

    Danke für die Recherche, Danke für die Erinnerung

    Gefällt mir

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