90 Minuten in den Schuhen eines Tourguide in Caesarea

ב“ה
 
Es war einmal in einem alten Leben, da begleitete ich Touristen auf ihren Spurensuchen entlang der ausgetrampelten touristischen Pfade Vorarlbergs. Es waren die Briten, die mit Gründung des „Alpine Club“ von 1857 einen maßgeblichen Grundstein für den österreichischen Alpentourismus legten. Der  ÖAV wurde 1862 in Innsbruck gegründet, als zweiter Alpenverein überhaupt.
Als ich in den Jahren 1975 – 1979 immer wieder Gruppen aus Großbritannien in Vorarlberg begleitete, wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, dass ich irgendwann einmal eine Gruppe der Schweizerischen Gesellschaft für militärhistorischen Studienreisen durch Caesarea führen würde. Geplant, organisiert und begleitet wurde die Reise von meinem Freund Faustus Furrer, dem ehemaligen schweizerischen Verteidigungsattaché in Israel.
 
Und doch, heute war es soweit.

Hier der, wenn schon nicht mit dem Camcorder festgehaltene, so doch mit Bildern versehene Bericht.
 
 
 Caesarea maritima  war das ehrgeizige Projekt Herodes des Großen, der hoffte, mit dem Bau eines neuen Tiefseehafens  den etablierten Häfen Piräus und Alexandria im Handel mit Rom Konkurrenz machen zu können. Das ambitionierte Projekt wurde zwischen 22 und 10 BCE gebaut und im Jahr 10 BCE fertiggestellt.
Der Hafen, den Herodes baute, der Sebastos, übertraf alles, was die Levante bis anhin an Häfen gesehen hatte.  Der Hafen, dreigeteilt, endete in einem „VIP“ Becken, von dem aus, die Kapitäne oder auch die Ehrengäste unmittelbar vom Hafen aus die Stufen zum Tempel des Augustus hinaufschreiten konnten.
 
 
Um die Hafenbecken gegen die heftigen Stürme und den oftmals sehr hohen Wellengang zu sichern, bedienten sich die Baumeister einer speziellen Technik. Zunächst wurden große rechteckige Holzkonstruktionen mit Vulkanasche gefüllt und mit Schleppschiffen an die vorgesehenen Positionen gebracht, dort wurden sie geflutet und übereinander gestapelt, bis die gewünschte Höhe des Fundamentes erreicht war. Die  durchnässte Asche bildete eine Art Zement.
 
Nachdem im Jahr 115 ein Tsunami, der als Folge des verheerenden Ausbruchs des Vesuvs im Jahr 79 gesehen wird, Caesarea überrollt und zerstört  hatte, versank es zunächst in der Bedeutungslosigkeit. Bei den Ausgrabungen wunderte man sich zunächst, warum die umgestürzten  Mauern und Säulen nahezu gleichmäßig ausgerichtet auf dem Meeresboden lagen. Ein Erdbeben hätte andere Spuren hinterlassen.
 
 
 
Auf den Ruinen des Augusta Tempels haben später die Christen eine beeindruckende achteckige Kirche gebaut, von der das Fundament der Apsis noch erhalten ist. Als letztes bauten die Mamelucken an der gleichen Stelle eine Moschee, von der keine bedeutenden Spuren mehr zu sehen sind.
Unterhalb des Augusta Tempels, rechts und links neben der Prunktreppe, waren die Hafenverwaltung, die Zollbehörde und große Lagerräume untergebracht.
Was wir heute als Hafenbecken sehen, wurde erst von den Byzantinern aufgebaut. Auf der linken Seite erkennt man noch die quadratischen Fundamente des alten Drusions, des herodianischen Leuchtturmes.
Im Hintergrund erkennt man noch den bescheidenen Rest der einstmals beeindruckend hohen Wellenbrecher. Große Stücke fielen dem starken Orkan im Dezember 2010 zum Opfer.

 
Im 9. Jhdt. wurde unter arabischer Herrschaft in Caesarea eine neue Stadt errichtet,  die im 14. Jhdt. unter Ludwig dem IX ausgebaut und mit dicken Verteidigungsmauern und Schanzengräben umgeben wurde. 

 
Nach dem Abzug der Mamelucken um 1516 CE verfiel Caesarea endgültig, bis man im Jahr 1959 mit den ersten Ausgrabungen begann, die bis heute noch nicht ganz abgeschlossen sind.
Nur noch einmal versuchten die Türken Ende des 19. Jhdt. eine Besiedlung der Stadt mit bosnischen Flüchtlingen. Die kleine Moschee in der Kreuzfahrerstadt ist aber der einzige Hinweis auf deren Existenz, ihre Spuren haben sich völlig verloren.
Hinter dem südlichen Stadttor erweitert sich der Blickwinkel auf die prunkvollen Anlagen des Herodes.
Die Rennbahn mit einer beeindruckenden Größe von 318 x 65 Metern und zehn Startboxen bot 10.000 Besuchern Platz, bei den alle vier Jahre stattfindenden Rennen dabei zu sein.
Auf der Ehrentribüne empfing der römische Präfekt Pontius Pilatus eine Abordnung aus Jerusalem. Diese Abordnung forderte, dass Bilder des Kaisers vom Tempelberg entfernt werden müssten. Pontius Pilatus stimmte der Forderung zwar zu, ließ die Juden dann aber heimtückisch von seinen Soldaten ermorden.
Später, als die Stadt drohte aus den Nähten zu platzen, gab man die Rennbahn  in dieser Form auf, man kann die neue Nutzung der Randzonen für prächtige Häuser an der Ostseite erkennen. Die neue Rennbahn liegt weiter östlich, außerhalb des derzeitigen  Parks und ist noch nicht zur Gänze ausgegraben.
Anstelle der Pferderennen fanden hier nun Gladiatorenkämpfe statt. Christliche Sklaven gab es genug, noch war das Christentum nicht römische Staatsreligion! Die Gehege und Käfige der Tiere befanden sich unter den Sitzreihen.
Oberhalb der Rennbahn befindet sich die Oberstadt, mit Palästen, reich verzierten Badehäusern, Verwaltungs- und Lagerhäusern, sowie einer öffentlichen Latrine mit Wasserspülung. Die Einkaufsstraßen waren teilweise überdeckt.   Auffallend sind die prachtvollen Mosaike.
 

 

 Am südwestlichen Ende der Anlage befindet sich der Palast von Herodes (74 – 4 BCE), der als Vasallenkönig über Judäa, Samaria und Galiläa herrschte. Der Palast liegt erhöht und umfasst zwei Stockwerke. 

Ebenerdig kann man noch die Anlage der Gärten erkennen, die auf der nördlichen Seite von einer Reihe von Verwaltungsräumen, darunter auch dem Gericht begrenzt werden. Hier wurde auch Paulus von Taurus, zuvor bekannt unter dem Namen Saulus,  in den Jahren 57 – 59 CE festgehalten, bevor er nach Rom verschifft, und dort vor ein kaiserliches Gericht gebracht wurde.

 
Der historische Beweis dafür, dass Pontius Pilatus nicht der Fantasie der Autoren des Neuen Testaments entsprungen ist, liegt in diesem Stein, der 1961 bei Ausgrabungen am Theater unter einer Sitzreihe gefunden wurde. Der Text ist fragmentiert, aber man kann noch lesen, dass „Pontius Pilatus, der Präfekt von Judäa …etwas gewidmet hat“
Der Palast des Herodes diente auch den Präfekten als Residenz, wenn sie nicht im engen, überfüllten Jerusalem leben wollten,
Auch Flavius Silva, der 73 CE Massada eroberte und damit dem jüdischen Aufstand beendete, bevorzugte als Statthalter von Judäa den Wohnsitz Caesarea.
Von der westlichen Terrasse aus hat man einen wunderbaren Blick auf das einst mit Säulen umbaute, und wahrscheinlich sogar gedeckte Süßwasser Becken. Die unterhalb der Terrasse erkennbaren Mosaiken und Mauerreste lassen vermuten, dass sich, quasi im sous-sol, weitere Prunkräume befunden haben. Diese Theorie wird auch die Legende gestützt, dass Herodes – der nicht gerade für zimperliches Handeln bekannt war, nach den opulenten Gelagen unliebsame Gäste im Becken entsorgen ließ
 
Wie konnte Herodes das Becken mit Süßwasser füllen? Sein Palast wurde, ebenso wie die gesamte Stadt, die zu Zeiten der Hochblüte immerhin fast 125.000 Einwohner hatte, durch Aquädukte mit frischem Süßwasser aus dem Karmel Gebirge versorgt.
Ein letztes Bauwerk, das auf Herodes zurückgeht, ist das Theater, das Platz für 4.000 Besucher bietet und heute während der Sommermonate als Veranstaltungsort für zahlreiche Konzerte dient.
 
 
Ende des 19 Jhdt. kaufte Baron Edmund de Rothschild  weite Gebiete in der Region um Caesarea auf und ließ sie besiedeln. Neben Caesarea sind: Zichron Ya’acov, Binyamina, Pardes Chana, Rosh Pina von ihm gegründete Gemeinden.  Während die anderen Orte nach und nach in die öffentliche und unabhängige Verwaltung übergeben wurden, befindet sich ein Großteil des heutigen, modernen Caesarea noch in den Händen der Rothschild Foundation.
Das gesamte, damals den Besitzern abgekaufte Gebiet, war eine Steinwüste und mit Malaria verseuchte Sümpfe. Niemand konnte hier wohnen oder das Land bebauen. Die Besitzurkunden wurden von der Türkisch-Ottomanischen Obrigkeit in die Grundbücher, in das Tabu, eingetragen.
Weitere interessante Berichte über Caesarea (auf Arabisch und Hebräisch wird es Keissariya ausgesprochen) findet ihr im Buch von meinem Kollegen Josephus Flavius.


3 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

3 Antworten zu “90 Minuten in den Schuhen eines Tourguide in Caesarea

  1. Anonym

    Danke für die Geschichtsstunde du du mir gegeben hast. Danke für die Erinnerung an das Vergangene!
    Bitte halte es bei und stell öfter solche Berichte ein!
    Verbunden mit den Bildern ein gutes Lehrbuch auf dem Weg durch die Zeit.

    Vielen Dank
    Gregor von Brest

    Gefällt mir

  2. Anonym

    Unsere Rundreise durch Israel führte uns auch nach Cäsarea maritima. An solchen Plätzen kann man lernen, nicht selbst erlebte, Vergangenheit zu fühlen. Ein wunderschöner Ort, der mich nun veranlasste, mich mit dieser Geschichte etwas näher auseinanderzusetzen. Dazu ist der Bericht doch sehr hilfreich. Ein herzliches Dankeschön an esther.
    Heike aus Leipzig

    Gefällt mir

  3. Danke Heike! Caesarea ist einer meiner Lieblingsorte, neben Zipporis und Meggido.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s