“To remember. Not to forget. To rely only on ourselves.”

(Generalmajor Elazar Shkedy)

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Für gestern, den 27. Januar 2013 sagte der Wetterbericht Temperaturen zwischen  0° und minus 5° Grad voraus, bei leichtem Schneefall. Der Schnee wird kaum liegen geblieben sein, man rechnete mit 0 – 5 cm Schneehöhe. Die Windgeschwindigkeit hat ca. 16 Km/h betragen. Für die kommenden Tage sind leicht ansteigende Temperaturen vorhergesagt,  der Wind wird stärker blasen.
Es muss eisig kalt gewesen sein in Oświęcim, am 27. Januar 1945. Eisig kalt für alle, die in den Baracken von Auschwitz Birkenau versuchten zu überleben. Die vielleicht spürten, dass etwas sich geändert hatte, aber noch nicht wussten, was es war. Die jeden Tag hofften, dass dieses Martyrium endlich vorbei sein würde. An diesem Tag sollte es so weit sein.
 
Oświęcim, wer kennt diesen Namen? Auschwitz-Birkenau, wer kennt diesen Namen nicht? Ein Name, der zum Synonym wurde für die Gräueltaten der Nazischergen.
Mehr als
1.100.000 Juden
   140.000 Polen
     20.000 Sinti und Roma
     20.000 weitere Häftlinge und Kriegsgefangene
wurden an der Rampe von Auschwitz–Birkenau von  Dr. Mengele und seinen Schergen begutachtet  und entweder nach rechts – in ein mehr oder weniger langes und qualvolles Lagerleben, oder nach links – in den sofortigen Tod geschickt. Das war der Weg, den die meisten Opfer nahmen.
 
An dieser Stelle soll mein Freund Max Mannheimer zu Wort kommen und selber berichten, wie er die Ankunft an der Rampe von Auschwitz – Birkenau erlebt hat.
 
Mitternacht vom 1. zum 2. Februar 1943 Todesrampe
Alles aussteigen! Alles liegenlassen! Panik entsteht. Jeder versucht, so viel wie möglich in die Taschen zu stopfen. Die SS Leute brüllen: Bewegung! Ein bisschen Dalli! Noch ein Hemd wird angezogen. Noch ein Pullover. Zigaretten. Vielleicht als Tauschobjekt. Männer auf diese Seite, Frauen auf die andere Seite, Frauen mit Kindern auf die LKWs. Männer und Frauen, die schlecht zu Fuß sind, können mit den LKWs mitfahren. Viele melden sich.
Der Rest wird in Fünferreihen aufgestellt. Eine Frau versucht, zu uns herüberzukommen. Sie will vermutlich ihren Mann oder Sohn sprechen. Ein SS-Mann reißt sie mit einem Spazierstock zu Boden. Am Hals. Sie bleibt liegen. Wird werggezerrt. Arbeitseinsatz?
Ein SS-Offizier steht vor uns. Obersturmführer. Wird von einem Posten so angesprochen. Vermutlich Arzt. Ohne weißen Kittel. Ohne Stethoskop. In grüner Uniform. Mit Totenkopf. Einzeln treten wir vor. Seine Stimme ist ruhig. Fast zu ruhig. Fragt nach Alter, Beruf, ob gesund. Lässt sich die Hände zeigen. Einige Antworten höre ich.
Schlosser – links.
Verwalter – rechts.
Arzt – links.
Arbeiter – links.
Magazineur der Firma Bata – rechts.
Es ist unser Bekannter. Büchler aus Bojkowitz.
Schreiner – links.
Dann ist mein Vater an der Reihe. Hilfsarbeiter. Er geht den Weg des Verwalters und Magazineurs. Er ist fünfundfünfzig. Das dürfte der Grund sein.
Dann komme ich. Dreiundzwanzig Jahre, gesund, Straßen Bauarbeiter. Die Schwielen an den Händen. Wie gut sind die Schwielen. Links.
Mein Bruder Ernst: neunzehn, Installateur – links.
Mein Bruder Edgar: siebzehn, Schumacher – links.
Ich versuche, meine Mutter, Frau, Schwägerin zu entdecken. Es ist unmöglich. Viele Autos sind abgefahren.
Aufstellung in Dreierreihen. Ein SS-Posten fragt nach tschechischen Zigaretten. Ich gebe ihm welche. Er beantwortet meine Fragen. Die Kinder kommen in den Kindergarten. Männer können ihre Frauen sonntags besuchen. Nur sonntags? Das reicht doch! Es muss wohl reichen.
Wir marschieren. Auf einer schmäleren Straße. Wir sehen ein hell erleuchtetes Quadrat. Mitten im Krieg. Keine Verdunkelung. Wachtürme und MGs. Doppelter Stacheldraht, Scheinwerfer, Baracken. SS-Wachen öffnen ein Tor. Wir marschieren durch. Wir sind in Birkenau.
Vor einer Baracke bleiben wir zehn Minuten stehen. Dann werden wir eingelassen. Aus dem Transport von eintausend Männern, Frauen und Kindern sind es jetzt 155 Männer.
(…)
Ein Häftling in gestreifter Kleidung kommt herein. Stellt sich vor uns. Wir fragen nach den Frauen, Kindern. „Gehen durch den Kamin!“ Wir verstehen ihn nicht. Wir halten ihn für einen Sadisten. Wir fragen nicht mehr.
 
(Max Mannheimer, Spätes Tagebuch, Pendo Verlag Zürich und München, 2. Auflage 2000, Seite 51ff.)
 
Max und sein Bruder Edgar haben Auschwitz überlebt. Sie wurden am 30. April 1945 nach der Räumung eines Nebenlagers von Dachau, Mühldorf, auf dem Transport von den Amerikanern befreit.
 
Unter den Opfern, die den Weg  in die Baracken von Auschwitz nicht gehen durften, waren auch die 44  Kinder von Izieux,  alle zwischen 4 und 13 Jahren, die vor den Nazischergen hoch oben im Rhone Tal  versteckt worden waren und trotzdem nicht den Fängen von Klaus Barbie,  dem Schlächter von Lyon entkommen konnten.  Es ist bekannt, mit welchem Zug sie an der Rampe von Auschwitz ankamen, nichts, aber auch gar nichts blieb dem Zufall überlassen. Die Buchhaltung der Nazischergen war zynisch exakt.
 
Die Zahl der Überlebenden wird mit jedem Jahr kleiner, die Stimmen derjenigen, die uns sagen können, wir waren  dabei, verstummen mehr und mehr.
 
Umso wichtiger ist es, dass wir, die Nachkommen, die Freunde, unsere Stimmen laut erheben und unser Versprechen Jahr für Jahr erneuern: wir werden euch nicht vergessen, wir werden eure Namen und Geschichten weitergeben, von Generation zu Generation!
 
Am 4. September 2003flogen drei israelische F-15 Kampfjets über Auschwitz. Das Bild der drei Flugzeuge hängt heute in zahlreichen Büros der IDF. Generalmajor Amir Eshel,  der heutige Kommandant der israelischen Luftwaffe leitete damals die Aktion. Der symbolträchtige Überflug von Auschwitz fand statt anlässlich des 85. Jahrtages der Gründung der polnischen Luftwaffe.
 
 
 


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