Obama erteilt eine Lehrstunde über den Zionismus

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Bei aller Obama Schelte in den Print- und Onlinemedien, vor allem aber auch in vielen, auch deutschsprachigen Blogs, tut es gut, einmal eine ganz andere Meinung zu lesen.
Die ehemalige Knesset Abgeordnete Dr. Einat Wilf hat einen wunderbaren Artikel geschrieben, den ich hier fand und mit ihrer Bewilligung weitergeben möchte.
Der nachfolgend fett geschriebene Text entspricht dem von mir übersetzten Originaltext.
In den internationalen Medien wurde viel geschrieben über Obamas Appell an die Israelis, Frieden zu suchen, insbesondere über seine Rede vor den Studenten. Vielleicht liegt die größere Bedeutung des präsidialen Besuches jedoch darin, dass die gesamte Reise als Intensivkurs über Zionismus 101 verstanden werden kann.
Zionismus 101 ist ein online Portal, das in kurzen Videoeinheiten, die zumeist auf Originaldokumenten basieren, die Geschichte des Zionismus präsentiert. Zielgruppen dieses Portals sind, laut eigener Aussage, all jene, denen es zu mühsam ist, sich durch das bisher bekannte, oft zu wenig strukturierte Material zu arbeiten und sie mit authentischen Informationen zu versorgen.
Zu einem Zeitpunkt, da der Türkische Premierminister Zionismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet, und die New York Times sich als Plattform anbietet, diese Ansicht  zu untermauern, erinnert der liberal denkende Obama die Welt daran, dass die Grundlagen und die Natur des Zionismus das Werkzeug für Befreiung und Selbstbestimmung sind.
Dass liberal in Europa nicht gleichbedeutend mit  liberal in den USA ist, ist mir spätestens klar, seit während des letzten US Wahlkampfes die Wellen der politischen Diskussionen über dieses Wort über das Abendessen an meinem eigenen Tisch hinwegschwappten wie ein Tsunami.
Einat Wilf benutzt das Wort im Sinne der europäischen Politkultur.
Er tat es mit Worten. Er tat es mit Gesten.
Unmittelbar nach der Landung in Israel betonte Obama, dass die Schaffung des Staates Israel in der, manchmal verleugneten historischen Verbindung zwischen dem Jüdischen Volk und dem Land Israel verwurzelt ist. „Ich weiß, dass ich, sobald ich meinen Fuß auf dieses Land setze“, sagte er, „mit Ihnen auf dem historischen Heimatland des Jüdischen Volkes gehe. Vor mehr als 3000 Jahren lebte das Jüdische Volk hier, kultivierte dieses Land, betete hier zu Gott.“ Später unterstrich Obama die Bedeutung seiner Worte, als er die Schriftrollen vom Toten Meer besichtigte. Er wollte diese antiken biblischen Texte selber sehen, die in Hebräisch geschrieben und in Israel entdeckt wurden.
Dass Obama weder vor der Knesset sprach, noch die Klagemauer besuchte, wurde ihm mancherorts vorgeworfen.  Vielleicht ist es manchmal durchaus sinnvoll, den Kopf von vorgefassten Bildern frei zu machen. Warum gibt es in den Köpfen so vieler Menschen, die nicht einmal in Israel leben, aber glauben, es zu wissen, ein genaues Bild, was ein Staatsbesuch zu tun habe, welches Pflichtprogramm er zu absolvieren habe? Tritt man einen Schritt zurück von den vorgefassten Ideen, so könnte doch im Kopf der Gedanke entstehen, dass Obama den Bogen ganz bewusst gespannt hat von den ältesten Zeugnissen unserer genuinen Geschichte, bis hin zur Neuzeit beim Treffen mit den Studenten, unserer Zukunft.
Obama machte dann einen Zeitsprung in die Neuzeit, indem er anerkannte, dass der Staat Israel die Erfüllung vom Traum des Jüdischen Volkes ist „in seinem eigenen, souveränen Staat Herr über sein eigenes Schicksal zu sein“. Obama besuchte das Grab Theodor Herzls, des Begründers des modernen Zionismus und sagte, dass  Herzl „die Weitsicht hatte, zu erkennen, dass die Zukunft des Jüdischen Volkes erneut  mit seiner Vergangenheit verbunden werden müsse.“ Obama bezeugte Achtung und Respekt vor dem politischen Programm des Zionismus, dessen Ziel es war, eine Heimat für das Jüdische Volk im Land Israel zu etablieren. „Der Traum der wahren Freiheit fand schließlich seinen realen Niederschlag in der Zionistischen Idee – ein freies Volk in seiner eigenen Heimat zu sein. Daher glaube ich, dass Israel nicht nur in seiner Geschichte und Tradition verwurzelt ist, sondern auch in der einfachen und tiefgründigen Idee – der Idee, dass Menschen das Recht haben in ihrem eigenen Land frei zu sein.
Wie viel Unterstützung dürfen wir denn noch erwarten, wenn uns diese eindrücklichen Worte, die klar festhalten, dass wir ein historisches Recht auf dieses Land haben, auf dem wir seit Jahrtausenden leben, nicht genug sind? Die Worte Obamas können nicht anders verstanden werden, denn als klare Botschaft: Ja zum Zionismus, ja zur Geschichte, ja zum Staat Israel. Es bedarf schon einer pathologischen Anti-Obama-Obsession, um diese Worte, die immer von einer kohärenten Körpersprache begleitet wurden, zu missinterpretieren! Und sich dabei selbstverständlich auf die Rede von Kairo aus dem Jahr 2009 zu berufen, die als Zeugnis für die „wahren Absichten“ des Präsidenten herhalten muss.
Obama korrigierte auch die gutgemeinte, aber irreführende Botschaft seiner 2009 in Kairo gehaltenen Rede, dass „die Sehnsucht nach einer Jüdischen Heimat ihre Wurzeln in einer tragischen Geschichte hat“, in der Verfolgung der Juden, die ihren Höhepunkt im Holocaust hatte und die zur Gründung des Staates Israel führte.  „Hier, auf Ihrem historischen Land“, sagte Obama während seines Besuches in Yad Vashem, „lassen Sie mich sagen, und die ganze Welt muss es hören: der Staat Israel existiert nicht nur wegen des Holocaust.“
Die Staatsgründung Israels ausschließlich auf den Holocaust zu reduzieren, wäre zu billig. Dennoch wird uns immer wieder vorgehalten, die Welt ein Stück weit mit der sogenannten „Holocaustkeule“ zu erpressen, jede israelkritische Diskussion im Keim zu ersticken und lautstark unsere ewige Opferrolle zu betonen, die uns angeblich berechtigt, in allen möglichen  Bereichen bevorteilt zu werden. Falls es überhaupt gelingen solle, einen noch so kleinen Zusammenhang zwischen der Staatsgründung und dem Holocaust nachzuweisen, könnte dies nur mit aufwändigen antifaktischen Untersuchungen belegt werden. Cui bono?
In diesen Tagen, zwischen dem Holocaust Memorial Day und dem Tag der Israelischen Unabhängigkeit klingen Obamas Worte nach. Seine Betonung, dass das Jüdische Volk sein Schicksal in die eigenen Hände genommen hat, um den Staat Israel zu gründen, zeigt ein tiefes Verständnis für die wahre Natur des Zionismus. Er erinnerte die Welt daran, dass Zionismus eine inspirierende Idee und eine Bewegung ist, die, wenn man sie richtig versteht, helfen könnte, Frieden zwischen Israel und den Palästinensern zu schaffen und einer positiven Veränderung für die arabischen Staaten den Weg zu bereiten.
Solange die Welt im Allgemeinen und die arabische  Welt im Besonderen glaubt, der Staat Israel sei eine Art von Wiedergutmachung von einer schuldig gewordenen Welt für ein leidendes Volk, wird sich die irrige Ansicht halten können,  dass der Preis dafür die ewige Opferrolle sein müsse. Diese Meinung fördert es, als weltweit am stärksten unterdrückt wahrgenommen zu werden, eine Strategie die einige Palästinenser über die Jahrzehnte hinweg  perfektioniert haben und die sich darin zeigt, dass sie Flüchtlinge innerhalb ihrer eigenen Grenzen geblieben sind, die ihre Existenz über die „Demütigungen“ definieren, die von Israel ausgehen und nicht dadurch, dass sie Schritte unternehmen, die ihnen ihre eigene Würde bringt.
Falls es Palästinensern und Arabern gelingen sollte, Israel und den Zionismus wirklich zu verstehen, könnten sie sich möglicherweise auf einen Weg mache, der zur Selbstbestimmung und zur Akzeptanz der Verantwortung führt, das eigenen Schicksal selber zu bestimmen. Die Palästinenser können morgen ihren eigenen Staat haben, wenn sie sich wie die führenden Zionisten verhalten würden – ein pragmatisches Ja zu dem, was sie haben können, auch wenn das viel weniger sein mag, als sie glauben, rechtmäßig verdient zu haben.
Obama nahm aber in Jerusalem auch die Studenten, stellvertretend für alle Israelis in die Pflicht,  quasi aus dem Blickwinkel der Palästinenser auch deren Ansichten, Wünsche und  Hoffnungen zu verstehen. Aus der Erfahrung des eigenen Erfolges müsse klar erkannt werden, dass auch die Palästinenser ein Anspruch auf ein freies, selbstbestimmtes Leben in einem eigenen, autonomen Staat haben.
Dies kann nur möglich werden mit zweit Staaten für zwei Völker.
Obama erklärte bei seinem Besuch in Israel auch, der Grund, warum die USA und Israel Partner sind, sei „eine gemeinsame Geschichte: Patrioten, die entschlossen waren, ein freies Volk im eigenen Land zu sein, Pioniere die eine Nation schufen, Helden, die sich für die Freiheit opferten und Immigranten aus allen Ländern der Welt, die die Gesellschaft immer wieder erneuerten.“  Auch die Palästinenser können sich formieren und Teil dieser Geschichte werden, wenn sie vorwärts und nicht nach hinten schauen würden, sich der Aufgabe stellen würden, die eigene Nation zu bilden, statt  eine andere Nation abzuleugnen.
Indem er den Zionismus wieder zurückgeholt hat und die Welt an dessen wahre Absichten und Natur erinnert hat, hat Obama der Aussicht auf Frieden den bisher großartigsten Dienst erwiesen.


2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Obama erteilt eine Lehrstunde über den Zionismus

  1. Anonym

    Ja trotz allen Raketen und Behinderungen von Frauen die an der Klagemauer mit Gebetsschal beten wollten gibt es auch noch etwas Erfreuliches zu Berichten.
    Auszug aus einem Brief der DIG an deren Mitglieder in HB
    Gruß
    Tarahu

    Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde Israels,

    am 14. Mai 1948 proklamierte Ben Gurion den Staat Israel, nachdem die Vereinten Nationen die Gründung eines jüdischen Staates beschlossen hatten Wie in vielen anderen Städten Deutschlands und Europas wollen wir öffentlich unsere Freude über die Existenz Israels ausdrücken und den Menschen, die dort leben, gratulieren und alles Gute wünschen.

    Dazu laden wir mit der Jüdischen Gemeinde und anderen Freunden ein, am

    14. Mai 2013, von 12 bis 15 Uhr zu einem Informationsstand auf dem Marktplatz mit Reden, Infos, Musik, Essen und Trinken. Der Präsident der Bremischen Bürgerschaft wird ein Grußwort sprechen. Unterstützen Sie uns, machen Sie Sie mit, begleiten Sie uns!

    Am 14. Mai 2013, 20 Uhr in der Buchhandlung Storm, Langenstraße 11, stellen Mitglieder des Vorstandes der DIG
    Aktuelle Literatur aus und über Israel vor.
    Die Bücher sind: Amos Oz, „Unter Freunden“ (B. Olk-Koopmann), Aaron Appelfeld, „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“ (H. Kuhn), Etgar Keret, „Plötzlich klopft es an der Tür“ (K. Seyffarth), Amos Oz, „Panther im Keller“ (L. Scherf), David Grossmann, „Aus der Zeit fallen“ (H. Hafner) und Dror Burstein, „Emil“ (W. Wittekindt).

    Mit freundlichen Grüßen,

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  2. Shalom Tarahu

    ja, das sind ganz wichtige Aktionen, danke, dass du die Informationen dazu weitergibst!

    esther

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