Israel 2017 – "Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen!"

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Wir schreiben den 23. Tammus 5777 . Heute genau vor 5 Jahren, am 23. Tammus 5772 begann, was heute mit einem feierlichen Spektakel sein Ende fand!

Am neuen Flughafen Ben Gurion II, der südlich von Tel Aviv, nahe Nevatim , vor wenigen Tagen eröffnet wurde, verabschiedete der ashkenasische Oberrabbiner gemeinsam mit seinem sephardischen Kollegen die letzten der insgesamt knapp 750.000 ultraorthodoxen Emigranten Israels.
Regierungsmitglieder nahmen an der Zeremonie nicht teil, weil in einer exakt geplanten Aktion zeitgleich mit dem Abheben des letzten Auswandererflugzeuges, die 19. Knesset, angeführt vom PM ihre Auflösung beschließen würde, und damit endlich der Weg für Neuwahlen, frei wird. Nachdem die religiösen Parteien nie wieder zur Wahl stehen, wird die neue Regierung sich, wie in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung, aus einer Koalition von mehrheitlich gemäßigt linken Parteien zusammensetzen.
Vor ihrem Abflug hatten die Neuauswanderer in einem speziell eingerichteten multilateralen Transferbereich die Möglichkeit, ihre nicht mehr gültigen israelischen Dokumente abzugeben, und die provisorischen Ausweise ihrer gewünschten neuen Heimatdestination entgegen zu nehmen.
Auch ein letzter kostenloser Anruf innerhalb des internationalen Festnetzes wurde ihnen in speziell abhörsicheren Kabinen ermöglicht. Eine Blitzumfrage bei den anwesenden Männern über 13 Jahren ergab, dass die Kohanim unter ihnen ihren Rabbiner anriefen, um letzte Anweisungen zu erhalten, wie sie sich beim Überflug eines Friedhofs zu verhalten hätten, und wie sie es vermeiden könnten, auf diesem ersten Flug seit ihrer Einreise von einem schnuckeligen weiblichen Flight Attendent bedient zu werden. Nachdem die meisten Auswanderer Flüge mit der ELAL gewählt hatten, konnte jedoch im Vorfeld sicher gestellt werden, dass die grundlegenden Bedürfnisse der Ultrareligiösen erfüllt wurden: keine weiblichen Flight Attendents, eine Flugroute, die sicherstellte, dass bis zur Landung kein Friedhof überflogen würde und selbstverständlich auch keine Unterhaltungsmedien, in denen Frauen zu sehen oder zu hören sein würden.
Die Kabinen wurden für diese Flüge, wie auch schon für alle anderen vorhergehenden, neu konfiguriert: im Bereich der regulären First Class wurden komfortable Sitzgruppen eingebaut, die es jedem mitfliegenden Rabbiner und seinem Hof ermöglichen, ungestört neue Strategien für die kommenden Jahre zu erarbeiten, ohne mit rivalisierenden Höfen in Kontakt zu kommen. Business, für Herren und Economy Class, für Damen, wurden durch schalldichte Türen voneinander getrennt, um der Forderung nach 100% Geschlechtertrennung Rechnung zu tragen. Die ELAL hat sogar das Video zur Sicherheit an Bord entsprechend überarbeitet.
Auf eine Rückzahlung des bei der Einwanderung nach Israel erhaltenen Begrüßungsgeldes in Höhe von NIS 18.000 (ca. 3.700 Euro) pro Person wurde seitens der Regierung großzügig verzichtet. Der Finanzminister konnte sich in diesem Punkt großzügig zeigen, nachdem ab sofort keinerlei finanzielle Unterstützung mehr an ultrareligiöse Familien gezahlt werden muss. Ein Faktor, der das Staatsbudget unglaublich entlasten wird. Dieser Betrag soll, so verkünden die alle Parteien unisono in ihren Wahlversprechen, zur Entlastung der mittleren und unteren Einkommensgruppen genutzt werden.
Die durch soziale Ungerechtigkeiten angeheizte Situation war seit dem Sommer 2011 immer wieder eskaliert und hatte am 14. Juli 2012 einen traurigen Höhepunkt erreicht, als sich ein Mann versuchte, zu verbrennen.
Damals, am 13.Juli 2012 erschien in der online Ausgabe von Ynet  ein Artikel, der die harsche Reaktion der männlichen ultraorthodoxen Bevölkerung auf die geplante Umsetzung des sogenannten „Tal Gesetzes“ thematisierte. Entsprechend diesem Gesetzesvorschlag sollten ab der Ratifizierung der Neufassung dieses Gesetzes alle Bürger des Landes unabhängig von ihrer religiösen Ausrichtung den Militärdienst absolvieren. Für die arabischen Bürger gab es die Alternative eines entsprechenden Zivildienstes.
Im Vorfeld dieser Entscheidung hatte es schon zahlreiche innenpolitische Reorganisationen gegeben. Nachdem es zunächst so schien, als ob die Regierung Netanjahu II an diesem casus scheitern würde, rettete der damalige Parteichef Mofaz (Kadima) die Regierung indem er mit seiner Partei in die Koalition eintrat und den rechten Parteien quasi das Wasser abgrub. Kurze Zeit später kam es bereits zu ersten Konflikten zwischen den neuen Koalitionspartnern, die nur mühsam wieder beigelegt werden konnten. Die neue Regierung, die in den kommenden Wochen gewählt werden wird, wird stabiler und wieder mehr im Sinne Israels sein, weil sie sich ohne die reformblockierenden und schwerfälligen Rechtsparteien präsentieren kann.
Die Reaktion der Ultraorthodoxen auf die Gesetzesnivellierung war nämlich erstaunlich und unerwartet.
Sie drohten, das Land zu verlassen, und damit den Weg für die arabische Bevölkerung frei zu machen, bald die Mehrheit an der Bevölkerung in Israel zu stellen. Umfragen aus dem Sommer 2012 belegen ganz klar, dass die Araber glaubten, ihrem Ziel, ein Großpalästina zu erschaffen, näher zu kommen, wenn sie die Bevölkerungsmehrheit im Land haben würden. Seit der ersten Auswanderungswelle vor knapp fünf Jahren ist aber eine Trendwende zu beobachten, die deutlich belegt, dass in einem modernisierten Israel die Zukunftsperspektiven für junge Paare wieder grösser sind: die Geburtenraten stiegen durchgehend von Jahr zu Jahr an, heute sind dies 4.1 Kinder pro Frau.
Die aktuelle Regierung hat auf diesen Trend bereits reagiert und im Bereich Bildung (dies bezieht sich auf alle Kinder vom Krippenalter bis zum Ende des Studiums)  deutliche Budgeterweiterungen eingeplant und die Gelder mit sofortiger Wirkung freigestellt. Schulen und Lehrer sollen so gefördert werden, dass sie wieder das Bildungsniveau erreichen, das sie in den Gründerjahren des Landes hatten.
Eine weitere Drohung der Ultras bestand darin, ihre Steuergelder einzufrieren. Ich erlaube mir hier eine Frage zu stellen: von welchen Steuergeldern spricht der Autor des Artikels? Zahlten Ultras Steuern?
Es gäbe noch viele Punkte, die diskutiert werden könnten, aber, lassen wir sie einfach so stehen. Als Stolpersteine, die ultrareligiöse Menschen einem modernen Staat in den Weg legen wollten, und die hier aufgezählt werden: keine Frauen im Militär, Studenten der religiösen Bildungsanstalten müssen auch während ihres Militärdienstes ausreichend Zeit zum Studium der Schriften bekommen, völlige Geschlechtertrennung in allen öffentlichen Bereichen…
Ich wünsche den Neu-Auswanderern viel Glück, wohin auch immer sie ihr Traum führen wird, in die Jüdische Republik Birobidjan, in der sie ihren Traum von Tevye dem Milchmann fortsetzen dürfen, oder nach Australien, wo es ihnen gestattet ist, ein Königreich zu gründen und dort auf dem Mashiach zu warten.
Die Androhung „Spaghetti aus unserem Land zu machen“ wird sich nicht bewahrheiten. Das klingt zu sehr nach Ortho-Mafia!  Das Gegenteil wird sich erweisen, und damit bin ich wieder an den Abflugates der letzten Abflüge:
Ab heute wird es spontan mehr innere Ruhe im Land geben. Keine verbohrten, ignoranten Ultras mehr in den Regierungsetagen. Keine spuckenden, prügelnden und steinewerfende Ultras. Sie werden aus allen Gremien verschwunden sein. Sicher, es wird noch einige Zeit dauern, bis sich jeder an den neuen Geist des Pluralismus gewöhnt hat, der langsam aber sicher beginnen wird, die orthodox verkrusteten Gedankengänge aufzuweichen.
Dieses neue Israel, das nicht von Heute auf Morgen entstehen kann, aber das behutsam seine Wurzeln in den Sand des Landes setzt, wird sich als starker Partner für den Frieden mit seinen Nachbarn erweisen. Ein Staat, der in sich ruht, der seinen Pluralismus leben kann, kann auch eine stabile Basis sein für den Frieden mit den Ländern ringsum.
Ein Vorzeigeobjekt dazu ist der durchaus pittoreske, aber derzeit völlig verschmuddelte Stadtteil „Mea shearim“. Vor fünf Jahren gewann ein schweizerischer Architekt die Ausschreibung. Nun, nachdem die Ultrareligiösen weg sind, kann mit der Renovation begonnen werden:
Mea shearim wird zu einem internationalen, interreligiösen und interdisziplinären Campus umgebaut werden, geplant ist, die traditionelle Hebrew University vom Mt. Scopus in das Zentrum der Hauptstadt zu verlegen.
Das letzte Flugzeug hat nun den Flughafen verlassen, und der Bericht endet mit dem Herzl Zitat: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen!“

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