Eine Reise entlang des tiefsten Punktes der Erde – 419 Meter

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In der Wüstenstadt Arad, einer Stadt mitten in der Negev Wüste im Süden Israels beginnt der Abstieg mit einer Höhendifferenz von 900 Metern. Kurz, nachdem man den letzten Kreisverkehr durchfahren hat, wird rechts am Felsen die aktuelle Seehöhe markiert:
 

+ 500 m Markierung hinter Arad

 
Zahlreiche Kurven später, nach einer Fahrt durch eine Landschaft, die beides ist, unwirtlich und sehr lebendig zugleich, öffnet sich der Blick erstmals auf die am Ostufer des Toten Meeres aufragenden Felsen des Moriah Gebirges.
 
Bis auf knapp über 1300 m über Seehöhe erhebt sich dieser jordanische Gebirgszug. Auf unserer Seite erreichen die Berge „nur“ eine Höhe von 1000 m. Um die tatsächliche sichtbare Höhe auszurechnen, muss man die fehlenden 400 m dazu rechnen. Denn auf dieser Höhe liegt das Tote Meer, das gar nicht so tot ist und das auf Ivrith: Yam Hamelach – Salzmeer heißt, was mir weitaus besser gefällt und auch passender ist.
 
Von einem Aussichtspunkt bei 0 m Seehöhe bekommt man einen ersten Überblick.  Das noch weit unten liegende Meer sieht von hier oben aus, als bestünde es aus einer gallertartigen Masse, nicht aus Wasser.
 
Das Tote Meer liegt im Jordangraben, der nördlichen Fortsetzung des großen Afrikanischen Grabenbruchs, der sich von Syrien im Norden, bis nach Mosambik im Süden über eine Länge von mehr als 6.000 Kilometern zieht. Irgendwann in ferner Zukunft wird sich entlang dieses Grabens ein Teil Ostafrikas von der restlichen afrikanischen Landmasse abspalten.
 
 
 
Das Meer, eigentlich ein abflussloser See, umfasst 800 Km2,, ist ca. 88 Kilometer lang und an der breitesten Stelle ca. 17 Kilometer breit. Sein Ufer liegt durchgehend 400 Meter unter dem Meeresspiegel, was ihn zum tiefsten, nicht mit Wasser oder Eis bedeckten Punkt der Erde macht. Der tiefste Punkt am Meeresboden liegt bei minus 794 Metern. Dieser Wert wird vom Baikalsee über-, oder besser gesagt untertroffen. Bei diesem See wird der tiefste Seebodenpunkt mit 1186 Metern unter dem Meeresspiegel angeführt.
 
Bedeutsam nicht nur für Touristen, sondern auch für Menschen mit chronischen Hauterkrankungen ist der hohe Salz- und Mineralanteil.
 
Der Salzanteil liegt zwischen 28 % und 33%, und setzt sich zusammen aus ungefähr 50,8 % Magnesiumchlorid, 14,4 % Kalziumchlorid, 30,4 % Natriumchlorid und 4,4 % Kaliumchlorid, einem relativ geringen Sulfatanteil, sowie Bromiden und Jod. Dass das „Tote Meer“ den Namen zu Unrecht trägt, wurde im Jahr 1992 endgültig klar, als sich das Wasser auf zunächst unerklärliche Weise rot färbte. Diese Rotfärbung entstand durch extrem salztolerante Mikroorganismen und Algen. Mittlerweile wurde erforscht, dass der gesamte Meeresboden von großen Bakterien- und Algenteppichen bedeckt ist.
 

Rotfärbung im Uferbereich

Durch die regelmäßige Wasserentnahme aus dem Jordan, der den Wassernachfluss sichert und die hohe Verdunstung sinkt der Wasserstand im nördlichen, naturbelassenen Teil jährlich um einige Zentimeter. Als Folge davon schrumpfte die Gesamtfläche in den letzten Jahrzehnten um mehr als 20 %.
 
Salz, Mineralien und Pottasche werden im Süden des Meeres sowohl auf jordanischer, als auch auf israelischer Seite industriell abgebaut. Durch den beständigen Abbau bilden sich am Meeresboden dichte Salzablagerungen, die dazu führen, dass der Wasserstand ständig steigt und man in den kommenden Jahrzehnten mit Überflutungen im Bereich der Hotelanlagen rechnet. Um dem drohenden weiteren Ansteigen des Pegels in dieser Region entgegenzuwirken, wurde das südliche Becken in einem bilateralen Projekt von Jordanien und Israel gemeinsam in Einzelbecken geteilt. (Dass man, wenn auch mit Schwierigkeiten und unter Inkaufnahme von nassen Füßen recht bequem auf diesem Weg vom einen Ufer zum anderen kommt, ist so lange ohne besondere Bedeutung, als der Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern hält.) Es gibt auch ein sehr ambitioniertes, wenngleich auch heiß umstrittenes Projekt, mit dem mit Hilfe von Wasser aus dem Roten Meer das Tote Meer gerettet werden soll. Umweltschützer warnen aber vor den weitreichenden Folgen.
 
Dass das mineralstoffhaltige Wasser in Verbindung mit dem speziellen Klima fast schon ein Wunderheilmittel bei der Behandlung von chronischen Hauterkrankungen, aber auch bei Asthma, Rheuma und Blutdruckproblemen darstellt, hat österreichische und deutsche Krankenkassen veranlasst, die Kosten für Kuraufenthalte zu übernehmen.
 
Wer sich daheim mit kosmetischen Produkten, basierend auf Mineralien oder Schlamm aus dem Toten Meer verwöhnen will, kann dies übrigens ruhig weiterhin tun. Als Beispiel soll hier Ahava Kosmetik dienen, Gleiches gilt aber auch für -417, Premier, Black Perl etc.
 
Sowohl ein Teil des Abbaugebietes, als auch die Produktion der in Europa beliebten Ahava Kosmetik, befinden sich auf dem Gebiet des Kibbuz Mitzpe Shalem. Dieser liegt in einem C-Zonen Gebiet, etwa 10 Kilometer nördlich der Waffenstillstandslinie. Der größte Anteil der Grundprodukte kommt jedoch aus den Fördergebieten im südlichen Teil des Toten Meers, also aus dem sogenannten israelischen Kernland.
 
Wie schnell Falschmeldungen, die kaum hinterfragt werden, sich im Netz verbreiten, soll mit einer kurzen Aussage belegt werden. Auf der antiisralischen und BDS nahen Seite „Who profits“ werden sowohl Kaliya als auch Mitzpe Shalem als „israelische Siedlungen“, dem geläufigen Begriff für (illegale) Siedlungen im WJL bezeichnet. Mitzpe Shalem ist ein 1970 gegründeter, und heute privatisierter Kibbuz, Kaliya wurde bereits 1929 gegründet, 1948 von den Jordaniern zerstört und 1968 wieder von der Kibbuzbewegung aufgebaut.
 
 
Ich beginne jetzt mit meiner Reise im Norden!
 
Der nördliche und größere Teil des Westufers liegt heute überwiegend im WJL in einem von Israel ganzheitlich kontrollierten Gebiet, der sogenannten C-Zone.
 
Man reist von Jerusalem aus bequem mit dem Egged Bus, der größten offiziellen Buslinie Israels in einer knappen Stunde an die beliebten Strände des Toten Meeres. Die Straße von Jerusalem führt zunächst durch die Judäische Wüste vorbei an zahlreichen Beduinenzelten. Jericho, die Stadt deren erste Besiedlungsspuren bis in das 10. Jahrtausend BCE reichen, liegt ein wenig abseits der Strecke, war früher aber, als ich noch unbeschwert über diese Strecke gefahren bin, immer einen Stopp wert. 1967 eroberte die IDF die Stadt und übergab sie 1994 an die Palästinensische Autonomiebehörde. Jericho ist heute Grenzstadt. Reisende nach Jordanien, die über die Allenby Brücke aus- oder einreisen, werden dort kontrolliert. Israelis können diesen Übergang nicht benutzen. Wir können nur die Übergänge in Beit Shean im Norden und bei Elat im Süden benutzen.
 
Im Jahr 1989 glaubte eine österreichische Bank, in Jericho das große Geschäft zu wittern und eröffnete dort in einem Joint Venture zwischen BAWAG und Kasinos Austria das erste palästinensische Kasino. Zunächst war der Erfolg größer, als erwartet. Israelis und ausländische Gäste ließen ihre Einsätze – bekanntermaßen gewinnt ja immer die Bank – in die Steuerkasse fließen. Der Ausbruch der zweiten Intifada beendete das (Glücks)spiel sehr schnell, und die Geldquelle der Palästinenser versiegte.
 
Hm, den österreichischen Investoren in dieser Gegend scheint das Glück nicht wirklich hold zu sein!
 
Auch die in der Nähe von Jericho auf den Berg der Versuchung führende Seilbahn, gebaut durch ein österreichisches Unternehmen, in der ambitionierten Absicht, der Seilbahn von Massada Konkurrenz zu machen, versank bald schon wieder in rein lokale Bedeutung.
 
Auf der jordanischen Seite dieses nördlichen Teiles des Toten Meeres entstand ein kleines, aber feines Touristengebiet. Internationale Hotelketten, wie Kempinski, Mövenpick, Marriott, Holiday Inn und Crown Plaza wetteifern um die Gunst des internationalen Publikums, auch wenn die Badestrände streng nach Geschlechtern getrennt sind.
 
Israel kann in diesem Gebiet nur mit einem kleinen, aber sehr charmanten Kibbuz Hotel in Kaliya aufwarten. Als ich in den 80er Jahren einmal hier war, begeisterte mich vor allem der zum Hotel gehörende kleine Water Park. Damals war ich als allein reisende Touristin hier noch fast so etwas wie ein Alien. Es gab noch keine Handys, alle Telefonate liefen über die Reception, die sich im Kibbuz Sekretariat befand. Wer zum Zeitpunkt eines Anrufes gerade nicht erreichbar war, wurde am Abend durch mehr oder wenige laute Zurufe während des Essens im „cheder ochel“ dem Speisesaal, über den Anruf informiert……
 
In unmittelbarer Nachbarschaft von Kaliya befinden sich auch die Höhlen von Qumram, wo in der Zeit zwischen 1947 und den 60er Jahren die berühmte Rollen von Qumram entdeckt wurden. Der größte Teil der gefundenen Rolle, die aus der Zeit von ca. 250 BCE bis 40 CE stammen, werden heute im Shrine of the books in Jerusalem aufbewahrt.
Shrine of the books
Fragment einer in Qumran gefundenen Rolle
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Nachdem die Rollen sich aufgrund anfänglich falscher Behandlung, aber auch aufgrund der langen Lagerzeit in den Tongefäßen in einem teilweise sehr schlechten Zustand befanden, waren aufwendige Restaurierungsarbeiten notwendig, bevor sie endlich teilweise dem Publikum zugänglich gemacht werden konnten.
 
Im vergangenen Jahr wurde ein aufsehenerregendes Projekt durch die Kooperation zwischen den israelischen Altertumsbehörden und Google realisiert: Die Qumram Rollen wurden digitalisiert und stehen nun im Netz jedermann frei zur Ansicht zur Verfügung!
 
Knapp 30 Km weiter südlich verläuft die Waffenstillstandlinie von 1967.
 
Wenige Kilometer südlich der Grenze liegt ein weiterer Kibbuz, Ein Gedi, deutlich größer und weitaus besser touristische erschlossen, als Kaliya.
 

Synagoge von Ein Gedi

Die erste Besiedlung dieser Oase geht auf das 4. Jahrtausend BCE zurück, auf dem Gebiet des Kibbuz findet man heute noch die Überreste eines Tempels, der auf diese Zeit datiert wird. Der Name Ein Gedi bedeutet: Quelle des Böckchens. Noch heute tummeln sich zahlreiche wild lebende Steinböcke im Naturschutzgebiet.
 

 
In der Torah wird Ein Gedi als Teil des Stammesgebietes von Jehuda erwähnt und diente David auf der Flucht vor König Saul. König David war es, der um 1000 BCE die beiden bis dahin rivalisierenden Königreiche vereinte und Jerusalem zur Hauptstadt machte.
 
Heute beheimatet Ein Gedi in einem wunderschönen Botanischen Garten unzählige Pflanzen aus der Levante und aus tropischen Gebieten. Der Rundweg führt kreuz und quer mitten durch den Kibbuz. Man kann dort zusätzlich einen kleinen Einblick in das Alltagsleben eines klassischen Kibbuz gewinnen und zauberhafte Ausblicke auf den trockenen Arugot Fluss, die jüdäische Wüste und das Tote Meer genießen.
 
Blick auf den Arugot Fluss

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Das Jugendhaus im Kibbuz
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Zum Kibbuz gehört auch ein eigener, auch öffentlich zugänglicher SPA, der nur wenige Minuten entfernt, direkt am Ufer vom Torten Meer liegt. Schwefelbäder, Schlammpackungen, Süßwasserpools, Massagen lassen keine Wünsche offen.
 
Wie sensibel das ökologische System Totes Meer geworden ist, wurde mir spontan bewusst, als ich das kleine Bähnchen sah, mit dem die Gäste vom Haupthaus zum eigentlichen Strand gebracht werden. Das Meer ist deutlich zurückgewichen, bei meinem letzten Besuch waren es knapp 50 m, die zu Fuß auf siedend heißem Kies zurück gelegt wurden, heute beträgt die Entfernung ca. 200 Meter.
 
Wer klettern will, sollte um diese Jahreszeit früh am Morgen aufbrechen. Der Weg durch das Naturschutzgebiet führt recht mühsam bergan. Doch wer den Weg auf sich nimmt, wird belohnt: im Sommer verspricht der Wasserfall im Nachal David (Fluss des David) Abkühlung. Während man bereits am Eingang zum Reservat Steinböcke in großen Mengen beobachten kann, sind die Leoparden eher scheu und zeigen sich nur äußerst selten.
 

Einige weitere Kilometer südlich erhebt sich die Felsenfestung des Herodes, Massada. Über dieses wichtige Zeugnis jüdischer Geschichte habe ich an anderer Stelle schon einmal ausführlich geschrieben.
Die Felsenfestung Massada
 
Nach wenigen Minuten erreicht man südlich von Massada das israelische Tourismushighlight am Toten Meer: Ein Bokek.
 

Das Tote Meer Richtung Jordanien kurz vor Sonnenuntergang
 

Wenig später erkennt man die Orte am jordanischen Ufer

Ein Bokek ist ein am Reißbrett entstandener reiner Hotelort. Es gibt dort außer den  Hotels zwei kleine Einkaufszentren, in denen auch MacDonalds nicht fehlen darf und die für einen Kuraufenthalt notwendigen Infrastrukturen am Strand.
 
Ich beobachte die Hotelstruktur nun schon seit einigen Jahren und bin sicher, dass in nicht allzu ferner Zeit der Ortsname in „Fattal City“ oder „Leonardo Town“ umbenannt werden wird.  Früher waren hier einige internationale Hotelketten vertreten. Heute ist die israelische Leonardo Gruppe, eine Tochter der Fattal Hotels marktführend hier. Die zweite israelische Hotelkette Isrotel scheint zumindest hier, am tiefsten Punkt der Erde ein wenig an Boden zu verlieren.
 
Woran das liegen mag?
 
Ganz einfach an der nicht zufriedenstellenden Arbeit des Housekeepings. Was ist das tollste Buffet am Morgen und am Abend wert, wie viel wiegt das Wiedererkennen durch die Mitarbeiter an der Reception, im Service und im SPA, wenn es da, wo der Gast sich wirklich „daheim“ fühlen will, in den Zimmern, an allem Möglichen fehlt? Diese Erfahrung tut meiner Hoteliersseele jedes Mal aufs Neue weh und ich gerate immer wieder in Versuchung, selber zuzupacken und den wirklich netten Mitarbeitern zu zeigen, wie man mit wenig Aufwand ein viel besseres Ergebnis erreichen kann.
 


2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Eine Reise entlang des tiefsten Punktes der Erde – 419 Meter

  1. Sandra

    Mittlerweile gibt es dort sogar einen McDonald??? Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie dieses spezielle Aroma mit Wiedererkennungseffekt in der von Salz und Ruhe und Wüste getragenen Luft schwebt. Mhh, ach nööö

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  2. Sandra, ich habe mir die Erfahrung nicht gegeben! Passt auch irgendwie nicht wirklich zusammen…….

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