Ariel Sharon, nicht mehr Falke, und noch nicht Taube.

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An den 04. November 1995, den Tag, an dem Jitzchak Rabin in Tel Aviv ermordet wurde, erinnere ich mich noch sehr gut. Es war ein Samstag und im ZDF lief „Wetten dass“ aus Duisburg. Gerhard Schröder war mit seiner ersten Frau Hillu zu Gast, Michael Jackson wurde live zugeschaltet.
 
In diese weichgeföhnte Samstagabend Familien Unterhaltung stieß dann auf einmal das Textband: „Israels Premierminister angeschossen!“
 
1995 war das Internet nicht sehr verbreitet. Das TV war nahezu die einzige Informationsquelle. An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken.
 
Rabin starb durch die Kugel eines jüdischen Extremisten. Er starb in Tel Aviv bei einer Friedensveranstaltung auf dem Platz, der heute seinen Namen trägt. Seine letzte Rede war ein Aufruf für den Frieden:
 
„Ich möchte gerne jedem einzelnen von Euch danken, der heute hierher gekommen ist, um für Frieden zu demonstrieren und gegen Gewalt. Diese Regierung, der ich gemeinsam mit meinem Freund Shimon Peres das Privileg habe, vorzustehen, hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben – einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen wird. … Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Ich sage Euch dies als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war…….Gewalt untergräbt das Fundament der israelischen Demokratie. Ich bin 27 Jahre lang Soldat gewesen. Ich habe so lange gekämpft, wie der Frieden keine Chance hatte. Jetzt aber gibt es eine Chance, eine große Chance, und wir müssen sie ergreifen, denen zuliebe, die hier sind, und auch um jener willen, die nicht gekommen sind.“
 
Bill Clinton sagte bei seiner sehr persönlichen Abschiedsrede  die Worte, die ihren Weg um die Welt machten: „Schalom chawer – leb wohl Freund!“ Er verwies aber auch auf den Wochenabschnitt, den wir Juden in jener Woche weltweit in unseren Synagogen gelesen haben: den Wochenabschnitt der „Akedah“ der Opferung Isaaks durch Abraham.
 
 
Rabin war unser erster und bisher einziger Premierminister, der im Amt verstarb.
 
Sechs Jahre später verloren wir einen zweiten Premierminister. Ariel „Arik“ Sharon, der seit März 2001 das Amt innehatte, wurde am 14. April 2006 für amtsunfähig erklärt, nachdem er zuvor zwei Schlaganfälle erlitten hatte und im Koma lag.
 
Am vergangen Schabbat ist er verstorben. Acht  Jahre Koma, acht Jahre Hoffnung, acht Jahre Verzweiflung. Damit endete sein letzter Kampf. Am Montag wurde er neben seiner Frau Lily auf seiner geliebten Sycamore Ranch, nur 10 Kilometer von der Grenze zum Gaza Streifen entfernt beigesetzt. Die Gazaener feierten seinen Tod mit einigen Raketen, die aber abgefangen wurden.
 

Aus der Neuzeit sind nur vier Beisetzungen außerhalb von legalen Friedhöfen bekannt. David Ben Gurion wurde mit seiner Frau Paula auf dem Gebiet vom Kibbuz Sde Boker in der Negev Wüste beigesetzt. Dort lebte er von 1953 bis zu seinem Tod im Jahr 1973. Ben Gurions zionistischer Traum war es, „die Wüste zum Blühen zu bringen“.
 
Ariel Sharon hatte bereits zu Lebzeiten verfügt, er wolle neben seiner Frau Lily beigesetzt werden, die bereits im Jahr 2000 verstorben war. Beide sind auf dem Anemonen Hügel  auf dem Gebiet ihrer Familienfarm, ebenfalls in der Negev Wüste beerdigt.
 
Als Rabin starb, war es, als ob ein lieber, netter Großvater verstorben wäre. Fast so, als ob unser aller Großvater verstorben wäre. Jedem, der die Verabschiedungszeremonie für ihn auf dem Herzl Berg in Jerusalem verfolgt hat, ist die Rede der Enkeltochter Rabins in Erinnerung, jener jungen Frau, die, von Tränen geschüttelt kaum die Worte ihrer wohl vorbereiteten Rede herausbrachte.
 

Hätte man anlässlich seiner Beisetzung auf dem Herzl Berg Friedenstauben und weiße und blaue Luftballons fliegen lassen, jeder hätte es verstanden.
 
Rabin war das Symbol der Friedenssehnsucht, dass auch er ein überzeugter Soldat der IDF war, wurde oft ausgeblendet.
 
Rabin und Sharon, sie sind sich immer wieder begegnet auf ihrem Lebensweg, der so oft von ihrem Dienst bei der IDF bestimmt wurde.
 

Rabin, der leise, fast schüchtern wirkende  Politiker, wäre er wirklich DER Partner für Frieden gewesen? Hätte er erfüllen können, was ihm mit der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 1994 quasi als Auftrag erteilt wurde?  Hätte er, gemeinsam mit Jassir Arafat, und Schimon Peres den Friedensprozess abschließen können? Niemand weiß es, es sind nicht mehr als Wünsche, Gefühle und Sehnsüchte, die sich um diese Frage ranken.
 

Sharon, der große Soldat wurde fälschlicherweise seit September 1982 reduziert auf das Massaker in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila, südlich von Beirut. Während des libanesischen Bürgerkrieges wurden die palästinensischen Flüchtlingslager von 150 libanesisch christlichen Milizionären gestürmt und ein grauenhaftes Massaker unter den Flüchtlingen, überwiegend Zivilisten, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, angerichtet. Einen Tag zuvor war der Präsident des Libanon, Bachir Gemayel, Opfer eines Bombenanschlages. Während der Anschlag dem syrischen Geheimdienst zugeschrieben wurde, suchten die Anhänger Gemayels die Täter unter den palästinensischen Flüchtlingen. Die Rolle Israels, der IDF und des damaligen Verteidigungsministers, Ariel Sharon wurde die nie ganz geklärt. Ihm wurde bei einem Untersuchungsverfahren in Israel die politische Mitverantwortung, allerdings kein Vorsatz angelastet. Als Folge der Untersuchung musste er als Verteidigungsminister zurücktreten.
 

Nicht nur in der arabischen Welt blieb allerdings der Begriff „Schlächter von Sabra und Schatilla“ für ihn erhalten.
 
Die Zeitschreibt in ihrer online Ausgaben vom 11.01.2014: „Wofür er eigentlich stand, vermochte ohnehin niemand zu sagen. Scharon war ambitioniert, skrupellos, erfolgreich und paradox pragmatisch.“
 
Ambitioniert war er, ja, erfolgreich war er ohne Zweifel, skrupellos, nein, das wird ihm nicht gerecht. Und er war vor allem eines: umstritten. Ein Draufgänger war er, ein Haudegen.
 
In allen israelisch-arabischen Kriegen stand er an vorderster Front. 1948, 1956, 1967 und 1973 schuf er sich seinen Ruf als Falke, als ein Soldat, der nahezu jedes Risiko eingeht, wenn er damit seinem Staat dienen kann.
 
Nach 1967, nach dem  Ende des Sechs Tage Krieges, forcierte er vehement den Bau der Orte im WJL. Doch was ihm für das WJL im Jahr 1967 noch richtig schien, schien im offensichtlich 1982 für den Sinai und 2005 für Gaza nicht mehr passend.
 
Nach Abschluss des Friedensvertrages mit Ägypten ließ er 1982 die Orte auf dem Sinai räumen. Im Jahr 2005 erfolgte dann die komplette Übergabe von Gaza an die Gazaener. Das war der völlige Umschwung in seinem politischen Leben. Der Umschwung, den niemand erwartet hatte. Es gibt Stimmen, die sagen, auch für das WJL hätte er Ähnliches geplant. Wir werden es nie mehr wissen.
 
Im Sinai herrschte bis vor wenigen Monate relative Ruhe, der Dank der Übergabe Gazas war der seither niemals wirklich gestoppte Beschuss  auf den Süden Israels.
 
Ob Ariel Sharon mit seinem Besuch auf dem Tempelberg im September 2000 die zweite Intifada ausgelöst hat, oder nicht, wird auch nie zur Gänze erklärt werden. Mich erinnert die spontane Reaktion der Palästinenser an die Reichkristallnacht, in der die Volksseele auch „sehr spontan“ überkochte und zur Reichskristallnacht führte.
 
Die heutige Justizministerin Tzipi Livni, die politische Weggefährtin seiner letzten aktiven Jahre, fasst es zusammen:
 
„Arik war ein Farmer, ein Kämpfer und ein Premierminister, der der Vater einer Nation wurde. Aber mehr als das, er war ein Mann, den ich liebte. Man sagt, Veteranen sterben nie – die Erinnerungen an sie verblassen irgendwann. Arik verabschiedete sich vor acht Jahren, und nun hat er uns wirklich verlassen. Wir hatten acht Jahre, uns zu verabschieden, und trotzdem, wir haben es nicht fertig gebracht. Jetzt sagen wir „Leb wohl“ zu ihm.“
 
Ich möchte Toni Blair sinngemäß zitieren, der bei seiner Rede anlässlich der Zeremonie auf dem Platz vor der Knesset sagte: „Mit ihm zu verhandeln war schwer. Man konnte alles mehrmals wiederholen, erklären und er antwortete trotzdem: „Ok, ich habe es verstanden, aber ich wiederhole es hier trotzdem noch einmal….“.Ich habe ihn dann einmal nach Hause eingeladen, weil ich wissen wollte, wie er als Mensch ist. Und ich habe ihn kennen gelernt als Menschen, der seine Familie und sein Land liebt, als Menschen mit Humor, als Menschen mit Herz. Als Mensch.“
 
 


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