Eine muslimische Stimme meldet sich zu Wort: „Beendet den arabischen Boykott Israels“

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(Veröffentlicht am 06.März in den NY Times [Original Version in Englisch] von Ed Husain, Übersetzung von mir)
An alten Mauern Jerusalems hingen alte Ventilatoren, die klappernd  und knarzend für ein wenig Wind sorgten. Es gab kein Geld für eine Klimaanlage. Die Teppiche der Betenden waren alt und zerlumpt. Ich war in einem der weltweit bedeutendsten Gebäude, aber Gerüste und Unordnung hinderten mich daran, das Zentrum des Felsendoms sehen zu können.
 
Tropfende Wasserleitungen, zerbrochene Schuhregale und mit Schmutz überzogene antike Fliesen vermittelten dem drittheiligsten Bauwerk des Islam ein Gefühl von Disharmonie. Nein, das war nicht die Schuld der Juden oder des Westens, sondern die von uns Muslims, die behaupten, täglich für die „Befreiung Jerusalems“ zu kämpfen und die doch das Herz dieser Stadt schamlos vernachlässigen. Warum? Und wie lässt sich dies ändern?
 
Vor kurzem besuchte ich zum ersten Mal Israel und das Westjordanland. Ich bin Muslim und in muslimischen Gemeinden auf der ganzen Welt heißt es, Israel zu besuchen  würde bedeuten, „das zionistische Gebilde“ zu unterstützen, und es doch zu tun birgt in sich die Gefahr sozialer Isolation. Diese Ansicht ist nicht nur absolut überholt, sie ist auch kontraproduktiv.
Die Arabische Liga begann mit ihrem Boykott zionistischer Waren bereits 1945 und gründete später ein zentrales Boykott Büro, um trotzdem einen minimalen Kontakt arabischer Staaten mit Israel zu gewährleisten. In Tat und Wahrheit umgehen die Golfstaaten und andere diese Politik, aber das Gros der arabischen und muslimischen Menschen muss sich noch von der zwanghaften Vorgabe lösen, alle israelischen Produkte zu boykottieren.
Ein prominenter Geistlicher, Yusuf al-Qaradawi, rechtfertigt nicht nur die  Selbstmordanschläge gegen Israelis, sondern gibt darüber hinaus regelmäßig von seinem Podium bei  Al Jazeera Fatwas heraus, in denen er Muslims beschwört,  jeglichen Kontakt mit Israel zu vermeiden. Aktuelle Versuche von europäisch-marxistischen Wissenschaftlern, Israel boykottieren haben diese kontraproduktive Haltung noch verstärkt.
In vielen Moscheen und Universitäten wird diese Einstellung vielleicht  das Super Ego von einigen Wissenschaftlern und muslimische Geistlichen stärken. Hauptopfer dieses Boykotts sind aber nicht die Israelis, sondern die Palästinenser. Israels Wirtschaft boomt, während die Palästinenser in bitterer Armut leben. Der jahrzehntelange arabische Boykott ist kläglich gescheitert. Schätzungsweise 70 Prozent der palästinensischen Familien in Ost-Jerusalem leben unterhalb der Armutsgrenze.
Arabern aus den unmittelbaren Nachbarländern Israels wird dringend angeraten, sich an den Boykott halten  und Jerusalem nicht besuchen. Viele arabische Männer können sich diesen Luxus nicht leisten: sie suchen und finden Jobs als Reinigungskräfte und Gepäckträger in den Hotels, oder sie finden Arbeit in jüdischen Unternehmen, oder sie reisen in die West Bank, um dort Arbeit zu finden.
Viele Menschen verurteilen die israelischen Siedlungen und rufen zum wirtschaftlichen Boykott der Produkte, nicht nur solcher aus den Siedlungen  auf. Aber ich habe erfahren, dass arabische Baufachleute, Klempner, Taxifahrer und andere Arbeitnehmer im israelischen Alltagsleben mitarbeiten. Es  hat nicht funktioniert, im Heiligen Land neue, künstliche Grenzen zu ziehen. Und es ist Zeit, diesen Versuch als gescheitert zu akzeptieren. Wie lange noch  werden wir die Palästinenser bestrafen, die versuchen, ein freies Palästina zu schaffen?
Ich habe mich von kollektiven muslimischen Vorbehalten gelöst und bin nach Israel gereist, weil es eine neue Entwicklung  in der Region gibt. Ägyptens ehemaliger Großmufti Ali Gomaa, und der prominente Gelehrte Habib Ali al-Jifri brachen mit Qaradawi und besuchten im vergangenen April Jerusalem.
Sie begründeten ihren Besuch mit einer Stelle im Koran, an der der Prophet Mohammed die Gläubigen ermutigt, das Heilige Land zu besuchen. Ihre Reise wurde von Prinz Ghazi bin Muhammad bin Talal von Jordanien, dem wichtigsten religiösen Berater von König Abdullah II unterstützt.
Muslimische Führer in Jerusalem begrüßten die Besucher. Gleichzeitig forderten palästinensische Imame das Ende des arabischen Boykotts von Al Jazeera Arabic und anderer  Medien. Dies stellte eine direkte Herausforderung von Radikalen wie Qaradawi und seinen Unterstützern in der Muslimbruderschaft in Kairo und der islamistischen Partei Ennahda in Tunis dar. Warum wollen die den Boykott fortsetzen?
Das türkische Freihandelsabkommen mit Israel, das positiv für beide Länder ist, Jordaniens freundschaftliche Beziehungen mit dem jüdischen Staat, und die neue Art des Führungsstils von zwei prominenten Islam – Gelehrten zeigt uns, dass nicht alle Araber und Muslime auf Konfrontationskurs gegen Israel sind.
Präsident Obama wird in diesem Monat Israel und Jordanien besuchen. Die Diskussion über die Notwendigkeit der Wiederaufnahme der  Friedensverhandlungen steht  einmal mehr im Raum, aber die Gespräche werden wieder scheitern, wenn es keine größere Änderung in den jeweiligen Vorbedingungen gibt. Trotz aller möglichen Fehler, liegt Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, richtig, wenn er  die aktuelle Toleranzgrenze gegenüber Israel niedriger einschätzt, als gegenüber anderen Staaten. Die Völker des arabischen Frühlings können  nicht ernsthaft an Demokratie interessiert sein, wenn sie ihren Bürgern verbieten, heilige muslimische (und jüdische, sowie christliche) Orte zu besuchen.
Die Stimmen von palästinensischen Imamen, die ein Ende des Boykotts befürworten, müssen verstärkt werden. Religiöse Führer des Al Azhar Priesterseminars in Ägypten oder der Universität Medina in Saudi-Arabien, die den Frieden befürworten, werden oft von der Politik ignoriert, obwohl sie großen Einfluss auf die Öffentlichkeit haben. Ein von moderaten Imamen wie diesen unterzeichnetes Friedensabkommen hätte großen politischen und religiösen Einfluss.
Ohne einen generellen Wandel in der Einstellung, werden die Sicherheitsbedenken  Israels nie ausgeräumt werden. Zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Israel den Arabern indem man moslemische Freunde der USA zusammenbringt,  antisemitische Phänomene  in Schulbüchern und in Predigten in den Moscheen thematisiert, arabischen Bürgern erlaubt, nach Israel zu reisen und dort Handel zu betreiben, sind das die Schritte, die als erstes erfolgen müssen.
Um in den Augen der Muslime glaubwürdig zu sein, erfordert jedes Friedensabkommen die Unterstützung von großen sunnitischen Staaten, einschließlich Saudi-Arabien, Türkei und Ägypten. Mit dem Vormarsch  islamistischen Gruppierungen  unterschiedlichster Ausprägung an die Macht in Ankara, Tunis, Gaza, Kairo und  wahrscheinlich bald auch in Libyen, Jemen, Syrien und Jordanien, darf der Westen nicht darin verharren, die religiöse Dimension des arabisch-israelischen Konflikts zu ignorieren.
Wenn es uns nicht geling, den islamistischen Tiger zu zähmen, werden wir in zehn Jahren zurückschauen und unser Nichthandeln von Heute beklagen.
Ed Husain ist leitender Mitarbeiter für Middle Eastern Studies am Council on Foreign Relations.
 


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