Sport und Thora – wer wird die Rechnung zahlen?

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Die olympischen Spiele in London stehen kurz bevor. Die letzten Bemühungen, unser olympisches Kader zu formen, laufen auf Hochtouren.
1972 wurden von den 14 Teilnehmern Israels in München  bei den Spielen, die als „fröhliche Spiele“ in die Geschichte hätten eingehen sollen, 11 Opfer des palästinensischen Terrors. 36 Jahre nach der Olympiade von Berlin wollte sich Deutschland von seiner besten, spielerischen Seite zeigen.  Die der heutigen PLO nahestehende Terrororganisation „Schwarzer September“ verhinderte  das auf grauenhafte Weise.
Nun stehen die nächsten Sommerspiele kurz bevor. Doch schon knapp 1 ½ Monate vor der Eröffnungsfeier scheint nicht nur London, sondern ganz Großbritannien  an den selbstverordneten Sicherheitsmaßnahmen zu scheitern: „Nichts geht mehr!“ heißt es bereits jetzt bei der Einreise auf die Insel, die zuletzt von Wilhelm dem Normannen im Jahr 1066 erobert wurde.
Dabei sein ist alles, hoffen wir doch einfach, dass es gute Spiele werden, mit fairen Konkurrenzen im Sinne Pierre de Coubertins.
Warum jetzt hier das Thema Sport und Thora?
Vor knapp zwei Wochen stand im Botschaftsbrief der Israelischen Botschaft in Berlin eine Nachricht, die  einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung in Israel begeisterte!
Erstmals in der Geschichte des Staates Israel, so stand zu lesen, sollten Nicht-orthodoxe Rabbiner, die einer konservativen (Masorti) oder in einer Reform Gemeinde als Gemeinderabbiner vorstehen, vom Staat bezahlt, und auch als ordentliche Rabbiner anerkannt werden. Bisher musste die jeweilige Gemeinde den Rabbiner selbst mit den Jahresbeiträgen der Mitglieder und mit Spenden finanzieren. Ihre orthodoxen Kollegen hingegen sind Staatsangestellte und werden auch entsprechend bezahlt.  Ein Missstand, der dazu führt, dass zahlreiche kleinere Gemeinden sich keinen eigenen Rabbiner leisten können.
Welch großartiger Sieg in einer Sache, die doch eigentlich selbstverständlich sein sollte!
Um die Freude zu verstehen, muss man wissen, dass  es den „Nicht-orthodoxen“ Rabbinern bisher nicht möglich war, Trauungen vorzunehmen, Übertritte zu begleiten, die auch von der obersten religiösen Instanz anerkannt wurden oder Beisetzung von Gemeindemitgliedern zu leiten. Da durfte der Gemeinderabbiner nur Gast sein. Ein im Jahr 2012 unhaltbarer Zustand.
Die Freude wurde aber beim intensiveren Nachlesen nachhaltig gestört. Was der Botschaftsbrief verschwieg, es gibt Einschränkungen: israelweit wird es nur 15 Rabbiner geben, die davon profitieren werden. Wer sie sein werden, wie sie ausgesucht werden, davon ist noch nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. Festzustehen scheint nur, dass die glücklichen Gemeinden nicht in Großstädten zu finden sein werden, sondern eher in landwirtschaftlich genutzten  bzw. in siedlungsschwächeren Regionen. An den Befugnissen wird sich, entsprechend den verquasten Vorstellungen der Orthodoxen und Ultraorthodoxen  nichts ändern. Unsere nicht-orthodoxen Rabbiner sind und bleiben in den Augen der bigotten alten Männer also nach wie vor Rabbiner zweiter Klasse. (Ja, auch etliche dieser Mummelgreise leiden am Pattex Syndrom und haben Angst um ihre Pfründe und ihre Macht!!!)
Und nun kommt der Hit schlechthin, der auch erklärt, warum die Überschrift hier Sport und Thora heißt.
Gezahlt werden sollen die in den Augen der selbsternannten Religionswächter dann neo-semi-koscheren Rabbiner nicht vom Religionsministerium, nein, sie sollen dem  Ministerium für Kultur und Sport unterstellt werden!
Dem Ministerium, das gerade von einer erklecklichen Zahl von Buchautorenaufgefordert wurde, endlich die Buchpreise zu regulieren und ihre Tantiemen festzusetzen. Derzeit kämpfen die Hunger leidenden Literaten unter dem kartellartigen Billigheimersyndrom der beiden Ketten Steimatzky und Tzomet. (Das gilt aber nur für einheimische Bücher, bei den ausländischen Zeitschriften verlangen sie Wucherpreise, die wir zähneknirschend zahlen! Der Spiegel zB, kostet hier umgerechnet 11 Euro.)
Die dem Ministerium vorstehende Politkerin Limor Livnat hat derzeit Wichtigeres zu tun, als sich mit einem ihr völlig fernstehenden Thema wie Religion zu beschäftigen. Sie muss schauen, wie die israelischen Olympioniken finanziert werden. Der auch im Ausland bekannte Lebensmittelhersteller Osem wollte gegen eine Spende in Höhe von $ 40.000 an das NOC sein Bamba-Baby als offizielles Olympiamaskottchen auf die Reise schicken. Dies wurde abgelehnt, die Spende bleibt. Ob der „gewaltigen“ Summe, die der Großkonzern  zu zahlen gewillt war, kann man nur sagen. „Nebbich“.
Das ist also das spektakuläre und inhaltsschwere Umfeld, in dem sich die Ministerin bewegt.
Ernsthafte Überlegungen überfordern wahrscheinlich die Kompetenz dieses Pseudoministeriums, das noch nicht einmal auf der offiziellen Seite der Ministerien auftaucht.
Welche chuzpa!
Nun ja, schauen wir doch mal, welche Sportarten durchaus schon in Thora Erwähnung fanden. Vielleicht lässt sich ja doch noch was daraus machen, was irgendwie politisch korrekt ist!
Am bekanntesten ist wohl die die Figur des kleinen Buben, der es bis zum König bringen sollte: David meets Goliath, vergleichbar dem Kugelstoßen. Oder der ruhmlose Untergang der Streitwagen Pharaos am Schilfmeer, ist dies nicht vergleichbar mit den Wagenrennen der frühen olympischen Spiele? Die „Reise“ Jonas im Maul des Fisches, ist das nicht ein wunderbares Bild für einen heute so alltäglichen Versuch, neue Rekorde beim Segeln anzupeilen? Die Durchquerung des Schilfmeeres als Vorläufer des Hürdenlaufs? Jakobs Kampf mit dem Engel, ein Vorläufer des Kampfsports? Moses‘ Besteigung des Berges Sinai als Meilenstein für Freestyle climbing?
Beispiele hat es im Buch der Bücher noch mehr, ein Zusammenhang zwischen Sport und Thora ist also so abwegig nicht!
Auch das Judentum ist Veränderungen unterworfen, ist moderner und zeitnaher geworden. Allerdings hat diese Modernisierung nichts an den Vorschriften geändert, die Halacha ist nach wie vor die Grundlage für das religiöse und weitgehend auch für das säkulare Leben von uns Juden (zumindest, wenn wir in Israel leben, im Ausland gelten natürlich die jeweiligen Verfassungen und Rechtsgrundlagen für den säkularen Bereich).
Die bisher gehandhabte Ungleichstellung durch eine Minorität, schreit zum Himmel. Daher versuchen sich die konservative Masorti Bewegung und die reformierten Juden in Israel seit einigen Jahren gegen das, was passiert, zu wehren: rein zahlenmäßig stellen diese beiden Strömungen in Israel eine Mehrheit der religiösen Juden dar. Bei den Reformierten kämpfen 30 Rabbinerinnen und ihre 60 männlichen Kollegen um einen Listenplatz, sie vertreten 40 Gemeinden im Land. Masorti stellt knapp 60 Gemeinden, die Zahl der Rabbiner und Rabbinerinnen liegt deutlich darüber.
Doch kaum liegen die Anträge auf dem Tisch, melden sich wortgewaltig inoffizielle Sprecher der Orthodoxen zu Wort. Inhaltsschwere Sätze hallen durch die Medien und werden in die Köpfe ihrer Anhänger gehämmert, um von diesen im Schneeballprinzip weitegetragen zu werden. Am eindrücklichsten fasst es ein anonymer(!) Rabbiner zusammen: “Die Reformjuden sind keine Juden, Christen oder Moslems – dies ist eine neue Religion, die nichts mit der Bibel zu tun hat. Sie halten sich an keine Gebote, also wieso können sie Rabbiner genannt werden und eine staatliche Bezahlung erhalten“ Dieser Anonymus hat es wirklich geschafft, alle Vorurteile, Anwürfe und Diffamierungen gegen reformierte und konservative Juden in einen Satz zu packen. Wahrscheinlich, ohne jemals einen Gottesdienst in einer ihrer Gemeinden besucht zu haben!
Warum muss ein nicht orthodoxer religiöser Jude hier in Israel aus der eigenen Tasche seinen Gemeinderabbiner zahlen und mit seinem Steuergeld auch noch die der rückwärtsdenkenden alten Männer, die sich Rabbiner nennen dürfen und in abgehobener Art in ihren Gemeinden Hof halten, statt wirkliche religiöse Lehrer und Vorbilder zu sein?
Shabbat shalom!


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