Oscar Verleihung als politische Waffe

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Bil’in  ist der Name eines kleines Ortes, der, läge er in Europa die Bezeichnung „Schlafstadt“ erhalten würde.  Nur wenige Kilometer von Ramallah, der sinnvollerweise künftigen Hauptstadt von Palästina entfernt, haben sich dort bereits zahlreiche Beamte der Palästinensischen Autonomiebehörde angesiedelt. 
Bil’in ist schon lange nicht mehr das Dörfchen, das von landwirtschaftlichen Aktivitäten geprägt ist, Bil’in ist ein moderner kleiner Ort, mit gepflegten Häusern, Moscheen und Schulen. Die Autos, die in den Garagen und Carports stehen, sind blitzeblank, haben keine Ähnlichkeit mit den oft ringsum verdellten Autos, die sich auf Israels Straßen bewegen.
Ein lebendiger Ort, in dem alte arabische Traditionen problemlos neben der Moderne existieren. Alte Männer in traditionellen Kaftanen reiten auf ihrem Esel über die gut ausgebaute Hauptstraße, alte Frauen in ihren prächtig bestickten bodenlangen Gewändern treffen sich zum nachbarschaftlichen Dorfklatsch auf einem der zahlreichen schattigen Plätze. Die jüngere Generation zeigt sich moderner: Jeans und T-Shirts sind in Bil’in offensichtlich ebenso „in“ wie in Israel. Junge Frauen sieht man kaum. Soraya, um die 30, geboren in Südamerika, traut sich sogar mit T-Shirt und Schlabberhose auf die Straße. An der Hand ihren kleinen Sohn. Er  trägt, wie die meisten Kinder in diesem Alter entweder Jeans oder Shorts und T-Shirts mit aufgedruckten Comicfiguren.
Mindestens ein Fernsehgerät mit großem Plasma Bildschirm und ein PC gehören zur Standardausstattung. In den Küchen, hier noch der traditionelle Arbeitsort der Frauen, gibt es selbstverständlich alles, was das die Arbeit erleichtert.
Man spürt, hier lebt die palästinensische Mittelklasse.
Zum Kindergeburtstag, der auch für einen Dreijährigen schon groß gefeiert wird, werden nicht nur Clown Mützen bereitgestellt, nein, auch ein echter Clown tritt auf. Von Zeit zu Zeit unterhält die ortseigene Gauklertruppe Kinder und Erwachsene.
Alles, aber auch alles, was in Bil’in dokumentationswürdig ist, wird gefilmt.
Der Film „5 broken cameras“ ist nominiert für den Academy award, besser bekannt als „Oscar“ im Genre „Dokumentarfilm“ ist das gemeinsame Werk von Emad Burnat und Guy Davidi. Die Tatsache, dass der Film durch die Kooperation eines Palästinensers mit einem Israeli entstand, löste zahlreiche Diskussionen aus. Die reichen von der einfachen Frage, ob so etwas überhaupt funktionieren könnte (man sieht es, es hat funktioniert) bis zu kontrovers geführten Streifragen, ob es sich nun um eine palästinensische oder eine israelische Produktion handelt, sprich, wem der Oscar denn zustehen würde, sollte er gewonnen werden.
Er wurde ganz klar als israelischer Film nominiert, und um auch das nicht unerwähnt zu lassen,  maßgeblich durch die „New Israeli Foundation for Cinema and Television“ und zahlreiche ausländische TV Sender und andere Gönner unterstützt. 
Vor wenigen Tagen gaben die beiden Produzenten der Huffington Post ein Live Interview. Für sie ist die Sichtweise klar: „This is a Palestinian film from the head, from the mind and from the soul,“ Burnat said. „This is a Palestinian documentary.“ Guy Davidi legte noch eine grosse Schaufel nach: “….Israel is using him „to show the good face of Israel.“ „There is a need in Israel that everything will be representative outside in the world as an Israeli thing, because it’s a way to cover that Israel is doing a lot of wrongs,“ he said. „So they want to show the good face of Israel, and they want to use me as, look, there is a good face to Israel. But objectively I’m a part of a very, very small minority of Israelis. So it’s not fair to take me as a representative of Israelis.“
Emad Burnat, der sich selbst im Film als derjenige präsentiert, dem es ein Anliegen war und immer noch ist, die Geschichte seines Dorfes, seiner Familie und seiner Freunde und Mitkämpfer mit seiner eigenen Kamera zu filmen, stellt sich zu Beginn als urchiger Bauer vor. Schaut man allerdings genauer hin, so lernt man, dass er neben seinem Leben als Bauer noch ein zweites Leben hat: als Kameramann, Regisseur und Produzent von Filmen und, nicht zu vergessen, als palästinensischer Widerstandskämpfer.
Und davon handelt die Geschichte: vom unbewaffneten, angeblich gewaltfreien Widerstand des Dorfes Bil’in und seiner Bewohner gegen die israelische Besatzung. Bil’in ist als der Ort bekannt geworden, der sich dem „gewaltlosen Widerstand“  verschrieben hat und dem es gelungen ist, einen Großteil des zunächst von Israel  für den Bau der Grenzmauer vorgesehenen Landes zurück zu erhalten.
Bil’in ist aber auch der Heimatort von Shirly Temper und ihrem Clan. Von diesem Clan tritt in diesem Film niemand in Erscheinung, offensichtlich hat es im Widerstand in Bil’in zwischenzeitlich einen Generationenwechsel gegeben.
Der Film selbst ist nur dann sehenswert, wenn man sich wieder einmal in seiner Meinung bestärkt sehen möchte, dass es im Verhältnis Israel-Palästina nur „die Guten“ und „die Bösen“ gäbe.
Die Guten, also die palästinensischen Widerstandskämpfer, zeigen sich zwischen den eigentlichen „Demonstrationsszenen“ von ganz anderen Seiten: da wird getanzt, gelacht, da werden Samen auf Feldern gesät, die sicher nie aufgehen werden, weil der Boden viel zu karstig ist und nicht bearbeitet werden kann. Da werden Olivenbäumchen liebevoll eingepflanzt, die möglicherweise unmittelbar nach der Aufnahme wieder ausgebuddelt und an einer für sie gesünderen, aber nicht so dramatischen Stelle wieder eingepflanzt. Im Hintergrund der Szene die Neubauten von Modiin Ilit, einer israelischen Siedlung in unmittelbarer Nachbarschaft. So gefilmt, das die Neubauten bedrohlich wirken.
Da dürfen wir den Blick in das Badezimmer einer der Hauptakteure werfen, wie er vor dem Spiegel steht und sich die Haare gelt. Ein unsichtbarer Freund fragt ihn lachend: „Heiratest du heute?“ worauf er antwortet. „Nein, heute ist Tag der Demonstration, den ganzen Tag, das ist besser als heiraten.“ Wenig später erleben wir ihn in voller Aktion, wie er sich den israelischen Soldaten entgegenstellt, die Hände in Richtung Himmel wirft und die Soldaten wüst beschimpft. Als diese ruhig bleiben, wirft er sich auf den Boden und setzt die seltsam anmutende Szene fort. Er taucht immer wieder auf im Film, wird auch als der Hauptakteuer bezeichnet, der „nie den Mut verliert und immer weiter kämpfen wird“.
In die Rolle des unschuldigen Kindes wird der jüngste Sohn von Emad Burnat und seiner Frau Soraya gepresst: Gibreel (Gabriel) Burnat, im Film zwischen einem und ca. acht Jahren alt. Für ihn wurden zahlreiche herzerweichende kleine Szenen geschrieben: seine Geburt ist der Anlass, zu der Emad seine erste Kamera geschenkt bekommt, von seinem Freund Ysrael Putermann.  Sein erstes Wort ist nicht Ima oder Aba, sondern „Patronenhülse“, etwas mit dem er dann auch, plötzlich ca. 3 Jahre alt, besonders gerne spielt. Im gleichen Alter läuft er auf einen Soldaten zu, wirkungsvoll einen Olivenzweig in der Hand, den er dem Soldaten überreicht. Mit ca 5 Jahren fragt er seinen Vater, während die beiden am Familienauto basteln, warum er denn die bösen Soldaten nicht mit dem Messer umbringen würde.  Wenn er gerade keine besonderen Aktivitäten zu erledigen hat, dürfen wir ihn beim Spielen mit anderen Kindern, oder bei seinen diversen Geburtstagen erleben. Und  immer ist er bei den Demonstrationen dabei, so wie zahlreiche andere Kinder in seinem Alter. Auch wenn mit Gummigeschossen oder Tränengas geschossen wird.
Soraya Burnat, die einzige Frau, die im Film zu Wort kommt, erleben wir in  einer wunderbar angelegten Szene: sie steht, tipp topp gekleidet, in der Küche und bereitet das Familienessen vor. Dabei macht sie ihrem Mann Vorhaltungen, dass er allein daran schuld sei, wenn die Familie wieder in Schwierigkeiten käme. Sie fordert ihn auf, mit seiner Filmerei aufzuhören. Bei einer Frau mit palästinensisch-südamerikanischer Herkunft dürfte man in der Szene einen Temperamentsausbruch erwarten, aber nein gut einstudierte  Worte und ein leichtes Lächeln im Gesicht. Sehr professionel.
Die Schnitte zwischen den Szenen sind schnell, auffallend sind die Zeitsprünge, wenn man sie in Korrelation zum Alter von Gibreel bringt.
Immer wenn wieder eine der fünf Kameras zu Bruch geht, wird dies durch den Kunstknifff  unterstützt, dass das Bild sich in tausende Splitter aufzulösen scheint.  In dem Moment wird klar, dass es sich bei den darauffolgenden Szenen entweder um gestellte Szenen handelt oder man muss desillusioniert erkennen, dass der gesamte Film nicht von einem, sondern von mehreren, gut positionierten Kameras gefilmt wurde. Beides wird der Wahrheit sehr nahe kommen.
Fast keine Beachtung erhalten im Film die israelischen Siedler, wohl aber die zahlreichen israelischen und ausländischen  Gäste, die in Bil’in anwesend sind und sich an den Demonstrationen beteiligen. Auffallend sind auch die wohlorganisierten israelischen Berater, die den Aktivisten bei der Planung der Demonstrationen behilflich sind.
Ein Film, der wirklich kaum etwas auslässt, der zu Beginn irritiert, weil eine gewollt verzerrte und verwackelte Szenenfolge wohl das Land zeigen soll, das in seiner Unfruchtbarkeit kaum mehr den Lebensunterhalt sichern kann. Schnitt. Über eine saftig grüne Wiese springt eine Antilope durch das Bild, während am Himmel ein großer Schwarm von Pelikanen kreist. Gesunde Natur, voll von Leben.
Die Kindergruppen, die sich ganz selbstverständlich innerhalb des Aktionsradius der Soldaten, resp. der Grenzpolizei bewegen, ganz ohne Angst, irritieren. Sie wissen offensichtlich, dass die Situation gestellt ist, und sie darin wichtige Statisten sind. Ebenso, wie der junge Mann im Rollstuhl, der in zahlreichen Szenen irgendwie verloren mitten im Geschehen steht.
Die palästinensische Flagge wird ganz besonders hervorgehoben. Das ca. 10m lange Stoffteil wurde sorgsam gebügelt und in exakte Falten gelegt, bevor es erst im Triumphzug durch die Hauptstraße von Bil’in getragen wird und dann quasi als „roter Teppich“ ausgelegt wird. Allerdings wird nicht klar, welcher Ehrengast erwartet wird.
Deutlich erkennbar sind die echten Szenen, die bei tatsächlichen Demonstrationen und Zusammenstößen mit dem Militär und der Polizei entstanden sind.  Die Kameraführung und die Qualität der Aufnahmen unterscheiden sich erheblich von den professionell gemachten Aufnahmen.
Alles in allem, ein durchaus professionell geplanter und produzierter anti-israelischer Film. Sollte der Film den Oscar gewinnen, so müssten sich all jene Nichtpalästinenser schämen, die an der Produktion, in welcher Form auch immer beteiligt waren. Ich bezeichne sie als Nestbeschmutzer.
Heute (16.02.2013) noch aktuell ein Kommentar dazu.

Dieser Beitrag im Blog tw24 fügt noch weitere, interessante und aufschlussreiche Aspekte hinzu! (17.02.2013)


3 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

3 Antworten zu “Oscar Verleihung als politische Waffe

  1. Pressefoto des Jahres 2012 – ebenfalls „politische Waffe“! Medienwirksam einzusetzen gegen Israel!
    Westliche Dekadenz!

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  2. Hallo Esther,
    gerade entdeckt. Vielleicht ist der Artikel auch von Interesse!
    „Fairy Tales Won't Bring Peace: Five Broken Cameras and the
    Palestinian Farce“
    Link: http://www.algemeiner.com/2013/02/18/fairy-tales-wont-bring-peace-five-broken-cameras-and-the-palestinian-farce/
    Liebe Grüße!

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  3. faehrtensuche, danke für diesen wirklich klar und deutlich geschriebenen Artikel!

    Ein Satz sprang mir gerade beim Lesen ins Auge:

    „The film is part of an aggressive industry whose sole aim is to delegitimize and blame only Israel with predictable key techniques, all of which the film utilizes.“

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