Yeshayahu Leibowitz, der grosse Querdenker

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In unserer Gemeinde „VeAhavta“ – Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! –  werden regelmäßig Seminare durchgeführt.  Eines dieser hochinteressanten und lehrreichen Seminare, diesmal mit dem Titel „Jüdische Denker des 20. Jahrhunderts“, gab den Anstoß,  einige Inhalte hier zu reflektieren. Rav Abraham Isaac Kook (1865 – 1935), Martin Buber (1878 – 1965), Vladimir Zeev Jabotinsky  (1880 – 1940), Jehuda Leib Gordon (1830 – 1892), Mordechai Kaplan (1881 – 1983,) Jehoschua Heschel (1907- 1972) und Yeshayahu Leibowitz  (1903-1994) wurden thematisiert. Unerwarteter weise  begeisterte mich Leibowitz am meisten.

Warum?
Seine Gedanken, die klar auf die Notwendigkeit eines jüdischen Staates abzielen, lassen deutlich erkennen, wie tief er in der Religion und im Zionismus verwurzelt war. Und, wie ihm  zugleich bewusst  war, dass ein Übermaß an Ideologie immer schädlich ist. Ein Phänomen, das heute in vielen Bereichen, sei es in Politik, Religion oder Wirtschaft klar zu belegen ist.
Bereits 1897 war in seiner Heimatstadt der Jüdische Arbeiterbund gegründet worden, dessen Ziel es zunächst war, alle Juden in einer sozialistischen Partei zu vereinen und später, im Zuge der Russischen Revolution, Juden als Minderheitennationalität in Russland zu stärken. Jiddish sollte die Nationalsprache werden, zionistische Gedanken wurden abgelehnt, eine Emigration nach Palästina wurde als Flucht vor der Realität angesehen. Dennoch fanden sich in den Reihe des Arbeiterbundes zahlreiche überzeugte Zionisten, die in den Folgejahren nach Palästina auswanderten und dort die Vorläuferpartei zur sozialistischen Arbeiterparteigründeten.
Leibowitz erkannte, wie sehr für Juden, die Notwendigkeit eines eigenen Jüdischen Staates gegeben ist. Keine andere Religion wird seit Jahrhunderten so intensiv verfolgt. Niemand anderer, als ein Jude muss sich seit dem Jahr 70 C.E. als Verfolgter fühlen. Es gab Zeiten der relativen Ruhe, es gab Zeiten des Feuersturms. Heute müssen wir  wieder das Menetekel an der Wand erkennen.
Die biografischen Daten von Yeshayahu Leibowitzsind beeindruckend. 1903 in Riga geboren, besuchte er nur kurz eine reguläre  Schule, nachdem sein Vater das damalige Schulsystem ablehnte, brachte es aber mit Hilfe seines Privatlehrers so weit, dass er bereits mit 16 sein Studium der Philosophie und Chemie in Berlin aufnahm,  und im Alter von 21 Jahren 1924 in Philosophie promovierte. Ab 1929 folgte das Medizinstudium in Köln und Heidelberg. 1934 habilitierte er sich in Basel in Medizin und wanderte im selben Jahr nach Palästina aus. Zwei Jahre später, 1935 trat er in die Hebrew University ein, erhielt dort 1941 einen Lehrstuhl für Biochemie und wurde 1952 zum ordentlichen Professor für organische Chemie und Neurophysiologie ernannt. Auch nach seiner Emeritierung 1970 lehrte er weiterhin Philosophie und Wissenschaftsgeschichte.
Ein Wissenschaftler durch und durch. Jemand, für den es keinen Widerspruch darstellte, einerseits als tiefreligiöser orthodoxer Jude die Mitzwotbuchstabengetreu einzuhalten und keinen Zweifel  an den Inhalten der Thora zu haben, und auf der anderen Seite als moderner Wissenschaftler, die weltgeschichtliche Evolution und die Folgerungen Darwins zur „Entstehung der Arten“ als erwiesen anzusehen.
Leibowitz war in seinen Ansätzen so rigide, dass er das Judentum auf das Einhalten der  Mitzwot reduzierte. Dies, ohne ihren „tieferen Sinn“ auch nur ansatzweise zu hinterfragen. Ein „glauben an Gott“ gab es für ihn nicht, in dieser Formulierung sah er den Versuch, das Göttliche zu personifizieren, obwohl es explizit nichtstofflich ist.
Für Leibowitz findet die einzige Kommunikation zwischen Gott und dem Menschen ausschließlich in der Erfüllung der Mitzwot statt. Diese einzuhalten obliegt dem  freien Willen der Menschen. Wer Jude ist und wer nicht, definiert sich also, entsprechend seinen Definitionen über den freien Willen und die Bereitschaft, die Mitzwot, sowie die Vorschriften der Halacha zu befolgen.
Die Einhaltung der Shabbatruhe war für ihn von höchster Bedeutung. Wurde er aber gefragt, ob es als Mediziner einen ernsthaft erkrankten oder gar vom Tode bedrohten Menschen behandeln würde, so war seine Antwort ein klares Ja. Mit welcher Begründung? Durch die medizinische Behandlung würde ein Mensch gerettet, der dann seinerseits in der Lage wäre, noch viele Shabbatot einzuhalten. Für ihn stand dieses Mehr an ermöglichten zukünftigen Shabbatruhen klar über dem bewussten und berechtigten Brechen dieses einen Shabbat.
Beten ist eine Mitzwa. Versuche, Gott mit Gebeten in die eine oder andere Richtung umzustimmen oder zu beeinflussen, ist heidnisch. Gebete, die Gottes Entscheidungen akzeptieren, sind wie Kants kategorischer Imperativ, die Essenz der Moralität.
So einfach ist das laut Leibowitz.
Wäre  das der ganze Hintergrund seiner Philosophie, so wäre es kein Grund, darüber länger nachzudenken. Das ist alt und bekannt. Das ist, wenn auch vielleicht ein bisschen moderner formuliert, Orthodoxie.
Aber Leibowitz fordert mehr: 
Er fordert die strikte Einhaltung von allen  Mitzwot, ohne sie auch nur im Geringsten in Frage zu stellen.
Warum darf ich nicht Fleisch und Milch mischen? – Es ist so geschrieben!
Warum darf ich nicht Wolle und Leinen in einem Stoff mischen? – Es ist so geschrieben!
Warum soll ich den Schabbat heiligen? – Es ist so geschrieben!
Viel stärker und  nachhaltiger von den Auswirkungen  her  ist seine Gegenüberstellung: Notwendigkeit  vs. Werte.
Leibowitz sah die Staatsgründung Israels als kollektive Notwendigkeit als „Fluchthafen“ für das jüdische Volk durchaus als notwendig an. Als frühes Mitglied der Misrachi Bewegung, die  Zionismus und Judentum miteinander verbindet, konnte  er seine politischen Ideen mit denen des modern-orthodoxen Judentums verbinden. In dieser Bewegung sah er auch seine Ideale der absoluten Beachtung der Gebote verwirklicht.
Worin liegt nun das Radikale in den  Ansichten Leibowitz?
Unmittelbar nach dem Ende des 6 Tage Krieges, jenem Krieg um dessen Waffenstillstandslinien heute die Araber heftig streiten – sie nennen sie die „Grenzen vor 1967“ (auf google earth werden diese Grenzen als „ 1949 Armistice Agreement Line“ bezeichnet – welche Irreführung und Verfälschung!) erkannte er, dass das WJL nicht von Israel gehalten werden sollte und konnte.
Seine Theorie war: wer ein Stück Erde, auf dem  irgendeinmal etwas Historisches geschah, so hoch bewertet, dass er es um jeden Preis behalten oder zurückgewinnen will,  verwechselt die Notwendigkeit des sicheren Ortes mit einer Überbewertung und fällt dem Nationalismus anheim.  Dies warf er, selber orthodox, den national-orthodoxen Siedlern vor, und, wie ich finde, zu Recht.
Er ging noch einen Schritt weiter: durchaus überzeugt  von der Notwendigkeit eines jederzeit verfügbaren,  zu Verteidigungszwecken bereiten schlagkräftigen Heeres, warnte er vor der Überbewertung der IDF generell: er sah die Gefahr des Militarismus.
Und wer, so seine Ansichten einen starken Staat fordert, ohne sich selbst seiner Verantwortung dem Staat gegenüber bewusst zu werden,  der leistet dem Faschismus Vorschub.
Leibowitz war kein bequemer Denker, im Gegenteil, er legte seine Finger immer genau dahin, wo es am meisten schmerzte, ein Querdenker!  So forderte er auch unmittelbar nach der Staatsgründung eine klare Trennung zwischen Staat und Religion.
Mit einer für seine Zeit großartigen Weitsicht, die aus seinem religiös rigiden  und gleichzeitig politisch und menschlich offenen Weltbild entstehen konnte, ahnte er zahlreiche Probleme voraus, mit denen Israel heutzutage, von innen begründet und von außen aufgezwungen zu leiden hat.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

4 Antworten zu “Yeshayahu Leibowitz, der grosse Querdenker

  1. Anonym

    Es lohnt sich das Buch mit dem Gespräch mit Michael Shashar (http://www.amazon.de/Gespr%C3%A4che-%C3%BCber-Gott-die-Welt/dp/3458332685/ref=sr_1_4?s=books&ie=UTF8&qid=1341770539&sr=1-4)zu lesen. Es ist eine Art Zusammenfassung der Gedankenwelt von L.
    Uri Russak

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  2. Anonym

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  3. Anonym

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    Ich kann nur sagen: Weiter so!

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