Doch am siebten Tage sollst du ruhen……

B“H
Zweimal werden wir in der Thora daran erinnert den Schabbat zu halten, im zweiten und im fünften Buch Mose.  Eine noch größere Intensität finden wir nur beim Verbot, Fleisch- mit Milchprodukten zu mischen. Ganz so, als wären diese beiden Gebote die Essenz der Vorschriften im Judentum schlechthin. Und sie sind es auch!
Bereits die erste der beiden Textstellen, im zweiten Buch Moses, finden wir sie in der Passage, in der Moses, stellvertretend für das Volk Israel am Sinai die Thora, und damit auch die umfassende Gesetzgebung, die das gesamte Leben des Volkes Israel regelt, entgegennimmt.
„Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage lang sollst du arbeiten und alle deine Geschäfte verrichten. Doch der siebente Tag ist ein Ruhetag für den Herrn, deinen Gott. Du sollst dann keinerlei Arbeit tun, weder du selbst noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh, noch dein Fremdling, der sich in deinen Toren befindet. Denn in sechs Tagen hat der Herr den Himmel und die Erde, das Meer und alles, was sich darauf befindet, erschaffen; doch am siebenten Tage ruhte er. Darum segnete der Herr den Sabbat und erklärte ihn für heilig.“ Schemot (Exodus) 20,8 – 11
Ein zweites Mal finden wir die Aufforderung, den Schabbat einzuhalten noch einmal kurz bevor Moses stirbt, im fünften Buch, Dwarim (Deuteronomium) 5, 12-15. Wir können davon ausgehen, dass Moses kurz bevor er sein Lebenswerk beendet, das Volk Israel noch einmal an den mit Gott geschlossenen Bund erinnern, und es auf diesen Bund einschwören will. Zu oft hatten sich die Israeliten wankelmütig gezeigt, und sich von Gott entfernt. Moses weiß, dass es von jedem Einzelnen in Zukunft viel Kraft und einen starken Glauben braucht, um den Weg, den er, gelenkt durch Gott vorgegeben hat, alleine weiter zu gehen.
Die beiden Texte sind nicht zu 100% deckungsgleich. Auffallend ist der Hinweis, die Erinnerung an die Zeit der Versklavung in Ägypten, und die damit verbundene Aufforderung, Fremden gegenüber empathisch zu sein: „Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der Herr, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der Herr, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst.“
Die Einhaltung des Schabbat als Ruhetag beinhaltet mehrere Aspekte:
Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen, und als er sah „dass es gut war“ beschloss er, am siebten Tage zu ruhen. Sechs Tage hatte er selber gearbeitet und dann, am siebten Tage ruhte er. Das Gebot, am siebten Tage zu ruhen, geht also ganz eindeutig einher mit dem Gebot, zuvor sechs Tage zu arbeiten. Zu chrampfä und zu nodderä!! (Dazu mehr weiter unten!)
Das sozial Revolutionäre zur damaligen Zeit, ca. 1400 B.C.E. war die Aufforderung, die Schabbatruhe auf alle Menschen auszudehnen, die im Haushalt, resp. im Dorf wohnten, unabhängig davon, ob sie zum Volk Israel gehörten, oder nicht. Unabhängig davon, ob es sich Diener, Knechte, Männer, Frauen, Clanführer oder Bauern handelte. Sogar (Nutz)tiere sollten in den Genuss dieses Ruhetages kommen!
Gleich, welche Völker mehr oder weniger kurzfristig die Herrschaft über das Land der Israeliten übernahmen, sie konnten nicht verstehen, warum sich dieses Volk einheitlich den Luxus eines Ruhetages leistete, der in ihren Kulturen, wenn überhaupt nur den Reichen, oder der herrschenden Kaste vorbehalten war. Waren sie womöglich einfach nur faul, die Israeliten? Arbeitsscheu?
Weit entfernt, nachdem Gott in sechs Tagen die Welt in all ihrer Schönheit erschaffen hatte, schuf er als letztes den Menschen, Adam und gab ihm seine Frau Eva zur Seite. Er bestimmte den Garten Eden als ihren Wohnort und schenkte ihnen damit ein wirklich „paradiesisches“, auf die Ewigkeit ausgelegtes Leben. Mit der Aufforderung „Machet euch die Erde untertan!“ übertrug er ihnen die Verantwortung für sein Werk und verband mit diesem Auftrag gleichzeitig auch die Verantwortung, sorgsam damit umzugehen. Adam und Eva begingen den ersten von vielen Vertrauensbrüchen in der göttlich-menschlichen Beziehung, und mussten fortan die direkte Verantwortung für ihr Tun tragen. Das reich gedeckte Tischlein-deck-dich musste der Mühsal weichen: “Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot verdienen, bis dass du wieder zur Erde werdest, von der du genommen bist!“
Viele Generationen später gab Gott dem Volk Israel das Geschenk der Schabbatruhe wieder. Nicht als Aufforderung zur Faulheit, nicht als den Luxus, im Nichtstun schwelgen zu können.
Sondern als Aufforderung, sich zurückzunehmen aus der Hektik des Alltags, aus dem Streben nach persönlichem Mehr-Wert, aus der scheinbaren Notwendigkeit, immer und überall erreichbar zur sein, die Fäden der sozialen Netzwerke zu ziehen, auf der Karriereleiter nach oben zu hecheln und dabei kräftig vernichtende Tritte nach unten zu geben.
Am Schabbat sind alle gleich. Das gibt uns die Chance, uns nur auf Wesentliches zu  besinnen, unsere Beziehung zu Gott neu zu erfahren und uns darin auch besser kennen zu lernen. Einen ganzen Tag Zeit für die Familie zu haben, miteinander zu sprechen, zu lesen und zu lernen. Uns miteinander auszutauschen. Ein Stück vom Garten Eden in uns aufleben zu lassen, in der Erinnerung daran, welch wunderbares Geschenk wir einst erhalten haben.
Der Schabbat als Tag der Ruhe und als Tag des Lernens. Und damit ist durchaus nicht zuletzt auch das Lernen der Bücher gemeint. Nur die Karaim  halten die Ruhegesetze bis heute konsequent ein.
Um uns aber diesen Tag auch wirklich sorglos zugestehen zu können, sind wir aufgefordert, an sechs Tagen zu arbeiten und „unser Brot zu verdienen“.
So angeblich wortgetreu wie die ultraorthodoxen Männer (ihre Frauen sind davon immer noch ausgenommen!) nicht nur in Bnei Brak und Mea Shearim, sondern an allen Orten weltweit wo diese „frommen“ Männer wohnen, vorgeben zu leben, in diesem Punkt haben sie die Worte der Thora nach ihren Wünschen und Vorstellungen eindeutig umgedeutet: sie lernen an sechs Tagen in der Woche, überlassen den Verdienst und Broterwerb getrost anderen, vor allem ihren Frauen und Töchtern und verlassen sich darauf, dass sie und ihre zahlreichen Kinder von wem auch immer ernährt werden! Möglicherweise verlangen sie für sich den ewigen Schabbat. Frei nach dem Motto: alle Menschen sind gleich, aber wir sind die Gleicheren…
Dieser Ansatz hat dann auch folgerichtig dazu geführt, dass im Laufe der Jahrtausende aus dem bedingungslosen Geschenk der Schabbatruhe eine Reihe von Schikanen herausinterpretiert wurden, die zumindest außerhalb von Israel das gesellschaftliche Leben von Juden stark einengt.
Zum Beispiel ist es dort verboten, etwas zu tragen oder zu schieben (weil dies als Arbeit uminterpretiert wird). So wird man keine religiöse Frau finden, die eine Handtasche bei sich hat, keinen Mann, der einen Regenschirm mit sich führt, und kein Kind im Kinderwagen wird in den Genuss der ersten warmen Sonnenstrahlen im Frühling kommen. So bleibt, vor allem wenn es regnet und die Kinder noch im Mittagsschlafalter sind, genügend Zeit für die „Schabbesmitzwe“!
Man darf sich außerhalb Israels auch nur innerhalb einer bestimmten Wegstrecke von seinem Haus entfernen, auch hier besteht aber die Möglichkeit, diese Strecke von ca. 1 Km durch das symbolische Schaffen eines „Eruws“  zu erweitern, um z.B. von zu Hause in die Synagoge gehen zu können. Ein Eruw erweitert quasi das eigene Wohngebiet. Nachdem Israel  das jüdische Land per se ist, braucht es dort keine künstlich geschaffene Umgrenzung.
Das überall geltende Verbot, Licht zu machen oder mit dem Lift zu fahren, haben findige Köpfe mittlerweile durch die Erfindung von sogenannten „Schabbat Uhren/Schaltern“ gelöst. In Israel hat man das Problem der Oeffis gelöst, indem der Verkehr während des Schabbat und an den Feiertagen ruht.
Eine dazu passende wahre Geschichte. Ein religiöser junger Mann aus Jerusalem konnte es offensichtlich nicht mehr einen Tag länger aushalten, sich der Frau seiner Träume zu offenbaren und um ihre Hand anzuhalten. Er machte sich am vergangenen Freitagabend auf den Weg zu ihr. Unbequemer Weise lebt die junge Frau ca. 30 Km von Jerusalem entfernt im WJL. Ausgestattet  mit einer Flasche Wasser, einem frischen Hemd und den Verlobungsringen machte er sich wohlgemut auf den Weg, erreichte sein Ziel unbeschadet am kommenden Morgen, besuchte in der dortigen Synagoge den Schabbatmorgengottesdienst und wurde dann im Haus seiner Angebeteten vorstellig, die seinem auf so ungewöhnliche Art vorgebrachten Heiratsantrag  sofort zustimmte.
In den Augen seiner Rabbiner hat er sich natürlich ganz und gar nicht korrekt verhalten, in den Augen seiner Mutter, einer echten „jiddishen Mame“  ist er jetzt wahrscheinlich ein Held: sie hat die ganze Nacht durch gebetet und gelernt.
Liebe verleiht eben doch Flügel!

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