Eine Maske der Scham ist der Neid

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Camus hat formuliert: Die Kunst ist der Schamhaftigkeit ähnlich. Sie kann die Dinge nicht direkt aussprechen.
 
Scham leitet sich etymologisch vom Althochdeutschen „scama“ ab, was so viel wie Beschämung und Schande bedeutet. Ausgelöst wir das Gefühl der Scham durch ein Fehlverhalten.
Adam und Eva hielten sich nicht an die Vorschriften für das Leben im Garten Eden. Sie hatten vom „Baum der Erkenntnis dessen, was gut und was böse ist“ gegessen (Bereschit/Genesis 2,17). Als Gott sie darauf ansprach, bemerkten sie auf einmal, dass sie nackt waren und schämten sich.
Norbert Elias[1]beschreibt die Veränderung in den gesellschaftlich akzeptierten Schamgrenzen.  Er beschreibt, dass es bis ins 16. Jahrhundert klare Vorstellungen gab,  dass ein beschämendes Verhalten  von oben nach unten in der gesellschaftlichen Hierarchie jederzeit akzeptiert wurde, ungeachtet, wie beschämt, der Rangniedrigere, oder auch die Frauen (die immer unterlegen waren) sich auch gefühlt haben mag. Eine Beschämung in die „falsche“ Richtung wurde seinerzeit strengstens geächtet. Elias stellt fest, dass erst als diese Schamschwelle auch die gesellschaftlich höheren Schichten erreichte, entwickelte sich langsam aus der bis anhin praktizierten Fremdbestimmung, die neue Selbstbestimmung.
Man kann Schamgefühle  als Hinweis auf einen  bestehenden und aktiven Abwehrmechanismus, mit dem Menschen, die psychisch verletzt sind, oder sich erniedrigt fühlen, versuchen, ihr Selbst, ihre Integrität zu erhalten, ansehen. 
Leon Wurmser schreibt[2]: „Zwanghaftes Verhalten kann einen Versuch anzeigen, Scham und Scham-Angst durch Perfektionismus zu meistern oder zu überwinden.“  Schamgefühle können also durchaus dazu führen, dass der Betroffene sich nun bemüht, alles „richtig“ zu machen. Dies ist zu werten als der Versuch,  das verschüttete oder angekratzte Selbstwertgefühl wieder aufzupolieren.
Die Morallehre im Islambeschreibt einige interessante Lehrsätze:
Wir Muslime schämen uns, wenn uns etwas, das mit der islamischen Sittlichkeit nicht vereinbar ist, passiert.  Dieses Schamgefühl fühlt man in der Tiefe des Herzens, wobei das Gesicht rot wird.  Allahs Gesandter (s.a.s.) legte auf Hayaa‘ (Schamgefühl) großen Wert und sagte:
Von Abu Hurayrah (r.a.); Allahs Gesandter (s.a.s.) sagte:
„Das Schamgefühl ist ein Teil des Glaubens.“ (Muslim, Iman  57)
Die Moslems wurden scheinbar durch einen letztklassigen Film zutiefst in ihren Empfindungen getroffen, die Bilder, die ihren Propheten zeigen, beschämen sie. Aber sie können sich nicht angemessen wehren, zu viel Wahres steckt im Film. Sie können diese Wahrheiten nicht ertragen, ohne ihren Propheten zu verletzen. Sie können sich mit den Wahrheiten, die auch ihnen bekannt sind, nicht kritisch auseinandersetzen. Sie können nicht aussprechen, was ihnen so zusetzt. Sie schämen sich.
 
Der Neid ist eine Haltung, eine geistige Krankheit, die im Herzen mancher Menschen liegt und sehr viele unmoralische Handlungen verursacht.  Neid bedeutet, einen anderen zu beneiden, welcher geistig, beruflich oder finanziell in einer besseren Lage als man selbst ist.  Der Neider missgönnt nicht nur der besser gestellten Person ihren Wohlstand, sondern er wünscht sich auch, dass jene diesen verlieren möge.  Neid kommt von der Faulheit und bedeutet eine Unzufriedenheit gegenüber der Gnade Allahs.  Der Neider denkt: „Warum hast Du ihm mehr gegeben als mir?“ Im Qur’an steht dazu:
„Sag: Ich suche Zuflucht beim Herrn des Morgengrauens … und vor dem Übel eines Neiders, wenn er neidet.“ (Al-Falaq 113:1,5)
Und worin begründe sich der Neid? Ist es der Neid auf das Mehr an Geschichte, dass Christen und Juden haben, in Europa, in der Levante, überall, wo Moslems versuchten, dem Westen ihren Stempel aufzudrücken. Ist es der Neid auf unser stabileres Selbstbewusstsein, auf das Fehlen der Notwendigkeit immer und an jeder Stelle lautstark protestieren zu müssen? Ist es der Neid auf unsere Überlebensfähigkeit, auch wenn uns der Wind sehr heftig entgegenbläst? Ist es der Neid auf unser Selbstverständnis?
Es gab einen bitterbösen Karikaturenwettbewerb, angeblich, um auszutesten,  wie es denn mit der Medienfreiheit im verhassten Ausland tatsächlich steht.
Es gab den eindeutig antijüdischen Film „Tal der Wölfe – Palästina“, der Juden im denkbar schlechtesten, und die Palästinenser im denkbar besten Licht zeigten.
Es gibt nahezu täglich neue antijüdische und antiisraelische Comics in diversen arabischen Ländern.
Unser Selbstbewusstsein ist durchaus stark genug, und das Wissen um unseren Platz in der Welt ist so gut verwurzelt, dass wir nicht jedes Mal aggressiv und überhitzt reagieren müssen.
Vielleicht ist es aber auch eines, der Neid auf unseren Humor, der uns immer wieder geerdet hat:
Zwei Juden kommen in den Vatikan und wollen den Papst sprechen.
Die Schweizer Garde fragt, ob es nicht auch möglich wäre, das schriftlich zu erledigen. Dies wird strikt verneint und erklärt, dass es sich um eine ganz private Angelegenheit handle.
Nach langer Diskussion werden sie beim Papst vorgelassen und er fragt sie, was ihr Anliegen sei.
Darauf fragt ihn einer der beiden Juden: „Entschuldigen’s mein Herr. Kennens nicht den Jesus Christus und seine Jünger, bitteschön?“
„Aber ja doch“, erwidert der Papst.
„Da wäre noch eine unbezahlte Rechnung für ein Abendessen.“
 


[1] Über den Prozess der Zivilisation, Bd. 2, Suhrkamp TB, 1997, 20. Auflage
[2] Die Maske der Scham, Springer Verlag, Berlin, 1993, 2. Auflage


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