Eine emanzipierte Frau zur Zeit der Renaissance

ב“ה
Zur Zeit der Hoch- und Spätrenaissance erlebte Europa eine Blüte von Kunst und Kultur.
Die wohl bekanntesten Bilder/Statuen dieser Epoche in Europa sind: Leonardos „Mona Lisa“ und „Das Abendmahl“, Michelangelos „David“,  „Moses“ und „Die Erschaffung Adams“. Die Architektur dieser Zeit prägt bis heute die Zentren der Städte: Rom (Petersdom), Florenz (Dom), London (Westminster Abbey), Loiretal (Schloss Amboise), Köln (Rathaus). Literarische Spuren aus dieser Epoche hinterließen u.a.:  William Shakespeare, Torquato Tasso, Francois Rabelais, Erasmus von Rotterdam.
Die Vormacht der Katholischen Kirche in Europa erlitt durch Luther einen ersten herben Rückschlag, dem nur wenige Jahre später durch die Abspaltung der Anglikanischen Kirche ein zweiter folgte. Parallel zur großartigen Entwicklung von Kunst und Kultur in Europa gab es jedoch auch eine weitere, menschenverachtende Entwicklung in Europa.
In Teilen Europas loderten die Scheiterhaufen. Die Inquisition überzog, ausgehend von Spanien, Portugal und Teile Italiens. Etwa 90% der durch die Kirche Ermordeten waren zwangskonvertierte Juden, die Conversos. Zeitgleich mit Kolumbus‘ erster Entdeckungsfahrt verließen 160.000 Juden Spanien, 90.000 von ihnen flohen in die Türkei, 25.000 nach Holland, 20.000 nach Marokko, je 10.000 nach Italien und Frankreich und 5.000 nach Amerika.
Das Osmanische Reich erblühte zur Zeit Süleyman I. zu seiner größten geographischen Ausdehnung und erlangte höchste politische Anerkennung der europäischen und nahöstlichen Politik seiner Zeit.
Tiberias am See Genezareth gehörte, so wie die gesamte Region seit 1517 zum Osmanischen Reich und wurde erstmals seit seiner Zerstörung 1247 wieder nachhaltig besiedelt. 1561 fielen Tiberias und einige kleinere Orte in der Umgebung durch ein Dekret von Süleyman I. an Joseph Nasi, den Herzog von Naxos, einen vor der Inquisition aus Portugal geflüchteten Juden.
In diese Zeit hineingeboren wurde Dona Gracia Mendes Nasi 1510 in Portugal als Beatrice de Luna Miques.
Ihre Eltern waren Conversos, die ihren Glauben, ihre Kultur und ihre Traditionen im Geheimen weiter lebten und daher unter ständiger Beobachtung der Inquisitionsschergen standen. Ihre Heirat mit Francisco Mendes begeht sie zunächst prunkvoll mit einer christlichen Zeremonie und anschließend im Familienkreis mit der traditionellen jüdischen Feier. Zwei Jahre später kommt ihre Tochter Reyna zur Welt.
Die Not der Juden und der Conversos in Spanien wird zunehmend grösser, viele von ihnen fliehen nach Portugal. In Spanien werden ihre Vermögen konfisziert, ihre Bürgerrechte werden beschnitten und sie leben mit der ständigen Bedrohung angezeigt zu werden.
Familie Mendes ist zunächst noch nicht unmittelbar von der Inquisition bedroht, beschließt aber, ihren Einfluss und ihr Vermögen zu nutzen, um ihren Glaubensgenossen ihr Schicksal zu erleichtern. Die erste Vereinbarung von mehreren zwischen dem jeweiligen Landesoberhaupt und der Großhandelsfamilie wird abgeschlossen, zum Nutzen für beide Seiten. Die Finanzierung des Krieges hilft dem Monarchen, die gewährte besondere Abfertigung der Handelsschiffe hilft dem Handelshaus. 
Mit seinen Bruder Diogobeginnt Francisco quasi unter den Augen Kaisers, Flüchtlinge aus Portugal auf den Schiffen nach Antwerpen zu schmuggeln.
Kurz nach dem Tod ihres Mannes flieht Gracia, gemeinsam mit ihrer Tochter und  ihren Neffen Joseph und Samuel nach Antwerpen zu ihrem Schwager Diogo, der bald erkennen muss, dass Gracia mit ihren 50% des Familien- und Firmenvermögens auch als gleichberechtigte Partnerin anerkannt werden will. Ihre Zusammenarbeit funktioniert nur, weil sie ein gemeinsames Ziel haben, möglichst viele Juden aus den Klauen der Inquisition zu retten.
Dies wird immer schwerer, besonders, als England einen Boykott der Schiffe aus Portugal durchsetzt. Das neue Ziel der Rettungskationen ist zunächst Venedig. Gracias Plan, nach Konstantinopel zu gehen, scheitert an Diogos Weigerung, das Firmenvermögen zu halbieren.
Gracia steht unter andauerndem Verdacht, Conversos zu retten, aber es werden keine Beweise gegen sie gefunden. Ihr Neffe Samuel jedoch wird festgenommen und nennt Diogo als Drahtzieher der Rettungsaktionen. Darüber hinaus wird ihm vorgeworfen, nicht unerhebliche Geldsummen von Conversos nach Konstantinopel transferiert zu haben und mit Süleyman gegen die Niederlande zu paktieren. Dabei ist es ihr Neffe Joseph der beginnt, Verbindungen zum Osmanischen Hochadel zu knüpfen. Die Mendes Schiffe liegen im Hafen von Lissabon fest, unzählige Menschen drohen auf ihnen zu sterben.
Nun gerät auch Reyna ins Blickfeld der Intrigen; im Gegenzug zu ihrer Verlobung mit  Franz von Aragon, einem Günstling Karls V. und erbitterter Feind der Juden, soll Diogo aus der Haft entlassen werden.
Diesmal scheint der Preis zu hoch! Es gelingt ihr gerade noch, Reyna mit ihrem Bräutigam Joseph zu retten und auf den Weg nach Venedig zu schicken. Diogos Ehefrau und ihre Tochter verlassen zeitgleich Antwerpen Richtung Aachen, um von dort aus ebenfalls nach Venedig weiter zu fliehen. Der Preis für die Flucht sind die nun uneinbringbaren Schulden, die das Königshaus an die Firma Mendes hat, ein nicht unerheblicher Betrag.
Diogo wird in Antwerpen wegen Hochverrats hingerichtet. Sein Testament entzweit die Familie: Alleinerbin ist Gracia, die auch Vormund seiner Tochter werden soll. Joseph Nasi soll ihr in allen geschäftlichen Belangen zur Seite stehen. Seine Frau, Gracias Schwester soll ihre Mitgift zuzüglich aller Zinsen und Zinseszinsen erhalten, sie steht damit quasi unter der Vormundschaft ihrer Schwester.
Gracia nimmt  ihre Tätigkeiten von Venedig aus unmittelbar nach ihrer Ankunft dort wieder auf.
Doch auch Venedig ist kein Refugium auf immer. Zum einen beginnt auch hier die Inquisition zu greifen, die Niederlassung der Firma Mendes muss nach Ancona verlegt werden, dem einzigen inquisitionsfreien Hafen in Italien. Nicht die Dominikaner sind es, die Gracia brennen sehen wollen, es ist Brianda, die ihre Schwester bei der Inquisition anklagt. Brianda will nur eines: 100% des Familienvermögens an sich reißen.
Im Frühling 1554 ist sie fast am Ziel. Sie bittet den Sultan in Konstantinopel, die Hoheitsrechte an Tiberias erwerben zu dürfen. Tiberias war lange Zeit das Zentrum Jüdischer Forschung und Hochkultur; Maimonides, einer der größten Denker seiner Zeit wurde dort beigesetzt.
1557 heiraten Reyna und Joseph. Als Süleyman 1566 stirbt, wird Joseph von Selim II. zum Herzog von Naxos und Herrn von Tiberias ernannt.
Es ist nicht bekannt, ob jemals ein Mitglied der Familie Mendes-Nasi in Tiberias war. Gracia verstarb 1569 bei Konstantinopel, Joseph 1579 in Istanbul.
Gracia Mendes-Nasi war vielleicht die bedeutendste Frau ihrer Zeit. Ähnlich selbstbewusst trat Christine de Pizan (1365 – ca. 1430) auf, der es als erster Frau gelang, nach dem Tod ihres Mannes ihre Familie durch einen Beruf selbst zu erhalten.
Bekannte und überaus bedeutende Jüdinnen der Moderne sind leichter zu finden: Anna Freud, Hannah Arendt, Elfriede Jelinek, Golda Meir,  Rosa Luxemburg, Nelly Sachs, Nadine Gordimer, Regina Jonas…… die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s