Offizier und muslimischer Zionist

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Eine solche Lebensgeschichte kann es nur in Israel geben.
Gerade weil Israel immer wieder fälschlicherweise als Apartheid Staat bezeichnet, und des Rassismus beschuldigt wird und wir uns anhören müssen, dass unsere Gesellschaft eine Zwei-Klassen-Gesellschaft sei, in der unsere arabischen Mitbürger, egal ob christlich oder muslimisch  benachteiligt würden, ist es wichtig, Stimmen wie diese zu hören.
Foto aufgenommen von Michal Yaakov Yitzhaki

 

 
„Ich bin Kommandant eines IDF Ausbildungs Camps in Tze´elim.“ sagt Ala Wahib zu Beginn der Unterhaltung und seine  Augen glitzern. „Ich bin dort Vater und Mutter gleichzeitig.“ fügt er hinzu. „Das einzige, was mir wirklich fehlt, ist jemand, mit dem ich mich austauschen kann, und so klopfe ich mir manchmal selber auf die Schulter, und sage zu mir: Hey, du bist gut, schau, wie weit du es gebracht hast!“
Er hat dieses Lob wirklich verdient. Es ist nicht alltäglich, dass ein arabischer Muslim aus einem Dorf, dessen Einwohner mehrheitlich das Existenzrecht Israels verleugnen, in der Israelischen Armee dient. Und er dient nicht einfach.  Major Wahib, 32, ist derzeit der höchste Offizier arabischer Herkunft in der IDF. Er ist sehr patriotisch, ein echter Zionist. Genau wie diejenigen, die am Unabhängigkeitstag eine der Fackeln zu Beginn der Zeremonie entzünden.
Trotzdem kam Wahib mit einer gewissen Nervosität zu diesem Interview. Auch heute noch, nach zwölf Jahren im Israelischen Militär fühlt er sich noch nicht wohl dabei, seine Ansichten in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Jahrelang hat er einen Kampf an mehreren Fronten gefochten: er kämpfte gegen die Dorfbewohner, die ihn bis heute als Verräter bezeichnen und er kämpfte gegen die Militärbürokratie, die seine Motive nie ganz verstand.
„In meinem Dorf können sie nicht verstehen, was mich motiviert hat, ein Land zu schützen, das nicht das Meine ist. In der Armee gibt es Menschen, die mich kennen, und mir unbedenklich überall hin folgen, und es gibt die, die mich nicht kennen und nicht wissen, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen.“
Also, warum hat er sich entschlossen, dieses Interview zu geben, mit  erkennbarem Gesicht und unter seinem vollen Namen? „Weil es mir wichtig ist, der arabischen Öffentlichkeit zu zeigen, was sie verpassen. Es gibt doch einige unter ihnen, die gerne dienen möchten, aber sie haben Angst und sie haben keine Ahnung, ob sie von ihrem Umfeld akzeptiert würden. Es ist wichtig für mich, ihnen meinen Weg, den ich gegangen bin zu zeigen und ihnen klar zu machen, dass dies möglich ist.“ Trotzdem, seine Hand bleibt während des gesamten Interviews mit seiner Waffe verschmolzen. „Sie ist meine Sicherheit. Sie ist die einzige Möglichkeit, mich zu schützen.“
 
Sein Hebräisch ist perfekt und ohne jeden Akzent. Er könnte fraglos als beliebige Einwohner von Tel Aviv durchgehen. Eine Karte mit militärischen Trainingsgebieten hängt an der Bürowand, seine grünen Augen wandern immer wieder darüber, als wollten sie sicher gehen, dass alles unter Kontrolle sei. Immer wieder klopft ein Soldat an der Tür und bittet um Instruktionen. Einer von ihnen, der uns als Presseteam erkennt,  kann sich nicht verkneifen, uns zu sagen. „Schreibt, er ist der beste Kommandeur weit und breit!“ Wahib versucht, ein verlegenes Lächeln zu verstecken und schickt den Soldaten zurück zu seiner Arbeit.
Sich selbst beschreibt er als „zionistisch israelischer Araber“. Vor vier Jahren besuchte er, gemeinsam mit Dienstkollegen, die Nazi KZs in Polen, als Teil des „Zeugen in Uniform“ Programms. „Als Kind“, sagt er, „wuchs ich in einer Gesellschaft auf, die den Holocaust verleugnet. Als ich in Polen ankam, war ich geschockt. Ich habe viel geweint. Es war schwer diese Sache, den Genozid, zu begreifen. Es war etwas sehr bedeutsames, ich stand da auf polnischem Boden, die Israelfahne in der Hand, noch dazu in der Uniform des Israelischen Militärs. Aber diesmal standen wir in einer ganz anderen  Position dort, es war der Beweis, dass man uns nicht zerbrechen kann.“
Wenn Wahib „wir“ sagt, meint er das Jüdische Volk. „Ich gehöre dem Muslimischen Glauben an und werde ihn niemals aufgeben. Aber ich denke, dass Zionismus mehr als eine Religion ist. Er spiegelt genau meine Empfindungen wider, meine Zugehörigkeit zum Staat Israel und zur israelischen Gesellschaft. Und meine Verpflichtung, die ich habe, dieses Land, dessen Teil ich bin, zu schützen und zu bewahren.“
Warte einen Moment. Heißt Israels Sicherheit zu schützen, nicht, dein Volk zu bekämpfen?
„Schau, ich war im Libanon, Gaza, Judäa und Samaria und ich war in zahlreiche Zusammenstöße verwickelt, bei denen mein Leben in Gefahr war. Ich habe niemals, nicht einmal für eine Sekunde, daran gedacht, den Dienst zu quittieren. Ich habe mich nie gefragt: was tust du hier? Was mich angeht, gibt es keine andere Möglichkeit.“
Ich habe nie Steine geworfen!
Wahib wurde im Dorf Reineh in Galiläa geboren, heute leben dort 17.000 Menschen. Ca. 80% sind Muslims. Sein Vater ist in Syrien geboren, er hatte zwei Frauen mit jeweils vier Kindern. Wahib ist der zweite Sohn der zweiten Frau. Heute lebt er allein im Dorf, in einem großen Haus, das er selber gebaut hat. Der Zwiespalt seines Lebens wird auch in seinem Haus sichtbar: moderne Israelische Möbel, neben traditionellen Arabischen Stücken. Zwei steinerne Hunde begrüßen die Gäste, vielleicht eine Warnung an alle fernzubleiben, die in unfreundlicher Absicht kommen.
Seine Familie lebte auf der anderen Seite des Dorfes, ohne Kontakt zu ihm. „Nicht, weil ich zur Armee gegangen bin.“ betont er, “Es hätte für meine Familie schon Sinn gemacht, meinen Eintritt ins Militär abzulehnen,  aber damit konnten sie leben. Mein Vater hat mich sogar unterstützt. Das Problem war, dass ich nach seinem Tod ein christliches Mädchen kennen gelernt habe. Meine Mutter verbot die Beziehung und die ganze Familie übte heftigen Druck auf uns aus, uns zu trennen.  Es gab immer wieder  heftige Auseinandersetzungen. Ich wollte nicht aggressiv werden. Wir hatten keine Chance, außer uns zu trennen. So, wie es jetzt aussieht, werden wir nie eine Chance haben, zusammen zu kommen. Deshalb habe ich die Beziehung zu meiner Familie gekappt. Die einzigen Familienmitglieder, zu denen ich noch Kontakt habe, sind die andere Frau meines Vaters und ihre Kinder. Sie sind jetzt meine Familie.“
Der Preis, den er tagtäglich zahlt, um in der Armee zu dienen, ist hoch. Er hat mit niemandem aus dem Dorf Kontakt und seine einzigen Besucher sind seine Kollegen aus der Armee. „In der arabischen Gesellschaft ist man immer in das Leben der anderen um einen herum involviert, es gibt keine Privatsphäre.“ sagt er traurig, „Manchmal ziehe ich die Gesellschaft der Kühe vor, die in der Nähe weiden. Sie richten nicht über mich, sie lassen mich mein Leben in Frieden leben. Ich habe das Haus gebaut, um allen zu zeigen, was ich erreicht habe – in unserer Gesellschaft ist die Größe des Hauses ein Gesellschaftssymbol. Heute bindet mich nichts mehr an das Haus. Wenn man mich heute fragt, wo mein Heim ist, dann sage ich sofort, dass mein Zimmer im Camp mein Heim ist.“
Warum verlässt du das Dorf nicht?
Ich habe einige Jahre in jüdischen Gemeinden gelebt – in Yavne´el, Korazim und She´ar Yashuv. Vor einem Jahr bin ich zurück ins Dorf gekommen.  Ich nehme an, ich werde bald wieder weggehen. Es ist dir vielleicht aufgefallen, dass ich noch keinen Garten angelegt habe. Solange es noch keinen Garten gibt, ist das Haus kein Heim. Ich habe es noch zusammen mit meiner christlichen Freundin dekoriert. Es wird mir schwerfallen, das Haus zu verlassen, es gibt so viele Erinnerungen.“
Die überwiegende Mehrheit des Dorfes erkennt das Recht Israels auf „Palästinensischem Land“ nicht an. Wahib sagt, dass er seit seiner Geburt lernte, dass Israel den Palästinensern das Land gestohlen habe. „Selbstverständlich definierte ich mich als Bürger von Palästina. Ich erkannte die Israelische Fahne nicht an und sah mich absolut nicht als Teil dieses Landes. Manchmal habe ich an anti-israelischen Demonstrationen teilgenommen, aber ich habe nie Steine geworfen.“
Er wachte auf, als er mit 14 Jahren begann an der technologischen Mittelschule, einer christlichen Internatsschule  in Nazareth zu studieren. Dort war er das erste Mal mit der modernen Welt konfrontiert. Die Entfernung von seinem Dorf und seiner Familie führte trug das Ihre dazu bei, seine Identität maßgeblich zu verändern.
„Die Kultur christlicher Araber ist der europäischen ähnlich. Sie sind weniger fanatisch und viel moderner als Muslims. Der Unterricht entsprach den Vorschriften des Bildungsministeriums, und plötzlich tat sich mir eine Welt auf, von der ich noch nie gehört hatte. Ich entdeckte, dass Juden nicht so schlecht waren, wie man mir eingetrichtert hatte Ich entdeckte, dass sie gute Seiten haben, die mich ansprachen. Ich entdeckte ihre Prinzipien und wie sie einander beschützten. Und ich spürte, ich wollte Teil dieses Landes werden.
Mit 18 wurde er auf der Suche nach Arbeit bei einem Arbeitsvermittlungsbüro vorstellig. Er wurde zur Firma Rabintex vermittelt, die in Bet She´an Verteidigungsausrüstung herstellt. „Ich habe Helme hergestellt, schusssichere Westen und Splitterschutzwesten. Damals habe ich begonnen, Dinge anders zu sehen und anders zu denken. Ich habe damals auch angefangen, Hebräisch zu sprechen. Man kann sagen, ich habe mich aus der Blase befreit, in der ich bis dahin gelebt hatte. Meine Augen begannen sich zu öffnen. Und nachdem das geschah, war es schwer, sie wieder zu schließen.“
Die Einberufung
Wahib bewarb sich bei der IDF. „Alle paar Wochen bin ich zum Stellungsbüro in Tiberias gefahren, um nachzufragen,  warum ich nicht einberufen würde. Die einzige Antwort, die ich bekam war: du musst warten, wir haben noch keine Antwort. In dem Augenblick habe ich aufgegeben. Ich beschloss mich an einem Kolleg für Maschinenbautechnik in Haifa einzuschreiben.“
„Plötzlich, nach zwei Jahren des Wartens, an einem wunderschönen Morgen, rief die Armee an. Ich werde diesen Moment nie vergessen. Sie sagten: geh übermorgen zum Einführungszentrum. Ich hatte keine Ahnung, was das war. Ich hatte keine Ahnung, was ich mitnehmen sollte. Ich verabschiedete mich von meinen Eltern, packte ein paar Sachen zusammen und ging.“
Als Freiwilliger wünschte er bei den „Nahal“ Infanteristen dienen. Er hatte keine Ahnung, für was Nahal stand, aber ein Freund hatte ihm gesagt, dies sei eine gute Einheit. „Im Einführungszentrum dachte ich, ich müsse einen guten Eindruck machen, weil die  anwesenden Offiziere über meine Zukunft entscheiden würden. Und so tat ich eine ganze Woche lang alles, was dem Übungsleiter einfiel: ich übernahm jeden Küchenjob,  sammelte sogar ungefragt Zigarettenstumme auf, nur damit ich zur Nahal Einheit kam. Jede andere Einheit hätte ich abgelehnt. Ich weiß nicht, was der Grund war, aber am Ende wurde ich in ein Nahal Ausbildungscamp geschickt. Niemand war glücklicher, als ich.“
Wahibs erste Tage beim Militär fielen mit einer sehr stürmischen Zeit in Israel zusammen, der zweiten Intifada. In seinem Dorf und in den Nachbardörfern in Galiläa brachen Unruhen aus. „Die Angst war unerträglich, ich habe schon darüber nachgedacht, die Armee zu verlassen. Eine der Gefahren war, in der Uniform nach Hause zu gehen. Die Armee schlug mir vor, mich an der Bushaltestelle umzuziehen, um Konfrontationen zu vermeiden. Aber mir war klar, ich musste weitermachen, mit dem an was ich glaubte. Trotzdem, ich benutzte Seitenstraßen, um so wenigen Menschen als möglich zu begegnen.“
„Ich erinnere mich bis heute, mit welchen Blicken ich bedacht wurde, wie die Kinder „Jude“ und „Verräter“ hinter mir herriefen. Ich verstand sehr schnell,  dass es besser war, einfallsreich zu sein, als die Wahrheit hinauszuposaunen. Ich versuchte, möglichst spät heimzukommen, um nicht aufzufallen.“
Vermeidest du es immer noch, in der Uniform im Dorf herumzulaufen?
 „Ja, ich möchte kein Unruhestifter sein! Manchmal komme ich abends spät und hungrig heim und möchte etwas zum Essen kaufen. Aber in der Uniform traue ich mich nicht. Bis ich nach Hause komme und mich umgezogen habe, habe ich meist keine Energie mehr, nochmals hinauszugehen. Einmal wollte ich provokant sein und kam mit einer am Auto befestigten Israelfahne ins Dorf. Ich war sicher, dass mich jemand sehen würde, aber ausgerechnet an diesem Morgen war alles ausgestorben.“
Und wie haben dich die Soldaten behandelt?
Es gab immer welche, die Angst hatten, sich entfernt von mir hielten, nichts mit mir zu tun haben wollten, nicht mit mir sprachen und mich „Araber“ nannten. Aber alle, die gemeinsam mit mir dienten, wussten, dass  ich immer auf ihrer Seite war. Schlussendlich wurden meine Bettnachbarn so etwas wie meine Familie. Sie aßen gemeinsam mit mir und teilten alle Leckereien, die sie in Paketen von daheim bekamen.“
Wahib seinerseits, damals noch mit dem wenigen Hebräisch, und das noch dazu mit starkem arabischem Akzent erkannte, dass er härter arbeiten musste, um innerhalb dieser Familie akzeptiert zu sein. „Ich habe mir den Arsch aufgerissen, ich habe Menschen getragen, ich habe Blut gespuckt. Ich habe fast jede Ausbildungsstufe mit Auszeichnung abgeschlossen. Plötzlich nahm ich wahr, dass man sich über mich unterhielt. Ich erkannte, dass ich gut war.“
Trotz seines Erfolges war ihm klar, dass sein ethnischer Hintergrund ihn nie verlassen würde, gleichwohl wie viele Auszeichnungen er bekommen würde. Statt zur weiteren Ausbildung der Aufklärungseinheit ausgewählt zu werden,  wurde er zu einer anderen, weniger elitären Gruppe zugeteilt. Hier musste er auch erfahren, dass er bereits einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen worden war, und welch großes Hindernis seine Herkunft für seine Karriere war. „Ich habe die Grundausbildung mit einer Auszeichnung beendet. Typen, die nicht so erfolgreich waren wich, wurden der Elitetruppe zugewiesen und ich nicht. Ich war zutiefst verletzt, forderte Antworten von meinem Vorgesetzten ein, und ließ nicht locker, bis er mir schlussendlich zugab, die Entscheidung sei das Ergebnis meiner Sicherheitsüberprüfung.“
Den Vorbereitungskurs für Offiziere absolvierte er als Drittbester seiner Truppe, um dann, aus dem bekannten Grund nicht am Offizierskurs teilnehmen zu dürfen. Seine Gefühle waren verletzt und er bat um eine längere Auszeit. Er saß daheim und wartete. „Ich hatte eine Riesenkriese.“ Sagt er, und man kann heute noch die Sorgen spüren. “Ich hätte fast aufgegeben und um meine Entlassung gebeten. Ich konnte nicht verstehen, warum ich alles gegeben hatte und nur endlose Hindernisse im Gegenzug erhalten hatte. Ich konnte nicht verstehen, warum ich immer und immer wieder meine Loyalität unter Beweis stellen musste.“
Eine Woche saß Wahib zuhause und wartete auf eine Antwort. Schließlich kam das OK für den Kurs und Wahib war außer sich vor Freude. Nach dem Ende des Offizierskurses wurde er wieder an seine alte Basis geschickt, um dort als Kommandant  für den Grundkurs zu dienen. Zu wissen, dass er an mit zukünftigen Generationen von IDF arbeiten würde, war ein überwältigendes Gefühl. „Zum ersten Mal hatte ich Kämpfer unter meinem Kommando, 56, und ich verstand die wahre Bedeutung von Führungsqualitäten. Ich betreute gerade erst eingerückte Soldaten und habe sie zu dem Typ von Soldat gemacht, wie ich ihn mir vorstelle.“ sagt er stolz, „Ich habe sie wirklich geprägt.“
Niemand erwischt mich unvorbereitet!
Während der zahlreichen Kommandos, die er innehatte, fand sich Wahib immer wieder in komplexen Situationen. Zu einer solchen Situation kam es, als er Kommandant der Brigade war, die im südlichen Gazastreifen operierte, genau zu der Zeit, als im Jahr 2005 der Rückzug aus Gaza im Gange war. „Ich stand vor den Juden, und sie konnten nicht glauben, dass ich da war, um sie zu schützen. Die Situation war extrem aufgeladen. Rückblickend betrachtet, denke ich, dass ich sie bewältigte, ohne, dass es zu zusätzlichen Gewaltausbrüchen kam.“
Nach 1 ½ Jahren verließ Wahib  seine Einheit erstmals, um als Trainer in einer Basis zu arbeiten, wo die Soldaten auf den Häuserkampf vorbereitet werden. Dort wurde ihm klar, wie viele, ganz unterschiedliche Einheiten diese Trainingsanlage nutzen. Nach weiteren 1 ½  Jahren diente er als Kommandant in Judea und Samaria.
„Ich fand mich in Judea und Samaria wieder, musste mich mit der fanatischen arabischen Bevölkerung gleichermaßen auseinandersetzen, wie mit der jüdischen Bevölkerung, die auf Grund ihrer Überzeugungen hier leben. Ich glaube dort, gemessen an allen anderen Plätzen, an denen ich diente, verschaffte mir die Tatsache, dass ich Araber war, einen Vorteil. Auf Grund meiner Kenntnis der arabischen Mentalität konnte ich oftmals einen guten Zugang zu den Problemen finden.“
„Eines Tages näherte sich eine junge Araberin dem Checkpoint, ein Messer in der Hand und versuchte auf den Soldaten einzustechen. Ich wurde gerufen und sie brach in Tränen aus, und zeigte mir ihren Körper. Er war über und über mit schwarz-blauen Hämatomen überdeckt. Ich verstand, dass sie zu Hause heftig geschlagen worden war,  weil sie, wie auch immer, die Ehre der Familie besudelt hatte. Sie wollte keinen Soldaten töten, sie wollte nur eine Möglichkeit wahrnehmen, die Familie hinter sich zu lassen. Sie wollte lieber in einem israelischen Gefängnis leben, als nach Hause zu gehen, wo möglicherweise der Tot auf sie wartete.“
„Als ich das verstanden hatte – obwohl ich ihre Handlung nicht entschuldigen konnte –  versuchte ich, ihr zu helfen.  Ihre Familie kam zum Checkpoint, um sie zurückzuholen. Ich habe sie tatsächlich mit meinem Körper geschützt. Sie schlugen mich und spuckten mich an. Das Mädchen wurde schlussendlich festgenommen, aber  ich bin sicher, mein Eingreifen hat sie gerettet. Das ist nur ein Beispiel für eine Situation, die auch ganz anders hätte enden können.“
Ungefähr sieben Monate später begann Wahib ein Training, um eine Kompanie befehligen zu können, und wurde anschließend einer Einheit zugeteilt, die an der ägyptischen Grenze operierte. Von dort aus führte ihn sein Weg wieder nach Tze´elim. Seit 2009 schult er sämtliche Truppenteile im Städte- und Häuserkampf, sagt er voller Stolz.
Hast du irgendwann einmal das Gefühl gehabt, dass Soldaten deine Führungsqualitäten in Frage stellten?
„Nie! Ich denke, dass ich hervorragende Führungsqualitäten habe und dass ich auf Grund meiner Herkunft das komplexere Bild einer Situation sehen kann. Ich habe immer darum gekämpft, und hart daran gearbeitet, dass mich nie jemand unvorbereitet erwischt. An den Abenden vor einer Vorlesung vor Soldaten sitze ich die ganze Nacht im Camp und bereite mich vor. Diese Zähigkeit habe ich auch an meine Soldaten weitergegeben.“
Wahib wurde erst in der letzten Woche zum Kommandanten von Tze´elim ernannt. Der Stuhl, auf dem er sitzt, ist noch nicht einmal warm. Trotzdem wirkt es so, als hätte Wahib immer schon dort gesessen. Sein Überblick über die Trainingsanlage ist detailliert. Er weiß, in welchen Bereichen die Schießübungen mir echter Munition stattfinden, er weiß genau, wann welche Einheit welche Bereiche nutzt, um zu verhindern, dass zwei Einheiten die Teilbereiche der Anlage gleichzeitig nutzen. „Das wäre verheerend. Dazu kommt noch, dass umherwandernde Beduinen immer wieder in das Übungsgelände eindringen, und einsammeln, was sich noch zu Geld machen lässt. Auch wenn dies im Prinzip nicht in das Aufgabengebiet der IDF fällt, auch diese „Besuche“ müssen koordiniert werden. Das ist eine große Verantwortung.“
„Wahib ist einer der besten Offiziere in der IDF.“ sagt Oberstleutnant Itzik Cohen, der derzeit als Kommandant einer anderen Trainingsbasis fungiert. Während der letzten drei Jahre war er der unmittelbare Vorgesetzte von Wahib. „Er hat viel geopfert,  um dahin zu kommen, wo er heute ist, er hat viel Schlimmes über sich ergehen lassen. Ich gehe so weit, zu  sagen, die IDF soll sich schämen, ihn nicht zu umarmen, willkommen zu heißen und in der Armee festzuhalten.  Ich tue auch weiterhin alles, um ihn im System zu halten. Gute Leute lassen wir nicht einfach so gehen! Wahib hat eine Chance erhalten,  sich in einer äußerst  wichtigen Schlüsselposition zu beweisen. Genau die Art von Position, die man als Sprungbrett braucht. Ich glaube an ihn!“
Wahib ist noch für ein Jahr verpflichtet. Er hofft,  eine weitere Stufe erklimmen zu können, die ihm die Chance gibt, weiter im Militär zu bleiben. Er möchte Karriere machen, aber die Angst vor Enttäuschungen lässt ihn nur in kleinen Schritten träumen. „Ich hoffe, Oberstleutnant zu werden und eine Job im Stab zu bekommen.“ sagt er.
Eine mögliche Ausmusterung beunruhigt ihn. „Meine Uniform, mein Rang, meine Offizierskarte – das sind meine VIP Eintrittskarten in die Israelische Gesellschaft, sie schützen mich. Ohne Uniform muss ich mich damit abfinden ein einfacher arabischer Bürger im Staat Israel zu sein.“
Glaubst du, dass sich die Dinge eines Tages verändern werden, und dass du dann kein VIP Tickt mehr brauchst, um dich zu schützen?
„Der Staat Israel hat viele Facetten und Ausprägungen. Zwei Völker leben hier, und je früher wir das zur Kenntnis nehmen, desto kleiner können wir den Schaden halten. Ich glaube, allein die Tatsache, dass ich Offizier der IDF bin, kommuniziert ein positives Signal an die hier lebenden Araber. Ich möchte gern glauben, dass der Weg, den ich gewählt habe sie überzeugt, dass sie andere Möglichkeiten haben. Mein Neffe und mein Cousin sind in diesem Jahr dem Grenzschutz beigetreten. Ich unterstütze sie und helfe ihnen mit meiner Erfahrung, wo immer es geht.“
„Ich weiß, dass ich eine Aufgabe zu erfüllen habe.  Ich hoffe, dass es in Zukunft viel mehr arabische Offiziere in der Armee geben wird, und dass wir  einen Weg finden, miteinander zu kommunizieren und Lösungen für ein gemeinsames Leben zu finden.“
In der letzten Zeit sind jährlich einige hundert Angehörige von ethnischen Minderheiten ins Militär eingetreten. Die IDF spricht von einer Verdreifachung in den letzten fünf Jahren. Von den Angehörigen ethnischer Minderheiten, die dienen sind:65% Beduinen, 25% Christen und15% (nur einige Dutzend) sind Muslims. Die muslimischen Gemeinden, von denen die meisten Soldaten herkommen sind Nazareth, Dir al-Assad, Bi’ina und Reineh. Gemäß IDF Statistiken dienen derzeit zwei arabische Offiziere in de IDF, aber nur einer, Ala Wahib, ist dem Stab zugeteilt. Kürzlich ist eine muslimische Offizierin aus der Luftwaffe ausgemustert worden. Während ihrer Dienstzeit sind fünfzehn muslimische und vierzehn christliche Araber im Dienst der IDF gefallen..
 
Der Originaltext erschien am 07. September 2012 in der Online Ausgabe von Israel Hayom und wurde geschrieben von Michal Yaakov Yitzhaki. Die Übersetzung ist von mir.


Ein Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Eine Antwort zu “Offizier und muslimischer Zionist

  1. Da hast Du ja wirklich eine „Perle im Acker“ herausgepickt!
    Vielen Dank für diesen wichtigen Bericht! Es wäre schön, wenn Ala Wahib auf viele „inspirierend“ wirken würde und sie es ihm nachtäten!!!

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