Ein Mensch, den man nicht vergisst

B“H

Es war, ich werde es nie vergessen, ein früher Herbsttag im Jahr 1994. Im ewigen Kampf mit meinem Videorecorder hatte ich ein falsches Programm zum Aufnehmen einer Sendung einprogrammiert. Statt eines Berichtes über ein wirtschaftliches Thema erwartete mich am Abend „Pfarrer Fliege“ mit seiner eher als seicht bekannten Nachmittagsshow.
Doch statt des vorprogrammierten Frusts – wer wollte schon Fliege sehen? – saß ich wie gebannt vor dem Fernseher. Auf der Bühne saßen ein älterer Herr und ein junger Mann. Der eine damals 74 Jahre, der andere gerade 18 Jahre jung. Gemeinsam war ihnen, dass sie jüdisch waren, Deutsche und, dass sie im Großraum München lebten.
David, den jüngeren habe ich schnell aus den Augen verloren. Mit Max Mannheimer  verbindet mich seither eine lange und innige Freundschaft.
Wenige Wochen nach der Ausstrahlung der Sendung trafen wir uns erstmals in Dachau. Max hatte sich spontan bereit erklärt, eine Führung für meine Klasse im ehemaligen KZ Dachau zu machen.
Was es für 15, 16 Jährige bedeutete, ein KZ zu besuchen, was es für mich bedeutete und was die Führung für Max bedeutete, war nicht miteinander vergleichbar. „Meine“ Jugendlichen zeigten keinerlei Respekt vor dem Lager, in dem über  200.000 Menschen inhaftiert worden waren und ca. 43.000 Insassen ermordet wurden. Für sie, Kinder der Generation, von der 1984 Helmut Kohl vor der Knesset sagte, sie trügen durch die Gnade der späten Geburt keine Schuld an den Gräueltaten der Nazis, war dies ein Ort, den man besucht, abhakt und möglichst schnell wieder verlässt.
Um sich anschließend mit Weißwurst, Brezen und Bier zu stärken und zum Tagesgeschehen überzugehen.
Oder in der harten Version des Besuches: um sich anschließend auf dem Christkindlmarkt in München zu vergnügen. Das habe ich ihnen nie angeboten, dafür waren eher die Religionslehrer zuständig!
Übrigens, der Ausspruch, von Kohl gerne immer wieder eingesetzt, entsprang nicht seinem Kopf, er ist schlicht ein Plagiat!
Für Max, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, ist ein Besuch im ehemaligen KZ  immer noch weit weg von jeder Alltagsroutine. „Dass man sechs Angehörige in Auschwitz verloren hat“, sagte er gestern in einem Interview „kann man nicht so schnell verkraften“. Und so fordert er von jeder Gruppe Aufmerksamkeit ein. Um Dachau nicht zu einem 0815 Schulausflug verkommen zu lassen. Um auch mit 15,16 Jahren der Geschichte den Respekt zu zollen, den sie verdient.
Spontane Ruhe setzte ein, als wir vor den Gaskammern standen, die in Dachau nie in Betrieb genommen worden waren und Max mich bat, hier die Führung unterbrechen zu dürfen. Max wusste, dass die Gaskammern in diesem KZ nie in Betrieb genommen wurden, aber es gelang ihm nicht, sie zu betreten. Ihr Anblick löste immer noch Übelkeit und Herzrasen bei ihm aus. Dachau war der letzte Ort seines Martyriums in den KZs der Nazischergen, er wurde hier, gemeinsam mit seinem Bruder Edgar am 30. April 1945 durch US Amerikanische Truppen befreit.
Edgar und Max Mannheimer, die einzigen Überlebenden einer ganzen Familie. Seine Eltern, seine Frau Eva, seine Schwester Käthe und seine zwei Brüder Erich und Ernst überlebten die Shoa nicht.
Max ist heute 93 Jahre alt. Nach seiner ersten Frau, die er in Auschwitz verlor, heiratete er 1946 Fritzi, mit der er eine Tochter, Eva, hat. Mit ihr wagte er den Neubeginn in Deutschland, dem Land, in das er nie mehr zurückkehren wollte. „Ich weiß nicht, ob man einfach beschließen kann, glücklich zu sein. Wir beschlossen es jedenfalls, und für eine Weile waren wir es auch.“ Sagt er in seinem Buch „Drei Leben“. Als sie 1964 starb, spürte er, dass er seiner Tochter ein Vermächtnis zu hinterlassen hatte: sein Leben, seine Geschichte. Die auch ein Teil der kollektiven Geschichte der Juden während der dunkelsten Zeit im „modernen“ Europa ist.
Er schrieb seine Geschichte auf, noch unfähig, sie zu erzählen. Die Urversion von „Spätes Tagebuch“ liegt heute in Yad Vashem, der „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“ in Jerusalem.


Und er begann zu malen, Bilder voller Farbkraft, voller Intensität. Er malt unter dem  Namen Ben Yakov,  Sohn des Yakov, dem Namen seines Vaters. Seine Bilder wurden zur Selbsttherapie. Die Kraft der Farben zeugt von der Intensität seiner Empfindungen. Nichts wird beschönigt, nichts abgemildert. Intensive Farben, unstrukturierte Formen, nichts zeichnet das Grauen weich. 

Man muss die Geschichte der Bilder kennen. Kennt man sie nicht, sind sie einfach gelungene Bilder der Postmoderne.
Max hat Jahre später meinem Mann und mir seine Stadt gezeigt. Das München, das Hitlers München war, wo alles begann. Bereits am 08. und 09. November 1923 versuchte Hitler einen Putsch gegen die Regierung, der mit dem Marsch auf die Feldherrenhalle seinen festlichen Höhepunkt finden sollte. Tatsächlich endete er aber mit einer Niederschlagung und Verhaftung der Aufständigen. Hitler wurde zu fünf Jahren Festungshaft in Landsberg verurteilt, die NSDAP wurde im ganzen Land verboten. Seine Zeit in der Festung nutzte Hitler dazu, mit der Niederschrift seines Buches „Mein Kampf“ zu beginnen. Nachdem das zuständige Gericht nicht dem  Gutachten des Münchner Vize-Polizeipräsident  Friedrich Tenner folgte, der zur folgenden Einschätzung gelangte: „Hitler […] ist heute die Seele der ganzen völkischen Bewegung. Er wird große Massen […] seiner Idee der NSDAP zuführen.“ Wegen guter Führung wurde er nach nur neun Monaten vorzeitig aus der Haft entlassen.
Tenners Befürchtungen erwiesen leider als Prophetie…….
Dachau wurde als erstes KZ in Deutschland bereits kurz nach der Machtübernahme durch die Nazis gegründet. Täglich werden zahlreiche Schülergruppen durch die KZ – Gedenkstätte geführt. Bisher, das heißt, bis gestern hat es aber noch kein Deutscher Kanzler geschafft, dorthin zu gehen.
Bereits im November 2012 hat Max die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Besuch eingeladen. In seinem Brief an sie schreibt er: „Für uns, die noch wenigen Überlebenden, wäre dies eine große Freude und Ehre. Es wäre ein historischer Besuch, denn noch nie war ein Bundeskanzler in der KZ- Gedenkstätte Dachau. Angesichts eines erstarkenden Rechtsextremismus in der Gesellschaft wäre Ihr Besuch ein starkes Zeichen von politischer Priorität, dass diese Entwicklung – gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte – nicht hingenommen werden kann und sehr ernst genommen werden muss. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie meiner Einladung Folge leisten. Voller Hochachtung und Dankbarkeit denke ich an Ihre klaren Worte im Zusammenhang mit dem Holocaust-Leugner Williamson.“
Ihren wahlkampfunterstützenden Besuch beim „politischen Dienstag des Dachauer Volksfestes“ hatte sie bereits zuvor bestätigt. Offensichtlich haben weder die Vertreter des Jüdischen Zentralrates, noch die eingeladenen Zeitzeugen, noch die Organisatoren ein Problem mit der zeitlichen und räumlichen Nähe der beiden Besuche.
„Die beiden [Dachau und Bierzeltwahlkampf] gehören nicht zueinander und müssen entzerrt werden“, geiferte die Fraktionschefin der Grünen, Renate Künast  „Diese Besuchsfolge [ist] eine geschmacklose und unmögliche Kombination… Wer es ernst mit dem Gedenken an einem solchen Ort des Grauens meint, der macht einen solchen Besuch garantiert nicht im Wahlkampf.“
Wie wohltuend sind nach dem moralinsauren Einwurf, wie ihn die Grünen so gerne pflegen, wenn es darum geht, Pfeile in Richtung Regierung abzuschießen, die Worte von Charlotte Knobloch.
Die Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, lobte Merkel: Die zeitliche Nähe zu Wahlkampfterminen sei völlig selbstverständlich. „Mit ritualhaftem Gedenken in stiller Tristesse werden vielleicht noch eindrückliche Bilder produziert, aber doch kein gesellschaftliches Denken oder gar Umdenken angestoßen“, sagte Knobloch. Die Kultur des Erinnerns müsse gegenwartsbezogener und natürlicher werden.
Trotz der von ihm selbst ausgesprochenen Einladung an die Bundeskanzlerin befürchtete Max, als „Statist für ein paar schöne Bilder“ gebraucht zu werden. Schlussendlich zeigte er sich aber zufrieden mit dem Besuch, es seien viele Interessierte gekommen, Presse und Fernsehen sei zahlreich vertreten und, das Wichtigste, endlich, 68 Jahre nach Kriegsende sei die Kanzlerin als erste gekommen, um ihnen, den Überlebenden, aber auch den Toten ihren Respekt zu zeigen. 



Und das ist es, was am Ende dieses denkwürdigen Tages zählt!

2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Ein Mensch, den man nicht vergisst

  1. Ein wirklich guter Artikel, libe Esther.
    „Mit Frau Merkel besucht immerhin erstmals ein deutscher Kanzler die KZ-Gedenkstätte in Dachau“, sagte am Dienstag der Zentralratsvorsitzende Dieter Graumann Spiegel Online“.
    Dem kann man sich m.E. nur anschliessen.
    Viele Grüsse,
    Dean

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  2. Ein sehr lesenswerter Artikel! Vielen herzlichen Dank!

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