Curta, der revolutionäre Taschenrechner

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Meinen ersten Taschenrechner bekam ich in der siebten Klasse meiner Gymzeit, also im Herbst 1972. Bis dahin mussten wir entweder Kopfrechnen oder durften „Nebenrechnungen“ auf einem Beiblatt machen.
Ich erinnere mich noch genau, es war ein Rechner von Texas Instruments. Es könnte tatsächlich der TI-25 gewesen sein. Wir durften ihn zwar im Unterricht, zu Hause und bei den verhassten Mathe Schularbeiten benutzen, aber nicht bei der schriftlichen Matura. Aus heutiger pädagogischer Sicht ein völliger Schwachsinn.
Tatsächlich gab es aber bereits lange vorher einen kleinen runden, ca. 8,5 cm hohen und im Durchmesser 5,3 cm großen Prototypen einer mechanischen Rechenmaschine.


Wer erfand dieses Wunderding, dessen Arbeitsweise ich, obwohl ich versucht habe, mich schlau zu machen, einfach nicht verstehe? Wobei ich zugeben muss, dass die hohe Kunst der Mathematik sich mir Zeit meines Schülerlebens nie erschlossen hat! Ich habe weder den Rechenschieber, noch den Abakus jemals verstanden!



Curt Herzstark, geboren 1902 in Wien und verstorben 1988 im liechtensteinischen Nendeln. Sein Vater war Samuel Jakob Herzstark, ein assimilierter Jude. Seine Mutter Marie, eine Christin, war vom katholischen zum evangelischen Glauben konvertiert.
Herzstark maturierte an der HTL Maschinenbau in Wien und absolvierte im väterlichen Betrieb eine zusätzliche Lehre. Zu dieser Zeit tobte in Europa der erste Weltkrieg, der Betrieb stellte also keine Rechenmaschinen her, sondern, kriegsbedingt Schrapnellzünder.
1937, nach dem Tod seines Vaters, übernahm er die Leitung der Firma. Herzstark hatte, auf Grund seiner Außendienstkontakte erkannt, dass die Kunden nicht länger die bisher angebotenen großen Rechenmaschinen favorisierten, sondern, dass sie kleinere, handlichere Geräte bevorzugen würden. Im Jahr 1939 schloss er die konzeptuelle Entwicklung der Curta ab, die den Markt revolutionieren sollte. Rechenbeispiele gibt es hier, falls jemand interessiert ist! Im gleichen Jahr wurden ihm für diese Erfindung einige Patente zugeteilt.
Fürwahr, eine faszinierende Idee: der kleine Rechner konnte den Geschäftsmann oder auch den Privatier überallhin begleiten, ein kleiner Wulst am oberen Ende verhinderte, dass er aus der Jackentasche rutschte, die einhändige Eingabe war sowohl mit Rechts, als auch mit Links möglich. Die Curta I bestand aus 571, ihr Nachfolgemodell, die Curta II gar aus 719 Einzelteilen. Sie war der erste Rechner, der alle vier Grundrechenarten abdeckte, wobei auch das Dividieren und Multiplizieren auf Addition und Subtraktion basiert. Das kleine technische Wunderwerk konnte auf 11, bzw. 15 Dezimalstellen genau rechnen.


1943 schlug das nationalsozialistische Regime zu. Dass  Herzstark nach jüdischen Gesetzen nicht jüdisch war, war für die Nazis irrelevant. Er wurde als Halbjude verhaftet und gelangte schlussendlich ins Lager Buchenwald.
Im Lager arbeitete er als „Leiter“ einer Abteilung der angegliederten Gustloff Werke, die u.a. Präzisionsteile für die geplante V2 Rakete herstellte. In dieser Produktionsstätte arbeiteten bis zu 4300 Gefangene. Herzstark gelang es, einige jüdische Mitgefangene zu retten, indem er sie für seine Abteilung anforderte.
Für den Direktor der Gustloff Werke, Ing. Münich, baute er die erste „Liliput Rechenmaschine“.
„Sehen Sie mal, Herzstark“, sagte einer der Lagerleiter zu ihm, „wir wissen, dass Sie an einer Rechenmaschine arbeiten. Wir erlauben Ihnen, Zeichnungen anzufertigen. Wenn das Ding etwas taugt, schenken wir es dem Führer nach dem Endsieg. Dafür macht er Sie sicher zum Arier.“ (Zitat aus:  Spiegel  27/2013 S. 106 von FRANK THADEUSZ)
Dank der Intervention eines ehemaligen Konkurrenten wurde es ihm erlaubt und ermöglicht, an den Konstruktionsplänen seiner Maschine weiter zu feilen.
Nach der Befreiung des Lagers im April 1945 durch die Alliierten kam Herzstark im November 1945 in Wien an und suchte einen Geldgeber für die Produktion. Diesen fand er schließlich in Nendeln (FL).  Dort wurde auf Betreiben des Prinzen Franz Josef II. von Liechtenstein 1946 die Fima Contina AGgegründet, die bis zum Jahr 1970 insgesamt 140.000 Curtas herstellte.
Curt Herzstark war der geborene Pechvogel. Sein Bruder, der der Deportation entgangen war, hatte das väterliche Erbe in Wien schlecht verwaltet. Statt als Miteigentümer in das neue Unternehmen eintreten zu können, wurde dem genialen Erfinder nur die Betriebsleitung angeboten.
Frustriert und gesundheitlich stark angeschlagen, zog er sich 1952 aus der Contina AG zurück.


Das Ende der Curta wurde mit dem Aufkommen des ersten elektronischen Taschenrechners im Jahr 1972 eingeläutet.

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