Von Hillel und Shamai zu Immanuel Kant und Emanuel Schikaneder

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Hillel und Shamai, zwei unserer größten Lehrer waren sich, das darf man mit Fug und Recht behaupten, nicht immer einig, wenn es darum ging, die Tora auszulegen, geschweige denn, wenn es darum ging, ihre Anhänger zu unterrichten.

 
 
Sie hatten schon Probleme damit, allgemeingültig festzuhalten, a.) in welcher Richtung und b.) mit welcher Zahl die Kerzen zu Chanukka angezündet werden. Von rechts nach links, beginnend mit 8 Kerzen, dem Maximum bis hin zu einem noch verbleibenden Tag, oder von links nach rechts, beginnend mit dem ersten Tag des Festes. Hillel setzte sich durch, wir beginnen heute links mit einer Kerze und enden rechts mit acht Kerzen.
Hillel lebte in etwa zwischen 110 BCE und 9 CE und damit deutlich in der Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels, die dazu führte, dass Juden für knapp zweitausend Jahre in alle Welt zerstreut wurden.
In den überlieferten Schriften wird Hillel als warmherzig und geduldig beschrieben, der Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe über alles schätzte. Bis heute sind seine Interpretationsansätze in vielen Bereichen des täglichen Lebens gültig.
Viel strenger in der Auslegung war sein Schüler Shamai, dessen Lebensdaten nicht genau bekannt sind.
Es wird berichtet, dass eines Tages ein junger Mann zu Shamai kam, und ihn bat, ihn die gesamte Tora zu lehren, solange er auf einem Fuß stehen würde. Shamai, nicht gerade bekannt für irgendeine Art von Humor, stieß ihn weg. Der junge Mann schien es jedoch ernst zu meinen mit seinem Ansinnen und wandte sich an Hillel. Dieser akzeptierte ihn als Proselyten und sagte: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläuterung; geh und lerne sie.“ (Der Babylonische Talmud. Band I. S. 522; Shabbat II, v; Fol. 31a, 12-15.) Diese Worte, die jeder von uns kennt, vielleicht in der  vereinfachten Form „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem And´ren zu!“werden als „Goldene Regel“ der Tora bezeichnet.
Auf der großen Menora im Garten vis-à-vis des Eingangs zur Knesset wird dieser Lehrsatz bildlich dargestellt.
 
Was auf den ersten Blick dem “kategorischen Imperativ“ von Immanuel Kant „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ , unterscheidet sich doch durch ein wesentliches Detail: Kant geht davon aus, dass dieser Satz das einzige Instrument darstellt, um für sich selbst zu überprüfen, ob eine Tat, geplant oder bereits durchgeführt, diesen strengen Moral und Ethikkriterien entspricht.
Nach der Definition Kants entspricht die Goldene Regel nicht dem Gegenstück zu seinem kategorischen Imperativ, sondern entspricht dem, was er als hypothetischen Imperativ definiert, „weil sie einen Zweck verfolgt: die Vermeidung von Dingen, „die man nicht will“.“
Interessant ist, dass es diese Goldene Regel in zahlreichen Quellen zu finden ist. Wenn uns die schwierige Aufgabe zuteil würde, alle ethischen Ansprüche, Vorstellungen und  Erfordernisse auf einen Satz zu reduzieren, so wäre die Goldene Regel sicher eine gute Basis. Sie ist der Leitfaden für menschliches und zwischenmenschliches Handeln, schließt Rassismus und Apartheid aus, macht eine Quotenregelung, gleich ob für Männer oder Frauen, überflüssig Sie fordert Respekt vor jedem Gegenüber ein. Nationalität, Haar- oder Hautfarbe, Religion, sexuelle Ausrichtung sind kein Thema. Verbrechen, gleich gegen wen gerichtet, sind unentschuldbar.
 
Im Christentum lautet der entsprechende Satz: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen ebenso:“, (Mat 7,12, niedergeschrieben zwischen 60 und 100 CE)
Bei den Hindus kann man lesen: „Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral.“ (Mahabharata, 114, 8, niedergeschrieben um 400 BCE und 400CE)
Im Buddhismus findet man: „Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten?“  (Samyutta Nikaya V, 353.35 – 354.2, um 350 BCE)
Sogar der Islam , nicht wirklich bekannt für seinen Altruismus, macht sich seine Gedanken: „Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht.“ (Yahia bin Sharaful-Deen An-Nawawi: 40 Hadithe (13), verfasst um  das 8. und 9. Jahrhundert CE)
Die Bahá’í, wohl die friedliebendste Religion schlecht hin formuliert es so: Bürdet keiner Seele eine Last auf, die ihr selber nicht tragen wollt, und wünscht niemandem, was ihr euch selbst nicht wünscht. (Baha’u’llah 19.Jahrhundert CE)
Schlussendlich kann man auch die Grade der Freimaurer mit ihren entsprechenden Kernsätzen durchaus in diese Reihe stellen. Dem Lehrling wird der Auftrag erteilt „Schau in dich“, finde dich selbst in dieser Welt. Der Geselle wird aufgefordert weiter zu schauen, sein Auftrag ist es, sich im Kontext mit seiner Umwelt zu positionieren: „Schau um dich.“  Der Meister schließlich wird aufgefordert, sein Tun an dem auszurichten, was wir im Judentum „tikkun olam“ nennen, das Erreichen einer besseren diesseitigen Welt.
W.A. Mozart, resp. sein Librettist Emanuel Schikaneder schenkten der Welt im Jahr 1791 eine der für mich schönsten Opern der Welt, die Zauberflöte.  Das zentrale Thema der Oper ist der Humanismus.
In diesen heil´gen Hallen
kennt man die Rache nicht
Und ist ein Mensch gefallen
führt Liebe ihn zur Pflicht.
Dann wandelt er an Freundes Hand
vergnügt und froh ins bess´re Land
 
In diesen heil´gen Mauern
wo Mensch den Menschen liebt
kann kein Verräter lauern
weil man dem Feind vergibt.
Wen solche Lehren nicht erfreu´n
verdienet nicht ein Mensch zu sein
 
In diesem heil´gen Kreise
wo man nach Wahrheit ringt
und nach der Väter Weise
das Band der Eintracht schlingt
da reifet unter Gottes Blick
der Wahrheit und der Menschheit Glück.
 
 
 
 
 
 
 


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