Zweierlei zum Thema Solarstrom – oder: Profilieren durch Voreingenommenheit

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Vor dem eigentlichen Beitrag ein paar Grundlagen. Israel umfasst eine Gesamtfläche von 20.770 km2,  davon stellt die Wüste Negev mit ca. 61% die größte Landfläche dar. Ca. 180.000 Beduinen leben in Israel, davon ca. 2/3 in der Wüste Negev, 10.000 in Zentralisrael und ca. 50.000 im Norden. Es gab immer wieder Versuche, diese teils halbnomadisch und teils völlig nomadisch lebende Minderheit in eigens für sie gebauten Städten anzusiedeln, aber nur ca. 50% haben das Angebot derUrbanisierung angenommen. Leider rangiert die beduinische Bevölkerung deutlich am Ende der gesellschaftlichen Skala, vor allem in den Bereichen: Bildung, Gesundheitswesen, soziale Sicherheit. Obwohl Bildungs-, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen kostenlos verfügbar sind, werden sie leider nur in geringem Ausmaß genutzt! Die beduinische Minderheit ist völlig akzeptiert, die Männer leisten ihren Militärdienst und sind im diplomatischen Corps vertreten. Ca. 17.000 Beduinen leben in der Westbank und in Gaza.  
Der zweite Punkt behandelt die Eigentumsverhältnisse von Grund und Boden im heutigen Israel. Nach der Staatsgründung übernahm Israel fast 1:1 die Eigentumsverhältnisse des osmanischen Reiches. Das bedeutet, dass auch heute noch der Staat der größte Grundbesitzer ist. An zweiter Stelle rangiert die KKL Stiftung, gefolgt von privaten Großgrundbesitzern à la Rothschild Stiftung und erst danach kommen langsam die kleinen Grundbesitzer, vom Kibbuz und Moschaw bis hin zum „Häuslebauer“. Nicht zu vergessen, die Kirchen, die in einigen Regionen (Nazareth, Jerusalem, rund um den See Genezareth…) als bedeutende Großgrundbesitzer (nicht aber Steuerzahler!) angesehen werden können.
Knapp 50% der beduinischen Bevölkerung, die in sogenannten „nicht bewilligten“ Siedlungen leben, haben keinen Anspruch auf kommunale Leistungen, insbesondere nicht auf einen Anschluss an das nationale Strom- und Wassernetz, oder an die Anbindung an die regionale Müllabfuhr.
Der dritte und letzte Punkt geht zurück auf die Oslo Abkommen, das die Westbank in drei „Gruppen“einteilte:
A-Gebiete (18% des Gesamtgebiets, über 50% der Gesamtbevölkerung) unter palästinensischer Zivil- und Sicherheitsverwaltung
B-Gebiete (20% des Gebiets, über 40% der Bevölkerung) unter palästinensischer Zivilverwaltung und gemeinsamer israelisch-palästinensischer Sicherheitsverwaltung
 C-Gebiete (62% des Gebiets, ca. 6% der Bevölkerung) unter fast voller  israelischer Zivil- und Sicherheitsverwaltung
So, und nun zum Thema.
Zwei Artikel aus völlig anderen Quellen, aber ähnlichen Inhalten  veranlassten  mich, doch mal ausführlicher nachzuforschen.
Der erste Artikel, vom 13.02.2012, berichtete, dass seitens der für die Stromversorgung zuständigen Behörde die Bewilligung für den Ausbau einer Solaranlage erteilt wurde, die im Endausbau 31 Megawatt produzieren soll. Die Anlage, die vom israelisch-amerikanischen  Unternehmen AravaPower  errichtet wird, steht auf zu 100% im Privatbesitz des Tarabin Stammes befindlichem Land.  Die Kosten von ca. 30 Millionen $ werden zu 80% mit Geldern aus den USA bezahlt. Mit der Inbetriebnahme der Anlage wird sich die wirtschaftliche Situation der Beduinen in dieser Region deutlich verbessern. Der GEO von AravaPower sieht es als Ziel seines Unternehmens an, langfristig 10% der Stromversorgung für Kibbuzim, weitere Beduinen Stämme und private Landeigentümer, vor allem im Süden abdecken zu wollen. 
Der zweite Artikel fand sich am 16.02.21012 auf der Startseite von spon, wurde aber schnell nach hinten verschoben. Ohne Kommentarfunktion, einfach nur ein Artikel, von Juliane von Mittelstaedt, die in den letzten Jahren immer wieder durch ihre konsequent einseitige Berichterstattung aus Israel auffiel.
Was ich dort vermisse, ist das, was ich allen Schülern gnadenlos abverlange: die Quellenangabe, wenn man sich schon mit fremden Federn schmücken will. Verlinkt werden in ihrem Artikel nur drei Begriffe: Gaza, Benjamin Netanjahu und Westjordanland. Warum wohl gerade diese drei?
Liest man ihren Artikel, so wird einem warm ums Herz. Man glaubt, die Glöcklein der Ziegen und Schafe zu hören und spürt die letzten warmen Sonnenstrahlen, bevor es dunkel wird, in den Bergen südlich von Hebron; im C-Gebiet.
Frau Mittelstaedt hat sich inspirieren lassen von den Initiatoren des Projektes:
„Wadha An-Najjar stößt den an der Decke hängenden Sack aus gegerbter Ziegenhaut, der frische Ziegenmilch enthält, mit kräftigen Bewegungen hin und her. So lange, bis die flüssige Milch zu Joghurt oder Butter gerinnt. Diese anstrengende, langwierig anmutende Tätigkeit ist für sie Routine. Aber seit sie und ihre Familie über Strom in ihrem Zelt verfügen, muss sie diese nicht täglich ausüben, sondern kann die frisch produzierte Butter oder den Joghurt aus Schafsmilch, den die Familie auf dem Markt verkauft, kühl stellen. Neben dem Kühlschrank steht ein Fernsehgerät, und in den langen Winterabenden kann sich Wadha jetzt die geliebten jordanischen TV-Serien über Beduinenfamilien anschauen, während die Kinder auch nach Sonnenuntergang ihre Hausaufgaben machen können, bevor die gesamte Familie beim Abendbrot das Brot, das sie essen, auch sehen können.“
Im spon tönt es – nicht überraschend – ähnlich
„Die Frauen müssen ihre Butter nicht mehr von Hand schlagen, sie können den Schafskäse, von dessen Verkauf sie leben, im Kühlschrank aufbewahren; die Kinder können abends Schulaufgaben machen. Und alle zusammen können sie Fernsehen schauen und Anschluss an die Welt finden, die vom Rand der judäischen Wüste aus betrachtet weit weg erscheint. Es ist eine kleine Revolution für wenig Geld, ein gutes Beispiel für gelungene Entwicklungshilfe.“
Aber nicht nur das. Die Bilder in ihrem Artikel vermitteln ein verzerrtes Bild. Die arabischen Beduinen, die sich selber übrigens nicht zu den Palästinensern zählen, stellen in den C-Gebieten südlich von Hebron eine Minderheit von ca. 1500 Menschen dar, die traditionell in Zelten, resp. Wohnhöhlen leben. Eine Baubewilligung brauchen sie für ihre seit Urzeiten selbstgewählten Behausungen nicht. Wohl aber für Solaranlagen, die gutmenschige israelische Aktivisten dort installiert haben. Ich habe leider nirgendwo die Information gefunden, wer um die Bewilligung angesucht hat. Möglicherweise hat man es einfach „drauf ankommen lassen“, ich kann es nicht belegen, aber: honi soit, qui mal y pense!
Ja, es gibt sie leider, die Bestrebungen, die illegal errichteten Solaranlagen wieder abreißen zu lassen, ein ähnliches Schicksal drohte schon einmal einer von Spanien finanzierten und errichteten Anlage. Sie steht jedoch noch immer und liefert weiterhin Strom.
Es ist doch zu passend, genau an dem Tag, als in Gaza die Stromversorgung zusammenbrach, nachdem  Ägypten die Lieferungen dorthin eingestellt hatte – und man schon von einem Missmanagement der Hamas flüsterte, war es einigen online Medien kein einziges Wort wert, darüber zu berichten. Die Schuldigen konnten für einmal nicht in Israel gefunden werden, schade!
Wie schön, dass sich stattdessen die anrührenden Bilder und Worte fanden, mit dem Finger auf einen – zugegebenermaßen äußerst ungeschickten Vorfall zu zeigen: Israel beim gescheiterten Versuch, die geltende Rechtsordnung wieder herzustellen, der Unmenschlichkeit anzuklagen.


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