"Wir haben den Terror überlebt, unsere Familie ist tot! Bibi lass ihren Mörder nicht frei!"

B“H

Im Vorfeld der gerade zögernd begonnenen Vorgespräche zu neuen Friedensverhandlungen hat die Israelische Regierung sich bereit erklärt, im Laufe der kommenden Woche 104 palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen frei zu lassen. Es handelt sich zumeist um Langzeithäftlinge, überwiegend Mörder und Terroristen, die bereits vor den Oslo Verträgen (1993) rechtmäßig verurteilt wurden. 
Dass die Freigelassenen zum grossen Teil wieder aktiv werden, zeigt sich bei jenen, die im Gegenzug zur Freilassung von Gilad Shalit ausgetauscht wurden. Man täuscht sich, wenn man meint, es mit geläuterten Menschen zu tun zu haben, die die Haftstrafe zu einer Neubestimmung ihres Lebens genutzt hätten. Im Gegenteil, es sind 104 wandelnde Zeitbomben. 
Und trotzdem war dieser Deal maßgeblicher Teil der Vorbedingungen, die seitens der Palästinenser an die „vorbedingungslose“ Wiederaufnahme der Gespräche stellten. 
In einem „offenen Brief“ an alle Israelis wandte sich PM Benjamin Netanyahu auf seiner Homepage an die Bürger. 
„Manchmal sind Premierminister gefordert, Entscheidungen zu treffen, die der öffentlichen Meinung zuwiderlaufen – immer dann, wenn die Sache wichtig für das Land ist.“ schrieb er. Er fügte hinzu, dass die Entscheidung „schmerzhaft für die     betroffenen Familien, schmerzhaft für die ganze Nation und auch schmerzhaft für mich (ist). Sie kollidiert mit der einzigartigen Bedeutung von Gerechtigkeit.“
Am vergangenen Freitag erschien in der hebräischen Online Ausgabe von Yediot Aharonot ein Brief von Abie Moses, der im Jahr 1987 einen Terroranschlag überlebte, bei dem seine schwangere Frau und sein kleiner Sohn umkamen.
Er schrieb, dass angesichts der bevorstehenden Freilassung ihres Mörders, Mohammad Adel Hassin Daoud „die Wunden wieder aufgerissen wurden, die Erinnerungen, mit denen wir tagtäglich leben, sich in physisch spürbare Schmerzen verwandeln. Dies zusätzlich zum emotionalen Leid, das wir bei der täglichen Bewältigung dieses Albtraumes ertragen müssen.“ Und er fügte hinzu „Unserer Meinung nach muss er, wenn seine Freilassung dazu beitragen soll, Frieden zu machen, außerhalb der Grenzen Palästinas freigelassen werden, abgeschoben, und mit der Auflage, dass er seine Familie nie wieder sehen darf. Genauso, wie wir die Unseren nicht mehr sehen können.“
Seine Tochter beschrieb ihre Geschichte auf einer facebook Seite. 
Ihr kennt meine Geschichte. Am 11. April 1987 warf Mohamed Daoud aus Qalqilya einen Molotowcocktail auf das Auto, in dem ich mit meiner Familie unterwegs war. Er ermordete meine Mutter Ofra, ihr ungeborenes Baby und meinen Bruder Tal, verletzte meinen Vater, einen Freund meines Vaters und mich. Vielleicht kennt ihr die Geschichte. Aber mich, mich kennt ihr nicht wirklich, ihr wisst nicht, wie ich seither lebe.
Ich war damals 8 Jahre alt. Ich brannte, mein ganzer Körper brannte. Vater wälzte mich am Boden, um das Feuer zu löschen, das meinen Körper auffraß. Ich sah zum Auto und musste hilflos mit ansehen, wie meine Mutter vor meinen Augen verbrannte.
Meine Geschichte endete nicht an diesem Tag, sie begann damals erst.
Ich bin wieder acht Jahre alt, liege im Krankenhaus, in kritischem Zustand, schreiend vor Schmerz. Bin von Kopf bis Fuß bandagiert. Meinen Kopf erkenne ich nicht mehr, ihn umfließt nicht länger das lange, goldblonde Haar, auf das ich so stolz war. Die Kopfhaut ist verbrannt – ebenso wie das Gesicht, der Rücken, die Beine und Hände.
An meinem Bett sitzt meine Familie, nur meine Mutter ist nicht bei mir. Ich sehne mich nach ihren Umarmungen, ihren Liebkosungen, ihren sanften Händen, die meine Verbände wechseln. Im Raum nebenan liegt mein Bruder Tal, fünf Jahre alt, auch er wimmernd und schreiend vor Schmerzen.
Drei Monate später starb mein kleiner Bruder. Ich sitze in einem Rollstuhl auf einem Friedhof und ich sehe, wie mein kleiner Bruder beerdigt wird.
Viele Monate durfte ich wegen der Verbrennungen nicht in die Sonne, also trug ich in der Schule lange Hosen und Shirts mit langen Ärmeln. Unter der Kleidung musste ich einen Kompressionsanzug tragen, der helfen sollte, die Narbenränder zu glätten. In den heißen Sommermonaten war das sehr schmerzhaft, der Juckreiz war kaum auszuhalten.
Jetzt bin ich zwölf Jahre alt. Wieder musste ich mich einer Operation unterziehen, um die Narbenstruktur zu verbessern. Danach sollte ich mein Bein wieder strecken und beugen können.
Ich wurde Bat Mitzwa. Mutter konnte nicht mehr mitfeiern. Ich weinte mich in jener Nacht in den Schlaf.
Ich wuchs auf. Musste ertragen, wie mich die Menschen auf der Straße anstarrten, wie die Kassiererin im Supermarkt mich frug, was mir passiert sei. Ich lief vor den mitleidigen Blicken fort.
Ich wurde vierzehn. Ich hatte meinen Vater, meinen älteren Bruder, Freunde und war eine gute Schülerin. Und, ich hatte am ganzen Körper unerträgliche Narben. Ich hatte keine Mutter. Ich legte ich mich auf eine Straße und sagte mir, wenn es sein soll, dann passiert, was passieren wird. Aber nichts passierte. Also stand ich auf und ging nach Hause.
Während meiner Jugendjahre war es die liebste Beschäftigung meiner Freunde, an den Strand zu gehen. Aber ich ging nicht mit ihnen, weil ich diese Narben hatte. Weil ich verbrannt war. Und weil ich mich meiner selbst schämte.
Irgendwann wurde ich 18. Ich wollte eingezogen werden, aber sie nahmen mich nicht. Die IDF wollten (und konnten) die Verantwortung für meine Narben nicht übernehmen. Statt dessen absolvierte ich eineinhalb Jahre Freiwilligendienst.
Nach der Armee studierte ich. An der Uni traf ich Leute, die wissen wollten, was mit mir passiert sei. Ich sagte „Es war ein Anschlag“. Die Antworten zeugten von Unglaubem: „Echt, wirklich? Ich habe geglaubt, du hättest heißes Wasser verschüttet als du klein warst.“
Und die Kleidung? Die Mode änderte sich, aus langärmligen Hemden wurden Tank-Tops, aber nicht bei mir, denn ich habe diese grauenhafte Narbe unter der linken Schulter. Es gab auch kein kurzes Kleid oder Shorts für mich – ich habe hässliche Narben an den Beinen.
Heute bin ich 34. So alt, wie meine Mutter damals war, zur Zeit des Anschlags. Ab jetzt wird sie immer jünger sein als ich. Immer noch muss ich mindestens viermal pro Woche die Frage beantworten, woher meine Narben kommen.
Ich bin 34 Jahre alt, erlebe mich aber immer wieder als das acht Jahre alte Kind, das vor dem brennenden Auto steht und darauf wartet, dass seine Mutter aussteigt, zu ihm kommt und es tröstend in die Arme nimmt.
Yitzhak Rabin, damals Verteidigungsminister, versprach meinem Vater, den Terroristen zu fangen. Und er wurde gefangen genommen und verurteilt. Zu einer Haftstrafe von zweimal lebenslänglich plus 72 Jahren. Das Gericht wollte, dass er nie mehr freikäme.
Und ihr, unsere Minister, ihr wollt ihn freilassen!
Ich flehe euch an: revidiert eure Entscheidung, ihn zu entlassen. Er ist er Verursacher meiner Geschichte. Es hilft mir nicht, dass ihr behauptet, meinen Schmerz zu verstehen. Auch eure Erklärungen, vernünftig zu handeln, helfen mir nicht.
Ihr habt kein Herz. Mit eurer Entscheidung, diesen und andere Mörder freizulassen, spuckt ihr auf die Gräber meiner Mutter und meines Bruders Tal. Ihr löscht ihre Geschichten aus den Seiten der Geschichte Israels. Warum? Wem nutzt das?
Ich flehe euch an, ihn nicht freizulassen. Lasst ihn im Gefängnis. Er soll dort verrotten wie er es verdient hatte. Wie das Gericht es als richtiges Strafmaß anerkannt hat.
Als freier Mann wird er das Feuer wieder entfachen, das er angezündet hatte. Er wird die zerstören, die von meiner Familie übrig geblieben sind. Rettet uns. Denn wenn er freigelassen wird, könnten wir, mein Vater, mein Bruder und ich, nicht länger leben.

P.S. Es geht aus den unterschiedlichen Presseberichten zu diesem Terroranschlag nicht ganz klar hervor, ob Abie der Name der jungen Frau ist, deren Geschichte hier beschrieben wird, oder ob es der Name ihres Vaters ist und ihr Name im Dunkeln bleibt.  Sollte jemand die Namen eindeutig zuordnen können, wäre ich froh, wenn ich das hier korrigieren könnte!

3 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

3 Antworten zu “"Wir haben den Terror überlebt, unsere Familie ist tot! Bibi lass ihren Mörder nicht frei!"

  1. Sandra

    wie heisst den die Tochter?

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  2. Danke für die Frage Sandra, ich habe nochmals einige Zeitungsberichte durchgeschaut. Dort wird Abie als der Name des Vaters angeführt. Den Namen der jungen Frau habe ich nirgends gefunden.

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