Verrückte Welt!

Gerade hat sich unser Magen nach dem 25 Stunden Fasten von Yom Kippur wieder gefüllt, so kommen auch schon wieder die ersten kräftigen Hiebe auf den selbigen.
Militär, Polizei und Magen David adom (unser Gegenstück zum Roten Kreuz) waren über Yom Kippur in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden.  Die Erinnerung an den Beginn des Yom Kippur Krieges am 06.10.1973 ist hier im Land immer noch präsent.
Für das Militär gab es heuer gottseidank nichts zu tun.

Deutlich gefragt war die Hilfe der Paramedics, die bei knapp 2200 Einsätzen keine Langeweile empfunden haben dürften!

Was mich gestern am Vormittag ungeheuer aufregte, war der Bericht, dass in Yaffo sowohl  auf einem moslemischen, als auch auf dem christlichen Friedhof Gräber geschändet worden waren.  „Tod den Arabern“ war dort zu lesen, ebenso „Tod den Russen“. Die Reaktion darauf erfolgte unmittelbar.  Wenige Stunde nach Bekanntgabe des nicht nur provokanten, sondern auch abscheulichen Vorfalls, wurde eine Brandbombe auf eine Synagoge geworfen.  Erste Vermutungen, es handele sich um  die Tat einer rechtsradikalen Gruppe, wurden bald zu Gunsten einer ganz anderen Vermutung verworfen. Nachdem in Bat Yam, südlich von Tel Aviv weitere anti-arabische Graffitis gefunden wurden, die lauteten: „Maccabi Haifa doesn‘t want Arabs on the team,“  und „Rabbi Kahane was right.“ ging die Spur in eine ganz neue Richtung.  Logisch, dass Maccabi Haifa mit einer Erklärung nicht  lange wartete.

Eine Verbindung mit dem Anschlag auf eine Moschee in Obergaliläa wurde natürlich auch sofort  hergestellt.

Die Stimmung in Yaffo war angespannt, doch es scheint, dass es besonnenen Menschen auf beiden Seiten halbwegs gelungen ist, weitere Ausschreitungen und Aggressionen für den Moment zu verhindern.

Was mich allerdings an den ganzen Berichten irritiert: Laut Zeitungsberichten wollten 58% aller jüdischen Mitbürger das Yom Kippur Fasten einhalten und auch, zumindest teilweise an den langen Gottesdiensten teilnehmen. Der öffentliche Verkehr ruhte von Freitag 11:30 bis Samstag  19:15 und auf den Straßen sah man, bis auf die wenigen Ambulanzen praktisch keine Autos.  Religiöse Juden fallen aus diesen Gründen als „Täter“ wohl aus, in Tel Aviv findet man eher die linke, säkulare Szene, die keine nationalistischen Anschläge auf dem Programm hat.  Soll da jemand, resp. eine  Gruppe zum Sündenbock gemacht werden?

In Teilen Israels hat die Olivenernte begonnen. In unserer Region ist es üblich, große, weiße Tücher unter den Bäumen auszubreiten, auf die die reifen Früchte, die quasi aus dem Baum „gekämmt“ werden, fallen.  In Itamar, der Welt seit der grausamen Ermordung der Fogel Familie im März dieses Jahres im Bewusstsein, prallten zwei unversöhnliche Seiten aufeinander:  weitläufig mit den geständigen und verurteilten Mördern Amjad und Hakim Awad verwandte Palästinenser wurden von aufgebrachten Siedlern mit Steinen und Schreien begrüßt, und wehrten sich mit eindeutigen  Gesten und Drohungen.  Erst das Einschreiten von IDF, Polizei und Grenzwache konnte Schlimmeres verhindern. Der Ortsvorsitzende der Siedler betonte den allgemeinen Unmut, dass es der Familie Awad zugestanden worden sei, in unmittelbarer Nähe der Siedlung Oliven auf ihren – nota bene – eigenen Feldern zu ernten. Dies sei für die Überlebenden  der Fogel Familie unzumutbar.  Eine Militärsprecherin hingegen sah den Vorfall unverkrampfter: es sei in jedem Jahr  so, dass der Beginn der Olivenernte Anlass zu Ausschreitungen böte, nun habe man die „Streithähne“ aber getrennt  und werde dafür Sorge tragen, dass die Olivenernte – oft  die einzige Einkommensmöglichkeit für ganze Familien – ungehindert fortgesetzt werden könne.
Hatte unser PM Bibi Netanyahu die Hoffnung, dass Yom Kippur einen für die Kollation strittigen Punkt vergessen lassen würde, er wurde enttäuscht! Die Trajtenberg Empfehlungen, von ihm selber als Reaktion auf die sozialen Unruhen im Land in Auftrag gegeben und außergewöhnlich pünktlich vorgelegt, sorgten in der Koalition für Aufsehen. Fühlten sich Schas und Israel Beteinu vor der Abstimmung übergangen und reklamierten, sie hätten das Papier noch nicht einmal vorgelegt bekommen, so beklagte Verteidigungsminister Barak heftig die darin für sein Budget vorgesehen Kürzungen. Es ist, wie es immer ist, wenn es um großangelegte Änderungen, besonders im  staatlichen Budgetbereich geht: die einen empfinden die vorgeschlagenen Maßnahmen als zu scharf, den anderen sind sie nicht umfassend genug.  Und so war es nicht verwunderlich, dass es zwar zu einer Annahme des Dokuments kam, einige Koalitionspartner darin aber gleich wieder eine Nagelprobe für die Regierung sahen.  In einigen Krankenhäusern spitzt sich die Situation leider zu, ein Großteil der Turnusärzte erscheint derzeit nicht zum Dienst oder hat die bestehenden Verträge gekündigt, wodurch es zu Engpässen in der medizinischen Versorgung kommen kann, insbesondere, nachdem sich auch ein Teil der Ärzte immer noch im Streik befindet.

Einen ganz anderen Streik gibt es in einigen israelischen Gefängnissen.  Von den in Sicherheitsabteilungen untergebrachten 6000 Palästinensern befinden sich knapp 300 seit Ende September im Hungerstreik. Sie  begründen den Streik damit, dass  die Haftbedingungen für sie schlechter sind, als für andere Strafgefangene.  Ihre  Wünsche sind vielfältiger Natur.

Sie möchten in anderen  Abteilungen untergebracht werden, in denen sie sich während der Aufschlusszeiten frei bewegen und miteinander kommunizieren können. Bei Besuchen von Rechtsanwälten, Familienmitgliedern oder Mitarbeitern von humanitären Hilfsorganisationen möchten sie ohne Handschellen und unbeaufsichtigt kommunizieren können. Die Installation von Satelliten- oder Kabelfernsehen, inkl. Palestine TV soll sofort vorgenommen werden.  Anstelle des halben Grillhuhns pro Tag möchten sie ab sofort je ein ganzes Huhn kaufen dürfen (für solche Sonderausgaben gibt es ein tägliches Taschengeld…). Dieser Wunsch wurde sofort erfüllt. Ob sich die Gefangenen allerdings damit einverstanden erklären, dass das Huhn von Justizangestellten zerteilt wird,  ist noch nicht bekannt.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s